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Der Kälte zum Trotz: Die Wintertierwelt auf Helgoland


Nationalpark - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.12.2019

Von November bis Februar machen eisige Winde und eine raue See die Nordseeinsel Helgoland nur scheinbar zu einem unwirtlichen Ort. Denn nun zeigt sich die dortige Tierwelt von ihrer besonderen Seite.


Artikelbild für den Artikel "Der Kälte zum Trotz: Die Wintertierwelt auf Helgoland" aus der Ausgabe 4/2019 von Nationalpark. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Oben: Nur selten sind Helgoland und das umliegende Felswatt von Schnee und Eis bedeckt, was vielen tierischen Wintergästen zugutekommt. (Fotos: Janina Voskuhl)
Kleinbild links: Das Fell der Kegelrobbenwelpen ist zunächst schneeweiß. (Foto: Ralf Kistowski/wunderbare-erde.de)
Kleinbild Mitte: Kegelrobbenbullen sind deutlich größer und dunkler gefärbt als ihre Artgenossinnen. (Fotos: Janina Voskuhl)

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... Dieser Kegelrobbenwelpe hat sich bereits eine ordentliche Fettschicht angetrunken. Kegelrobben am Strand der Helgoländer Düne.

Auf der nur einen Kilometer langen und 700 Meter breiten Düne, einer Nebeninsel, die einst mit Helgoland verbunden war, haben sich ausgewachsene Kegelrobben in lockeren Gruppen von bis zu hundert Tieren am Strand versammelt, denn die Zeit ihrer Jungenaufzucht und Paarung steht bevor. Die meisten von ihnen liegen träge und scheinbar leblos in unmittelbarer Nähe zum Wasser. Ein paar Robben drehen sich etwas schwerfällig von der Rücken- in die Bauchlage, während andere ihren Kopf aufrichten und sich mit den Klauen der kurzen Vorderflipper die Speckschicht kratzen. Aufmerksam wacht ein Bulle über seinen Harem, bestehend aus acht Kühen, den er während der Paarungszeit für sich beansprucht. An seinem runzeligen Hals zeugen tiefe Narben von heftigen Auseinandersetzungen mit männlichen Artgenossen. Diese Hundsrobbenart ist das größte freilebende Raubtier Deutschlands. Ausgewachsene Bullen können mit einer Körperlänge von bis zu 2,6 Metern 350 Kilogramm auf die Waage bringen.

Empfindliche Jäger

Abseits der Robbenansammlungen fallen einige Weibchen auf, die sich einen höher gelegenen und hochwassersicheren Liegeplatz auserkoren haben, um hier ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen. Die Geburtensaison der Kegelrobben auf der Düne beginnt meist Mitte November und endet im Januar. Dicht an dicht liegen Mutter- und Jungtier nach der Geburt beisammen. Das Lanugo, ein weißcremefarbiges, langhaariges Embryonalfell, schützt die Neugeborenen in ihren ersten vier Lebenswochen vor der Kälte und dem rauen Nordseewetter. Eine dicke isolierende Fettschicht, den sogenannten Blubber, müssen sie sich noch mithilfe der Muttermilch antrinken. Ein Fettgehalt der Milch von bis zu 80 Prozent sorgt dafür, dass die bei der Geburt zehn Kilogramm wiegenden Welpen bis zu zwei Kilogramm am Tag zunehmen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn weder Mutter- noch Jungtier gestört werden, denn gerade in den ersten Lebenstagen sind die jungen Robben besonders empfindlich. Aus diesem Grund sollte man zu Jung- und Alttieren beim Beobachten und Fotografieren einen gebührenden Mindestabstand von 30 Metern einhalten. Rückt der Störenfried den kräftigen Robben zu dicht auf den Pelz, dann kann es auch für ihn gefährlich werden.

Regelmäßig lassen die Kühe ihre Welpen alleine am überflutungssicheren Ort zurück, um im Meer auf Nahrungssuche zu gehen. Mit plumpen Bewegungen robben die massigen Meeressäuger dann den Strand hinunter und hinterlassen auf ihrem Weg eine charakteristische Schleifspur im weißen Sand. Auch wenn sie an Land besonders schwerfällig wirken, unter Wasser sind sie wendige Jäger, die sich mit über 30 Stundenkilometern fortbewegen. Bei der Jagd sind die Nahrungsopportunisten stets im Alleingang unterwegs. Sie erbeuten überwiegend Fische, aber auch Krebse, Weichtiere und gelegentlich auch Seevögel. Oft kehrt die Kuh erst nach mehreren Stunden zu ihrem Nachwuchs zurück. Mit der Zeit verlängert sich ihre Abwesenheitsdauer, bis das Jungtier in einem Alter von zweieinhalb bis vier Wochen komplett auf sich allein gestellt ist. Noch bis zu drei Wochen wird es von den angelegten Fettreserven zehren und sein Fell wechseln, bis es sich ein erstes Mal ins Meer begibt, auf der Jagd nach Fressbarem. Die Mutterkuh wird sich derweil wieder mit einem Bullen verpaart haben und spätestens nach über elf Monaten Tragzeit zur Geburt und Jungenaufzucht an einen hochwassersicheren Platz auf der Düne zurückkehren.

