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„Der Geschmack ist entscheidend“


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Angehörige pflegen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 15.11.2021

Kochkurse für Patienten nach einer Magenoperation

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Dr. Martignoni, wie ist die Idee für die Ernährungskurse entstanden?

Etwa 40 Prozent der Patienten, die zu einer Magenoperation kommen, haben bereits vor der Operation stark abgenommen. Sie haben bereits zehn Prozent ihres Gewichts verloren. Das ist der Hintergrund, warum wir auch in Deutschland ein enormes Problem der Mangelernährung haben. Es war ein Thema, das mich beschäftigt hat. Ich bin deshalb an Herrn Schuhbeck herangetreten. Wir haben beide großes Interesse am Thema Ernährung und wollten etwas tun, wovon die Patienten profitieren. So ist uns recht schnell die Idee zu einem Ernährungskurs für Patienten nach Magenoperationen und Chemotherapien gekommen. Wir haben ein Jahr lang ein Konzept entwickelt, bis wir diesen Kurs fertig hatten. Das war 2009 und etwa 2010 haben wir die ersten Kurse angeboten.

Woran liegt es, dass es ein solch ...

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... großes Problem der Mangelernährung gibt?

> Geschmack ist etwas sehr Wichtiges – er aktiviert das Belohnungssystem im Körper. Das ist Lebensqualität.

Ich glaube, dass es nicht wahrgenommen wird. Es wird immer noch akzeptiert, dass ein Tumorpatient abmagert. Das gehöre zur Krankheit. Aber dass etwas dagegen getan werden muss, dass es genauso eine Folge der Krankheit ist wie Schmerz, Übelkeit und alles andere, was die Mangelernährung bedingt, wird nicht wahrgenommen. Es wird noch nicht genug realisiert, dass der Patient wahrscheinlich unter der Mangelernährung viel mehr leidet als unter vielen anderen Symptomen.

In der Chirurgie haben wir das Problem der Mangelernährung zum Teil schon erkannt, weil wir die Folgen davon direkt sehen: Patienten haben Komplikationen nach Operationen.

Warum ist Patientenernährung so wichtig?

Ich kann noch so gut operieren, wenn ich es nicht schaffe, dass der Patient die Operation auch gut übersteht, bringt das nichts. Also muss ich mich auch um Ernährung kümmern. Und deshalb ist es mir wichtig, dass wir den Patienten auch da ein Angebot machen können. Wir müssen verstehen, warum Ernährung so wichtig ist und warum Patienten so gerne und so viel darüber reden: Weil das eine Sache ist, die sie selbst bestimmen können. Ärzten muss klar werden, dass es für Patienten schwierig ist und sie oft nicht mehr selbstbestimmt sind. Ich als Chirurg bestimme, welche Operation sie brauchen, wann und wie sie operiert werden. Der Onkologe bestimmt, welche Chemotherapie sie bekommen, in welchen Abständen was für Blutwerte genommen werden und wann der Patient zu kommen und zu gehen hat. Die Einzigen Bereiche, in denen Patienten noch selbstbestimmt sind, sind die Ernährung und die Bewegung. Deswegen sind sie ihnen so wichtig und darauf müssen wir Wert legen. Das sind Menschen und die können nicht immer herumgeschubst werden. Wir müssen schauen, dass wir den Patienten gut beraten in den Dingen, die er selbst bestimmen kann.

Ernährung geht gleichzeitig mit Bewegung einher. Beides gehört zusammen und potenziert sich. Wenn sie sich nicht bewegen, können sie sich noch so viel ernähren, das reicht nicht. Und wenn sie sich bewegen, aber dabei nichts essen, dann können sie nicht zulegen. Das ist ein Punkt, der mir ganz wichtig ist. Ernährung und Bewegung gehören zusammen.

Worauf sollten Patienten nach Magenoperationen und ihre Angehörigen bei der Ernährung achten?

Wichtig ist: Es geht nicht um die Gojibeere oder den Chiasamen, auch wenn ich beides nicht verteufeln will, aber es geht nicht darum, was sie essen. Sondern darum, dass sie essen. Wir müssen es schaffen, dass die Patienten ihr Gewicht halten. Das ist auch das, wozu es Publikationen gibt. Über bestimmte Ernährungsformen, Diäten usw. gibt es zu wenige Daten und wir wissen nicht, ob sie etwas bringen. Aber wo wir viel Evidenz haben, ist: Wer das Gewicht nicht hält, hat eine schlechtere Prognose. Da geht es also erst einmal darum, dass die Kalorien in den Körper kommen. Das wichtigste für den Patienten: Es muss schmecken!

Wir muten den Patienten zum einen das Krankenhausessen zu und zum anderen süße Trinknahrungen, die auch noch schlecht schmecken.

Das war auch ein wichtiger Grund für die Ernährungskurse, dass wir gesagt haben: Es muss doch möglich sein, Patienten auch schmackhaft zu ernähren, damit sie überhaupt essen. Deswegen haben wir uns mit dem Herrn Schuhbeck zusammengetan, weil er für Geschmack die erste Adresse ist.

Aus den Ernährungskursen ist deshalb auch die Idee für eine neue Trinknahrung entstanden. Wir haben bei der bisherigen Trinknahrung festgestellt, dass die furchtbar ist und es doch besser gehen muss. Und das haben wir dann auch mit einer neuen Trinknahrung umgesetzt.

Welches Konzept verfolgen Sie bei den Ernährungskursen?

