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Der große abgeschlossene: Fehlstart ins Glück


Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 44/2020 vom 26.10.2020

Im Hochzeitskleid hat Frank sie vor der Kirche einfach stehen gelassen. Das war vor einem halben Jahr, und nun gelingt es Carmen langsam, dieses Trauma zu verwinden. Kollege Stefan steht ihr mit Verständnis und Trost zur Seite - er empfindet mehr als Freundschaft für sie. Aber wird sie Frank je vergessen?


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Bildquelle: Das goldene Blatt, Ausgabe 44/2020

Wieder dieser Traum! Carmen erwachte mit einem dumpfen Druck in der Brust. Eine Weile war damit Ruhe gewesen, und sie hatte schon gehofft, es wäre vorbei. In der ersten Zeit hatte er sie fast jede Nacht gequält und diesen schlimmsten Tag ihres Lebens erschreckend ...

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... real wieder hochgespült. Und mit ihm Wut, Fassungslosigkeit und Scham - ein unseliger Cocktail.

Dabei erinnerte sich Carmen noch gut daran, wie sie an jenem Tag ein paarmal dachte, das hier gerade könnte nur ein schlechter Traum sein, und sie würde jeden Moment erleichtert aufwachen. Doch darauf hatte sie vergeblich gewartet. Es war bittere Realität - mit der sie sich inzwischen einigermaßen arrangiert hatte.

Trotzdem wollte sie möglichst nicht daran erinnert werden. Auch heute kämpfte sie so gut es ging gegen die Bilder an. Spülte sie unter der heißen Dusche ab, röstete sie mit ihrem Toast, ertränkte sie in schwarzem Kaffee. Dann machte sie sich auf ins Büro.

Stefan war schon da. Sie entdeckte seinen Wagen auf dem Firmenparkplatz und spürte ein kleines Lächeln. Er war wirklich ein Lichtblick. Seine besonnene, verständnisvolle Art hatte ihr in dieser Zeit sehr geholfen. Er hatte zugehört, getröstet und ihr langsam wieder das Lachen beigebracht.

Seither waren sie - ja, was eigentlich? Auf jeden Fall mehr als nur Kollegen. Freunde. Die auch nach Feierabend mal was trinken gingen oder auch ins Kino.

So war der Status, an dem Carmen nicht rührte. Auch wenn sie ahnte, dass Stefan hinter seiner gleichbleibenden Nettigkeit ganz andere Wünsche verbarg.

Die Tasse Kaffee auf ihrem Schreibtisch dampfte noch. Die konnte er eben erst hier platziert haben. Carmen schmunzelte. Mal war es ein Schokoriegel, dann ein Schälchen Gebäck, manchmal auch eine Blume. Oder eben der Kaffee. Mit seinem kleinen Morgengruß schaffte Stefan es immer, ihre Laune zu heben.

Sein Zimmer lag am anderen Ende des Flurs, und meistens schaute er noch im Lauf des Vormittags bei ihr rein. An diesem Tag aber würde Carmen ihm zuvorkommen. Sie musste etwas in der Rechnungsstelle abgeben und wollte auf dem Rückweg Hallo sagen.

Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf das Infobrett an der Wand, wo zwischen einigen angepinnten Blättern ein buntes Bild hervorstach. Ein Hochzeitsfoto. Eine strahlende Braut, ein glücklich grinsender Bräutigam, darunter handschriftlich ein Gruß an die Kollegen.

Carmen starrte das Bild an. Sie kannte die Frau nur flüchtig. Doch der Anblick der glücklichen Gesichter überspülte sie unversehens mit der Erinnerung an ihren eigenen Hochzeitstag. Sie war machtlos gegen die Bilder, die auf sie einstürzten, genauso qualvoll und realistisch wie in ihrem Traum.

Sie in einem weißen Spitzenkleid vor der Kirche, Blumen im Haar und elektrisierende Aufgeregtheit im Herzen. Wohlwollende, lächelnde Gesichter der Gäste rundherum. In die sich allmählich Verwunderung mischte. Wo der Bräutigam nur blieb? Sich zu verspäten bei der eigenen Hochzeit!

