Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

DER HOFLIEFERANT DES ADELS


Auto Bild klassik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 15.07.2021

Pininfarina-Spezialautobauer Paolo Garella

Artikelbild für den Artikel "DER HOFLIEFERANT DES ADELS" aus der Ausgabe 8/2021 von Auto Bild klassik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
EXOTENSTATUS Garellas Passion sind seltene Sonderanfertigungen ? wie die Neuauflage des Momo Mirage von 2013

AUTO-Biografie

ALS SPRÖSSLING EINER AUTOBEGEISTERTEN FA- MILIE wuchs Paolo Garella ab 1959 in einer süditalienischen Kleinstadt auf. Während sein Vater ihm Autos zeigte, war sein Onkel Hauptgeschäftsführer beim Motorradbauer Ducati. Doch ein Erlebnis im Norden Italiens prägte seinen Weg maßgeblich …

Garella: Meine Karriere wurde sehr stark beeinflusst vom jährlichen Turiner Autosalon. Es war für mich immer ein Traum, dorthin zu reisen und all die fantastischen Fahrzeuge zu sehen. Dort zeigte Pininfarina dann den Ferrari Pinin – für mich ein Schock. Ich dachte mir: Das möchte ich machen. Dieses Auto ist in meiner Erinnerung wichtig.

Nach seinem Studium als Maschinenbauingenieur am Polytechnikum Turin arbeitete Garella als Testingenieur bei Goodyear. Garella: Ich lernte, wie ein Fahrzeug funktionieren sollte. Es war wirklich sehr, sehr wichtig für ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Auto Bild klassik. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Bin erst mal weg, Hände waschen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bin erst mal weg, Hände waschen
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von CLASH DER KULTUREN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
CLASH DER KULTUREN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von LESERFORUM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERFORUM
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von DIE SCHÖNSTEN AUGEN DER 60ER-JAHRE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE SCHÖNSTEN AUGEN DER 60ER-JAHRE
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von BMW 2000 CS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BMW 2000 CS
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von MERCEDES 220 SEb COUPÉ. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MERCEDES 220 SEb COUPÉ
Vorheriger Artikel
Fünf Sieger, kein Verlierer
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel NACH DER GEBURT GETRENNT
aus dieser Ausgabe

... das, was ich seitdem gemacht habe. Fähig zu sein, ein Auto einzuschätzen. Ich fuhr alles, was in den fünf, sechs Jahren auf den Markt kam. Dort waren Menschen aus Frankreich, aus Belgien, aus Deutschland – es war eine unglaubliche Mischung aus Kompetenz und Ideen.

1992 folgte sein größter Schritt: Garella ging zu Pininfarina. Fast zwei Jahrzehnte lang beschäftigte er sich mit einigen der exklusivsten Autos der Welt – für gewöhnlich, indem er sie in ihre Einzelteile zerlegte. Garella leitete Pininfarinas Abteilung für Sonderprojekte.

Größter Auftraggeber: die Königsfamilie von Brunei, deren bis heute sagenumwobene Sammlung 5000 bis 10 000 Fahrzeuge umfasst.

Garella: Als ich zu Pininfarina kam, lief die Arbeit mit den Brunei-Autos bereits. Einige Monate nach meinem Eintritt kontaktierten sie uns, um einen direkten Deal auszumachen. Zuvor wurden alle Autos über einen Kontakt in Singapur verkauft. Wir haben dann angefangen, sie direkt zu beliefern. Wir bauten eine ziemlich enge Verbindung auf, entwickelten die Autos und diskutierten mit ihnen, was genau sie wollten. Von da an waren es verrückte fünf, sechs Jahre, in denen wir jedes Jahr mehr als 60 Autos bauten.

Pininfarinas technische Fähigkeiten gepaart mit den nahezu unendlichen Ressourcen der königlichen Familie machten fast alles möglich. So ließen sie sich beispielsweise bei fehlender Verfügbarkeit ihre Lieblingsautos auf Rechtslenker umbauen.

Garella: Das schwierigste war der Porsche 959. Wirklich schwierig. Der wurde vorn komplett überarbeitet, wir mussten den Kraftstofftank neu entwickeln, das war unglaublich schwierig. Ich glaube, wir haben vier davon umgebaut. Doch alle Umbauten hatten ihre Hürden. Ein wichtiger Punkt waren Klimaanlagen, da all diese Autos nicht wirklich mit starker Klimaanlage konzipiert wurden. Und in Brunei war sie eines der wichtigsten Dinge, sodass wir jedes Mal viel Zeit und Arbeit dafür investierten.

Mit schnellem Hinterhofgeschraube war es bei den Umbauten nie getan. Nach Fertigstellung folgten Qualitätsprüfungen nach Vorbild der ursprünglichen Hersteller, einschließlich Test unter extremen Witterungsbedingungen.

Garella: Einige der Projekte – wie der Ferrari 456 als Viertürer und Kombi – waren echte Entwicklungen, bei denen wir Maßstäbe setzten. Wir gestalteten das Türsystem der Autos komplett neu, das Fahrgestell und das Getriebe ebenfalls.

Die 456er waren bei der königlichen Familie besonders beliebt. Pininfarina lieferte 42 Fahrzeuge in verschiedenen Karosserieformen, alle mit maßgeschneidertem Automatikgetriebe.

Garella: Als wir mit der Auslieferung begannen, hatte der Ferrari 456 noch kein Automatikgetriebe. Daher passten wir das Getriebe des Porsche 928 an und nahmen einige Verbesserungen vor. Als Ferrari mit einem eigenen Automatikgetriebe herauskam, mochte die königliche Familie es nicht und bat uns, den 456 weiterhin mit unserem Getriebe zu modifizieren.

Alle zwei Monate flog Garella für zwei Wochen nach Brunei und begleitete die neuesten Umbauten – alles andere als ein Urlaub für ihn.

Garella: Im Grunde waren es zwei Wochen ohne viel Schlaf, in denen ich immer auf Abruf sein musste. In dem Moment, in dem das Auto in Brunei landete, wollten sie es sofort haben, das war eine große Sache. Das Auto musste sofort bereit sein, damit Prinz Jefri damit fahren und gesehen werden konnte – es war, als wären die neuesten Spielzeuge in der Stadt angekommen.

VITA

1959 Paolo Garella wird in Italien geboren

1983 Abschluss als Maschinenbauingenieur am Polytechnikum in Turin

1984 Testingenieur bei Goodyear bis 1989

1987 Anstellung bei der Rennwagenschmiede PTI-Albatech

1992 Wechsel zu Pininfarina als Leiter der Sonderprojekte-Abteilung

2002 Umstrukturierung der Projektabteilung

2009 Schritt in die Selbstständigkeit

2014 Gründung der Automobilmanufaktur M.A.T.

Die Asienkrise 1997 und die Ermittlungen, weil Prinz Jefri 14,8 Milliarden US-Dollar Steuergeld veruntreut haben soll, setzten der Zusammenarbeit ein Ende. Gerichtsdokumente zeigten, dass die Familie mindestens 100 Millionen australische Dollar bei Pininfarina ausgegeben hatte. Die Umsätze brachen von heute auf morgen weg, Garella musste die Abteilung schrumpfen und Klinken putzen, um sie zu retten.

Garella: Wir begannen Hunderte von Personen auf der ganzen Welt zu kontaktieren und sie zu fragen, ob sie an Einzelstücken interessiert wären. Zwischen 2005 und 2009 realisierten wir etwa alle 18 Monate ein Projekt. Den ersten Vertrag, den wir für ein Einzelstück unterschrieben, war für den Ferrari 612 Kappa, danach bauten wir den P4/5, ehe wir an einem geheimen Projekt für einen US-amerikanischen Gentleman arbeiteten, anschließend folgten der Rolls- Royce Hyperion und schließlich der Lancia New Stratos.

Garella entwickelte zu einigen Auftraggebern enge Freundschaften, so auch zum US-amerikanischen Filmproduzenten Jim Glickenhaus.

Garella: Die zweite Person, die auf unsere Anfrage Interesse zeigte, war Jim. Er kam mit der Idee einer Hommage an den Ferrari P3/4. Es sollte in seinen Augen praktisch eine Replik des P3/4 werden, aber mit teils moderner Technologie. Doch wir lenkten seine Idee um und überzeugten ihn, das zu machen, was schlussendlich zum P4/5 wurde.

Als Basis diente der brandneue Ferrari Enzo von Glickenhaus. Designer Jason Castriota, der kurz vor der endgültigen Pleite von Saab noch dort anheuerte, übernahm das Styling, Garella und sein Team zauberten daraus einen straßentauglichen Supersportwagen. Der damalige Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo ging zunächst an die Decke, als er erfuhr, dass Pininfarina Ferraris Flaggschiff umdesignte.

Garella: Als Montezemolo das Fahrzeug sah, sagte er: „Okay, ja, ihr könnt das Ferrari-Emblem anbringen, das wird gut für den Ferrari-Mythos sein.“

Bis heute ist der P4/5 laut Garella der einzige Ferrari, der nicht von Ferrari gebaut wurde. Aus dem P4/5 entwickelte sich in Zusammenarbeit mit Glickenhaus ein Supersportwagenprogramm, im Zuge dessen Garella 2014 die Firma Manifattura Automobili Torino, kurz M.A.T., gründete. M.A.T. fertigt im Kundenauftrag Fahrzeuge und hilft bei der Konzeption und Produktion von Kleinserien. Das aktuelle Projekt ist ein vollelektrischer Supersportwagen, der Aspark Owl. Kundenauftrag: ein Auto, das niedriger als ein Meter ist, mit einer extremen Beschleunigung.

Garella: Damals in Brunei hätte ich nie gedacht, dass ich einen vollelektrischen Supersportwagen entwickeln würde. Ehrlich gesagt mache ich all diese Projekte, weil ich gerne Autos fahre, und ich muss sagen, diese Autos mit dieser Technologie zu fahren ist wirklich eine unglaubliche Sache. Der Aspark Owl hat vier Motoren, vier Getriebe, ein Drehmomentverteilungs-System, ESP, alles bei uns entwickelt, der Schwerpunkt liegt tiefer als die Mitte der Räder.

Die Werte des Aspark Owl sind grotesk: Für den Sprint auf 100 km/h benötigt das Auto nur 1,9 Sekunden, für 300 km/h nur 10,6 Sekunden.

Garella: Beim Sprint von 0 auf 100 km/h hast du keine Kontrolle. Ab dem Zeitpunkt, an dem du das Gaspedal drückst, kannst du zählen, eins … zwei … und du bist bei 100 km/h. Um die Leistung verstehen zu können, musst du es 20-mal machen. Ich denke, das ist das Interessante an diesem Auto: Es gibt dir die Möglichkeit, etwas zu fühlen, das kein anderes Auto dir in Bezug auf diese Gefühle geben kann. Das ist es, was ich als Ingenieur und als Mensch interessant finde, etwas Neues auszuprobieren und etwas Neues zu erleben.