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Der Holzhausrekord


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 21.04.2022

Der Holzbau-Pionier

Foto: info@simplexxx.deIm Herbst 2019 denkt Willi Sutter ans Aufgeben. Er will ein achtgeschossiges Haus bauen, das bis auf Keller und Erdgeschoss komplett aus Weißtanne und Fichte besteht. Sogar der Aufzug soll durch einen geleimten Holzschacht sausen. So konsequent und so hoch hat in Deutschland noch niemand mit Holz gebaut.Doch Sutter steht vor einem Problem. Das Freiburger Bauamt zweifelt am Brandschutzkonzept des Gebäudes, es pocht auf Paragrafen. Die Bauordnung schreibt vor, dass die Fassade des 22 Meter hohen Hauses aus Material bestehen muss, das schwer entflammbar ist. Und Holz ist das nicht.Meistens fällt Willi Sutter, Fachmann für historisch denkmalgerechte Sanierungen, irgendwann eine Lösung ein. Doch nun liegt er nachts im Bett und fragt sich: Warum baue ich nicht einfach mit Beton? Das wäre so viel einfacher. Sutter wischt den Gedanken weg.Er hat sich in den ...

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Foto: info@simplexxx.deIm Herbst 2019 denkt Willi Sutter ans Aufgeben. Er will ein achtgeschossiges Haus bauen, das bis auf Keller und Erdgeschoss komplett aus Weißtanne und Fichte besteht. Sogar der Aufzug soll durch einen geleimten Holzschacht sausen. So konsequent und so hoch hat in Deutschland noch niemand mit Holz gebaut.Doch Sutter steht vor einem Problem. Das Freiburger Bauamt zweifelt am Brandschutzkonzept des Gebäudes, es pocht auf Paragrafen. Die Bauordnung schreibt vor, dass die Fassade des 22 Meter hohen Hauses aus Material bestehen muss, das schwer entflammbar ist. Und Holz ist das nicht.Meistens fällt Willi Sutter, Fachmann für historisch denkmalgerechte Sanierungen, irgendwann eine Lösung ein. Doch nun liegt er nachts im Bett und fragt sich: Warum baue ich nicht einfach mit Beton? Das wäre so viel einfacher. Sutter wischt den Gedanken weg.Er hat sich in den Kopf gesetzt, ein Holzhaus für elf Millionen Euro zu bauen. Ein Vorzeigeprojekt, das dem trostlosen Stadtteil Freiburg-Weingarten nachhaltigen Glanz verleihen soll. Ein hölzerner Tupfer in einem Viertel aus Betonblöcken, die in den Siebzigerjahren aus dem Boden gestampft wurden. Architekt ist Jochen Weissenrieder aus Freiburg. 3.150 Holzständer werden das Skelett des Gebäudes bilden. Im Erdgeschoss soll ein Supermarkt einziehen, darüber eine Kita, für die oberen Etagen sind Wohnungen mit bezahlbaren Mieten geplant. Die Stadtverwaltung, die Sutter nun Steine in den Weg legt, hatte ihn zuvor ermutigt, in die Höhe zu gehen.Sutter sieht noch eine Chance. Über das Bauunternehmen Holzbau Kaiser nimmt er Kontakt zu Stefan Winter auf. Der Professor am Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion in München ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Brandforschung. Er sagt: „In der richtigen Konstruktion ist Holz genauso brandsicher wie alle anderen Materialien auch.