Eine Weile versuchte sie das Raunen aus den Reihen der Verwandtschaft tapfer zu überhören. Bis Frank dann auftauchte, sehr ernst, sehr blass, und sie unter den erstaunten Blicken der Anwesenden zur Seite zog. Carmen wurde flau. „Carmen, ich kann das nicht. Nicht jetzt. Nicht so.“

Alptraum
Carmen stand kurz vor der Hochzeit mit Frank - dann ließ er das Jawort platzen


Wie durch eine Watteschicht drang seine Stimme zu ihr durch. Ihre eigene wurde schrill. „Du kannst was nicht? Frank, du lässt mich doch jetzt hier nicht stehen?“


Nein! Verstehen konnte und wollte Carmen das nicht


Er schloss für einen Moment gequält die Augen. „Carmen, bitte. Ich liebe dich. Aber ich hänge gerade völlig in der Luft. Ich will erst beruflich auf festen Beinen stehen. Versteh mich doch, bitte.“

Sie schüttelte den Kopf. Nein! Sie konnte es nicht verstehen. Und sie wollte es auch nicht. „Das fällt dir ein bisschen spät ein, oder?“

„Ich dachte eben bis zuletzt, ich könnte noch ein Projekt auf die Füße stellen. Außerdem warst du ja geradezu besessen von dieser Idee mit der Hochzeit …“

„Ach, besessen?“, fiel sie ihm wütend ins Wort. „Vielleicht, weil ich mein Leben mit dir teilen wollte. Vielleicht, weil ich dich liebe. Weißt du, was du mir antust? Wie ich mich jetzt fühle, Frank?“

„Carmen, bitte!“ Er sah sie beschwörend an. „Gib mir etwas Zeit. Lass uns in einem halben Jahr noch einmal darüber reden.“

Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück. Es tat so weh. Wie konnte er ihr nur so wehtun? „Vergiss es“, zischte sie, den Tränen gefährlich nahe. Dann drehte sie sich um und ging langsam davon, vorbei an all den Gesichtern, in denen sich Bestürzung und Mitleid mischten …

„Guten Morgen! Na, gut gestartet?“ Der fröhliche Gruß brach in ihre Gedanken ein. Carmen blinzelte, kam in die Gegenwart zurück. Auf den Büroflur, wo Stefan plötzlich neben ihr stand. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ja. Stell dir vor, da hatte mich schon eine Tasse Kaffee erwartet.“

„Na sowas - ein Heinzelmännchen?“ Er lachte. „Ich muss jetzt zu einer Besprechung. Wollen wir uns später in der Kantine treffen?“

Sie nickte. „Ja. Machen wir. Gib Bescheid, wenn du fertig bist.“

„Geht klar.“ Er schenkte ihr noch ein Lächeln und ging davon. Carmen sah ihm einen Moment gedankenverloren nach. Dann riss sie sich energisch aus ihrer Starre und ging wieder an die Arbeit.

Später in der Kantine wählten sie einen Tisch am Fenster. Sie waren spät dran, fast die Letzten. Stefan erzählte dies und das, während Carmen immer noch stiller war als sonst. Ob ihm das auffiel? Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken.

Ein halbes Jahr war jetzt vergangen seit dem Fiasko vor der Kirche. Frank war danach komplett abgetaucht. Und sie hatte sich bemüht, die Bruchstücke ihres Herzens wieder zusammenzusetzen. Gerade als sie dachte, es würde nie wieder heilen, war Stefan aufgetaucht. Also, da gewesen war er zuvor auch schon, bloß nicht in ihrer Wahrnehmung. Das kam erst mit den langen Gesprächen und dieser einfühlsamen Art, immer dann zur Stelle zu sein, wenn sie ihn brauchte …

Sie blinzelte zu ihm hinüber. Wahrscheinlich war er in sie verliebt. Dass er sie noch nie bedrängt hatte, rechnete sie ihm hoch an.

Er fing ihren Blick auf und fragte: „Wollen wir mal das neue mexikanische Restaurant testen?“

„Machen wir“, meinte Carmen. „Aber heute nach der Arbeit möchte ich ein bisschen shoppen gehen. Ich hätte gerne ein hübsches Teil für die Party am Wochenende.“

Einer von seinen Freunden feierte Geburtstag, und Stefan hatte sie gefragt, ob sie ihn begleiten wollte. Jetzt trat ein abwägender Ausdruck in seine Augen. „Soll ich mitkommen und dich beraten?“

Sie musterte ihn prüfend. „Das würdest du tatsächlich tun, ja?“

Er grinste. „Klar. Sogar sehr gerne. Warum auch nicht?“

Zweifellos wäre er auch dabei geduldig und nicht aus der Ruhe zu bringen. Er würde ihr klaglos auch durch den dritten Laden folgen, vor der Umkleide warten und ihre Tüten tragen. Carmen schmunzelte. „Lieb von dir“, sagte sie. „Aber das krieg ich ganz gut allein hin. Wenn ich was Schickes finde, könnte ich es beim Mexikaner einweihen. Na, wie klingt das?“

Stefans Grinsen wurde breiter. „Gute Idee. Aber ich lade ein.“

Es brauchte dann doch zwei Einkaufs-Touren, bis Carmen gefunden hatte, was ihr vorgeschwebt hatte. Eine Bluse in kräftigen Farben mit einem grafischen Muster. Die trug sie am Donnerstag, als sie sich beim Mexikaner trafen. Dazu hatte sie ihr Haar locker hochgesteckt und Lippenstift aufgelegt, den sie im Büro nie trug.

