Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“


B.Z. am Sonntag - epaper ⋅ Ausgabe 435/2021 vom 29.08.2021

Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Katharina S. (57) wartet immer noch auf ihren versprochenen Dienstlaptop. Sie ist angestellt, wünscht sich weniger Bürokratie an der Schule

Berlin – Schutzbrille statt Schreibtisch und Säge statt Bleistift: Vor vier Wochen hat Mandy Glanz (44) das Klassenzimmer mit der Werkstatt getauscht. Nach zehn Jahren als Lehrerin steht sie jetzt lieber in Brandenburg an der Werkbank statt vor ihrer Klasse. Zum 31. Juli hatte die Pädagogin ihren Job an einer Kreuzberger Grundschule gekündigt und ist nach Brück (Potsdam-Mittelmark) gezogen. „Wir haben sowieso überlegt umzuziehen und das hat dann gepasst“, sagt sie. Mit Kindern will sie weiter arbeiten, aber selbstbestimmt und in kleineren Gruppen. Mandy Glanz ist eine von 700 Lehrkräften, die dieses Jahr die Berliner Schulen ver- lassen haben. „Ich hatte das Gefühl, gar kein Privatleben mehr zu haben”, sagt sie. „Es ging nur noch um die Schule. Vormittags habe ich unterrichtet und danach zu Hause Anträge geschrieben.“ Dann kam auch noch Corona dazu: Ihr besonderes Anliegen, inklusiver Unterricht, war so nicht mehr umzusetzen. „Man strengt sich an, aber es ist wie in einem Hamsterrad. Immer mehr Vorgaben, die man umsetzen soll und das in viel zu kurzer Zeit.“

Stattdessen will sie jetzt in Brandenburg handwerkliche Workshops für Kinder anbieten. „Da kann ich dann Pädagogik mit handfestem Einsatz verbinden.“ Ein Problem. Nicht für sie, sondern für die Stadt. Denn Berlin leidet unter Lehrermangel. Rund 33 000 Pädagogen arbeiten in Berlins Klassenzimmern. Experten fordern einige Tausend mehr.

Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Mandy Glanz (44) ist seit vier Wochen keine Lehrerin mehr. Nach elf Jahren an einer Kreuzberger Grundschule hat sie ihren Job gekündigt, will jetzt Handwerkskurse für Kinder anbieten

Doch schon jetzt sind nicht alle Stellen besetzt. Und wenn, dann nicht mehr mit ausgebildeten Lehrkräften, sondern umgeschulten Quereinsteigern. 2013 startete das Programm, weil es zu wenig Kräfte an Deutschlands Schulen gab. Mittlerweile soll jeder vierte Berliner ohne Lehramtsstudium am Pult stehen. 7000 Quereinsteiger sind derzeit in Ausbildung – genaue Zahlen gibt der Senat nicht heraus. Die Lehrergewerkschaft GEW meldete zuletzt, dass in Berlin nur noch 15 bis 20 Prozent der neu eingestellten Lehrer auf Lehramt studiert haben. Der Rest sind Quer- und Seiteneinsteiger. Dan Cotreanti (46) aus Lübars ist einer dieser Quereinsteiger. Vor drei Jahren hat er seinen Job als Online-Redakteur aufgegeben, um als Lehrer an einer Berliner Grundschule zu arbeiten. Statt Texte zu schreiben, bringt er jetzt kleinen Kindern das Lesen bei. „Die ersten 15 Monate waren hart, weil man schon unterrichtet und gleichzeitig noch Kurse besucht”, sagt er, „aber es hat sich gelohnt.“ Seit einem Jahr ist er jetzt Klassenlehrer an der Grundschule An der Peckwisch in Reinickendorf, unterrichtet Deutsch, Mathe und Englisch.

Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Rektorin Regina Dange (57) von der City-Grundschule in Mitte glaubt an ihre Quereinsteiger. Vor drei Jahren hat sie die letzte ausgebildete Lehrerin eingestellt
Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Astrid- Sabine Busse (64) ist Rektorin in Neukölln und will, dass Berlin seine Lehrer wieder verbeamtet, so wie es in allen anderen Bundesländern passiert
Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Dan Cotreanti (46) hat vor drei Jahren seinen Job als Redakteur aufgegeben, um Lehrer zu werden. Heute unterrichtet er eine zweite Klasse in Reinickendorf

„Seitdem stehe ich morgens auf und denke, ich mache etwas wirklich Sinnvolles“, sagt er über seine Arbeit an der Tafel vor 20 Zweitklässlern. Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz: Vorbereitung auf den Unterricht, Korrekturen, das alles erfordert Einsatz neben dem eigentlichen Unterricht. „Dazu kommen allerhand Konferenzen und der Kontakt zu den Eltern.“

Wie stressig die Arbeit sein kann, sieht er in Lehrer-Zeitschriften. „Da gibt es auffällig viele Anzeigen für psychiatrische Angebote“, sagt er. Und im Kollegium gibt es immer wieder welche, die wegen Erschöpfung krankgeschrieben sind.“

Die richtige Entscheidung war es trotzdem. „Der Unterricht von kleinen Kindern ist etwas Elementares und zum Dank wird man von vielen umarmt. In welchem Beruf erlebt man das sonst?“

Für Jutta Niefeldt (62), Rektorin der Grundschule An der Peckwisch, sind Kräfte wie Dan Cotreanti ein Gewinn.

„Viele sind hoch motiviert und bringen wichtige Erfahrungen und Kompetenzen mit“, sagt sie. Sie sieht aber auch Probleme: „Der Trend ist gerade, dass immer weniger erfahrene Kolleg*innen ihre noch unerfahrenen begleiten müssen und auch wollen. Dafür braucht man Zeit und Raum.“ Ihr Fazit: „Die Situation ist dramatisch, aber wir bewältigen sie wie jedes Jahr aufs Neue.“

Um mehr Lehrkräfte zu gewinnen und vor allem, um weniger an Brandenburg zu verlieren, will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (51) Lehrer in Berlin wieder verbeamten. Denn vor allem Referendare wandern sonst in andere Bundesländer ab, wo der Beamtenstatus lockt. Jutta Niefeldt glaubt nicht daran: „Die Verbeamtung ist natürlich für viele Kollegen ein Thema, gerade hier an der Grenze zu Brandenburg. Aber am Ende ziehen die wenigsten nur deshalb weg.“

Anders sieht es ihre Kollegin Regina Dange (57), Schulleiterin an der City-Grundschule in Mitte. Sie glaubt, dass die Verbeamtung helfen kann, Kollegen zu halten. „Es wird immer schwieriger aus- gebildete Kollegen und Kolleginnen zu finden“, sagt sie, „mittlerweile sind von 40 Lehrkräften fast die Hälfte Queroder Seiteneinstei- ger. Die letzte ausgebildete Lehrerin habe ich vor drei Jahren eingestellt.“

Lehrer, Schüler, Rektoren und Eltern – sie alle fühlen sich vor allem von der Schulverwaltung im Stich gelassen. Nicht erst seit Corona werden die Vorschriften immer mehr, die Klassen dafür größer.

Astrid-Sabine Busse (64), Rektorin in Neukölln und Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen, ist der selben Meinung. Sie schlug vor wenigen Wochen auf einer Pressekonferenz Alarm, weil sie kaum noch Lehrer findet. „Letztes Jahr sind aus unserem Kollegium zwei nach Brandenburg gewechselt, dieses Jahr zum Glück noch niemand. Noch kommen wir klar, aber es wird immer schwieriger ausgebildete Kräfte zu finden.

Die letzte studierte Lehrerin habe ich vor fünfeinhalb Jahren eingestellt. Dass Berlin nicht verbeamtet ist ein großer Wettbewerbsnachteil.“

Die Rektorin bemängelt außerdem die vielen bürokratischen Vorschriften an den Schulen. „Alles wird komplizierter gemacht. Wir haben hier seit Jahren einen einfachen Wasserspender im Flur stehen und plötzlich brauchen wir dafür eine Sicherheitseinweisung. Die ist dann so umfangreich, dass man denkt, wir hätten hier einen Atomreaktor im Gebäude.“

Doch vor allem fordert sie mehr und bessere Studienplätze für angehende Lehrer. „Jeder in der Politik weiß doch, wie viele Kinder auf die Welt kommen und wie viele Lehrer es dafür gibt. Wir brauchen mehr Lehrkräfte und müssen dafür mehr Plätze schaffen und diese attraktiver machen.“

Unterstützung kommt dafür von der Lehrervertretung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW. Sie fordert jetzt eine Ausbildungsoffensive für Berlin. „Jedes Jahr stellt Berlin 2000 bis 3000 Lehrer und Lehrerinnen ein“, sagt GEW-Berlin-Geschäftsführer Markus Hanisch (36) der B.Z. AM SONNTAG, „ausgebildet werden in Berlin aber nur 800 bis 900. Hunderte Stellen sind unbesetzt.“

Außerdem sollen sich die Lehrer besser auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können. „Wir fordern mehr Verwaltungsangestellte und Erzieher an den Schulen, um die Lehrer zu entlasten. Die Organisation einer Klassenfahrt muss nicht die Lehrerin machen, das können andere übernehmen“, so Hanisch.

Artikelbild für den Artikel "„Der Job ist anstrengend und erfordert Einsatz“" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
GEW-Sprecher Markus Hanisch (36) fordert, mehr Lehrer auszubilden, dann fallen Kündigungen nicht so sehr ins Gewicht

Robert Odarjuk (41) unterrichtet seit 10 Jahren in Kreuzberg an einer Grundschule. Auch er will eine Verbesserung der Rahmenbedingungen seines Berufs. „Es gibt zu viel neben den pädagogischen Aufgaben, das uns die Zeit raubt: Konferenzen, Besprechungen, Förderpläne schreiben. Die Kommunikation mit den Eltern ist zeitaufwendig.“ Dazu kommt die Digitalisierung. „Wir müssen Medienkonzepte erstellen, Lehrpläne anpassen“, sagt er. All das kostet Zeit, bindet Kräfte.

Doch vor allem wünscht er sich kleinere Klassen. „Durch Corona hat man gemerkt, wie toll das ist, nur die Hälfte der Schüler im Raum zu haben. Es gab viel weniger Konflikte, eine bessere Kommunikation und Lernatmosphäre. Da hatten viele Kollegen und Kolleginnen ein Aha-Erlebnis: so geht es ja auch.“

Katharina S. (56) würde sich darüber freuen. Sie unterrichtet die 2c an einer Grundschule im Berliner Zentrum. 28 Schulstunden unterrichtet sie pro Woche, auf 45 Stunden kommt sie mit allem drumherum insgesamt. Sie findet, das ist es wert. „Jedes mal, wenn ein Kind das erste Mal ‚Mimi‘ oder ‚Mama‘ liest und ich in diesem Moment dabei sein und zusehen kann, wie es begreift, dass diese Buchstaben Sinn machen und ein Wort bilden, das ist einfach die schönste Sache der Welt“, sagt sie.

Doch auch sie wünscht sich mehr Entlastung von der Bürokratie. Und den Dienstlaptop, der ihr vor einem Jahr versprochen wurde, hätte sie auch gern irgendwann.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 435/2021 von Corona +++ News Ticker +++. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Corona +++ News Ticker +++
Titelbild der Ausgabe 435/2021 von Gedenken in Aachen – Gottesdienst für Flutopfer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gedenken in Aachen – Gottesdienst für Flutopfer
Titelbild der Ausgabe 435/2021 von LEBENSGEFAHR IST KEIN ARGUMENT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEBENSGEFAHR IST KEIN ARGUMENT
Titelbild der Ausgabe 435/2021 von Aus Rache? Todesschüsse vorm Backshop. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aus Rache? Todesschüsse vorm Backshop
Titelbild der Ausgabe 435/2021 von „Meine Familie ist mir wichtiger als mein ökologischer Fußabdruck “. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Meine Familie ist mir wichtiger als mein ökologischer Fußabdruck “
Titelbild der Ausgabe 435/2021 von Stolperstein für einen Massenmörder,der keiner war. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stolperstein für einen Massenmörder,der keiner war
Nächster Artikel Corona +++ News Ticker +++
aus dieser Ausgabe