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Der Integrationsdiskurs in der Sarrazin-Debatte: Die Folgen für die Subjektivität von Migrantinnen und Migranten


Migration und Soziale Arbeit - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 02.05.2019

Die durch das Buch von Thilo Sarrazin (2010) „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ in Gang gesetzte Integrationsdebatte war in den Jahren 2009 und 2010 wochenlang in Medienberichten und Talkshows präsent. Im Mittelpunkt der regen Debatte standen die Thesen der „Integrationsunfähigkeit“ und „Integrationsunwilligkeit“ insbesondere der muslimischen – wenn auch nicht nur – migrantischen Population. Mit dem Konzept der „Integrationsverweigerung“ wurden Migrantinnen und Migranten als Integrationsakteure konstruiert, die willig oder unwillig sind, sich zu integrieren (Sponholz ...

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Die durch das Buch von Thilo Sarrazin (2010) „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ in Gang gesetzte Integrationsdebatte war in den Jahren 2009 und 2010 wochenlang in Medienberichten und Talkshows präsent. Im Mittelpunkt der regen Debatte standen die Thesen der „Integrationsunfähigkeit“ und „Integrationsunwilligkeit“ insbesondere der muslimischen – wenn auch nicht nur – migrantischen Population. Mit dem Konzept der „Integrationsverweigerung“ wurden Migrantinnen und Migranten als Integrationsakteure konstruiert, die willig oder unwillig sind, sich zu integrieren (Sponholz 2013), und somit allein verantwortlich für den Erfolg oder Misserfolg des Integrationsprojekts sind. Die Gewährung des Aufenthaltsrechts wurde damit zu einer Leistung (ebd.), die eine Gegenleistung, nämlich die erfolgreiche Integrationsanstrengung der Migrantinnen und Migranten, erfordert. Bei Nicht-Erbringung der Integrationsleistung sollten Sanktionen vorgesehen werden, wie der Entzug oder die Einschränkung des Aufenthaltsrechts oder die Kürzung von sozialen Leistungen (Kontos 2014). Ein Argument von Sarrazin war, dass eine positive wirtschaftliche Funktion der „Gastarbeiter“-Beschäfti- gung nur mit der Verwirklichung ihrer Rotation zu erreichen wäre. Dadurch wurde der Integrationsdiskurs nicht nur zu einem Sank- tions-, sondern auch zu einem Exterritorialisierungsdiskurs.
Forschungen über frühere öffentliche Integrationsdebatten haben bereits nachgewiesen, dass diese erhebliche Auswirkungen auf die Subjektivität migrantischer Rezipientinnen und Rezipienten haben. Eder et al. (2004) gehen davon aus, dass „der öffentliche Diskurs (…) das Medium (ist), in dem die symbolisch bestimmte Differenz zwischen dem Eigenen und dem Anderen geschaffen und reproduziert wird“ (ebd.: 74). Rauer und Schmidkte bestätigen, dass von der „gesellschaftlichen Debatte um Integration selbst soziale und politische Effekte auf die Struktur der Beziehung zwischen Mehrheits- und Minderheitsgruppen ausgehen“ (Rauer/Schmidkte 2001: 278). Migrantinnen und Migranten nähmen einen assimilativen Druck seitens der Medien wahr, obgleich dieser Druck „in den Medien nicht explizit zu finden ist“ (ebd.: 289). Die Verfasser gehen deswegen von nicht expliziten Effekten medial repräsentierter Muster aus. Diese werden in der vormedialen Sphäre der Vieldeutigkeit des Integrationsbegriffes vermutet, der Identitätsforderungen enthält und eine bewertete kulturelle Differenz „wir/sie“ thematisiert. „Ein bezüglich seiner implizit identitären Geltungsansprüche blinder Integrationsbegriff scheint in paradoxer Weise Konflikte hervorzubringen, deren Vermeidung die reklamierte Intention des Konzepts ist“ (ebd.: 290). Dies entspringt aus der Wirkung eines diskursiv „nicht gesagten“, jedoch in der Strukturlogik des Integrationskonzeptes eingebetteten Musters. Die Analyse der Medieninhalte allein ist demnach nicht in der Lage, die identitätsstiftenden Effekte des Diskurses offenzulegen. Notwendig sind Analysen der narrativ dargelegten Wahrnehmung der Migrantinnen und Migranten selbst und die Aufmerksamkeit für die Wirkungen des „nicht Gesagten, aber Gemeinten“. Narrativ verfahrende empirische Forschungen haben diese Hypothese bestätigt. So ist Schram- kowski (2007) zu dem Ergebnis gekommen, dass das Integrationskonzept als ausgrenzendes Trennungskonstrukt und Bestandteil von „alltagsrassistischen“ Handlungen erfahren wird. Die Frage der Wirkung der Sarrazin-Debatte auf die Subjektivität migrantischer Rezipientinnen und Rezipienten, die sich angesichts der Sanktions-und Exterritorialisierungselemente des Diskurses aufdrängt, wurde bis jetzt jedoch nicht ausreichend beleuchtet.