Stefan quittierte beides mit einem langen bewundernden Blick. „Du siehst fantastisch aus“, bemerkte er dann, und Carmen spürte ein kleines Kribbeln im Bauch.


Stefans Blick konnte fest und zugleich unendlich zart sein


Sie aßen Enchiladas und tranken schweren roten Wein, während eine Kapelle südamerikanische Klänge fiedelte. Es war klischeehaft und trotzdem faszinierend.

So wie Stefans Blick, der so fest und zugleich zart sein konnte und manchmal eine sacht prickelnde Spur auf ihrer Haut hinterließ.

Längst sah sie in seinem Gesicht die Wärme und das lebhafte Mienenspiel, die sie so lange Zeit übersehen hatte - und nicht mehr nur die freundliche Fassade.

Und immer öfter flüsterte etwas in ihrem Inneren ihr zu, ihm eine Chance zu geben. Wenn ihr Kopf die Vergangenheit loslassen würde, dann könnte ihr Herz sich bestimmt in ihn verlieben. Oder musste es andersrum sein? Egal. Verdient hätte er es. Und er wäre auch ein guter Griff. Solide, verlässlich, ein Fels in der Brandung. Dazu klug und nett. Er würde ihr niemals wehtun, würde sie nie vor der Kirche … Carmens Magen krampfte sich unwillkürlich zusammen und sie verzog das Gesicht.

„Die Schärfe ist gewöhnungsbedürftig, nicht?“, bemerkte Stefan, dem keine ihrer Regungen entging.

Carmen nickte eckig. „Allerdings. Komm, schenk noch Wein nach. Zum Runterspülen.“

Der perfekte Partner
Stefan wäre ein guter Griff - solide, verlässlich, ein Fels in der Brandung


Stefan sah sie an, als wüsste er genau, was sie herunterspülen musste. Und einmal mehr zwang Carmen sich, im Hier und Jetzt zu bleiben und die Geister der Vergangenheit zu verbannen. Das gelang ihr auch, nicht zuletzt dank Stefans warmherziger Aufmerksamkeit.

Auch der Alptraum nachts blieb aus, den sie gefürchtet hatte. Vielleicht war Stefans Zuneigung ein wirksames Mittel dagegen.

Am Samstag würden sie zusammen auf diese Party gehen. Schon morgens kreisten Carmens Gedanken darum. Weil ihr in letzter Zeit immer öfter durch den Kopf ging, den nächsten Schritt zu tun. Wäre nun vielleicht der richtige Zeitpunkt dafür? Sie war hin und her gerissen bei dieser Vorstellung. Einerseits war sie nicht sicher, ob sie sich schon wieder so weit öffnen und diese Nähe zulassen könnte. Andererseits erschien es ihr als logische nächste Konsequenz.

Um sich abzulenken, bummelte Carmen vormittags durch die Stadt und schenkte sich selbst einen Blumenstrauß vom Wochenmarkt. Vielleicht sollte sie von einer der Blüten einzeln die Blättchen abzupfen: ich tu es, ich tu es nicht …

Diese Idee brachte sie zum Lächeln. Schmunzelnd kam sie nach Hause, wo sie für den Strauß gleich eine Vase suchen wollte. Im Vorbeigehen drückte sie den Knopf des Anrufbeantworters, der blinkend eine Nachricht meldete - und spürte im nächsten Moment einen dumpfen Schmerz, als hätte ihr jemand in den Bauch geboxt.

Diese Stimme. Wie ein Spuk aus einem anderen Leben. „Ich kann das nicht“, war das letzte gewesen, was sie zu ihr gesagt hatte.

In einer verrückten Vision sah sie Franks Worte wie schillernde Seifenblasen in die Luft aufsteigen, wo sie über ihrem Kopf zerplatzten: Dass er nur hören wollte, wie es ihr ginge … sich gerne mal mit ihr unterhalten würde …

Carmen starrte mit wachsender Wut das Gerät an. Was zum Teufel dachte er sich eigentlich? Dass er nach all der Zeit einfach so auftauchen konnte, zum Plaudern, als wäre nichts gewesen? Doch schon wurde ihre Kehle gefährlich eng, mischten sich Tränen in die Wut.

