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Der Geist im Grünzeug


Nexus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 90/2020 vom 01.08.2020

Pflanzen galten in der westlichen Welt lange als seelenlose Wesen ohne Hirn oder Gefühle. Aktuelle Forschungsergebnisse und uralte schamanische Weisheiten zeichnen jedoch ein gänzlich anderes Bild: von empfindsamen, sozialen Gewächsen mit einer eigenen Form von Intelligenz und Bewusstsein.


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Bildquelle: Nexus Magazin, Ausgabe 90/2020

Jahrhundertelang galten Tiere und Pflanzen in der westlichen Weltanschauung als des Denkens nicht mächtige, lebende „Maschinen“. René Descartes, Wissenschaftler und bekannter Philosoph des 17. Jahrhunderts, war prominenter Vertreter dieser Überzeugung und hielt fest, alle nicht menschlichen Lebewesen besäßen keinerlei ...

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... Vernunft und würden keinen Schmerz fühlen. Sie seien bloß eine Art Roboter, der rein impulsgesteuert agiere.1

Inzwischen hat die moderne Forschung jedoch nachgewiesen, dass Tiere hochintelligente Wesen sind, die logisch denken können und über komplexe Emotionen verfügen. Die Überlegung, auch Pflanzen besäßen eine ähnliche Art von Intelligenz, lehnt die Wissenschaft allerdings weitgehend ab. Begründet wird dies mit der Aussage, Pflanzen besäßen kein Gehirn und könnten daher keine bewussten Erfahrungen machen. Nichtsdestotrotz haben Goethe und andere große Denker der Vergangenheit beobachtet, dass Pflanzen eine intelligente Lebensform sind, die symbiotische Beziehungen mit anderen Organismen eingeht und auf komplexe Veränderungen ihrer Umwelt reagiert. Die Wissenschaft erklärt das intelligente Verhalten der Pflanzen im Allgemeinen als simple elektrische und chemische Reaktionen auf Außenreize. Andere Forscher sind hingegen überzeugt, Pflanzen könnten uns wertvolle Erkenntnisse über eine andere Art von Bewusstsein liefern.

Charles Darwin und das „Pflanzenhirn“

Zu den bekanntesten Wissenschaftlern, die sich mit Pflanzenintelligenz beschäftigt haben, zählt der britische Naturforscher, Geologe und Biologe Charles Darwin.2 Berühmt wurde Darwin vor allem für seine Evolutionstheorie. Fasziniert vom Verhalten der Pflanzen, leistete er jedoch auch einen nicht unwesentlichen Beitrag zur modernen Botanik. Anders als seine Zeitgenossen betrachtete Darwin Pflanzen nicht als Bioroboter ohne eigenständiges Denkvermögen, sondern als äußerst komplexe und aufnahmefähige Organismen. In einem seiner letzten Werke, dem 1880 veröffentlichten „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“, stellte Darwin die Theorie auf, die Pflanzenwurzeln würden ähnlich funktionieren wie die neuronalen Netzwerke niederer Tiere. Mit den Wurzelspitzen würden Informationen über die Umgebung gesammelt und dann an andere Bereiche des Wurzelgeflechts weitergeleitet:

Der britische Naturforscher, Geologe und Biologe Charles Darwin


„Zu behaupten, das Ende des Wurzelkeims sei so etwas wie das Gehirn niederer Tiere, [mit Empfindungsvermögen] ausgestattet und in der Lage, die Bewegungen der angrenzenden Pf lanzenteile zu steuern, ist keineswegs übertrieben. Ein solches Gehirn ist am unteren Ende des Körpers angesiedelt, empfängt die Wahrnehmungen der Sinnesorgane und steuert verschiedene Bewegungen.“ 3

Unglücklicherweise wurden Darwins Beobachtungen von den führenden Wissenschaftlern der damaligen Zeit zurückgewiesen, insbesondere vom bedeutenden Pflanzenpsychologen Julius Sachs. Sachs bezeichnete Darwin als Amateurwissenschaftler, der seine Experimente nachlässig durchführe und zu irreführenden Ergebnissen komme.