Ausgehend von biografietheoretischen Überlegungen ist anzunehmen, dass als Folge der das Selbstbild schädigenden negativen medialen Bilder des Selbst, die als Missachtung erfahren werden, beim rezipierenden mig-rantischen Subjekt Reparaturarbeit in Form vonbiografischer (Fischer-Rosenthal 2000)und normativer Arbeit (Dubet 2008) in Gang gesetzt wird. Im Rahmen des DFG-Projektes „Bedeutung des öffentlichen Integrationsdiskurses für das Selbstverständnis, die Selbstpositionierung und das Integrationshandeln von Migrantinnen und Migranten. Eine biographieanalytische Untersuchung“ bin ich dieser Frage mittels Einsatzes des autobiografisch narrativen Interviews nachgegangen. Im Folgenden werden aus Platzgründen nur ergebnisorientiert, Teile der sequenziellen Analyse des Interviews mit Herrn Önder A. (Name anonymisiert), einem Delikatessenladenbetreiber aus der Türkei, vorgestellt. Zuerst präsentiere ich eine Interviewpassage, in der der Interviewpartner sein differenziertes Verständnis von Integrationsnormalität und die Integrationsprobleme unter dem Aspekt eines geschichtlichen Arguments und seiner normativen Perspektiven darlegt. In der zweiten vorgestellten Passage macht der Interviewpartner den erfahrenen Normalitätsbruch durch die Integrationsdebatte deutlich. In der dritten Passage wird sein Bemühen sichtbar, den Angriff auf die Integrationsnormalität zu bewältigen und die Integrationskrise zu entschärfen. Schließlich bespreche ich die Verallgemeinerbarkeit der hier vorgelegten Analyse.

Der Fall Önder A.: Die Integrationsdebatte als Bruch der Integrationsnormalität

Önder ist 52 Jahre alt, ledig, der älteste von drei Brüdern einer Bauernfamilie aus der Nord-Ost-Türkei. Er ist mit 13 Jahren nach Deutschland zu seinem Vater, der zuvor als Gastarbeiter angeworben worden war, gekommen. Er hat die Hauptschule absolviert und eine Metzgerlehre abgeschlossen. Der Vater konnte sich bald mit einem Lebensmittelgeschäft selbständig machen und dem Sohn helfen, ein Delikatessengeschäft zu eröffnen. Seit etwa zehn Jahren besitzt Önder die deutsche Staatsbürgerschaft.
Die Haupterzählung ist knapp und fokussiert auf seine Zufriedenheit mit dem Leben in Deutschland, aber auch auf seine Sehnsucht nach der im Herkunftsland zurückgebliebenen Restfamilie. Önder hat keine Schwierigkeiten, über die Integrationsdebatte zu reden, und hat sich über eine längere Argumentationssequenz zu dieser Frage positioniert. Er legt darin seine Reflexion über die durch die Integrationsdebatte hervorgerufene Integrationskrise, deren Ursachen und normative Dimensionen dar.

„Die erste Generation, die haben nicht Kopf gehabt, irgendwas zu lernen. Es gab nur Arbeit. Deutschland war in der Nachkriegszeit und brauchte (Arbeitskräfte) zum Aufbauen. Sie hatten die Idee gehabt, nur arbeiten, das heißt arbeiten und Geld verdienen. Und die Deutschen haben auch nicht Gedanken gemacht, wie können wir die Ausländer integrieren. Und später sind es immer mehr geworden. (Pause) Dann haben sie die Idee bekommen, alleine geht es nicht, dann haben sie die Familie geholt und die Kinder. Dann sagt er (der Vater, M.K.), okay brauchst nicht so viel Beruf lernen, du kannst in meine Firma reingehen, am Band arbeiten. So hat es sich entwickelt. Später dann die zweite Generation. Wir sind jetzt die dritte Generation. Wir haben uns integriert. Aber die erste Generation haben sich nicht integriert, aber die waren korrekte Menschen gewesen. Das heißt, die haben Deutschland respektiert und die wissen, was Arbeit ist. Und die haben auch die Deutschen respektiert. Und die jüngere Generation, die haben sich integriert, aber die sind auch genauso wie die Deutschen geworden, das heißt die Kultur ist irgendwie verloren gegangen. Okay es gibt so Ausnahmen, die älteren Frauen oder ältere Menschen, die zurückgeblieben sind. Also das heißt sie sind mit Kopftuch und das und das. Aber sonst war das eigentlich alles okay. Nur wegen Kopftuch haben die uns gestempelt, also das heißt die haben nicht geguckt, was im Kopf drin ist, wie die Menschen sind und das, das, das. Und deswegen war das so.“

Bei der Gestaltung seines Argumentes rekonstruiert Önder die neuereMigrationsgeschichte . Er fängt mit der Feststellung an, dass die Mi- granten1 der ersten Generation nicht an Bildung gedacht haben, sondern vornehmlich an dasArbeiten. Dies war auf die gesellschaftlichen Erfordernisse jener Zeit zurückzuführen: Deutschland musste nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Er legt die Verantwortung für dieIntegrationsproblematik auf beide Seiten, auf die der Migrantinnen und Migranten, die sich nur auf das Arbeiten und Geldverdienen konzentrierten, und auf die der Gesellschaft, die die Zukunft nicht vorausgesehen und keine Integrationspolitik entwickelt hat. Als nächstes wendet er sich der Entwicklung des Ausmaßes der Zuwanderung zu: „Später….ist immer mehr geworden“ und erklärt, warum die migrantische Population größer geworden ist. Die ohne ihre Familien und zunächst für eine befristete Zeit hier arbeitenden Migranten haben mit der Zeit gemerkt, dass ohne die Familie kein gutes Leben zu leben ist („alleine geht es nicht“) und haben deswegen im Zuge des Rechtes auf Familienzusammenführung ihre Frauen und Kinder nachkommen lassen. Mit diesen Ausführungen belegt er dieLegitimität derTransformation der Migrantenpopulation von einer Population von Arbeitskräften ohne Familien, die fest plant, das Land nach einigen Jahren wieder zu verlassen, in eine Population, die langfristig in Deutschland bleibt und durch Familienzusammenführung wächst. Die quantitative Entwicklung der Zuwanderung und derUmschlag von der rotierenden zur sesshaften Population ist also Teil seiner Reflexion über die Situation von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, und er legt Wert darauf zu begründen, dass diese Transformation dem berechtigten Anliegen der männlichen Migranten, das Leben zusammen mit der eigenen Familie zu leben, entsprochen hat. Er fährt fort mit der Bildungssituation der hinzugekommenen Kinder, die nicht unterstützt worden sind, einen Beruf zu erlernen, sondern von den Vätern angehalten wurden, auch in der Fabrik am Band arbeiten zu gehen. Er beendet die Sequenz über die Geschichte der Migration mit einer Zusammenfassung:„So hat sich das entwickelt“ und mit der Feststellung, dass weitere Generationen von Migrantinnen und Migranten jetzt in Deutschland leben. Er scheint damit die Gründe darlegen zu wollen, warum die Gastarbeiter-Migration zur Sesshaftigkeit der migranti-schen Population und deren Bildungsabstinenz zur Unterschichtung der Gesellschaft geführt haben. Diese Sinnstiftungsarbeit ist gekoppelt an seine normative Arbeit, das heißt an die Begründung der Legitimität des Anliegens der Gastarbeiter, mit ihren Familien zu leben.
Die Bilanzierung der Integrationssituation der eigenen ethnischen Gruppe fällt differenziert aus. Generell habe Integration stattgefunden („Wir haben uns integriert“). Er setzt jedoch fort mit der Relativierung dieser Verallgemeinerung. Die Erste-Generation-Migranten hätten sich nicht integriert, doch sie seien „korrekte Menschen“, sie seien arbeitsam („sie wissen was Arbeit ist“) und hätten eine positive Haltung gegenüber Deutschland und den Deutschen. Im Begriff „Respekt“ schwingt die Akzeptanz eines hierarchischen Verhältnisses mit, nämlich die Anerkennung der Superiorität der Position des „Gastgebers“ dem „Gast“-Arbeiter gegenüber. In seiner Reflexion entwickelt sich also der Integrationsmodus der ersten Generation um die harte Arbeit, die moralische Integrität und die Akzeptanz der untergeordneten Position. Die Assimilationstendenzen der zweiten Generation („wie die Deutschen geworden“) werden mit Kritik bedacht und, implizit, einer Art„richtiger“ Integration, die die Verbundenheit zur Herkunftskultur aufrechterhält, gegenübergestellt. Er zählt dann „Ausnahmen“ der Integration auf: die Verbundenheit der älteren Männer mit der Türkei, die traditionelle Erscheinungsweise der Frauen mit Kopftuch. Seine abschließende Bilanzierung ist zwar positiv („Aber sonst war das eigentlich alles okay“), jedoch sieht er die ethnische Gruppe wegen des Kopftuchs einer unbegründeten Stigmatisierung („gestempelt“) ausgesetzt. Die Gesellschaft würde nicht sehen, was „im Kopf drinnen“ ist. Somit gibt er hier einen ersten vorsichtigen Hinweis auf fremdenfeindliche und trennende Haltungen in der Mehrheitsgesellschaft.

Seine Einschätzungen des Verhältnisses der Migrantinnen und Migranten zur Mehrheitsgesellschaft schwanken damit zwischen integriert und weniger integriert, und intuitiv scheint er zu erkennen, dass esunterschiedliche Modi der Integration gibt, und diese zu leben, eine Frage des Standpunkts gegenüber der Herkunftskultur ist. Die „Alten“ haben sich durch ihre Arbeit integriert, sind aber auch ihrer Kultur verbunden geblieben. Die Jungen sind sprachlich und arbeitsmäßig integriert, haben aber gleichzeitig die Kultur des Herkunftslandes verlassen.
Er konstruiert damit einen spezifischenIntegrationsmodus, der bei Eingliederung der Migranten in die Arbeitsweltdie Beibehaltung der kulturellen Identität zulässt. Dieser positive, aber aufgrund der Kulturdifferenz „schwache“ Integrationsbegriff bildet sich jedoch in der Vergangenheit bei der ersten Migrantengeneration ab.Integrationsnormalität – unter Beibehaltung der eigenen Kultur – wird auf die Vergangenheit projiziert. Als Probleme der Integrationsverwirklichung zählt er die anfängliche Bildungsferne der Zugewanderten, die fehlende Integrationspolitik und die Weigerung der Gesellschaft, die Freiheit des Kopftuchtragens anzuerkennen, auf. Er schließt seinen Verweis auf die Geschichte mit dem Bezug auf die Bedingungen derIntensivierung der türkenfeindlichen Haltung en. Er sagt:

„Und jetzt auch zu viel türkische Leute, ungefähr 3 1/2 Millionen und dann die sind irgendwie ein bisschen eifersüchtig geworden. Da haben die dann angefangen, Türken hin, Türken her. (…) Und sogar, wie ich gelesen habe, das Volk wollte (…) jeden zweite abschieben. Es gehört überhaupt nicht zu Demokratie und auch nicht zur Menschheit. Die haben diese Menschen ausgenutzt, die Jugend genommen und einfach, jetzt bin ich satt, auf Wiedersehen, tschüss. Das heißt, ich hab dich gebraucht, du hast meine Arbeit gemacht, hast dafür ein bisschen was bekommen, aber okay deine Gesundheit genommen, das genommen, das genommen und sagt okay, jetzt kannst du gehen. Und das wollten wir nicht akzeptieren und dann haben wir gekämpft (…) das heißt, dass wir auch Rechte haben, in Deutschland zu bleiben. Alle Menschen kämpfen, das heißt jeder Mensch im Alltag. Und dann sagt er, also ist Rentner und sagt, was hab ich in der Türkei zu tun. Ich hab 40 Jahre hier gelebt und 20 Jahre in der Türkei gelebt. Meine Heimat ist hier und er will auch nicht weggehen, weil seine Familie ist hier, Enkelkinder auch, wie kann ich denn in der Türkei dann leben. In der Türkei ist er auch fremd dann.“

Önder rekonstruiert den im Zuge der Entfaltung der Integrationsdebatte sich aufbauenden Normalitätsbruch. Dabei kommt er zurück auf die zuvor in ihren Ursprüngen diskutierte Größe der ethnischen Gruppe als Ursache für die Integrationskrise. Die Zahl der Türken sei gestiegen, was zur Beunruhigung der Deutschen („bisschen eifersüchtig“) führt. Mit Entsetzen bezieht er sich auf Umfrageergebnisse, die Mehrheit des„Volkes“ würde sich für die Exterritorialisierung, nämlich die Ausweisung der Hälfte der türkischen Bevölkerung aussprechen. Der Begriff „Volk“ zeigt die Verbreitung und die Ernsthaftigkeit der Meinungen. Damit wird die Delegitimierung des Aufenthaltes der Migrantinnen und Migranten als im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung verankert erkannt.

Die dadurch verursachte Kränkung wird mitnormativer Arbeit beantwortet. So etwas „gehöre nicht zur Demokratie“ und nicht zu einer humanen Gesellschaft. Die dahinterstehende Ausnutzung wird auf die Formel gebracht: Sie sind verbraucht worden, ihnen wurde die Jugend geraubt, jetzt braucht sie der „deutsche Andere“ nicht; er hat seine Bedürfnisse nach billigen Arbeitskräften befriedigt, jetzt kann er sich von ihnen verabschieden. Önder umreißt somit einenimpliziten Vertrag von gegenseitiger Willenserklärungen und Versprechen, sich an die vereinbarten Regeln zu halten (Ballerstrem 1986): Die „Gastarbeiter“ auf der einen Seite haben ihre Arbeit angeboten und Deutschland nach dem Krieg wieder mit aufgebaut, die Erwartung dafür war auf der anderen Seite der sichere Aufenthalt in Deutschland und die Teilhabe an dem geschaffenen Wohlstand. Gerade dieser implizite Vertrag wird nun von der deutschen Gesellschaft gekündigt. Der Vertrag repräsentiert den gerechten Tausch und die Reziprozitätsnorm, der Vertragsbruch die Ungerechtigkeit. Önder beklagt die unmoralische Haltung des Vertragspartners, der den Vertrag bricht, sobald die Leistung der anderen Seite nicht mehr benötigt wird:„Jetzt bin ich satt, auf Wiedersehen “. Dem stellt er die große Aufopferung der Migranten in ihrem Einsatz für die deutsche Wirtschaft gegenüber. Er interpretiert die Delegitimierung des Aufenthaltes als Vertragsbruch und leistet normative Arbeit in Bezug auf die eindeutige Ungerechtigkeit dieser Delegitimierung. Er erkennt im Diskurs das Phantasma (Saclec 1994) der Exterritorialisierung der migrantischen Population, was unterschwellig im Integrationsdiskurs mitschwingt und bereits in der ursprünglichen Idee der Rotation der Gastarbeiter enthalten war.Das Phantasma des Diskurses organisiert sich also um die Infragestellung der Legitimität des Aufenthaltes und nicht um die Entwertung der Kultur, wie die Kritik am Integrationsdiskurs vielfach annimmt.

Durch den Vertragsbruch wird dasVertrauen des migrantischen Subjektes in die Integrität der Mehrheitsgesellschaft beschädigt. Der letzte Satz verweist auf die daran anknüpfende biografische Arbeit: Er positioniert sich im Kontext des (kämpfenden) migrantischen Kollektivs und definiert sein Verhältnis zur Gesellschaft alsKampf neu. Dem Integrationsmodus des Vertrags und des Vertrauens folgt derIntegrationsmodus des Kampfes. Durch denKampf gilt es, dasRecht der Migrantenauf Präsenz zu stärken. Er argumentiert dabei jedoch nicht aus der Position der Schwäche, sondern demonstriert durch den Hinweis auf die wachsende Zahl der Migrantinnen und Migranten Stärke, die den Kampf entscheiden könnte. Er schließt mit Überlegungen zursozialen Ungerechtigkeit im Umgang mit den Migranten, nämlich, diese erst auszunutzen und dannwegzuschicken . Der im öffentlichen Integrationsdiskurs zum Ausdruck kommende Ausschluss wird also in der Infragestellung der Legitimität des Aufenthaltes gesehen. Diese Legitimität speist sich jedoch aus der langjährigen Präsenz der Migrantinnen und Migranten, dem Heranwachsen der Generationen und dem Recht auf Familienleben. Die Antwort der Migranten auf diese Ungerechtigkeit ist folglich derKampf, wobei er diesen Kampf im Bleiben, also im Nicht-das-Feld-Räu-men, sieht.
Auf die Frage der Interviewerin, ob die Debatte über das Sarrazin-Buch ein Thema in der Alltagsinteraktion gewesen sei, antwortet Önder etwas überrascht und verlegen.

„Also, wir haben mal kurz geredet, also man nimmt es schon ernst, aber man ist irgendwie auch einen Teil verletzt. Man denkt schön, Deutschland wunderbar, da gings mir gut. Dann kommt so ein Thema, dann ist man irgendwie so …. das Herz ist …. das Gefühl wird so missbraucht und so Sachen. Aber man geht wieder weiter, das heißt nimmt man ihn nicht so ernst. Ist verletzend, aber man nimmt nicht so ernst. Das sind idiotischen Gedanken und dann kann man sagen hier, wir sind in Europa, wir sind in Deutschland, wir sind integriert, wir haben Geschäfte zusammen, die können nicht auf einmal wegen eines blödsinnigen Mensch da alles kaputt machen lassen. Also das geht nicht. Kann nicht gehen so was.“