Mistkerl, dachte sie und fühlte, wie ihre Finger sich um die Stiele der Blumen krallten. Sie legte sie aus der Hand, bevor sie alle geknickt wären, und zwang sich zu ein paar tiefen Atemzügen.

Was wollte er? Die Wunden wieder aufreißen, die sie gerade notdürftig verpflastert hatte? Nein. Vielen Dank. Sollte er mal da bleiben, wo immer er war.

Stadtbummel
Carmen schenkte sich selbst einen Blumenstrauß vom Wochenmarkt


Mit steifen Schritten ging sie an den Küchenschrank, nahm eine Vase heraus und füllte sie mit Wasser. Als sie jedoch die Blumen darin arrangierte, stieg ihr plötzlich ein anderes Gefühl auf, das sie doch weit fortgepackt hatte, in den tiefsten Winkel ihrer Seele.


Carmen polierte alle Fenster, putzte Bad und Küche blitzblank


Es war die Erinnerung an Franks Zärtlichkeit, an Nächte voller Leidenschaft, an überschäumendes Glück, das ihr immer noch die Knie weich machte, wenn sie nur daran dachte… Nein. Sie konnte ihn nicht wiedersehen. Nie mehr. Denn wie sollte sie ihm normal begegnen, wenn schon seine Stimme genügte, sie in ein fiebriges Bündel Sehnsucht zu verwandeln?

Bis zum Abend hatte Carmen alle Fenster geputzt, die Böden gesaugt und Küche und Bad blitzblank poliert. In Bewegung bleiben und nicht nachdenken. Darüber, ob sie sich die ganze Zeit nur vorgemacht hatte, sie wäre über ihn hinweg. Diesen Gedanken versenkte sie im Putzeimer und kippte ihn zusammen mit dem schmutzigen Wasser weg. Zugleich fasste sie einen Entschluss. Sie würde Stefan nicht länger warten lassen.

Sie kannte niemanden auf dieser Party, doch Carmen war fest entschlossen, sich zu amüsieren. Dazu hatte sie sich sorgfältig zurechtgemacht, trug zu der neuen Bluse die Jeans, die ihre Rundungen ebenso wie ihr Selbstbewusstsein puschte.

Heute wurde dieser Effekt noch befeuert durch Stefans offenkundige Bewunderung. Er wich den ganzen Abend kaum von ihrer Seite, und Carmen ließ seine Berührungen zu, erwiderte seine tiefen Blicke und spürte, wie die Luft zwischen ihnen sich auflud.

Als die ersten Gäste sich verabschiedeten, stand die unausgesprochene Frage in seinen Augen, in der Art, wie er ständig ihre Nähe suchte, in dem angespannten Zug seines Munds. Carmen forschte tief in ihrer Brust nach einer Antwort und fand zumindest kein Nein. So trat sie dicht vor ihn hin, nahm seinen Arm und sah ihm in die Augen. „Wollen wir noch zu mir gehen?“

Statt einer Antwort zog er sie an sich, vergrub das Gesicht in ihrem Haar und hauchte einen Kuss auf ihren Hals. Dann nickte er nur stumm, und der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ sie ihre letzten Zweifel beiseiteschieben.

Erst jetzt, da sie zum ersten Mal nach so langer Zeit einen Mann mit in ihre Wohnung nahm, wurde Carmen bewusst, wie sehr hier alles noch die Erinnerung an Frank atmete. Das Sofa, die Küche, das Bett sowieso - es gab kaum einen Platz, der nicht mit seiner Leidenschaftlichkeit verbunden war.

Das war nicht fair, und es raubte ihr beinahe die Luft. Und die Lust. Dann aber zwang sie sich, dieses Szenario zu ignorieren und sich ganz auf Stefan einzulassen.

Sie wollte es. Und er war behutsam, rücksichtsvoll und zärtlich. Er ließ ihr alle Zeit, die sie brauchte, liebkoste jeden Zentimeter ihrer Haut und bedeckte sie mit Küssen, bis sie sich entspannte.

Viel später, als Stefans Atem tief und gleichmäßig ging, wand sie sich vorsichtig aus seinen Armen, schlüpfte aus dem Bett und warf einen langen Blick auf sein Gesicht. Er sah so entspannt und glücklich aus. Warum nur war ihr selbst zum Weinen zumute?

Sie fand dann doch noch etwas Schlaf, und als sie wieder erwachte lag Stefan auf einen Arm gestützt und beobachtete sie. „Guten Morgen“, sagte er lächelnd. Sein Blick aber war ernst und forschend.

