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Der große abgeschlossene: Ich schenk Dir ein Paradies


Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 10.02.2020
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Bildquelle: Das goldene Blatt, Ausgabe 7/2020

Der Auftrag in diesem großen Möbelhaus war gut gelaufen. Kunstvolle Bilder von Alltagsgegenständen zu fertigen, das war Valeries Tagesgeschäft. Im diesem Fall hatte sie Einrichtungen perfekt in Szene gesetzt für eine Werbebroschüre.

Zwei junge Männer halfen ihr, ihre Ausrüstung im Wagen zu verstauen - ein komplettes mobiles Fotostudio. Sie besaßen auch ein richtiges Studio, aber das benutzte meistens ihr Mann. Luis machte vorwiegend Porträts. Die Aufträge außer Haus, also die gesamte Produktfotografie, überließ er ihr.

„Einen Kaffee noch“, drängte der Geschäftsführer, als Valerie sich verabschieden ...

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... wollte. Er machte einem Mitarbeiter Zeichen, der gleich zum Automaten eilte.

Valerie war mit dem Kopf schon bei der Bearbeitung der Bilder, als der junge Mann ihr den Becher reichte. Und so geschah es: Sie bekam ihn nicht richtig zu fassen und der Inhalt ergoss sich über ihre Hose. Erschrocken sprang Valerie zurück. Zum Glück war der Kaffee nicht allzu heiß, aber ihre Kleidung war durchnässt bis in die Schuhe.

Der Geschäftsführer starrte auf den hässlichen Fleck, entschuldigte sich und schnauzte gleichzeitig den jungen Mitarbeiter an.

Valerie winkte ab. „Halb so wild. Das war meine Schuld. Aber ich gehe jetzt besser. Mich umziehen.“

Sie wäre eigentlich ins Studio gefahren, um mit der Bildbearbeitung anzufangen. Jetzt musste sie erst zu Hause vorbei. Dass dies einer jener schicksalhaften Zufälle sein sollte, die ein ganzes Leben verändern können, ahnte sie nicht.

Valerie blickte kaum nach rechts und links, als sie die Wohnung betrat. Noch im Flur stieg sie aus der Hose und lief dann zielstrebig Richtung Schlafzimmer.

Den Schuh sah sie erst im letzten Moment. Ein hochhackiger roter Pumps, der vor der Schlafzimmertür auf dem Boden lag. Valerie stutzte. Erst jetzt nahm sie die Spur aus Klamotten wahr, die sich vom Wohnzimmer bis hierher zog. Ein Rock, das Hemd ihres Mannes, eine Bluse … Zugleich hörte sie durch die angelehnte Tür Geräusche aus dem Schlafzimmer.

Eine seltsame Leere machte sich in ihrer Brust breit, ein Gefühl von Unwirklichkeit, als wäre sie in einen Film geraten, oder einen Traum. Dann stieß sie die Türe auf.

Die Szene hatte etwas Bizarres. Ihr Mann trug einen Cowboyhut, sonst nichts - ebenso wie die Frau bei ihm im Bett. Und beide waren so beschäftigt, dass sie Valerie nicht bemerkten, die erschüttert im Türrahmen stand. Irgendwann öffnete Luis die Augen und traf ihren Blick. Er starrte sie an, und Valerie wurde unangenehm bewusst, dass sie selbst halb ausgezogen war.

„Valerie, was …“ Luis blinzelte. „Ich hab dich gar nicht erwartet.“

„Offensichtlich“, hörte sie sich sagen. Es war wohl der Schock, der ihr diese Ruhe verlieh.

Valerie trat an den Schrank, nahm eine frische Jeans heraus und schlüpfte hinein. Luis beobachtete sie stumm. Die Frau hielt sich die Decke vor ihre stattliche Oberweite und wirkte ansonsten nicht besonders betroffen. Valeries Kopf war so leer, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Schließlich wandte sie sich wortlos ab und ging aus dem Zimmer.

„Wir reden später, ja?“, rief Luis hinter ihr her. Statt einer Antwort ließ Valerie die Wohnungstür krachend ins Schloss fallen.

Auf frischer Tat ertappt Valerie traute ihren Augen nicht. Wie konnte ihr Luis das nur antun?

Dieses unwirkliche Gefühl ließ sie nicht los. Auf der Fahrt ins Fotostudio, beim Entladen des Wagens, später beim Sichten der Bilder. Lauter routinierte Handgriffe. Valerie funktionierte. In ihrem Kopf, ihrem Herzen aber herrschte Ausnahmezustand. Bis sie es irgendwann nicht mehr aushielt.


Lange betrachtete Valerie die Bilder ihrer Maori-Trauung


Sie klickte die Bilder der Möbel weg und holte mit ein paar weiteren Klicks eine andere Fotostrecke auf den Monitor. Ein Kulturfestival. Es war ihr erster gemeinsamer Auftrag mit Luis, und Valerie war ganz fasziniert von seiner Ausstrahlung. Hier nun machten sie Bilder von fremdländischen Riten, Tänzen und Gebräuchen.

Es war seine Idee, sich von diesem Maori-Medizinmann in einer mystischen Zeremonie trauen zu lassen. Eine echte Schnapsidee, und ebenso berauschend. Lange betrachtete Valerie die Bilder, die entrückte Miene des Schamanen, die Blumen in ihrem Haar, den Tanz der tätowierten Krieger. Und Luis, mit Besitzerstolz im Blick. Seit damals ihr Mann. Und seit heute - ihr zukünftiger Ex?

Valerie ließ sich viel Zeit mit ihrer Arbeit. Es war schon spät, als sie nach Hause kam. Luis warf ihr einen forschenden Blick zu und setzte dann sein Pokerface auf. „Viel zu tun gehabt?“, fragte er. So beiläufig, als wäre nichts gewesen. Valeries Augen blitzten empört.

„Du ja auch“, entgegnete sie hitzig. „Alle Hände voll sozusagen.“

Er lachte gekünstelt. „Hör mal, wegen vorhin. Ich hoffe, du nimmst das nicht persönlich. Das war wie Yoga. Zur Entspannung.“

Seine Kaltschnäuzigkeit verschlug ihr zunächst die Sprache. Dann brauste sie auf. „Sag mal, geht’s noch? Du machst hier rum mit so einer Lolita, und ich soll es nicht persönlich nehmen?“

„Das ist eines meiner Models“, erklärte Luis völlig unbefangen. „Aber sie ist vor der Kamera immer so gehemmt. Ich dachte, so bekomme ich sie locker.“

Valerie starrte ihn an. Er sprach von einem Seitensprung, als wäre es so etwas wie Kinderturnen. Ja, war er jetzt völlig abgehoben? Oder war sie - spießig?

Der restliche Abend ging irgendwie vorbei. Luis schien gänzlich unbelastet, während Valerie ein Gefühl wie im luftleeren Raum hatte. Später lag sie lange wach und kämpfte gegen die quälende Frage - passierte das zum ersten Mal? Oder war das für Luis eine ganz normale Entspannungsübung? Diese Vorstellung brachte sie zu der schwerwiegenden Frage: Hatten sie die gleiche Auffassung von einer Beziehung?

Die Arbeit bot Ablenkung. Die Produktfotografie war gut gebucht und das Standbein ihres Unternehmens. Daneben war sie dabei, sich ein anderes Feld zu erschließen: Food-Styling. Sie war bereits in Verhandlungen mit einem Verlag für Kochbücher. Die Porträt- und Katalogaufnahmen, mit denen Luis sich beschäftigte, waren bestenfalls ein Zubrot. Auch wenn er gerade einen Auftrag an Land gezogen hatte - von einem Wäschehersteller. Hoffentlich brauchte keines der Models Lockerungsübungen!

„Ich bin ein paar Tage weg“, eröffnete ihr Luis eines Abends. „Wir machen ein Shooting am Strand.“

„Aha“, machte Valerie. Sofort waren die Bilder wieder in ihrem Kopf. Luis sah sie scharf an. Dann setzte er ein Lächeln auf und trat dicht vor sie hin. „Du weißt, dass ich dich liebe“, raunte er.

Er hob eine Hand an ihr Gesicht, fuhr ihr durchs Haar. Seine Lippen tasteten über ihren Hals, wanderten höher, näherten sich ihrem Mund. Valerie stand starr und horchte in sich hinein. Die Leidenschaft, die er damit in ihr entfachen konnte, mochte sich heute nicht regen.

Sie trat einen Schritt zurück. „Nicht“, sagte sie. „Ich bin müde.“

Luis ließ die Hand sinken und forschte in ihrem Gesicht. Dann nickte er. „Okay. Ich muss früh los. Ich melde mich von unterwegs.“

Ausdruckslos sah sie zu, wie er eine Tasche packte. Genauso ausdruckslos lag sie später neben ihm, horchte auf seine Atemzüge und fand selbst doch keinen Schlaf. Was passierte mit ihr? Und von irgendwo her flog sie plötzlich dieser Gedanke an, der sich wie eine Klette in ihrem Kopf verhakte. Lief in ihrem Leben noch alles richtig?


Die Nachricht des Anwalts erschütterte Valerie zutiefst


Darüber nachzudenken, ließ sich am nächsten Tag gut umgehen. Valerie nahm sich Zeit, ihren Internetauftritt zu überarbeiten, so fiel gar nicht auf, dass Luis nicht da war. Abends dann empfand sie die Stille der Wohnung als wohltuend.

Sich nur um sich selbst zu kümmern, das war eine erfrischende Erfahrung. Das Schreiben dieses Anwalts überflog sie nur kurz. Eine Erbschaftsangelegenheit. Nun, dafür wäre morgen auch noch Zeit.

Die Neugier trieb Valerie dann doch dazu, gleich morgens in der Kanzlei anzurufen. Und wenig später saß sie bei einem Rechtsanwalt, der eine Nachricht für sie hatte, die sie einmal mehr tief erschütterte.

Ihre Großtante Hella war verstorben. Bei der sie bis in ihre Teenagerjahre oft ihre Ferien verbracht hatte, dort in dem verschlafenen Örtchen in Hessen. Zu der sie auch später ein herzliches Verhältnis bewahrt hatte, auch wenn sie sich viel zu selten sahen. Und jetzt das.

„Frau Tauber hat bereits vor längerer Zeit ihr Testament bei mir hinterlegt“, erklärte der Anwalt.

„Darin sind Sie als Alleinerbin angeführt. Neben ihren persönlichen Dingen und etwas Bargeld dreht es sich dabei in erster Linie um das Haus meiner Mandantin.“

„Davon hat sie nie etwas erwähnt!“, entfuhr es Valerie.

Verwirrt und aufgewühlt verließ sie die Kanzlei. Gerne hätte sie sich jetzt mit jemandem unterhalten. Luis? Dann dachte sie daran, wie er am Strand gerade von Bikinischönheiten umschwirrt wurde, und verwarf diese Überlegung.

Zurück im Studio gab Valerie es rasch auf, sich auf Berufliches konzentrieren zu wollen. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab, bis sie sich bewusst die Zeit nahm, diese neue Wendung in ihrem Leben zu betrachten.

Letzter Wille Großtante Hella hatte Valerie überraschend als Alleinerbin eingesetzt

Sie besaß also nun ein Haus. Wie mochte es heute aussehen?

Vage stiegen Bilder hoch, aus einer Zeit, die tief in den Schatten der Vergangenheit ruhte. Nach und nach fiel nun Licht darauf, Erinnerungen wurden wach - und eine unbestimmte Sehnsucht.

Valerie sah wogende Getreidefelder vor sich, an deren Rand sie mit ein paar Nachbarskindern Verstecken spielte. Im hohen Gras die Biegung des Baches, in dem die größeren Jungs nach Flusskrebsen jagten. Und ein blinkender Ster- nenhimmel, den sie nachts aus dem Fenster ihres Zimmers betrachtet hatte. Sie war dort glücklich gewesen, das wurde ihr plötzlich fast schmerzlich bewusst.

Kurzerhand gab sie sich den Tag frei. Das war der Vorteil der Selbstständigkeit, den sie nur selten ausnutzte. Valerie war sehr pflichtbewusst, im Gegensatz zu Luis. Er rieb sich in seiner Arbeit nicht auf. Und für das Geld sorgte schon sie.

Nachdenklich spürte Valerie dieser Überlegung nach. Und wie ein Dominostein stieß dieser eine Gedanke ein paar weitere an. Waren ihre Auffassungen vom Leben überhaupt vereinbar? Wie stand es um ihre Beziehung, nachdem der erste Gefühlsrausch verflogen war? Beruflich gingen sie im Grunde ohnehin getrennte Wege. Könnte das jetzt ihre Chance sein, mit dem Geld aus dem Verkauf des Hauses noch einmal neu durchzustarten?

Am Abend rief Luis an. Sie sprachen nur kurz. Er wirkte abgelenkt, erzählte von dem Shooting, und dass sie gleich noch alle gemeinsam in einen Club wollten. Valerie hörte es unbewegt. Als er dann erwähnte, sie benötigten ein paar Tage länger, war es ihr ganz recht. Und nach einem Blick in ihren Terminkalender stand ihr Entschluss fest. Sie würde dorthin ins Hessische fahren, um Hellas Haus zu sehen. Ihr Haus. Mit diesem Gedanken und einer wilden Vorfreude im Herzen ging sie zu Bett.

Am nächsten Morgen holte sie in der Anwaltskanzlei den Schlüssel ab, und eine knappe Stunde später erreichte sie ihr Ziel.

Das Dorf hatte sich verändert, Hellas Haus jedoch nicht. Wie eh und je lag es halb verborgen zwischen alten Bäumen inmitten des weitläufigen Gartens, der mittlerweile reichlich verwildert war. Das eiserne Gartentor hing schief in den Angeln, und der Plattenweg zum Gebäude verschwand stellenweise unter einer Moosschicht.

Erinnerungen Ferien bei Großtante Hella waren gespickt mit tollen Erlebnissen

Im Näherkommen bemerkte Valerie, dass der wilde Wein ihr ehemaliges Zimmerfenster schon halb überwuchert hatte. Ansonsten sah alles genauso aus wie damals, und Schritt für Schritt tauchte sie tiefer ein in die heile Welt ihrer Kindheit. Es war wie eine Zeitreise.


„Danke dir, Tante Hella“, flüsterte Valerie. „Für alles!“


Abgestandene Luft und ein schwacher Duft nach Veilchen schlug Valerie entgegen, als sie die Tür aufschloss. Sie öffnete ein Fenster und ging dann langsam durch alle Räume. Hier hatte sich überhaupt nichts verändert. Erinnerungen sprangen sie aus jedem Winkel an, und mit ihnen auch das Gefühl von damals, diese Unbeschwertheit und Geborgenheit.

Fast meinte sie, Hella müsste jeden Moment zur Tür hereinkommen, in ihrer geblümten Bluse und mit dem mütterlichen Lächeln. Valerie schluckte. „Ich danke dir“, flüsterte sie bewegt. „Für alles.“

Eine gute Stunde verbrachte Valerie in dem Haus, nahm tief die Atmosphäre in sich auf und stromerte durch den Garten. War unter diesen Sträuchern nicht die Räuberhöhle gewesen, in der sie mit einer ganzen Schar Nachbarskinder verwegene Abenteuer erlebt hatte? Und dort unter dem Haselbusch lagen doch drei Vogelbabys begraben! Sie musste lächeln. Es war wirklich ein Stück heile Welt.

Anschließend fuhr Valerie kreuz und quer durch den Ort, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Das sentimentale Wohlbefinden nach diesem Besuch nahm sie mit.

Valerie erledigte einen Auftrag für ein Industrieunternehmen und arbeitete an der Broschüre für das Möbelhaus. Dabei wanderten ihre Gedanken immer wieder zu Hellas Haus. Wie viel Aufwand wäre es eigentlich, es zu renovieren?

Mit dem Gefühl, etwas Verrücktes zu tun, machte sich Valerie am Freitag wieder auf den Weg nach Hessen. Sie war mit einem Architekten aus dem benachbarten Michelstadt verabredet. Nur mal anhören, was er dazu meinte.

Martin Roos, der Mann mit dem ansprechenden Internetauftritt, erwartete sie bereits vor dem Haus. Offenes Lächeln, sympathisches Gesicht, etwa ihr Alter, registrierte Valerie, und begrüßte ihn: „Danke, dass Sie so schnell Zeit hatten.“

„Sehr gerne“, gab er zurück und maß sie mit einem aufmerksamen Blick. „Sie wollen renovieren?“

„Das weiß ich noch nicht“, gab Valerie zu. „Zuerst hätte ich gerne eine Einschätzung, was alles zu tun wäre. Ich habe dieses Haus von meiner Großtante geerbt.“

„Ach“, entfuhr es ihm. Das klang so überrascht, dass Valerie aufblickte. Einen Moment sahen sie sich in die Augen. Dann lächelte er verbindlich und wies auf das Haus. „Schön. Wollen wir also?“

Eine halbe Stunde später standen sie wieder auf der Straße. Martin hatte sich gründlich umgesehen, die Mauern, das Gebälk und auch die Anschlüsse untersucht. Und er hatte ihr Hoffnung gemacht. Die Bausubstanz sei in Ordnung.

„Ich schätze, das lässt sich mit überschaubarem Aufwand instand setzen“, meinte er. „Was haben Sie eigentlich damit vor?“

„Ich denke, ich verkaufe es.“

Ein seltsamer Ausdruck glitt über sein Gesicht, als sie das sagte. Er wandte sich um, betrachtete nachdenklich Haus und Garten.

„Hier könnte man ein Paradies erschaffen“, sagte er wie zu sich selbst. Dann riss er sich los und lächelte. „Nun, wie auch immer. Soll ich Ihnen ein Angebot zur Renovierung ausarbeiten?“

„Nein“, sagte sie rasch. „Danke. Also, ich muss mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen.“ Damit verabschiedete sie sich und machte sich auf den Heimweg.

Laute Musik drang ihr entgegen, als sie die Wohnungstür öffnete. In letzter Zeit hörte Luis diese Art von - wie nannte man diese Richtung eigentlich? Egal. In jedem Fall zu laut für ihren Geschmack. „Hallo“, rief sie über den Lärm hinweg.

„Wieder zurück?“ Er streckte den Kopf aus dem Schlafzimmer, kam er heran, zog sie an sich und wühlte sein Gesicht in ihr Haar. „Ich hab dich vermisst“, raunte er. Schon wurde seine Umarmung fester, die Lippen fordernder.

Das Haus von Großtante Hella Renovieren oder verkaufen? Die Entscheidung fiel Valerie schwer

Valerie wand sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück. Und gleich noch einen, als sie diesen Ausdruck in seinen Augen sah. Verlangen. Es war ihm anzusehen, wonach ihm jetzt der Sinn stand.


Ein kleiner Tanz? So nannte Luis seinen Verrat an ihrer Liebe


„Ich bin ja wieder da“, sagte sie leichthin. „Und du? Wie war’s?“ Sie ging in die Küche und drehte im Vorbeigehen die Musik leiser.

Luis blickte kurz irritiert, folgte ihr dann aber. „Ist das die ganze Begrüßung?“, fragte er und wollte sie schon wieder an sich ziehen.

Valerie drehte sich weg. „Lass“, sagte sie schroffer als geplant. „Ich bin doch grade erst zur Tür rein.“

„Eben.“ Er lachte. Dann wurde er ernst und musterte sie scharf. „Bist du immer noch sauer wegen diesem kleinen Tanz neulich?“

Sie wusste sofort, was er meinte. Kleiner Tanz. Valerie forschte in seinem Gesicht. Das war es also für ihn. Kein Vertrauensbruch, kein Verrat an ihrer Liebe. Ein kleiner Tanz. Was war es dann eigentlich, wenn sie sich liebten?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, knipste Luis sein charmantestes Lächeln an. „Mit dir ist es immer etwas ganz Besonderes. Etwas Großes. Die anderen sind nur so zur Entspannung.“

Die anderen! Valerie starrte ihn an. Luis lächelte unverändert, keine Spur von schlechtem Gewissen. „Du tanzt also öfter zur Entspannung“, sagte sie gefährlich ruhig.

Seine Augen blitzten ungehalten. „Das hat doch nichts mit dir zu tun“, erwiderte er. „Das ist wie eine Form von Kunst. Es macht den Kopf frei und schärft den Blick. Ich mache Fotos, ich mache Liebe.“

Und als Valerie ihn nur weiter fassungslos anstarrte, setzte er kühler hinzu: „Aber du hast doch gewusst, worauf du dich einlässt. Auf Dauer kann nur eine offene Beziehung funktionieren. Und davon profitierst du doch auch!“

Diese seltsame Logik verknotete Valeries Denken. Sie fühlte sich mit einem Mal schrecklich müde und leer. Es stimmte, Luis hatte ihr nie etwas vorgemacht. Sie war bloß zu blind verliebt gewesen, um die Wahrheit zu realisieren. Jetzt musste sie sehen, wie sie damit umging.

„Hey, du siehst müde aus“, fiel Luis überraschend sanft in ihre Gedanken. „Wir reden morgen weiter, okay? Ich muss nochmal weg.“

Sprach’s, lächelte harmlos und verschwand. Zurück ließ er ein Loch in Valeries Herzen und jede Menge Fragen in ihrem Kopf.

Ein paar Tage vergingen in trügerischem Frieden. Sie vermieden verfängliche Themen und gingen nach außen hin freundlich miteinander um. Im Inneren aber fühlte Valerie sich täglich zerrissener.

Konnte sie mit Luis’ Auffassung einer Beziehung leben? Wollte sie das? Und wenn nicht, was wollte sie dann? Das Karussell in ihrem Kopf kreiselte unaufhörlich.

Doch immer wenn sie meinte, sie würde gleich verzweifeln, stieg überraschend ein anderes Gefühl hoch. Sehnsucht, die Erinnerung an ein Stück heile Welt.

Zugleich tauchte ein Gesicht vor ihr auf und Worte wie ein Silberstreif am Horizont. Martin Roos. Und dass man aus dem alten Haus ein Paradies machen könnte …

Sie hatte Luis noch gar nichts davon erzählt. Als sie es dann tat, war seine Reaktion wie das letzte Puzzlesteinchen in einem Bild, das sie zuvor nicht klar gesehen hatte.

„Du willst da noch Geld reinstecken? Zieh raus, was geht. Verscherbele den Kasten. Wir könnten gut eine Modernisierung im Studio gebrauchen.“ Er schickte diesen Worten ein gewinnendes Lächeln hinterher. Und Valerie wusste plötzlich, was sie zu tun hatte.

Die Strecke schien ihr schon vertraut, als sie wieder auf dem Weg ins Hessische war, mit Gepäck für ein paar Übernachtungen.

Martin Roos hatte am Telefon erfreut geklungen. Er würde sich ein paar Gedanken machen, hatte er versprochen. Entsprechend gespannt erwartete Valerie ihr Treffen. Dass es ein bisschen auch die Aussicht war, ihn wiederzusehen, die blitzenden Augen und das sympathische Lächeln, das gestand sie sich nur am Rande ein.

Das Lächeln war noch wohltuender als in ihrer Erinnerung, als sie sich vor dem Haus trafen. Dazu präsentierte Martin ihr einen Stufenplan zur Renovierung, der finanziell gut überschaubar war.

„Das holen Sie beim Verkauf leicht wieder heraus“, versprach er.


Martin Roos lächelte überrascht. „Schön! Ja, das freut mich!“


„Ich denke, ich werde nicht verkaufen“, hörte Valerie sich sagen. Und fasste damit zum ersten Mal in Worte, was ihr seit Kurzem im Kopf herumging. „Ich bin selbstständige Fotografin und ohnehin meistens direkt beim Kunden. Ansonsten kann ich mir hier auch ein kleines Studio einrichten.“

Renovierungspläne Voller Tatendrang verfolgte Valerie die Pläne von Martin Roos

Martin lächelte überrascht. „Wie schön. Das freut mich.“ Einen Moment sah er so aus, als wollte er noch mehr sagen. Dann wies er auf das Haus. „Kommen Sie. Ich zeige Ihnen, was ich mir überlegt habe.“

Tatendrang erfüllte Valerie nach ihrem Rundgang. Martins Vorschläge hatten Hand und Fuß. Am liebsten würde sie mit der Renovierung sofort loslegen. Er aber wirkte plötzlich nachdenklich, ließ den Blick durch den Garten wandern. „Hier ist alles ziemlich gewuchert“, sagte er unvermittelt. „Die alte Räuberhöhle dürfte inzwischen zugewachsen sein.“

Valerie riss die Augen auf. „Woher wissen Sie …?“

Er grinste schief, wobei er sie mit einem seltsamen Blick bedachte. Dann fuhr er fort: „Die anderen haben mich damals Mini genannt. Ich war der Jüngste, und ziemlich klein. Und das freche Mädchen aus der Stadt hat mich immer übersehen.“ Er verstummte, um seine Worte sacken zu lassen. „Dabei hab ich es so sehr bewundert“, gestand er entwaffnend.

„Moment.“ Valerie wedelte verwirrt mit der Hand durch die Luft. „Das heißt, dass Sie … du … dass wir zusammen gespielt haben?“

„Genau. Ich hätte sonstwas gegeben, damit du mich bemerkst. Aber du hattest nur Augen für die großen Jungs.“ Er nahm den Blick nicht von ihr, während er sprach.

In Valeries Kopf wirbelte es. Und dann begann auch noch ihr Bauch ganz komisch zu kribbeln. Sie kicherte. „Na, inzwischen bist du ja auch ganz schön groß geworden“, rutschte ihr heraus.

„Ja. Und du bist immer noch so kess wie damals. Nur viel hübscher“, entgegnete Martin. „Oder darf ich das nicht sagen?“

Valerie blinzelte irritiert. Dieses Gefühl von Pudding in den Knien brachte sie ganz aus dem Konzept. Was sah er sie aber auch so an!

„Es wäre jedenfalls schön, wenn wir bald wieder Nachbarn sind“, grinste Martin noch. Und pushte damit Valeries Tatendrang gleich noch ein Stück höher.

Sie lag dann lange wach in dem Bett, in dem sie als Kind so viele Nächte verbracht hatte. Und ebenso wie damals nach einem aufregenden Tag schlug ihr das Herz wild in der Brust. Dabei konnte sie gar nicht genau sagen, was es war, das sie so aufwühlte. Vielleicht die Vorstellung, hier zu leben, zu arbeiten. Vielleicht auch das Zusammentreffen mit Martin, sein überraschendes Geständnis und die Art, wie sein Bild durch ihr Denken spukte. Oder aber die Konsequenz, die sich aus ihren kühnen Zukunftsplänen ergab. Luis nämlich würde bestimmt nicht mitziehen.

Am nächsten Tag erwachte Valerie mit dem seltsamen Gefühl, als würde heute etwas Bedeutsames passieren. Bis zum Mittag beschäftigte sie sich damit, Hellas persönliche Dinge zu sichten. Und gerade als sie zu einem Ende kommen wollte, tauchte Martin auf.

Es war anders, ihn heute zu sehen. Er war nicht mehr der Architekt, der ihr bei der Renovierung helfen sollte. Er war der Jugendfreund, mit dem sie eine wertvolle Erinnerung teilte. Und der sie so sehr bewundert hatte …

Sie musste lächeln bei diesem Gedanken. Und fragte sich insgeheim, wieso ihr diese blitzenden Augen nicht aufgefallen waren.

„Beschäftigt?“, fragte er mit Blick auf die Stapel von Kram, die Valerie aufgehäuft hatte.

Sie zuckte ratlos die Schultern. „Ich versuche, ein wenig zu sortieren. Was kann man verschenken, was geht weg. Unglaublich, wie viel Zeug ein Mensch hat.“

Er lachte. „Komm, mach mal Pause. Ich will dich entführen.“

Auf ihren fragenden Blick lächelte er nur, lotste sie zu seinem Wagen und setzte sich ans Steuer.

Jugendfreunde Martin und Valerie kannten sich von Kindesbeinen an

Martin fuhr zu Plätzen, die dunkel in Valeries Erinnerung ruhten, die sie aber wohl allein nicht wiedergefunden hätte. Die Lichtung in dem kleinen Kiefernwald, die Flussbiegung mit der flachen Badestelle, der alte Steinbruch. Dazu erzählte er Begebenheiten, die sie selbst schon vergessen oder an die sie jahrelang nicht gedacht hatte.


„Ich konnte dich nur stumm anhimmeln“, offenbarte Martin


Jetzt aber wurde all das wieder lebendig, das Gefühl von damals, die Unbeschwertheit, der Zauber.

„Ich erinnere mich an Gesichter“, sagte sie einmal nachdenklich. „Aber deines ist nicht dabei.“

„Es hat mir auch immer die Sprache verschlagen in deiner Nähe“, entgegnete er. „Ich konnte dich nur stumm anhimmeln.“ Er sagte es in scherzhaftem Ton, doch zwischen den Worten schwang noch etwas von der Enttäuschung des Jungen, der er gewesen war.

Sie blinzelte verstohlen zu ihm hinüber, betrachtete die klare Stirn, das markante Profil. Er sah gut aus. Was, wenn er ihr damals seine Schwärmerei gestanden hätte? Ob daraus mehr hätte werden können? Sie waren freilich noch Kinder. Im Gegensatz zu heute …

Als hätte er ihre Gedanken gespürt, drehte Martin den Kopf und fing ihren Blick auf. Einen Moment sahen sie sich tief in die Augen, und Valerie erkannte mit Bestürzung, dass alles noch da war. So viel Gefühl, so viel Zärtlichkeit, dass ihr jäh ein Kribbeln wie von Maikäfern in den Bauch schoss und sie sich verwirrt abwandte.

Anschließend gingen sie in ein italienisches Lokal in Michelstadt, das die beste Pizza weit und breit machte, wie Martin vollmundig versprach. Davon allerdings bekam Valerie gar nicht viel mit. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, diesem namenlosen Gefühl nachzuspüren, das Martins Blicke und sein Lächeln in ihr auslösten.

Als sie zurückkamen, sah Valerie schon von weitem den Wagen vor dem Haus. Luis! Sie straffte unwillkürlich die Schultern. Er war gestern ungewöhnlich einsilbig gewesen, als sie aufbrach. Was mochte er jetzt hier wollen?

Martin hielt und blickte zu Luis, der durch den Garten schlenderte und sich umsah. Dann warf er Valerie einen fragenden Blick zu. Sie lächelte schmal. „Wir reden später“, sagte sie knapp.

Jetzt hatte Luis sie entdeckt. Er kam heran, während Valerie ausstieg und Martin hinterhersah, der wendete und davonfuhr. Luis folgte ihrem Blick. Dann knipste er ein fröhliches Lächeln an und machte eine ausholende Handbewegung. „Ist das der alte Kasten?“

„Ja“, bestätigte Valerie nur und ging auf das Haus zu.