“ Diese Konstruktion gilt es zu finden. Die Zeit drängt. Während Sutter noch auf die Baugenehmigung wartet, heben die Bauarbeiter schon einmal den Keller aus.Von Betonblöcken umgeben: Bis auf Keller und Erdgeschoss ist das Vorzeigeprojekt aus Weißtanne und Fichte gebaut. Das Skelett des Gebäudes besteht aus 3.150 Holzständern. Für den Brandschutz gab es einen Kompromiss bei der Dämmung und unter der Fassade. Wenn man Willi Sutter fragt, warum er unbedingt mit Holz bauen will, schaut er etwas verdattert, so, als habe er die Frage nicht ganz verstanden. Dann sagt er: „Ich komme aus dem Schwarzwald. Für mich ist Holzbau selbstverständlich.“ Die Aufmerksamkeit, die das Freiburger Projekt erregt, scheint ihm etwas unheimlich zu sein.Holz aus dem Freiburger StadtwaldDoch selbst im Schwarzwald werden die meisten Häuser nicht aus Holz, sondern aus Beton gebaut. Wie in ganz Deutschland, wo 2019 nur 18 Prozent der genehmigten Wohngebäude aus Holz bestanden. Das ist problematisch. Denn um Zement herzustellen, der den Beton wie ein Kleber zusammenhält, braucht es Energie, und zwar extrem viel. Etwa 40 Prozent aller Treibhausgase kommen beim Bauen und Betreiben von Infrastruktur zustande.Der Klimaforscher Hans Joachim Schnellnhuber plädiert für eine organische Architektur. Nachhaltiges Bauen könne entscheidend zur Stabilisierung des Klimas beitragen. Dafür müsste aber auch die Forstwirtschaft so ausgerichtet werden, dass Wälder auf nachhaltige Weise möglichst viel Holz liefern. Das sei möglich, meint Schnellnhuber. Dass es mitunter teuer werden kann, zeigte die Holzpreis-Rallye im vergangenen Jahr.Das achtgeschossige Holzhaus in Freiburg – gefördert mit Mitteln des Holz Innovativ Programm (HIP) Baden-Württemberg – soll 260 Tonnen Kohlendioxid langfristig speichern, so viel wie 170 Pendler im Jahr für ihren Weg zu Arbeit ausstoßen. Der Baustoff kommt aus FSC-zertifizierter Waldwirtschaft, ein großer Teil wurde im Freiburger Stadtwald geschlagen, der Rest kommt aus dem Schwarzwald. „Wenn es nach mir geht, wird das Gebäude länger als 100 Jahre stehen“, sagt Sutter. Alles andere wäre schlecht.Sobald Willi Sutter aus dem Haus geht, setzt er sich eine Schirmmütze auf den Kopf. Vielleicht soll sie seinen Dickschädel verstecken, den ihm Freunde ohne Zögern attestieren. Dass er auch Feinde hat, erklärt sich aus den unzähligen Projekten, die er in seinem Leben schon durchgeboxt hat.Willi Sutter leitet ein Bauplanungsbüro mit knapp dreißig Mitarbeitern. Er rettet alte Schwarzwaldhöfe vor dem Abriss, in dem er sie aufkauft, saniert und dann vermietet. Er steht einer Genossenschaft vor, die Wohnungen für Menschen am Rand der Gesellschaft baut. Und er berät Gemeinden bei der Planung von Baugebieten. Auf dem Klingelschild seines Büros stehen 17 verschiedene Namen von Firmen und Gesellschaften. Mit allen ist er verbandelt.„Wenn es nach mir geht, wird das Gebäude länger als 100 Jahre stehen.“ Willi Sutter Holzbau-Pionier und Leiter eines Bauplanungsbüros Fotos: info@simplexxx.de; Holzbau Bruno Kaiser GmbH, Fotograf Martin Granacher; sutter3 GmbH&Co.KGTraditionelle Bautechniken seien oft nachhaltiger als das, was heute auf Baustellen passiert, sagt Sutter. Sein liebstes Beispiel: die Schwarzwaldhöfe. Die alten, mächtigen Holzhäuser trotzen teils seit 400 Jahren Regen, Schnee und Wind. Schon damals seien die Fenster normiert gewesen, also immer in der gleichen Größe gebaut worden. Wenn ein Fenster ausgetauscht wurde, konnte man die gut erhaltenen Teile, zum Beispiel die Streben, wiederverwenden. Diese Techniken seien in Vergessenheit geraten, sagt Sutter.Die