Wir bieten in den Kursen Modulküche an. So können wir relativ rasch Gerichte kochen. Der Patient muss sich in erster Linie um seine Erkrankung kümmern und hat keine Zeit, so häufig zu kochen. Es muss schnell gehen. Das ist auch der Sinn hinter dem Ernährungskurs.

Was kann man sich unter dem Konzept „Modulküche“ vorstellen?

Die Idee hinter der Modulküche ist: Abwechslung in die Küche bringen, ohne ständig etwas Neues kochen zu müssen.

Im Prinzip bedeutet es, dass einzelne Grundbausteine, also Module, ineinander übergehen. Die Patienten essen kleine Portionen, aber dafür sehr häufig – sechs bis neun Mal am Tag. Sich ständig so kleine Portionen zuzubereiten wäre Wahnsinn. Stattdessen kann man sich beispielsweise einen Frischkäse-Aufstrich, der sich in eine Curry-Variante oder zu einem Bruschetta-Aufstrich abwandeln lässt, zubereiten.

Wenn man diesen Brotaufstrich die ganze Woche essen müsste, wäre das langweilig. Aber man kann ihn zum Beispiel mit Milch oder mit Sahne anreichern und erhält eine Tomatensuppe. Auf dieser Basis lässt sich auch eine wunderbare Sauce für Pasta oder ein Drink machen, indem ich ihn mit Wasser aufgieße und verflüssige. Bis hin zu einem Tomaten- Salatdressing. Das heißt, ich habe ein Modul – Bruschetta-Aufstrich zum Beispiel – und kann ganz schnell verschiedene Gerichte daraus zubereiten.

Ein weiteres Beispiel wären Nudeln. Jedes Mal 200 Gramm Nudeln zu kochen, ist aufwendig. Wenn man sich 500 Gramm Nudeln kocht und sie drei Minuten vor der Zeit herausnimmt, lassen sie sich einfrieren. Wenn man die gefrorenen Nudeln dann rausholt, kann man sie in etwas Brühe aufwärmen. Wenn man dann den Bruschetta-Aufstrich dazunimmt, hat man Pasta mit Tomatensoße.

Was, würden Sie sagen, ist für die Teilnehmer die größte Herausforderung bei den Kursen?

Ich glaube sie müssen erst wieder lernen zu vertrauen, was sie essen dürfen und dass sie essen dürfen. Sie müssen sehen, dass sie auch ihrem Körper wieder vertrauen können. Wenn man so krank ist, ist es natürlich ein schwerer Einschnitt. Dann wissen die Patienten manchmal nicht mehr, wie sehr sie ihren Körper belasten können. Das ist eine Herausforderung.

Gibt es Lebensmittel, die nach solchen Operationen nicht erlaubt sind?

Grundsätzlich wird nichts giftig durch eine Operation oder eine Chemotherapie. Bei einigen einzelnen Lebensmitteln sollte man etwas aufpassen, aber sie sind nicht verboten.

Es gibt im Internet seitenweise Ernährungsgebote und -verbote. „Ich darf das nicht essen, dafür muss ich jenes essen.“ Davon würde ich jedes Einzelne streichen. Entscheidend sind die individuelle Verträglichkeit und der individuelle Geschmack. Der Geschmack ist für die Patienten entscheidend. Wenn ihnen etwas schmeckt, dann haben sie ein gutes Gefühl. Und das ist der Unterschied, den wir versuchen zu machen. Sei es mit dem Kochkurs oder auch mit der neuen Trinknahrung.

Geschmack ist etwas sehr Wichtiges – er aktiviert das Belohnungssystem im Körper. Das ist Lebensqualität. Wenn es einem Patienten schmeckt und er es verträgt, warum soll es verboten sein? Wenn es ein anderer nicht verträgt, heißt es für den Rest nicht dasselbe. Es gibt keine allgemeingültige Ernährung die gesund macht, sonst würden wir uns alle schon so ernähren.

Wie laufen die Ernährungskurse ab?

Wir leiten die Kurse zu dritt. Ich als Chirurg bin dafür zuständig zu erklären, was bei einer Operation passiert und welche Auswirkungen es auf die Ernährung hat. Dr. Adolph (Anmerkung der Redaktion: PD Dr. Michael Adolph, Universitätsmedizin Tübingen und Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V.) erklärt, was die physiologischen Folgen der Umstellungen von Operationen und Chemotherapie sind. Der Part von Herrn Schuhbeck ist zu erläutern, was sich praktisch dagegen tun lässt.

Wir versuchen die Patienten über die drei Stunden, die der Kurs läuft, umfassend zu informieren und alle Fragen zuzulassen, die sie haben. Normalerweise halten wir den Kurs einmal im Monat ab und lassen maximal zehn Patienten oder Angehörige von Patienten zu, um zu ermöglichen, dass die Teilnehmer fragen und mit uns in den Dialog treten können.

Wie werden die Teilnehmer auf den Kurs aufmerksam und wo können sie sich dafür anmelden?

Wir haben einen Flyer erstellt, den wir den Patienten bei der Entlassung mitgeben. Wir bieten den Kurs unseren Patienten aber auch gezielt an. Die Kurse finden in München statt.

Wer Interesse hat, kann sich telefonisch registrieren oder online unter www.schuhbeck.de sowie über das Sekretariat von Herrn Schuhbeck anmelden.

Mail: kristina.stein@bibliomed.de