„Guten Morgen“, murmelte Carmen. Dabei überlegte sie, wie sie ihn loswerden konnte, ohne ihn zu verletzen. Sie wollte allein sein, zur Ruhe kommen, nachdenken.

Vielleicht hatte er ihr genau diesen Wunsch angesehen und rasch einen Vorwand aus dem Ärmel geschüttelt. Vielleicht war es aber auch die Wahrheit, dass er seiner Mutter einen Besuch versprochen hatte, um ein paar Kleinigkeiten zu reparieren. So tranken sie noch einen Kaffee zusammen, und danach überließ sich Carmen dieser Verstrickung ihrer Gefühle.

Während der nächsten Tage hatte sie eine seltsame unterschwellige Rastlosigkeit erfasst. Sie stürzte sich in ihre Arbeit, spulte ihre Pflichten ab, und fühlte sich innerlich zum Zerreißen angespannt. Wie unter Strom. Oder als müsste jeden Moment etwas passieren.


Halb fürchtete, halb hoffte Carmen, diese Stimme zu hören


Sie hatte die Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter gelöscht, doch immer wenn sie nach Hause kam flog ihr erster Blick zu dem Gerät. Halb fürchtete und halb hoffte sie, wieder eine Nachricht vorzufinden, diese eine Stimme, die in ihr sämtliche Emotionen anknipste …

Nachricht von Frank
Wenn Carmen nach Hause kam, flog ihr erster Blick zum Anrufbeantworter


Ein paar Mal war sie kurz davor, selbst zum Telefon zu greifen und Frank anzurufen. Und dann? Plaudern wie alte Freunde? Undenkbar. Über ihre Gefühle sprechen? Erst recht undenkbar. Ach, es war vertrackt. Und die Nacht mit Stefan machte es irgendwie nicht besser.

Sie trafen sich fast täglich in der Firma. Ihrer ersten Begegnung nach jenem Zusammensein hatte Carmen mit gemischten Gefühlen entgegengesehen, doch sein Verhalten hatte ihr die Befangenheit genommen. Seither hatte keiner von ihnen die Nacht erwähnt.

Stefan schien aber auf eine Gelegenheit zu warten. Er beobachtete sie aufmerksam, und Carmen war sicher, dass er jede ihrer Regungen las wie ein offenes Buch.

Als sie einmal zusammen in der Kantine saßen und Carmen nur abwesend in ihrem Salat stocherte, heftete er einen festen Blick auf sie. Ein kleines Lächeln spielte dabei um seine Lippen. „Nächste Woche wechsle ich in den Aufsichtsrat des Konzerns“, sagte er. „Der Vorsitzende hat gekündigt. Den Posten übernehme ich jetzt.“

„Gut“, meinte Carmen zerstreut.

Stefans Lächeln nahm einen ironischen Zug an. „Du hast mir überhaupt nicht zugehört, stimmt’s?“, stellte er ohne Vorwurf fest.

Jetzt hob sie den Kopf und blinzelte zu ihm hinüber. „Äh, ja … also nein. Was hast du gesagt?“

„Carmen, was ist los?“, fragte er sanft zurück. „Ich spüre doch, dass dich irgendetwas umtreibt.“

Sie hielt seinem Blick einen lan-Moment stand und seufzte dann. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Ich bin so durcheinander, Stefan.“

„Hat es etwas mit Samstagnacht zu tun?“, fragte er leise.

Carmen lächelte schwach. „Vielleicht. Aber es liegt nicht an dir“, setzte sie rasch hinzu, als sie den Schatten auf seinem Gesicht sah. Und zögernd sprach sie weiter: „Es ist … Frank, er hat angerufen.“

Ein paar Sekunden herrschte Schweigen. „Soo?“, machte Stefan gedehnt. „Und was wollte er?“

Carmen zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht …“ Sie brach ab und starrte trübe auf ihren Teller. Eine ganze Weile sprach keiner.

„Gehst du zu ihm zurück?“, fragte Stefan dann unvermittelt.

Carmen riss den Kopf hoch. „Nein! Also ich meine, davon war doch gar keine Rede …“

Die Worte klangen seltsam hohl. Carmen lauschte ihnen nach und spürte, wie ihr unter Stefans prüfendem Blick die Röte ins Gesicht schoss. Warum nur hatte sie schon wieder das Gefühl, er könnte in sie hineinsehen? Sie seufzte tief. „Ach Stefan, ich weiß gar nichts mehr.“

Erneut dehnte sich Schweigen aus. Endlich sagte Stefan mit ruhiger Stimme: „Vielleicht solltest du ein paar Tage Auszeit nehmen, um in Ruhe über alles nachzudenken. Allein. Ein Freund von mir hat ein Häuschen auf Sylt, das er vermietet. Das ist genau der richtige Ort dafür. Ich kann das arrangieren.“

Carmen blickte überrascht hoch, in sein Gesicht, das nichts verriet. Ihre Gedanken schossen wild durcheinander. Ein Abstecher nach Sylt, allein mit sich und viel Zeit, ein paar Dinge in ihrem Kopf und ihrem Herzen zurechtzurücken.