Britische Wurzeln

Nachdem Kegelrobben in der Deutschen Bucht aufgrund intensiver Bejagung ausgerottet waren, konnte durch Zuwanderung von Individuen – vermutlich aus Nordengland – im Winter 1995/96 erstmals wieder eine Robbengeburt auf der Helgoländer Düne verzeichnet werden. Seitdem schreibt die Hundsrobbenart auf dieser Insel Erfolgsgeschichte: 2011/12 kamen hier exakt 100 und im Winter 2018/19 425 Welpen zur Welt. Mit insgesamt 764 gezählten adulten und juvenilen Kegelrobben befindet sich auf Helgoland zurzeit die größte deutsche Kolonie. Rund ums Jahr sind Mitarbeiter des VereinsJordsand e.V. und Naturschutzbeauftragte der Gemeinde Helgoland mit der Kontrolle der Kegelrobbenbestände und der Besucherinformation betraut. Doch trotz ihrer Unterschutzstellung leiden Kegelrobben immer noch unter menschlichen Eingriffen in die marine Umwelt. Dies wird insbesondere deutlich, wenn man in Plastik verfangene Jungtiere aus dem vergangenen Jahr am Dünenstrand antrifft. Zudem sind die Beutegreifer als Endkonsumenten im marinen Nahrungsnetz nicht nur von der Überfischung betroffen, sondern ebenso von der Belastung der Meere mit Schadstoffen und Mikroplastik.

Während eisige Winde über die Nordsee wehen, werben auch bei anderen Tierarten die Männchen durch ihr außergewöhnliches Auftreten um Artgenossinnen. So ist vom Meer her immer wieder ein dumpfes „a-OOH-e“ zu hören. Die Laute erinnern aus der Entfernung an die Rufe eines Uhus, stammen jedoch von Eiderentenmännchen, die sich zur Gruppenbalz zusammengefunden haben. Seit der Mauser im September tragen die großen Meeresenten mit dem markanten, keilförmigen Schnabel ihr kontrastreiches Prachtkleid. Dabei sind lediglich die ausgewachsenen Erpel auffällig schwarzweiß gefärbt und weisen eine lindgrün gefiederte Hinterkopfpartie auf. Die Weibchen besitzen hingegen zu allen Jahreszeiten ein unauffälliges, braun gebändertes Gefieder. Typische Balzgruppen bestehen aus einer Ente und drei bis zehn Erpeln, wobei sich immer wieder Einzeltiere dazugesellen oder vom Balzgeschehen abwenden. Die Weibchen sind zunächst ausschließlich mit dem Vertreiben besonders aufdringlicher Männchen beschäftigt und beteiligen sich erst im Spätwinter mit gackernden Lauten aktiv an der Balz. Aber auch wenn bereits intensiv gebalzt wird, ihre Nistplätze beziehen die Enten erst Anfang April. Dabei verbleiben nur einige Dutzend Paare auf der Helgoländer Düne. Die meisten von ihnen treten bis zum Winterende den Rückzug in Brutgebiete entlang der Nord- und Ostseeküste an, wo die Weibchen ihre Nester vorwiegend in Salzwiesen und Dünen anlegen und mit feinsten Eiderdaunen auspolstern. Bis zum Beginn der Brutzeit sind neben den kleinen Balzgruppen Hunderte ziehende Eiderenten am Horizont um Helgoland zu entdecken. Wie an einer langen Perlenschnur gereiht, fliegen sie nicht selten zusammen mit anderen kleineren Meeresenten wie Trauer- und Samtenten dicht über die Meeresoberfläche gen Osten.

Sanderlinge durchsuchen wie andere Wat- und Wasservögel die angespülten Braunalgen nach Fressbarem.


Eiderentenerpel versuchen die Aufmerksamkeit einer Ente mit auffälligen Posen und Lauten zu wecken.


Steinwälzer gehören zu den sehr häufigen Wintergästen. Sie erscheinen vor allem ab Oktober und wandern im März wieder ab.


