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DER HERR DER DINGE


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 193/2021 vom 23.11.2021

KARL LAGERFELD

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 193/2021

Marc Newsons »Zenith Chair« (2003) ist auf 40 000 bis 60 000 Euro taxiert

Mode war Karl Lagerfeld nicht genug. Er war ein unersättlicher Sammler und arrangierte seine wechselnden Schlösser und Apartments zu Bühnen seiner Leidenschaft. »Das Wichtigste im Leben ist, sich immer wieder neu zu erfinden.« Mit diesem Satz erklärte der brillante Geist des Chefdesigners im Hause Chanel die oft überraschenden Wandlungen seines Geschmacks. Als er im Jahr 2000 mit dem Verkauf von Louis-seize-Möbeln und Rokokogemälden seine Steuerschulden beglich, trauerte er dem 18. Jahrhundert, das er zuvor noch als Krönung von Eleganz, Esprit und Komfort gepriesen hatte, keine Träne nach. Die Resettaste zu drücken kann befreien. Es ist eine Methode, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, die Lagerfeld zur Lebenskunst perfektionierte.

Körperlich warf der bekannteste Deutsche in Paris kurz darauf den Ballast der vergangenen Jahrzehnte ab und erschien nun in den superschmal geschnittenen ...

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... Gehröcken von Hedi Slimane. In sein Apartment am Quai de Voltaire zog ein Futurismus ein, der der Ausstattung eines Raumschiffs glich, geformt aus Licht, Metall und Milchglas. Das 21. Jahrhundert hatte begonnen, und Kaiser Karl, wie er gern von seinen Verehrern genannt wurde, wollte es nicht verpassen. Der australische Designer Marc Newson hatte mit seinen stromlinienförmigen Aluminiummöbeln gerade einen neuen Ton gesetzt und faszinierte den manisch arbeitenden Modemacher ebenso wie der französische Entwerfer Martin Szekely. Dessen unterkühlte, perfekt polierte Chrommöbel sehen so klar und linear wie die Zeichnungen des Maestros aus. Und sie verknüpfen Klassik mit puristischer Modernität, was dem kunsthistorisch besessenen Lagerfeld gefallen hat. Bis vor Kurzem standen Newsons »Zenith Chair« von 2003 und Szekelys messerscharf konstruierte Konsole noch in dieser minimalistisch eingerichteten Beletage, die in der Nähe seines schwarz-weiß eingerichteten Lagerfeld-Stores liegt.

Jetzt gehören sie zu den 1200 Stücken des Lagerfeld-Nachlasses, die Sotheby’s im Dezember in Monaco und Paris und im Frühjahr in Köln versteigert. Newsons weich wirkende Sitzskulptur, die nur zwölfmal ausgeführt wurde, ist mit 40 000 bis 60 000 Euro angesetzt. Bei Szekelys Entwürfen ist ein auf stämmigen Säulen ruhender Esstisch von 2014 mit einer Taxe von 20 000 bis 30 000 Euro eines der Toplose. Sotheby’s umschreibt die Auktion, in der auch Silberkelche des Jugendstildesigners Georg Jensen und Jeff Koons’ »Dom Pérignon Balloon Venus« in Pink aufgerufen werden, als eine »Anthologie seines Geschmacks«. Ob ihm dieser Begriff gefallen hätte? »Ich hasse alles, was mit Erinnerung zu tun hat. Finis und Aus.« Aber ein Mann, der nie die Kontrolle verlor, geht nicht ohne Testament aus dem Leben. Seine Katze Choupette ist darin übrigens großzügig bedacht.