Diese Aussicht erschien ihr plötzlich wie die Lösung all ihrer Probleme. Oder wenigstens ein erster Schritt dahin. Spontan griff sie über den Tisch nach seiner Hand und drückte sie. „Das klingt wunderbar. Vielen Dank, Stefan. Was täte ich nur ohne dich?“

Er setzte sich noch am selben Abend mit seinem Freund in Verbindung und hatte Glück. Das Haus war verfügbar. Carmen reichte kurzfristig Urlaub ein, der auch problemlos genehmigt wurde. So packte sie schon wenige Tage nach diesem Gespräch ihre Sachen und trat mit kribbelnder Vorfreude im Herzen die Reise nach Sylt an.


Heftiger Regen und böiger Wind empfing Carmen auf Sylt


Als Carmen im Bahnhof von Westerland vom Autozug rollte, klatschten dicke Tropfen an die Scheibe. Bereits auf der Überfahrt hatte heftiger Regen eingesetzt. Ein böiger Wind peitschte dazu immer wieder regelrechte Fontänen gegen ihren Wagen, und die Wischer schafften es kaum, für halbwegs freie Sicht zu sorgen.

Auf Sylt
Bei unäufhörlichem Regen unternahm Carmen eine Tour durch den Ort


Carmen verkniff sich den Gedanken, dass zu Hause die Sonne geschienen hatte, und machte sich auf die Suche nach der Adresse des Vermieters. Dort nahm sie den Schlüssel entgegen, ließ sich noch einmal den Weg genau beschreiben und brach dann im Schneckentempo auf zur Südspitze der Insel.

Auf der ganzen Fahrt dahin begegnete ihr kein einziger Mensch, und das Heulen des Windes schluckte jedes andere Geräusch. Auch in der Siedlung etwas außerhalb des Ortes, wo der kleine Bungalow als letztes Häuschen eingebettet in die die Dünenhügel lag, war weit und breit niemand zu sehen. Auch recht. Sie wollte ohnehin allein sein und nachdenken. Bloß ob sie danach schlauer war?

Am nächsten Morgen hatte sich der Wind gelegt, aber aus einer geschlossenen Wolkendecke fiel unaufhörlich feiner Regen. Carmen unternahm eine Tour in den Ort, fand einen Supermarkt und deckte sich für ein paar Tage mit Lebensmitteln ein. Dann kehrte sie in ihr Häuschen zurück und richtete sich erstmal Frühstück. Ein Blick auf den Wetterbericht zerschlug die Hoffnung, dass der Regen so bald nachlassen würde. So schlüpfte sie nach dem Essen in ihre wetterfesten Klamotten und machte sich auf den Weg zum nahen Strand.

Das Laufen hatte etwas Meditatives. Außer ihr war kaum jemand unterwegs, und Carmen setzte Fuß vor Fuß und ließ ihre Gedanken schweifen. Die bald bei der Nacht mit Stefan landeten.

Ach, Stefan. Er war ein Glücksfall. Ein Mann zum Heiraten, Haus bauen und Kinder kriegen. Was machte es da schon aus, dass sie unter seinen Händen nicht in Flammen aufging? Leidenschaft war vergänglich. Gefühle aber konnten wachsen und sich entwickeln.

Gerade als sie sich davon zu überzeugen versuchte, funkte jedoch eine andere Erinnerung dazwischen, andere Hände auf ihrem Körper und eine heisere Stimme an ihrem Ohr. Franks Stimme. Und sie war machtlos gegen den heißkalten Schauer, der ihr dabei über den Rücken lief. Carmen seufzte tief. Er hatte sie in ihrem Innersten berührt wie kein anderer. Es war schwer, nach dieser Erfahrung in die Mittelmäßigkeit zurückzukehren.

Später in ihrem Häuschen duschte sie heiß und machte sich etwas zu essen. Ihre Stimmung hob sich dadurch nicht wirklich. Vielleicht würde es helfen, den Kamin im Wohnzimmer anzufeuern. Das wäre sehr behaglich, und sie könnte gerne von dem Brennholz nehmen, das hinter dem Haus lagerte, hatte der Vermieter angeboten.