(Fotos: Ralf Kistowski/wunderbare-erde.de)

Ortstreue Wintergäste

Für viele weitere Zugvögel hat Helgoland in etwa 40 Kilometer Entfernung vom Festland als einziger Rastplatz inmitten der Deutschen Bucht eine herausragende Bedeutung. Besonders faszinierend ist der Vogelzug im Herbst, wenn Singvogelschwärme und ornithologische Seltenheiten zu erleben sind. In den darauffolgenden Monaten wirkt die Vogelwelt der Insel zwar deutlich beschaulicher, doch kann auch den kompletten Winter hindurch der Vogelzug beobachtet werden. Insbesondere wenn Kälte- und Schneeeinbrüche in Skandinavien zu verzeichnen sind, rasten Waldschnepfen und Drosseln sowie Enten und Gänse in großer Zahl auf Haupt- und Nebeninsel. Ausgesprochen viel Nahrung finden die Vögel am Strand der Düne, wo die Brandung nach starken Stürmen größere Mengen an Palmentang angeschwemmt hat. Hier ist der Tisch für Sing-, Wasser- und Watvögel reich gedeckt, denn in den Makroalgen wimmelt es von Tangfliegen und ihren Larven. Sanderlinge, Meerstrandläufer und Steinwälzer, drei auffällige Limikolen, tippeln bei Hochwasser von einem Tanghaufen zum anderen und stochern nach der eiweißreichen Nahrung. Bei Niedrigwasser wechseln sie das Nahrungshabitat und die Nahrung und suchen dann in der Gezeitenzone der Molen und im Felswatt nach Würmern, Weich- und Krebstieren. Nach erfolgreicher Überwinterung kehrt so mancher Wintergast Jahr für Jahr auf die Insel zurück. So ist eine Winterortstreue von den drei oben genannten Limikolenarten bekannt. Ein farbberingter Sanderling konnte sogar in 15 aufeinanderfolgenden Wintern auf der Düne beobachtet werden.

Immer nur kurzzeitig besuchen die Trottellummen im Winter die Insel. Wie zur Brutzeit drängen sie sich dann dicht an dicht auf den schmalen Vorsprüngen des Lummenfelsens.


(Foto: Janina Voskuhl)

Von Windparks vertrieben

Beobachtet man von der Felseninsel aus mit Fernglas oder Spektiv das Zuggeschehen über dem Meer, kann man unter anderem einige dicht über der Wasserfläche fliegende Seetaucher entdecken. Neben Eis- und Prachttauchern sind es in erster Linie Sterntaucher, welche die Insel einzeln oder in kleinen Trupps passieren. Die Bedeutung der südlichen Nordsee für die Seevögel ist von Helgoland aus nicht unbedingt erkennbar, da sich in den Inselhäfen und deren Nähe oft nur wenige verölte oder geschwächte Seetaucher aufhalten. Ihre eigentlichen Rasthabitate befinden sich an der Kante des Helgoländer Felssockels und weiter draußen auf hoher See. Doch haben die störungsempfindlichen Seevögel in jüngster Vergangenheit durch den Ausbau der Offshore-Windenergie in der Deutschen Bucht wertvolle Habitate verloren. So belegen wissenschaftliche Untersuchungen des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste der Universität Kiel, dass ein Großteil der Seetaucher Windenergieanlagen im Umkreis von über zehn Kilometern meidet und damit in zuvor teils weniger präferierte und für die Art möglicherweise weniger geeignete Bereiche verdrängt wird. Von Helgoland aus kann man bei guter Sicht im Norden über hundert dieser Anlagen erblicken. Sie befinden sich in direkter Nachbarschaft zum FFH-GebietSylter Außenriff und zum VogelschutzgebietÖstliche Deutsche Bucht . Mit ihren Unterwasserriffen sind diese Natura 2000-Gebiete bedeutende Nahrungsgründe von Sterntaucher und anderen Seevögeln sowie Meeressäugern. Die von Helgoland aus sichtbaren Windparks sind nur die Spitze des Eisberges, denn nach dem Motto „aus dem Auge, aus dem Sinn“ wurde inmitten der insgesamt 5.600 Quadratkilometer großen EU-Schutzgebiete der Offshore-WindparkButendiek vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie genehmigt und 2015 in Betrieb genommen. Wegen diesem und weiteren schutzgebietsnahen Windparks hat der NABU im Frühjahr 2019 gegen die Bundesrepublik Deutschland Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht. Es bleibt nur zu hoffen, dass der massive Lebensraumverlust zahlreicher Seevögel und der damit einhergehende Verstoß gegen das Verschlechterungsverbot der FFH-Richtlinie auch geahndet werden.

JANINA VOSKUHL war an der Hochschule Osnabrück als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Zurzeit studiert sie in Oldenburg Landschaftsökologie und arbeitet außerdem freiberuflich.

„Aus gebührender Distanz ist im Winter auf Helgoland ein einmaliges Naturschauspiel zu beobachten: Die Geburt und Jungenaufzucht der Kegelrobben.“