Önder erwähnt als erstes, dass das Thema der Sarrazin-Debatte in der Alltagsinteraktion eher vermieden wurde („wir haben mal kurz geredet“), jedoch allen bewusst sei, dass das Thema Gefahren berge („ernst“). Gleichzeitig expliziert er seine Verletzung durch den Integrationsdiskurs, weil das Leben plötzlich als auf eine Illusion gebaut erscheine:„Man denkt schön, Deutschland wunderbar, da ging es mir gut. Dann kommt so ein Thema“. Die Debatte bricht unerwartet in ein Feld von Zufriedenheit und Annahmen von Akzeptanz und Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft ein, also in die gelebte Integrationsnormalität. Der Redefluss wird hier unterbrochen und zeigt die emotionale Betroffenheit„Dann kommt so ein Thema, dann ist man irgendwie so …. das Herz ist…. das Gefühl wird so missbraucht “. Das„Herz“ steht für die emotionale Bedeutung des Erlebens und die Idee des„Missbrauchs“ zeigt, wie sehr sich die Erfahrung der öffentlichen Integrationsdebatte gegen das intuitive Gerechtigkeitsempfinden wendet. Dennoch scheint er seine Gefühle wieder zusammenhalten zu können. Jetzt widerspricht er der Reflexion am Anfang, spielt die Bedeutung der Erfahrung herunter („man nimmt ihn nicht so ernst“) und bestätigt die Koexistenz der Verletzung mit der Strategie des Ausb-lendens. Er beendet seine Argumentation mit der selbstbewussten Bestätigung: „Wirsind integriert “. Diese Integration führt er zum einen auf historisch gewachsene gesetzliche Regelungen, nämlich die EU-Regelungen und die deutsche Gesetzgebung, und zum anderen auf die Kooperation auf dem Markt („wir machen Geschäfte zusammen“) zurück. Damit zeigt er, dass er sich selbst als Angriffsobjekt des Integrationsdiskurses erkennt. Die Kooperation auf dem Markt scheint eine starke Bindung herzustellen und zu bestätigen, dass die Zugewanderten, insbesondere die selbständig Erwerbstätigen, dazugehören. Der Markt setzt Vertrauen zueinander voraus und stellt dieses her, er wird zu einer Art „Zement der Gesellschaft“ (Elster 1995), was die soziale Integration stärkt. Die marktvermittelte soziale Integration (Beckert 2009) sei zu stark, als dass sie von einem„blödsinnigen Mensch “ kaputt zu machen wäre. Er bestätigt „dasgeht nicht“, und um die starke Aussage zu korrigieren, relativiert er die Überlegungen über kommende Gefahren der Ausgrenzung mit der Feststellung:„(es) kann nicht gehen so was “. Indem er die Integrationsdebatte personalisiert („blödsinniger Mensch“), verweist er auf die Unglaubwürdigkeit der Sarrazin-Thesen, und gleichzeitig kann er den erlittenen Angriff als nur von einer Person und nicht von der Mehrheitsgesellschaft insgesamt ausgehend, relativieren.

Zusammenfassung

Ziel dieses Beitrages war es, mit Hilfe der rekonstruktiven Methode die Verarbeitung durch migrantische Subjekte der öffentlichen Integrationsdebatte um das Sarrazin-Buch zu beleuchten. Der hier vorgestellte Fall des Delikatessenladenbesitzers Önder, der aus der Türkei zugewandert ist, präsentiert einen typische Züge tragenden Verarbeitungsverlauf der Integrationsdebatte. Die Analyse des Interviews zeigte, dass die neuere öffentliche Integrationsdebatte und der darin entfaltete Integrationsdiskurs als Missachtung und als Bruch der bis dahin gelebten Integrationsnormalität erfahren wurden. Das Verhältnis zwischen türkischen Migrantinnen und Migranten und der Mehrheitsgesellschaft wurde bis zu diesem Zeitpunkt zwar als von verschiedenen Stigmatisierungen, aber auch von kurzsichtigen Bildungsstrategien belastet, erlebt, jedoch bestand es auch aus dem durch den impliziten Migrationsvertrag getragenen Vertrauen einer Akzeptanz der migrantischen Bevölkerung durch die Mehrheitsgesellschaft. Nun wird diese Akzeptanz durch die Integrationsdebatte abrupt zurückgenommen und das migrantische Subjekt nimmt im Integrationsdiskurs das Phantasma der Exterritorialisierung der türkischen Migrantinnen und Migranten wahr. Durch normative und biografische Arbeit soll die Kränkung dieser erfahrenen Missachtung geheilt werden. Durch das geschichtliche Argument konstruiert das migrantische Subjekt die erfahrene Missachtung als ungerecht sowie den Normen der Reziprozität widersprechend und verschiebt gleichzeitig seine Positionierung von der Integration durch Vertrauen zur Integration durch Kampf für die Verteidigung des Aufenthaltsrechtes. Somit ist rekonstruiert worden, wie die öffentliche Integrationsdebatte die soziale Integration migrantischer Subjekte in Richtung Konflikt beeinflusst.