Moderne Forschung zum Pflanzenverhalten

Genauere Untersuchungen an Pflanzen ergaben, dass diese ein hoch entwickeltes neuronales System besitzen und sogar dieselben Neurotransmitter benutzen wie wir Menschen. Obwohl diese Erkenntnisse häufig als Pseudowissenschaft abgetan werden, kommen immer mehr Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Pflanzen so etwas wie ein Gehirn besitzen und bewusste Entscheidungen treffen. 2009 veröffentlichten die Forscher Dieter Volkmann, Stefano Mancuso, Peter W. Barlow und Frantisek Baluska in der Zeitschrift Plant Signaling & Behaviour den Artikel „Die Theorie eines ‚Wurzel-Hirns‘ von C. und F. Darwin“. In dem Artikel analysierten die Wissenschaftler Darwins Theorie und prüften, ob moderne Studienergebnisse seine Hypothese bestätigen. Nach einer umfassenden Auswertung verschied ener wissenschaf t- l icher Daten ist das Autorenteam der Meinung, dass „die aktuellen Fortschritte auf dem Gebiet der chemischen Umweltforschung eine erstaunliche Komplexität bei Pflanzen höherer Ordnung offenbaren. Ein Beispiel dafür sind jene ätherischen Botenstoffe, die Pflanzen aussenden und empfangen, um anderen Organismen ihren physiologischen Status mitzuteilen.“ 4 Laut dem Artikel können Pflanzen zwischen sich selbst und anderen unterscheiden und ihre Wurzeln sondern ein Sekret ab, mit dessen Hilfe sie „das Erkennen von Verwandten signalisieren“. Darüber hinaus besitzen Pflanzen „eine Art pflanzenspezifische kognitive Wahrnehmung. Das deutet auf den Einsatz von Kommunikationsund Erkennungssystemen hin, die denen sozial lebender Tiere oder Menschen ähneln und das

Leistungsvermögen der Pflanzen verbessern und ihre Evolution voranbringen sollen.“ Darwins Zeitgenossen zogen seine Theorien damals ins Lächerliche. Dass Wissenschaftler, die dem Ganzen aufgeschlossener gegenüberstehen, mittlerweile nachweisen können, dass Pflanzen eine Form von Bewusstsein besitzen, hätte Darwin sicher gefallen.

Monica Gagliano, außerordentliche Professorin an der University of Western Australia, zählt sicher zu den bemerkenswertesten Forscherinnen auf dem Gebiet der Pflanzenintelligenz. 2014 führte sie eine Reihe von Experimenten mit Mimosen (Mimosa pudica) durch. Sie wollte untersuchen, ob sich Pflanzen an Veränderungen ihrer Umwelt „erinnern“ können.

Um ihre Hypothese zu überprüfen, pflanzte sie Mimosen in Töpfe und ließ diese mit einem speziellen Gerät mehrmals hintereinander fallen. Die Pflanzen fielen im Fünf-Sekunden-Takt 60-mal hintereinander aus 15 Zentimetern Höhe auf eine weiche Schaumstoffmatte. Obwohl die Matte Schäden an den Pflanzen verhinderte, reichte allein die Fallgeschwindigkeit aus, um die Mimosen zum Einrollen ihrer Blätter zu veranlassen. Gagliano wollte nun testen, ob die Pflanzen lernen, dass ihnen durch den Fall keine Gefahr droht, wenn sie nie verletzt werden. Nach kurzer Zeit stellte sie fest, dass „einige Exemplare ihre Blätter während des Falls nicht schlossen“. Die Pflanzen hatten bemerkt, dass ein Fall aus 15 Zentimetern Höhe ihnen nicht schaden würde, und aktivierten den Schutzmechanismus ihrer Blätter nicht mehr.