Luis folgte ihr. „Und? Krieg ich eine kleine Schlossführung?“

Sie konnte nicht benennen, was genau sie störte, als sie gleich darauf durch alle Räume gingen. Vielleicht die unverhohlene Herablassung in Luis’ Blick. Anschließend setzten sie sich in der geräumigen Wohnküche zusammen, die er mit demselben Ausdruck musterte und sich dann zu ihr wandte. „Ziemlich retro“, grinste er.

„Warum bist du eigentlich hergekommen?“, fragte Valerie.

„Ich dachte, vielleicht brauchst du Hilfe mit den ganzen Formalitäten rund um den Verkauf. War das der Makler vorhin?“

„Nein“, erklärte sie. „Er ist Architekt und plant den Umbau.“

Luis runzelte die Stirn. „Du baust um, bevor du verkaufst?“

„Ich verkaufe ja gar nicht“, erwiderte Valerie fest. Einen Moment sahen sie sich stumm an.

„Was?“, fragte Luis entgeistert.

Valerie blickte durch den Raum. Martin hatte gute Ideen: Hier eine Wand entfernen, dort ein Fenster einziehen. Viel Wirkung, ohne den Charakter des Hauses zu verändern. Sie mochte diese Vorstellung.

Und sie mochte die Rückmeldung des Kochbuch-Verlages. Man wäre sehr interessiert. Für die Lebensmittelfotografie reichte sogar gutes Licht hier in der Küche …

„Du willst dir doch nicht diesen alten Klotz ans Bein binden?“, unterbrach Luis ihre Gedanken.

Valerie lächelte glatt. „Nein. Du verstehst offenbar nicht. Ich will selbst hier leben und arbeiten.“

Er sah sie ungläubig an. „Hier? Das ist doch nicht dein Ernst. Aber ohne mich!“ Das kam spontan und aus voller Überzeugung.

Valerie nickte langsam. „Darauf läuft es wohl hinaus, nicht wahr?“

In Luis’ Gesicht arbeitete es.

„Aber … und was ist mit all dem, was wir zusammen aufgebaut haben?“, stieß er hervor.

„Wir haben nichts zusammen aufgebaut“, korrigierte Valerie. „Wir haben einen Raum gemietet, den du als Studio nutzt. Das kannst du gern auch weiterhin tun.“


Als Luis explodierte, zuckte Valerie vor Schreck zusammen


Dass sie den Löwenanteil der Miete getragen hatte, wussten sie beide. Auch, dass aus ihren Produktfotos die meisten Einnahmen flossen. Luis schien seine Worte abzuwägen. Dann wurde das Lächeln eindringlicher, und er beugte sich dicht zu ihr heran. „Es gibt noch viel mehr, das wir weiterhin tun sollten“, sagte er. „Wir hatten doch immer Spaß zusammen!“

Er wollte nach ihrer Hand fassen. Valerie zog sie zurück und schüttelte den Kopf. „Hab du Spaß mit deinen Models“, sagte sie. Und zuckte im nächsten Moment zusammen, als Luis explodierte.

So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. Er schleuderte ihr böse Worte an den Kopf, wurde verletzend und unsachlich. Valerie brauchte all ihre Beherrschung, um dem Ausbruch standzuhalten. Erst als er irgendwann wutentbrannt aus dem Haus stürzte, merkte sie, wie sie am ganzen Körper zitterte.

Was für ein Auftritt. War das gekränkter Stolz, Existenzangst, Frust über die Zurückweisung? Ein explosiver Cocktail jedenfalls. Und für sie ein klares Signal, dass es kein Zurück mehr gab. Wenigstens sparte sie sich den Aufwand einer Scheidung, ging ihr durch den Kopf. Ihre Maori-Hochzeit hatte vor dem Gesetz ja keine Gültigkeit.

Bis zum Abend hatte Valerie ihre flatternden Nerven wieder halbwegs beruhigt. Und dann rief Martin an. „War das dein Mann vorhin?“, wollte er wissen.

Es klang so bemüht beiläufig, dass Valerie an den jungen Mini denken musste. Der sich vor Sehnsucht verzehrte und doch nicht über seine Gefühle sprechen konnte. Sie lächelte versonnen. Weil ihr plötzlich wieder ihre Vorahnung von heute Morgen in den Sinn kam. Und weil sie die Idee beschlich, dass dieser Tag vielleicht noch einen Joker im Ärmel hatte.

„Nein“, sagte sie heiter. „Aber das ist eine längere Geschichte. Warum kommst du nicht vorbei? Dann reden wir darüber.“

Und mit einer herrlich perlenden Zuversicht im Herzen legte sie das Telefon hin und erwartete ihn.

ENDE

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LADY-KRIMI


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