Doch das Holz war feucht geworden und qualmte fürchterlich. Eine Weile gab Carmen sich Mühe, mit zerknülltem Zeitungspapier ein Feuer in Gang zu bekommen, gab irgendwann jedoch entnervt auf.

Mittlerweile standen ihr Tränen in den Augen, vom Rauch und vom Frust. Warum nur klappte im Moment so gar nichts in ihrem Leben?

Das heftige Prasseln des Regens weckte sie früh am nächsten Morgen. Carmen zog sich die Decke wieder über den Kopf. Bei diesem Wetter konnte sie gut im Bett bleiben. Wie sollte sich ihre Stimmung jemals bessern, wenn es draußen noch viel grauer war als in ihr drin?

Irgendwann raffte sie sich auf, richtete das Frühstück und nahm ein Buch zur Hand. Damit saß sie eine lange Weile im Sessel am Fenster, doch sie schaffte es nicht, sich auf die Lektüre zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab, bis sie das Buch zur Seite legte und einfach aus dem Fenster sah. Dann eben nachdenken. Doch ihr Kopf schwirrte, und sie war weit davon entfernt, sich über irgendetwas klar zu werden.

Unerwarteter Besuch
Zu Carmens Überraschung stand Frank tropfnass vor ihrer Tür


Es war kein guter Tag. Die meiste Zeit hing Carmen mutlos auf dem Sofa herum und starrte abwechselnd in den dunklen Schlund des Kamins und durch das Fenster nach draußen, wo eine frühe Dämmerung allmählich die Trübe des Tages ablöste. Sie würde heute beizeiten ins Bett gehen. Morgen sah die Welt vielleicht anders aus.


Die Kapuze verbarg das Gesicht des Mannes vollständig


Als es plötzlich klopfte, fuhr sie erschrocken hoch. Wer konnte das sein? Carmen blinzelte zur Tür hin. Oder hatte sie sich das eingebildet? Aber es klopfte erneut, diesmal kräftiger. Und so erhob sie sich, öffnete einen kleinen Spalt und spähte nach draußen. Da stand ein Mann, der fast vollständig unter einer weiten Regenjacke verschwand. Die Kapuze tropfte vor Nässe und verdeckte sein Gesicht. „Entschuldigung“, rief er atemlos. „Ich bin auf der Suche nach …“

Carmen war unwillkürlich einen Schritt zurück gewichen. Nein. Das konnte nicht sein. Oder doch?

„Carmen“, sagte er und schob die Kapuze ein Stück zurück. Sein Lächeln fuhr ihr jäh in den Magen. „Schön, dich zu sehen.“

Sie starrte ihn an wie eine Erscheinung. Suchte nach Worten und fand keine, während ihr Herz Kapriolen schlug und schmerzhaft hart hämmerte. Schließlich drehte sie sich um und ging nach drinnen.

Er schloss die Tür und folgte ihr. „Ich darf doch reinkommen?“

Carmen zwang sich zu einem tiefen Atemzug. „Was willst du hier?“, fuhr sie ihn an.

Frank ließ sich von ihrem harschen Tonfall nicht beeindrucken. „Reden“, entgegnete er. „Lass mich ein paar Dinge erklären.“

Sie schürzte die Lippen. Es war schwer, ein abweisendes Gesicht zu machen, wenn einem das Herz zersprang. „Du meinst, du kannst hier einfach so auftauchen …“, setzte sie an und verwünschte das Zittern in ihrer Stimme.

Frank lächelte sanft. „Nein, nicht einfach so. Ich hab vorher angerufen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Hat bloß keiner abgenommen. Aber warte, ich hab auch was dabei.“

Damit drehte er sich um, verschwand noch einmal im Regen und kam gleich darauf mit zwei großen Einkaufstaschen zurück.

„Und wenn ich dich nun rausschmeiße mitsamt deinem Krempel?“, fragte Carmen herausfordernd, als er seine Last abstellte.

Frank trat vor sie hin und sah ihr in die Augen, bis sie verwirrt den Blick abwandte und aus seiner Nähe floh. Verdammt, warum hatte er bloß immer noch diese Wirkung auf sie? „Tust du aber nicht“, sagte er nur. „Komm, setz dich und hör mir einfach nur zu.“

Mit trotzigem Gesicht drückte Carmen sich in die Ecke des Sofas und starrte ihn finster an.

„Du bist wütend“, stellte Frank fest. „Und das völlig zu Recht. Ich hab dich auf scheußliche Art und Weise enttäuscht und tief verletzt. Und du hattest lange genug Zeit, dich in deinen Zorn auf mich so richtig hineinzusteigern.“

Er machte eine Pause. Carmen schwieg immer noch. „Ich hab mich wie ein Mistkerl benommen“, fuhr er fort. „Und danach bin ich einfach abgetaucht, ohne Erklärung, ohne Entschuldigung.“

Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Das alles hatte sie ihm doch an den Kopf werfen wollen. Wieso kam das jetzt von ihm?

„Du hast dich furchtbar gefühlt“, setzte Frank sanft hinzu. „Verraten und zurückgelassen vor einem einzigen großen Scherbenhaufen.“

Schon wieder ihr Text! Und zu allem Übel wurde ihr jetzt noch die Kehle eng. Carmen schluckte.

„Genau wie ich“, sprach er weiter, als würde er es nicht bemerken. „Denn ich wollte die wunderbarste Frau der Welt nicht enttäuschen. Ich wollte dir etwas bieten und unsere Zukunft auf ein solides Fundament stellen. Dafür habe ich Tag und Nacht gearbeitet.“

Dann erzählte er von einem Computerprogramm, das er entwickelt hatte und gewinnbringend vermarkten konnte, doch Carmen hörte nur mit halbem Ohr zu. Weil sie so mit dem Chaos ihrer Gefühle beschäftigt war. Ihr dummes Herz flatterte und hüpfte und flog ihm zu wie ein zahmer Vogel.

Aber sie konnte doch nicht so tun, als wäre nichts gewesen! Abwesend beobachtete sie, wie Frank sich am Kamin zu schaffen machte, Holzscheite aus einer seiner Tüten förderte und bald ein knisterndes Feuer entfacht hatte.

Danach wandte er sich zu ihr um. „Und jetzt überlegst du, dass du mir doch nicht einfach so verzeihen kannst, nach allem was geschehen ist“, sagte er ruhig.

Carmen schwieg verdattert. Was passierte hier? Er tauchte aus dem Nichts auf, las ihre Gedanken, zauberte ein loderndes Feuer in ihren widerspenstigen Kamin und Schmetterlinge in ihren Bauch. Was würde als nächstes kommen?


Piepsend meldete Carmens Handy eine neue Nachricht …


„Barolo ist doch noch dein Lieblingswein?“, sagte Frank gerade, zog eine Flasche aus der anderen Tüte und hielt sie ihr vor die Nase.

Plötzlich musste sie lächeln. Es war sinnlos, ihm widerstehen zu wollen. Die Magie in seinem Blick war noch ungebrochen, und ihr Körper reagierte darauf so heftig wie eh und je. „Frank…“

Mit einer schnellen Bewegung kam er neben sie aufs Sofa. „Ja?“

Carmen sah ihm in die Augen. Die Schmetterlinge zappelten jetzt wie verrückt. „Du bist unmöglich.“

„Ich weiß.“ Er grinste breit.

„Wie hast du mich eigentlich gefunden?“, wollte Carmen wissen.

In diesem Moment meldete ihr Handy, das vor ihr auf dem Tisch lag, piepsend den Eingang einer Nachricht. Carmen schielte rasch darauf und erkannte den Absender. Stefan. Und nach kurzem Zögern griff sie danach und las mit großen Augen den Text: Jetzt müsste er schon bei dir sein. Ich weiß, dass du nie aufgehört hast, ihn zu lieben. Falls es schiefgeht, weißt du, wo du Trost findest. Ansonsten wünsch ich dir viel Glück. Stefan.

Sie blickte auf die Buchstaben, bis sie vor ihren Augen tanzten, während langsam ein warmes Gefühl ihre Brust flutete. Tiefes, wunschloses Glück. Sie hatte fast vergessen, wie sich das anfühlte.

Als sie wieder hochsah, traf sie Franks Blick. „Dein Kollege hat mir verraten, wo du bist“, erklärte er. „Netter Kerl übrigens.“

Ein versonnenes Lächeln trat auf Carmens Lippen. „Stefan ist viel mehr als nur ein netter Kerl“, antwortete sie und legte das Handy wieder weg. „Er ist mein Seelenvertrauter. Ein wahrer Freund …“

„So?“, machte Frank. „Muss ich jetzt eifersüchtig sein?“

Einen langen Moment sah sie in seine Augen, deren dunkles Stahlblau sie immer an sturmgepeitschte See erinnert hatte. Wie man sich darin verlieren konnte, hatte sie ebenfalls fast vergessen. Dann schüttelte sie sacht den Kopf. „Nein“, flüsterte sie. „Musst du nicht. Und jetzt halt mich fest.“

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