Die selbstbewusste Reaktion des selbstständig erwerbstätigen Interviewpartners auf die Missachtungserfahrung mit „Kampf“ kann auf die besonderen biografischen Erfahrungen als erfolgreicher Unternehmer und auf die – trotz migrationsbedingter Familienfragmentierung – stärkenden familiären Bindungen zurückgeführt werden. Jedoch kann verallgemeinert werden, dass die Reaktion auf die Missachtungserfahrung des Integrationsdiskurses strukturiert verläuft – wobei Hauptmuster des Prozesses die normative und die biografische Arbeit sind – und dass erst die Rekonstruktion der Interpretationsleistung des rezipierenden Subjektes die Bedeutung des Diskurses und seiner Wirkung auf die migrantischen Subjekte offen legen kann.

Anmerkung

1 Ich behalte die vom Interviewpartner benutzte männliche Form bei, weil der Interviewpartner männliche Migranten als Subjekt der Migration begreift.

Literatur

Ballestrem, Karl Graf (1986): Die Idee des impliziten Gesellschaftsvertrags. In: Kern, Lucian/Hans-Pe- ter Müller (Hrsg.): Gerechtigkeit, Diskurs oder Markt? Die neuen Ansätze in der Vertragstheorie. Opladen, S. 35–44.
Beckert, Jens (2009): The Social Order of Markets. In: Theory and Society 38, S. 245–269.
Dubet, François (2008): Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz. Hamburg.
Eder, Klaus/Rauer, Valentin/Schmidtke, Oliver (2004): Die Einhegung des Anderen. Türkische, polnische und russlanddeutsche Einwanderer in Deutschland. Wiesbaden.
Elster, Jon (1995): The Cement of Society A Study of Social Order. Cambridge.
Fischer-Rosenthal, Wolfram (2000): Biographical Work and Biographical Structuring in Present-Day Societies. In: Chamberlayne, Prue/Bornat, Joan-na/Wengraf, Tom (Hrsg.): The Turn to Biographical Methods in Social Science. Comparative Issues and Examples. London/New York, S. 109–125.
Kontos, Maria (2014): Restrictive Integration Policies and the Construction of the Migrant as, Unwilling to Integrated The Case of Germany. In: Anthias, Floya/Pajnik, Moja (Hrsg.): Contesting Integration, Engendering Migration. Theory and Practice. Houndsmills et al., S. 125–142.
Rauer, Valentin/Schmidtke, Oliver (2001): „Integration“ als Exklusion? Zum medialen und alltagssprachlichen Umgang mit einem umstrittenen Konzept. In: Berliner Journal für Soziologie 11, S. 277-296.
Sarrazin, Thilo (2010): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Hamburg.

Schramkowski, Barbara (2007): Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. Frankfurt a. M./London.
Sponholz, Liriam (2013): Der misslungene Integrationsbegriff. Die Repräsentationen von MigrantIn-nen in den deutschen Massenmedien. In: Brinkmann, Heinz U./Uslucan, Haci-Halil (Hrsg.): Dabeisein und Dazugehören. Integration in Deutschland. Wiesbaden, S. 291-306.

Dr. Maria Kontos, kontos@soz.uni-frankfurt.de