Quelle seiner Faszination für das Ursprüngliche findet man in seiner Kindheit. Willi Sutter ist in einem Häuschen am Waldrand von Titisee im Hochschwarzwald aufgewachsen. Im Garten stand eine große Linde, mit seinem Bruder baute er ein Baumhaus in die Tanne an der Grundstücksgrenze. Doch als der Zehnjährige eines Tages von der Schule nach Hause kam, waren die Bäume gefällt. Seine Eltern hatten ihm von den Plänen für die Ferienwohnungen nichts verraten. „In diesem Moment habe ich ein Stück Heimat verloren“, sagt Sutter. Er beschloss, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.Stimmiges Gesamtkonzept: In dem achtgeschossigen Holzhaus im Freiburger Stadtteil Weingarten befinden sich neben einem Supermarkt auch eine Kita sowie Wohnungen mit bezahlbaren Mieten.Fotos: (2) info@simplexxx.deIn den Achtzigerjahren schwappte eine Abrisswelle durch die Kommunen im Schwarzwald. „Da ist mehr plattgemacht worden als nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Sutter, der damals für die Grünen im Gemeinderat saß und für den Erhalt historischer Gebäude kämpfte. Für viele im Ort war er ein Freak. Doch Sutter redete nicht nur, er packte an.In Neustadt, keine zehn Kilometer von Sutters Elternhaus entfernt, standen damals sieben Häuser leer. Ein paar Linksalternative fragten Willi Sutter, was er von einer Hausbesetzung halte. Sutter fand die Idee gut und riet, das ehemalige Kapuzinerkloster, im Volksmund Klösterle, gleich neben der Hauptstraße, zu besetzen. Das Gebäude war eines der ältesten im Ort, doch es sollte abgerissen werden.Am 6. Juli 1987 zogen elf Männer und Frauen ein. Wenige Stunden später stand der Bürgermeister mit der Polizei vor Tür. Willi Sutter setzte sich für die Besetzer ein. Er gründete die Interessengemeinschaft (IG) Klösterle und verhandelte mit der Volksbank, der das Haus gehörte. Die Hausbesetzer verteilten Flugblätter, auf denen sie versicherten, keine Chaoten zu sein, sondern das schützenswerte Haus erhalten zu wollen. Erst erhielten sie Mietverträge, dann kaufte die IG das ganze Haus. Die Gruppe engagierte einen Bauhistoriker, der rekonstruierte, wie das Gebäude im Jahr 1830 ausgesehen hatte, und machte sich an die Arbeit.Kompromiss rettet Sutters PlanDer Umbau dauerte drei Jahre. Als das Klösterle fertig war, wandte sich die IG dem nächsten Haus zu. Einen Schwarzwaldhof bauten Sutter und seine Mitstreiter ab, Balken für Balken, um ihn zwei Täler weiter wieder aufzubauen. So konnten sie verhindern, dass er abgerissen wird. Mittlerweile sind es 30 bis 35 Gebäude, so genau weiß Sutter das nicht, die er renoviert hat. Damit setzt er seit Jahrzehnten um, was seit neuestem Schnellnhuber fordert: ökologische Sanierung von Altbausubstanz.Die Unterstützer des Hausbesetzer-Kollektivs agieren nun als Bauherr des achtstöckigen Holzhauses in Freiburg-Weingarten. Und Sutters Plan ist am Ende aufgegangen. Das Freiburger Bauamt erteilte die Genehmigung, nachdem Stefan Winter, der Holzbau-Professor, vorgeschlagen hatte, nicht brennbare Gipsplatten unter die Holzfassade zu setzen. Außerdem verzichtete Sutter auf die geplante Holzfaserdämmung und ließ Steinwolle einbauen. Manchmal, sagt Willi Sutter, müsse man eben Kompromisse machen. Im Oktober 2021 sind die ersten Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen.