Die wissenschaftliche Welt spottete über Gaglianos Erkenntnisse und meinte, die Mimosen hätten zum Einrollen der Blätter einfach keine Kraft mehr gehabt. Diese Theorie widerlegte Gagliano, indem sie die Pflanzen in ein Rüttelgerät stellte, um ihnen Energie zu entziehen. Auch danach rollten die Mimosen ihre Blätter bei Gefahr ein. Gaglianos Beobachtungen legen nahe, dass die Pflanzen ihren Schutzmechanismus nur deswegen nicht aktivierten, weil sie den Fall aus 15 Zentimetern Höhe als harmlos abgespeichert hatten.5

Gaglianos Forschung beeinflusst unsere Sicht auf Pflanzen maßgeblich. Die Tatsache, dass sie auf Gefahrensituationen anders reagieren als auf ungefährliche, impliziert, dass Pflanzen vergangene Sinneseindrücke erneut abrufen und sich an Veränderungen ihrer Umwelt „erinnern“ können. Wie das Erinnerungsvermögen der Pflanzen funktioniert, ist bis dato jedoch unbekannt. Gaglianos Meinung nach könnte dies eine Form von dezentralisierter Intelligenz sein, die sich grundlegend von der Funktionsweise eines Säugetierhirns unterscheidet.

Rupert Sheldrake und die morphische Resonanz

Diese These stimmt mit Rupert Sheldrakes Theorie der „Morphischen Resonanz“ überein, wonach Erinnerungen nicht im Gehirn selbst, sondern in einem universellen Informationsfeld gespeichert sind. Statt als Festplatte sollten wir uns das Gehirn eher als einen Fernsehbildschirm vorstellen, der verschiedene Programme empfängt, die wir uns ansehen können. Das Gehirn wäre demnach also eher ein Endgerät mit begrenzter Speicherkapazität, und der Großteil der Informationen wäre an anderer Stelle hinterlegt, in einer Art „Quantendatenbank“.

Sheldrake argumentiert, Tiere würden sich erwiesenermaßen an Ereignisse erinnern, die andere Exemplare ihrer Spezies erlebt haben. Informationen über die Vergangenheit würden auf diese Weise an zukünftige Generationen weitergereicht. So haben amerikanische Kühe beispielsweise gelernt, was Kuhgitter im Boden sind. Heute malen die Farmer nur noch Linien auf den Asphalt, um die Kühe vom Überqueren der Straßen abzuhalten. Scheinbar wissen die Rinder, was ein Kuhgitter ist, ohne jemals eines gesehen zu haben.

Solche Beispiele lassen vermuten, dass Erinnerungen nicht bloß ein neurologisches Phänomen sind, sondern auch in anderer Form existieren; das könnte erklären, warum Pflanzen in der Lage sind, sich ohne physisches Gehirn verschiedene Informationen zu merken.6 Die Auffassung, Pflanzen wären Teil eines größeren Intelligenznetzwerks, wird auch durch die Ergebnisse einer aktuellen Studie zur Kommunikation der Pflanzen gestützt. Durchgeführt wurden die Experimente von Dr. Velemir Ninkovic und seinen Forscherkollegen von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften.

Die Wissenschaftler strichen zu Beginn des Versuchs mit einer weichen Bürste über Maissetzlinge. Dieser Reiz simuliert verschiedene externe Stressfaktoren, etwa andere Pflanzen, die sich zwischen den Setzlingen ausbreiten, oder ein Tier, das sie fressen möchte. Anschließend wurden neue Maissetzlinge in dieselbe Erde gepflanzt. Die Forscher wollten herausfinden, ob der Stress der ersten Gruppe Auswirkungen auf die Entwicklung der nachfolgenden Pflänzchen hatte. Tatsächlich stellten die Wissenschaftler fest, dass die frisch eingepflanzten Maiskeime mehr Blätter und weniger Wurzeln entwickelten als Pflanzen, die völlig ungestört aufwuchsen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Maissetzlinge die Signale der mit der Bürste stimulierten Pflanzen erhielten und sich selbst besser gegen mögliche Stressoren wappnen wollten.7

Um festzustellen, ob Pflanzen in der Lage sind, zwischen Erde von mit der Bürste gestressten und nicht manipulierten Keimlingen zu unterscheiden, konnten einige Maiskeime wählen, in welchem Boden sie wachsen wollten. Wurden die Pflänzchen zwischen den beiden Arten von Erde eingesetzt, wuchsen die Wurzeln tendenziell eher in Richtung jenes Bodens, der die nicht manipulierten Keimlinge enthalten hatte.

Diese Entdeckung lässt vermuten, dass Pflanzen auch dann miteinander kommunizieren können, wenn sie nicht zur selben Zeit am selben Ort sind. Das widerspricht der Ansicht, Pflanzen könnten, im Gegensatz zu Tieren, untereinander keine Informationen austauschen und keine komplexen Kommunikationsnetzwerke nutzen, um die Art zu schützen. In der Wissenschaft werden Pflanzen traditionell als seelenlose, rein mechanisch funktionierende Dinge betrachtet. In Wahrheit verfügen Pflanzen jedoch über eine ausgeprägte soziale Intelligenz, die den Fortbestand der Art sichert.

Pflanzen und Spiritualität in schamanischen Kulturen

In schamanischen Kulturen, vor allem jenen Südamerikas, ist die Ansicht, Pflanzen wären eine intelligente Lebensform, weitverbreitet. Michael Winkelman, außerordentlicher Professor an der Arizona State University, schreibt:

„Die Selbstidentifikation mit dem allumfassenden Universum, insbesondere die Personifizierung des fühlenden Kosmos, die ein Eckpfeiler der Ökophilosophie ist, ist ein grundlegender Aspekt des Schamanismus.“ 8

Tatsächl ich ist der Konsum entheogener Pf lanzen, um alternative Reali- täten oder höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen, seit Jahrhunderten Teil der religiösen Riten solcher Kulturen. Während der Zeremo- nie nimmt der Schamane die Rolle eines spiritu- ellen Führers ein und steuert die Erfahrungen der ande- ren durch Singen, Trommeln und andere psychodramatische Methoden. Den konsumierten Pflanzen werden göttliche Eigenschaften zugeschrieben, die den Teilnehmern des Rituals zu umfassenden spirituellen Erkenntnissen verhelfen.

Ein peruanischer Schamane mit einem Angebot von Kokablättern


Von der modernen Wissenschaft werden solche psychedel ischen Erfahrungen als bloße chemische Veränderungen im Gehirn abgetan. Dennoch berichten viele Konsumenten von Ayahuasca, einem entheogenen Pflanzensud aus der südamerikanischen Schlingpflanze Banisteriopsis caapi, sie hätten während ihres psychedelischen Erlebnisses telepathisch mit Menschen, Tieren und Pflanzen kommunizieren können. Die Natur wird dabei personifiziert als lebendige, fraktale Intelligenz wahrgenommen, die sich permanent wandelt, anpasst und weiterentwickelt. Etliche Personen erzählten, die Erfahrung mit entheogenen Substanzen hätte sich nachhaltig auf ihr Verhältnis zu Mensch, Tier und Natur ausgewirkt und ihnen ermöglicht, ihre zugrunde liegenden Probleme effektiver zu lösen.9

Aktuelle wissenschaftliche Experimente zur Intelligenz von Pflanzen beweisen, was die schamanischen Kulturen schon lange wussten: Pf lanzen sind eine intelligente, sensible, fühlende Lebensform. Durch Beobachtung ihres Verhaltens können wir viel über die Natur und die Komplexität des Lebens lernen. Obwohl uns die Wissenschaft auf vielen Gebieten enorme Fortschritte beschert hat, entfernt uns die reduktionistische Ansicht, das Verhalten von Tieren und Pflanzen wäre nicht dynamischer Ausdruck höherer Intelligenz, sondern würde bloß einem simplen Reiz-Reaktions-Schema folgen, immer weiter von der Natur und damit von uns selbst.

Stephen Buhner meint dazu:

„Alle Menschen, und ich meine wirklich alle, wissen, dass unser Planet und alles darauf lebendig ist. Vier Jahre alte Kinder wissen das instinktiv. Man muss ihnen unter Zwang eintrichtern, die Welt sei tot. Im Gegensatz dazu haben urtümliche und indigene Kulturen diese Empfindung nie unterdrückt, sondern sogar noch gefördert. Sie sind eingebunden in das Netzwerk des Lebens auf der Erde, nicht davon abgeschottet. Alle Kulturen der Frühgeschichte, egal wie hoch entwickelt sie waren, besaßen dieses Wissen, nicht nur die indigenen. […] Das, was wir als Wissenschaft bezeichnen, hat einen großen Umweg gemacht und kehrt nach langer Zeit wieder an den Ausgangspunkt zurück. Wir begreifen, dass alles in der Natur lebendig und intelligent ist und bewusst agiert; dass wir bloß ein winziger Teil eines gigantischen, lebendigen Bildes sind.“10

Geständen wir Pflanzen eine eigene Form von Intelligenz zu, hätte das weitreichende soziale, philosophische und religiöse Konsequenzen. Es würde den monotheistischen Ansatz infrage stellen, Menschen seien die einzige Spezies mit Bewusstsein und einer Seele, während Tiere und Pflanzen nicht logisch denken und keine Entscheidungen treffen können. Es würde bedeuten, dass wir nicht das Zentrum der Welt sind, sondern vielmehr nur ein Teil eines lebendigen Universums. Das würde ein wenig am angeborenen Glauben der Menschheit an die eigene Bedeutung nagen, doch die außergewöhnliche Intelligenz der Natur zu erkennen ist heute, da wir am Rande eines gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Kollapses stehen, wichtiger denn je.

Einfluss des Kapitalismus

Über Jahrzehnte hinweg bediente sich das kapitalistische Wirtschaftsmodell zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse an Ressourcen, die nicht menschliche Lebensformen bereitgestellt hatten. Wenn wir Pflanzen als fühlende Wesen statt als bloße Rohstoffe für unseren Konsum begreifen, entwickeln wir vielleicht auch eine bessere, mehr im Einklang mit der Natur stehende Lebensweise. Wenn wir unsere Auffassung von Bewusstsein erweitern, lernen wir, das uns umgebende Ökosystem mehr zu schätzen, und können möglicherweise die selbstzerstörerische Vernichtung unserer Natur stoppen. Buhner formuliert das ähnlich:

„Das ältere, reduktive und mechanistische Weltbild, das die Erde als eine Kugel aus toten Ressourcen betrachtet, die uns zur freien Verfügung stehen, ist an seine Grenzen gestoßen. Es zerstört die Überlebenschancen der meisten Lebensformen und gefährdet den Fortbestand des Ökosystems unseres Planeten, von dem auch unser Leben abhängt. Jüngere und aufgeschlossenere Wissenschaftler aus allen Bereichen stellen immer öfter fest, dass die Welt um uns herum ganz anders ist, als die Reduktionisten uns glauben machen wollten. Alles Leben ist intelligent, funktioniert nicht bloß mechanisch, und wir können dem Ökosystem unseres Planeten nicht unbegrenzt Ressourcen entziehen.“ 11

Die Entdeckung der Pflanzenintelligenz zwingt uns außerdem dazu, unsere Definition von Bewusstsein zu überdenken. Derzeit propagiert die Mainstreamwissenschaft, das Bewusstsein wäre untrennbar mit dem Gehirn verbunden; wenn wir sterben, stirbt unser Gehirn mit uns und unser Bewusstsein existiert nicht mehr. Von diesem Standpunkt aus betrachtet besitzen Pflanzen und Tiere aufgrund ihres neurologisch weit weniger komplexen Gehirns eine niedrigere Form von Bewusstsein.

Die Wissenschaft muss das Geheimnis des Bewusstseins allerdings erst lüften. Wir wissen nichts darüber, wie neuronale Netze, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind, ein Ich-Bewusstsein entwickeln. Wenn Pflanzen in der Lage sind, sich an Sinneseindrücke zu erinnern, miteinander in soziale Interaktion zu treten und auf komplexe Veränderungen ihrer Umwelt zu reagieren, müssen wir unser derzeitiges Verständnis von Bewusstsein überdenken.

Möglicherweise erschafft das menschliche Gehirn tatsächlich eine ganz spezielle Form von Bewusstsein. Es existieren jedoch viele verschiedene Arten von Intelligenz, und Pflanzen besitzen eine eigene Form des Bewusstseins, die bis dato von der Wissenschaft nicht entschlüsselt werden konnte.

Fazit

Es finden sich immer mehr Belege dafür, dass Pflanzen eine intelligente Lebensform sind. Aktuelle wissenschaftliche Experimente zeigen, dass Pflanzen in der Lage sind, sich Sinneseindrücke zu merken, auf komplexe Veränderungen ihrer Umwelt zu reagieren und über hoch entwickelte biochemische Netzwerke miteinander zu kommunizieren.

Noch gibt es viel über die Intelligenz der Pflanzen zu lernen, doch die geschilderten Experimente rütteln an der althergebrachten Sichtweise, Pflanzen würden ausschließlich auf Reize reagieren und Intelligenz könne nur durch neuronale Netzwerke in einem Gehirn entstehen. Während die Freidenker unter den Wissenschaftlern jetzt nach und nach aufzeigen, dass Pflanzen gehirnähnliche Funktionen besitzen und bewusste Entscheidungen treffen können, ist diese Vorstellung in den schamanischen Kulturen seit Jahrhunderten weitverbreitet. Schamanen nutzten schon immer entheogene Pflanzen, um alternative Realitäten und höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen; die Natur wird als personifiziertes, lebendes, atmendes und pulsierendes Ökosystem wahrgenommen. Die Entdeckungen haben auch weitreichende Folgen für unsere Weltanschauung. Sie stellen nicht nur das reduktionistische Modell von Bewusstsein infrage, sondern zwingt uns auch, über den Umgang mit unserem Planeten nachzudenken.

An der Schwelle zum ökologischen Kollaps, wo herkömmliche gesellschaftliche, ökonomische und politische Modelle zunehmend sinnlos und überholt erscheinen, ist es vielleicht wichtiger denn je, die Natur als fühlendes, intelligentes Wesen statt als erschöpfbare Ressource des Kapitalismus zu verstehen.

Endnoten

1 Descartes, R.; Haldane, E. S. und Ross, G. R. T.: „The philosophical works of Descartes“ (Cambridge: University Press, 1911)

2 Harrod Buhner, S.: „Plant Intelligence and the Imaginal Realm“ (Bear & Company, 2014)

3 Darwin, C. R. und Darwin, F.: „The Power of Movement in Plants“ (London: John Murray, 1880); dt. Ausgabe: „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ (Ulan Press, 2. Aufl. 2012)

4 Baluska, F.; Mancuso, S.; Volkmann, D. und Barlow, P. W.: „The ,root-brain‘ hypothesis of Charles and Francis Darwin: Revival after more than 125 years“ in Plant Signal Behav., 2009, 4(12):1121–7, DOI:10.4161/PSB.4.12.10574; tinyurl.com/sgu6l7z

5 Gagliano, M.; Renton, M.; Depczynski, M. und Mancuso, S.: „Experience teaches plants to learn faster and forget slower in environments where it matters“ in Oecologia, Mai 2014, 175(1):63–72, DOI: 10.1007/s00442-013-2873- 7, Epub, 05.01.14; tinyurl.com/r96tn7p

6 Nissen, R.: „Memory is not in your head“ auf Animal- Nav.org, 30.04.12; tinyurl.com/sjvrxun

7 Gabbatiss, J.: „Plants use underground communication to learn when neighbours are stressed“ in Independent, 2018; tinyurl.com/wyb8fde

8 Winkelman, M. J.: „The Mechanisms of Psychedelic Visionary Experiences: Hypotheses from Evolutionary Psychology“ in Front Neurosci., 2017, 11:539, 28.09.17, DOI:10.3389/fnins.2017.00539; tinyurl.com/tmmwpcg

9 Kounen, J.: „Advice for Encounters with Scary Serpents and Talking Plants During Ayahuasca Visions“, 26.04.18; tinyurl.com/wpqbmy9

10 Interview mit Stephen Buhner vom 16.06.19

11 Ebd.

Über den Autor

Jack Fox-Williams lebt als freier Journalist in Cornwall, England. Seine Spezialgebiete sind alternative Wissenschaften, Frühgeschichte und paranormale Phänomene. 2014 schloss er die Goldsmiths University mit einem Bachelor (Hons.) ab und schreibt seither für zahlreiche Magazine, unter anderem Philosophy Now und New Dawn. Derzeit arbeitet er an einem Buch über die Geschichte der Wissenschaft und Okkultismus. Sie können ihn über seinen Twitter-Account tinyurl.com/y7qdkuwx oder per E-Mail unter jfoxwilliams@yahoo.co.uk erreichen.