Schon zu Lebzeiten kam das Wort Nostalgie im Empfindungskatalog Karl Lagerfelds niemals vor. »Machen ist toll, aber was ich einmal gemacht habe, interessiert mich später nicht mehr die Bohne«, bekannte er in einem anderen Interview. Das heißt nicht, dass der Ästhet, der bis zum Schluss Kollektion um Kollektion entwarf, fotografierte und Bücher verlegte, die Bewunderung für das Alte verlor, wenn er sich für Neues entschied. Die Klismos-Stühle, die archaische Liege und die architektonische, wie aus den Ruinen Pompejis geborgene Konsole des Designers Terence Harold Robsjohn-Gibbings, die mit moderaten vierstelligen Beträgen taxiert sind, sind ein bestechendes Beispiel dafür. In diesen Möbeln, mit denen der Amerikaner Mitte des 20. Jahrhunderts die Appropriation Art des Designs probte, verdichtet sich die Geschichte der menschlichen Zivilisation – Antike, Klassizismus, Moderne.

Schließlich bestimmte das Prinzip des Reloadings auch Lagerfelds Entwürfe für Chanel. Dem Modehaus, das nach dem Tod von Coco Chanel dahinschlummerte, hauchte er ab 1983 neues Leben ein. Er gab dem kleinen Schwarzen ein zeitgemäßes Image, ohne den typischen Look der klassischen Chanel-Jacke zu verdrängen. Lagerfeld durchstreifte die Galaxien der verschiedenen Epochen. Er war ein Zeitreisender des Geschmacks, der es selten an einem Ort aushielt und stets in die Zukunft schaute. Nicht nur als Couturier. In jedem seiner zahlreichen Schlösser und Apartments, etwa in Biarritz, Monaco oder den hohen Räumen in der Pariser Rue des Saint-Pères, konnte er geschmacklich neues Terrain testen und ein anderes Ich ausleben: Jugendstil, Barock und Rokoko und immer wieder Art déco, das für ihn »die Wurzel jener Modernität« war, nach der er stets suchte.

Wenn es um die 1920er- und 1930er-Jahre ging, blieb er seinen favorisierten Entwerfern Süe et Mare treu. Mit 80 Jahren erwarb er das Schlösschen in Louveciennes, dessen Inventar in Deutschland unter den Hammer kommt. Den Salon des Petit Pavillon de Château Voisins stattete er mit den üppigen blauen Polstermöbeln des Designerduos aus, das das harte, kubische Art déco lieber anderen überließ. In weiteren Räumen platzierte er einen Süe-et-Mare-Schreibtisch, der modern ist und zugleich mit dem Rokoko kokettiert. Lagerfeld wollte auch nach seinem Ausflug in die Zukunft am Pariser Quai Voltaire den weichen Stil und die charmanten Silhouetten dieser Möbel nicht missen.

Das kleine Schloss in der Nähe von Paris war Lagerfelds letzte Traumwelt. Ein Kondensat seiner Leidenschaften. Ein Seelenspiegel des späten Modezaren. Es erzählt unmissverständlich, dass nach dem luxuriösen Anciene-Régime-Rausch und den extravaganten Möbeln einer Eileen Gray, die einige Museen 1991 in einer Sotheby’s-Auktion für Höchstpreise erwarben, die Faszination des reifen Lagerfelds auch für das deutsche Art déco nicht geringer geworden ist. Für die Designgeschichte mögen die seltenen gelb und grün lackierten Möbel von Bruno Paul keine Inkunabeln sein, für Karl Lagerfeld bringen die nun moderat auf 800 bis 1200 Euro geschätzten Möbel den Höhepunkt eines geistreichen, modernen Deutschlands zum Ausdruck. Gekauft hatte er sie für das 2006 eingerichtete New Yorker Apartment, das er nach fünf Jahren wieder verließ. Er hätte sie wie die elitäre Zwanzigerjahre-Sammlung seiner Biarritzer Villa Elhorria zur Auktion geben können. Trennungsschmerz kannte er kaum. »Ich wechsle Kleider, Möbel, Wohnungen, Kollektio- nen. Im Leben geht es um Veränderung. Es gibt einen Moment, in dem die Dinge einfach nicht besser werden können«, sagte er einmal. Der Biarritz-Verkauf erbrachte 2003 sieben Millionen Euro – Lagerfelds Image als Connaisseur trieb die Preise nach oben.