Im Herbst 2019 denkt Willi Sutter ans Aufgeben. Er will ein achtgeschossiges Haus bauen, das bis auf Keller und Erdgeschoss komplett aus Weißtanne und Fichte besteht. Sogar der Aufzug soll durch einen geleimten Holzschacht sausen. So konsequent und so hoch hat in Deutschland noch niemand mit Holz gebaut.

Doch Sutter steht vor einem Problem. Das Freiburger Bauamt zweifelt am Brandschutzkonzept des Gebäudes, es pocht auf Paragrafen. Die Bauordnung schreibt vor, dass die Fassade des 22 Meter hohen Hauses aus Material bestehen muss, das schwer entflammbar ist. Und Holz ist das nicht.

Meistens fällt Willi Sutter, Fachmann für historisch denkmalgerechte Sanierungen, irgendwann eine Lösung ein. Doch nun liegt er nachts im Bett und fragt sich: Warum baue ich nicht einfach mit Beton? Das wäre so viel einfacher. Sutter wischt den Gedanken weg.

Er hat sich in den Kopf gesetzt, ein Holzhaus für elf Millionen Euro zu bauen. Ein Vorzeigeprojekt, das dem trostlosen Stadtteil Freiburg-Weingarten nachhaltigen Glanz verleihen soll. Ein hölzerner Tupfer in einem Viertel aus Betonblöcken, die in den Siebzigerjahren aus dem Boden gestampft wurden. Architekt ist Jochen Weissenrieder aus Freiburg. 3.150 Holzständer werden das Skelett des Gebäudes bilden. Im Erdgeschoss soll ein Supermarkt einziehen, darüber eine Kita, für die oberen Etagen sind Wohnungen mit bezahlbaren Mieten geplant. Die Stadtverwaltung, die Sutter nun Steine in den Weg legt, hatte ihn zuvor ermutigt, in die Höhe zu gehen.

Sutter sieht noch eine Chance. Über das Bauunternehmen Holzbau Kaiser nimmt er Kontakt zu Stefan Winter auf. Der Professor am Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion in München ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Brandforschung. Er sagt: „In der richtigen Konstruktion ist Holz genauso brandsicher wie alle anderen Materialien auch.“ Diese Konstruktion gilt es zu finden. Die Zeit drängt. Während Sutter noch auf die Baugenehmigung wartet, heben die Bauarbeiter schon einmal den Keller aus.

Wenn man Willi Sutter fragt, warum er unbedingt mit Holz bauen will, schaut er etwas verdattert, so, als habe er die Frage nicht ganz verstanden. Dann sagt er: „Ich komme aus dem Schwarzwald. Für mich ist Holzbau selbstverständlich.“ Die Aufmerksamkeit, die das Freiburger Projekt erregt, scheint ihm etwas unheimlich zu sein.

Holz aus dem Freiburger Stadtwald

Doch selbst im Schwarzwald werden die meisten Häuser nicht aus Holz, sondern aus Beton gebaut. Wie in ganz Deutschland, wo 2019 nur 18 Prozent der genehmigten Wohngebäude aus Holz bestanden. Das ist problematisch. Denn um Zement herzustellen, der den Beton wie ein Kleber zusammenhält, braucht es Energie, und zwar extrem viel. Etwa 40 Prozent aller Treibhausgase kommen beim Bauen und Betreiben von Infrastruktur zustande.

Der Klimaforscher Hans Joachim Schnellnhuber plädiert für eine organische Architektur. Nachhaltiges Bauen könne entscheidend zur Stabilisierung des Klimas beitragen. Dafür müsste aber auch die Forstwirtschaft so ausgerichtet werden, dass Wälder auf nachhaltige Weise möglichst viel Holz liefern. Das sei möglich, meint Schnellnhuber. Dass es mitunter teuer werden kann, zeigte die Holzpreis-Rallye im vergangenen Jahr.

Das achtgeschossige Holzhaus in Freiburg – gefördert mit Mitteln des Holz Innovativ Programm (HIP) Baden-Württemberg – soll 260 Tonnen Kohlendioxid langfristig speichern, so viel wie 170 Pendler im Jahr für ihren Weg zu Arbeit ausstoßen. Der Baustoff kommt aus FSC-zertifizierter Waldwirtschaft, ein großer Teil wurde im Freiburger Stadtwald geschlagen, der Rest kommt aus dem Schwarzwald. „Wenn es nach mir geht, wird das Gebäude länger als 100 Jahre stehen“, sagt Sutter. Alles andere wäre schlecht.

Sobald Willi Sutter aus dem Haus geht, setzt er sich eine Schirmmütze auf den Kopf. Vielleicht soll sie seinen Dickschädel verstecken, den ihm Freunde ohne Zögern attestieren. Dass er auch Feinde hat, erklärt sich aus den unzähligen Projekten, die er in seinem Leben schon durchgeboxt hat.

Willi Sutter leitet ein Bauplanungsbüro mit knapp dreißig Mitarbeitern. Er rettet alte Schwarzwaldhöfe vor dem Abriss, in dem er sie aufkauft, saniert und dann vermietet. Er steht einer Genossenschaft vor, die Wohnungen für Menschen am Rand der Gesellschaft baut. Und er berät Gemeinden bei der Planung von Baugebieten. Auf dem Klingelschild seines Büros stehen 17 verschiedene Namen von Firmen und Gesellschaften. Mit allen ist er verbandelt.

