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DER HOCHMUT DES FORTSCHRITTSGLAUBENS


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 197/2021 vom 25.08.2021

St anisław Lem

Artikelbild für den Artikel "DER HOCHMUT DES FORTSCHRITTSGLAUBENS" aus der Ausgabe 197/2021 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

»Ohne sein Werk ist die Geschichte dieser literarischen Gattung nicht zu schreiben«, befindet Alfred Gall vom Institut für Slavistik der Universität Mainz, der gerade eine umfangreiche Biografie über Lem vorgelegt hat. Dieser Autor hat aber nicht nur einige der Klassiker dieses Fachs geschaffen, sondern beeindruckend viele technische Entwicklungen vorausgesehen, die heute Normalität sind: Smartphones, E-Book-Reader, Bezahlkarten, Internet, virtuelle Realität, künstliche Intelligenz, elektronische Bibliotheken und Videokonferenzen – all das, was heute Teil unserer modernen Wirklichkeit ist, entsprang bereits vor Jahrzehnten der Fantasie des polnischen Schriftstellers.

Der Sohn eines jüdischen Hals-Nasen-Ohren-Arztes wird am 12. September 1921 in Lemberg geboren. Für Technik interessiert sich das hochintelligente und literaturbegeisterte Einzelkind mit einem IQ von 180 bereits früh. So ...

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... richten die Experimente des jungen Stanisław immer wieder Schäden im Elternhaus an, und das bastelnde Kind ist berüchtigt dafür, ständig seine Spielsachen auseinanderzuschrauben: »Ich besaß pickende Vögel, Karussells, die sich drehten, Rennautos, Puppen, die Purzelbäume schossen – all das zerlegte ich erbarmungslos, indem ich die Rädchen und Sprungfedern unter den leuchtenden Farben hervorholte«, berichtet Lem in seiner Autobiografie »Das hohe Schloss«. So verwundert es auch nicht, dass der Sohn angesehener Bürger nach einer behütet verlebten Kindheit und einer sehr guten Matura (Abitur) 1939 ein Studium am Lemberger Polytechnikum beginnen möchte. Das verhindert jedoch der Lauf der Weltgeschichte. Im Herbst beginnt mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg. Zuerst besetzen die Sowjets Lemberg, welches dann 1941 von der deutschen Wehrmacht erobert wird. Das hat gravierende Folgen: Der Großteil von Lems Verwandtschaft wird im Holocaust ermordet, während er selbst mithilfe von gefälschten Papieren als Schweißer die Besatzungszeit überlebt. Nach dem Krieg wird in Lemberg die polnische Bevölkerung vor die Wahl gestellt, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen oder das Land zu verlassen.

Lem flieht deshalb nach Krakau und muss fast all seinen Besitz in der Heimat zurücklassen. Im Gepäck hat Lem aber einen Text, der sein Debüt als Schriftsteller werden wird: »Der Mensch vom Mars« erscheint 1946 in einer auf Unterhaltungsliteratur spezialisierten Zeitung – Lem scheint seine Berufung gefunden zu haben: Ein zuvor begonnenes Medizinstudium beendet er nicht und schreibt fortan für verschiedene Publikationen. Sein Roman »Das Hospital der Verklärung«, in dem er seine Kriegserlebnisse verarbeitet, wird von der Zensur jedoch nicht zugelassen: Der Sozialistische Realismus ist das Gebot der Stunde. Science-Fiction wird daher für Lem auch ein Mittel, sich auszudrücken, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen. So blickte er später zurück: »Die unfassbare Nichtigkeit menschlichen Lebens im Schoß des Massenmords lässt sich nicht mittels Erzählweisen vermitteln, die Einzelpersonen zum Kern der Handlung machen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich deswegen den Weg eingeschlagen habe, ich vermute aber, dass ich Science- Fiction zu schreiben anfing, weil sie sich mit der Gattung Mensch befasst und nicht mit irgendwelchen Einzelpersonen, seien es Heilige oder Ungeheuer.«

Und gleich sein erstes publiziertes Buch »Die Astronauten« wird – vor allem in der deutschen Übersetzung – ein großer Erfolg. Lem ist damit etabliert und bekommt schnell neue Angebote. Rasch folgen weitere Romane. Auch privat kann er zufrieden sein: 1953 heiratet er die Radiologin Barbara Leśniak, mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebt. Die beiden beziehen bald danach ein Haus am Krakauer Stadtrand, dessen Renovierung viel Arbeit macht. Dennoch schafft es Lem, weiter als Autor produktiv zu sein: So erblickt 1957 in »Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ijon Tichy« sein bekanntester Held das Licht der literarischen Welt. Der Astronaut, der auch in späteren Werken wie etwa in »Der futurologische Kongress« auftauchen wird, reist durch Raum und Zeit und erlebt dabei zahlreiche Abenteuer, die sich zugleich wie philosophische Parabeln lesen. Alfred Gall über Lems größten Helden: »Mit seinem Protagonisten kreiert Lem eine vom sozialistischen Helden abweichende Persönlichkeit, die nichts plakativ Heroisches besitzt, aber in der Lage ist, in kritischen Momenten das Richtige zu tun und über eine gehörige Portion Humor verfügt. Tichy bringt Mut und Intelligenz unter einen Hut, zeigt Solidarität, wobei er als selbstbestimmtes Individuum agiert, das sich nicht durch äußere Zwänge verbiegen lässt.«

Somit ist Ijon Tichy durchaus auch eine Symbolfigur für das politische Tauwetter im Polen der Sechzigerjahre – die Zeit, in der Lem die Texte schreibt, mit denen er weltbekannt wird – wie etwa sein berühmtestes Werk »Solaris«. Es folgen weitere Klassiker wie »Transfer«, »Kyberiade«, »Robotermärchen«, »Pilot Pirx«, »Die Stimme des Herrn« oder »Der Unbesiegbare« – ein packender Roman über eine Weltraumexpedition, der sich mit dem Hochmut des menschlichen Fortschrittsglaubens auseinandersetzt. Der Prophet Lem blieb schließlich stets Pessimist: »Ich habe nichts gegen den Fortschritt, ich bin lediglich der Ansicht, dass ihn die Menschen hauptsächlich dazu benutzen, fürchterliche Dinge anzustellen.« Das ist auch 1968 der Fall: Das polnische Regime zieht die Zügel wieder an und startet zudem eine antisemitische Kampagne. Auch privat kommt es für Lem in diesem Jahr zu einer Zäsur: Er, der eigentlich keine Kinder in die Welt setzen wollte, wird Vater. Sohn Tomasz hat in »Zoff mit der Gravitation«, das 2021 erstmals auf Deutsch erscheint, diese alles andere als gewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung liebevoll geschildert und Lems zahlreiche Schrullen unterhaltsam dokumentiert.

Der Nachwuchs ist auch der Grund, warum der Autor und seine Frau die von ihnen damals gehegten Emigrationspläne erst einmal wieder verwerfen. Ein Jahrzehnt später ist es dann aber doch so weit: Als Ende 1981 in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wird, reicht es Lem endgültig: Sechs Jahre verbringt die Familie im Exil in Wien. Hier entsteht auch sein letzter Roman »Fiasko«. Nachdem Lem aufgrund der von der Solidarność-Bewegung ausgelösten politischen Umwälzungen in seine Heimat zurückgekehrt ist, erscheinen vom ihm nämlich nur noch ausschließlich politische und philosophische Texte – mit gewohnt skeptischen Einschätzungen: Das von ihm prophezeite, aber nun Realität gewordene Internet etwa hielt er vor allem für die Kriminalität und die Manipulation der Öffentlichkeit nützlich. Am 27. März 2006 stirbt Stanisław Lem in Krakau. Sein Grabspruch lautet: »Ich habe getan, was ich konnte. Mögen es die, die es können, besser machen.«