Doch die Werke des Architekten, Karikaturisten und Möbelentwerfers Bruno Paul behielt er. Das war Avantgarde aus Berlin. Der Deutsche Werkbund, den Paul 1907 mitbegründet hatte, war in Lagerfelds Augen eine Bewegung, die noch vor dem Bauhaus die Moderne nach Deutschland brachte.

Von New York zogen auch die deutschen Plakate in die Villa in Louveciennes. Jahrzehnte sammelte er die Werbegrafiken aus der Zeit zwischen 1900 und 1920. Die klare Bildsprache, die Harmonie zwischen Design und Typografie – »Das war wie Pop-Art, nur ein halbes Jahrhundert früher«, so der gebürtige Hamburger 2014 im Gespräch mit der weltkunst. Ganz besonders schätzte er die Arbeiten von Ludwig Hohlwein. Stolz war er auf die deutsche Premierenankündigung zum Kult-Stummfilm »Das Cabinet des Dr. Caligari«. Es ist das einzige noch existierende Exemplar. Die Erwartungen liegen zwischen 80 000 und 120 000 Euro.

»Im Leben geht es um Veränderung. Es gibt einen Moment, in dem die Dinge einfach nicht besser werden können.«

Lagerfelds verschiedene Domizile und seine permanenten Verwandlungen wurden auch zur Kulisse für seine Modekampagnen, deren Shoots er ab 1987 übernahm. Und manchmal posierte er selbst in seinen inszenierten Tableaus wie ein dandyhafter Popstar, ließ sich fotografieren und interviewen, um dem Gesicht hinter Chanel und Fendi und Chloé, für die er parallel arbeitete, das Image eines geistreichen Paradiesvogels zu geben. Das war nicht nur Eitelkeit. Die Modeszene war schon um 1980 eine Kampfarena der Schönen und Kreativen. Lagerfelds herausfordernder Kontrahent hieß Yves Saint Laurent. Während der schüchterne Franzose ganz Paris mit einem Smoking für Damen begeisterte, verkaufte sich der wortgewandte Deutsche als Verfechter des Schrägen, Frechen, Unkonventionellen. So auch im Jahr 1981 im Memphis-Showroom in Mailand. Die Designer um Ettore Sottsas kämpften noch um Anerkennung und ums Überleben, doch Karl Lagerfeld witterte einen Hauch Avantgarde und Stilinnovation. Er ließ sich die ganze Kollektion nach Monte Carlo schicken, für umgerechnet 65 000 Mark. Zwischen bunten Regalen gab Lagerfeld damals in karierten oder blütenweißen Sakkos Interviews und lud zu Homestorys ein. Die Liebe zu Memphis war nach zehn Jahren abgenutzt. Die Erfolgskurve des Designs aber stieg. Sotheby’s versteigerte die Sammlung für fast das Achtfache.

Ein wenig von Lagerfelds glanzvollem Aufstieg zum Kaiser der Modewelt, der von der Suche nach Schönem getrieben wurde, weil er Hässlichkeit nicht ertragen konnte, haftet auch an den Losen der Sotheby’s-Auktion. An der mit Spitze besetzten Choupette- Figur der Künstlerin Joana Vasconcelos etwa, die mit 5000 bis 7000 Euro taxiert ist, aber auch an den wenigen Gemälden wie etwa Charles Alphonse Dufresnoys frühbarocke Leinwand »Rinaldo verlässt Armida« zum Schätzpreis von 50 000 bis 70 000 Euro oder Takashi Murakamis Lagerfeld-Porträt von 2014, für das mindestens 80 000 Euro erwartet werden. Nur Lagerfelds eigene Fotografien, mit denen er in Museen Erfolge feierte, sind nicht vertreten. Die 80 000 Negative mitsamt den Rechten, heißt es, hat er dem Chanel-Bilddirektor Éric Pfrunder vermacht.

Karl Lagerfeld hat etwas geschafft, was andere Couturiers nicht erreicht haben. Die schwarze Sonnenbrille und der weiß gepuderte Haarschopf haben ihn zur Popikone der Modewelt gemacht. Er ist eine Marke. Nein, er ist mehr. Sein Leben ist ein Gesamtkunstwerk.