„Wenn es nach mir geht, wird das Gebäude länger als 100 Jahre stehen.“

Willi Sutter Holzbau-Pionier und Leiter eines Bauplanungsbüros

Traditionelle Bautechniken seien oft nachhaltiger als das, was heute auf Baustellen passiert, sagt Sutter. Sein liebstes Beispiel: die Schwarzwaldhöfe. Die alten, mächtigen Holzhäuser trotzen teils seit 400 Jahren Regen, Schnee und Wind. Schon damals seien die Fenster normiert gewesen, also immer in der gleichen Größe gebaut worden. Wenn ein Fenster ausgetauscht wurde, konnte man die gut erhaltenen Teile, zum Beispiel die Streben, wiederverwenden. Diese Techniken seien in Vergessenheit geraten, sagt Sutter.

Die Quelle seiner Faszination für das Ursprüngliche findet man in seiner Kindheit. Willi Sutter ist in einem Häuschen am Waldrand von Titisee im Hochschwarzwald aufgewachsen. Im Garten stand eine große Linde, mit seinem Bruder baute er ein Baumhaus in die Tanne an der Grundstücksgrenze. Doch als der Zehnjährige eines Tages von der Schule nach Hause kam, waren die Bäume gefällt. Seine Eltern hatten ihm von den Plänen für die Ferienwohnungen nichts verraten. „In diesem Moment habe ich ein Stück Heimat verloren“, sagt Sutter. Er beschloss, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

In den Achtzigerjahren schwappte eine Abrisswelle durch die Kommunen im Schwarzwald. „Da ist mehr plattgemacht worden als nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Sutter, der damals für die Grünen im Gemeinderat saß und für den Erhalt historischer Gebäude kämpfte. Für viele im Ort war er ein Freak. Doch Sutter redete nicht nur, er packte an.

In Neustadt, keine zehn Kilometer von Sutters Elternhaus entfernt, standen damals sieben Häuser leer. Ein paar Linksalternative fragten Willi Sutter, was er von einer Hausbesetzung halte. Sutter fand die Idee gut und riet, das ehemalige Kapuzinerkloster, im Volksmund Klösterle, gleich neben der Hauptstraße, zu besetzen. Das Gebäude war eines der ältesten im Ort, doch es sollte abgerissen werden.

Am 6. Juli 1987 zogen elf Männer und Frauen ein. Wenige Stunden später stand der Bürgermeister mit der Polizei vor Tür. Willi Sutter setzte sich für die Besetzer ein. Er gründete die Interessengemeinschaft (IG) Klösterle und verhandelte mit der Volksbank, der das Haus gehörte. Die Hausbesetzer verteilten Flugblätter, auf denen sie versicherten, keine Chaoten zu sein, sondern das schützenswerte Haus erhalten zu wollen. Erst erhielten sie Mietverträge, dann kaufte die IG das ganze Haus. Die Gruppe engagierte einen Bauhistoriker, der rekonstruierte, wie das Gebäude im Jahr 1830 ausgesehen hatte, und machte sich an die Arbeit.

Kompromiss rettet Sutters Plan

Der Umbau dauerte drei Jahre. Als das Klösterle fertig war, wandte sich die IG dem nächsten Haus zu. Einen Schwarzwaldhof bauten Sutter und seine Mitstreiter ab, Balken für Balken, um ihn zwei Täler weiter wieder aufzubauen. So konnten sie verhindern, dass er abgerissen wird. Mittlerweile sind es 30 bis 35 Gebäude, so genau weiß Sutter das nicht, die er renoviert hat. Damit setzt er seit Jahrzehnten um, was seit neuestem Schnellnhuber fordert: ökologische Sanierung von Altbausubstanz.

Die Unterstützer des Hausbesetzer-Kollektivs agieren nun als Bauherr des achtstöckigen Holzhauses in Freiburg-Weingarten. Und Sutters Plan ist am Ende aufgegangen. Das Freiburger Bauamt erteilte die Genehmigung, nachdem Stefan Winter, der Holzbau-Professor, vorgeschlagen hatte, nicht brennbare Gipsplatten unter die Holzfassade zu setzen. Außerdem verzichtete Sutter auf die geplante Holzfaserdämmung und ließ Steinwolle einbauen. Manchmal, sagt Willi Sutter, müsse man eben Kompromisse machen. Im Oktober 2021 sind die ersten Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen.