Lesezeit ca. 6 Min.

DER KAMPF UM UNSER WASSER


Logo von HÖRZU
HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.03.2022

TV-AKTUELL

Artikelbild für den Artikel "DER KAMPF UM UNSER WASSER" aus der Ausgabe 10/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 10/2022

Wassermangel? Das Problem gibt es in weit entfernten Ländern, aber doch nicht in Deutschland. Meinen viele. Bei uns ist Duschen, Autowaschen oder Leitungswassertrinken jederzeit problemlos möglich. Und das wird auch immer so bleiben. Wirklich?

Der preisgekrönte Journalist Daniel Har­ rich ist da anderer Meinung: „Wegen des Klimawandels wird die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser auch in Deutschland zu einer gewaltigen gesamtgesellschaft­ lichen Aufgabe“, sagt er gegenüber HÖRZU. „Noch ist bei uns genug Wasser vorhanden. Aber die Betonung liegt auf ,noch‘. Bei hohen Temperaturen war die Trinkwasser­ versorgung bereits in den vergangenen Jahren in zahlreichen Regionen nicht uneingeschränkt verlässlich möglich, und schon jetzt erleben wir erste erbitterte Verteilungskämpfe um die Ressource Wasser.“

Seit 13 Jahren recherchiert Harrich weltweit zu Fragen der Wasserversorgung. Seine ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Rattenschlange & Schlangenadler BISSIGE BEUTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rattenschlange & Schlangenadler BISSIGE BEUTE
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Eine Frau für alle Fälle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine Frau für alle Fälle
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Eine Frau für alle Fälle
Vorheriger Artikel
Eine Frau für alle Fälle
FASZINATION Puma
Nächster Artikel
FASZINATION Puma
Mehr Lesetipps

... Ergebnisse präsentiert er nun in der ARD im Rahmen des Programmschwerpunkts #unserWasser. Von Harrich stammen ein Spielfilm, eine Doku über die Situation in Deutschland sowie eine Dokureihe mit Beispielen aus aller Welt (siehe Seite 13).

Dramatische Folgen des Klimawandels

Harrich ist kein Untergangsprophet. Seine Berichte basieren stets auf Fakten – und haben Gewicht. So nahm die Bundesanwaltschaft 2013 nach seinem Film „Der blinde Fleck“ die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat aus dem Jahr 1980 wieder auf. Sein Film „Meister des Todes“ führte 2015 zu Gerichtsurteilen gegen deutsche Waffenhersteller wegen illegaler Waffenlieferungen. Man darf deshalb gespannt sein, welche Folgen seine Produktionen zum Thema Wasser haben werden. Zwei Tage vor der Fernsehpremiere stellt er sie in Berlin gemeinsam mit den beteiligten Schauspielern bei einem parlamentarischen Abend im Bundestag vor. An den wissenschaftlichen Grundlagen seiner

Warnungen besteht ohnehin kein Zweifel. „Alle seriösen Daten und Klimamodelle belegen die negativen Auswirkungen der Erderwärmung auf die regionale Verfügbarkeit von Trinkwasser in Deutschland“, sagt der Grundwasserökologe Dr. Hans Jürgen Hahn. Er ist als Fachberater Teil des Teams von Daniel Harrich. „Etwa 70 Prozent unseres Trinkwassers stammen aus dem Grund-und Quellwasser, und dessen Neubildung erfolgt vor allem durch Regen“, erklärt der Experte. „Doch die Neubildung fällt wegen des Klimawandels zunehmend geringer aus. Die Sommer werden heißer und trockener, zudem verändern sich die Niederschlagsmuster. Es wird zukünftig je nach Region entweder insgesamt oder zu bestimmten Zeiten zu wenig Niederschlag geben. Oder der Niederschlag wird häufig als Starkregen auftreten. Dann sickert der Regen nicht ins Grundwasser, sondern fließt oberirdisch ab.“

Eine weitere Entwicklung sei wichtig: „Weil das Frühjahr und der Herbst schon wärmer geworden sind, hat sich die Vegetationszeit um bis zu vier Wochen verlängert. Pflanzen verbrauchen also insgesamt mehr Wasser. Das Resultat: Deutlich weniger Niederschlag wird zu Grundwasser.“

„Die Neubi ldung von Grund- wasser fällt zunehmend geringer aus.“

Dr. Hans Jürgen Hahn, Grundwasserökologe

All dies gelte aber nicht für ganz Deutschland: „Der Klimawandel hat eine starke regionale Komponente“, erklärt Hahn. „Besonders betroffen werden Brandenburg, Teile Sachsens sowie der Südwesten Deutschlands sein. So haben wir in Teilen Süddeutschlands schon jetzt im Schnitt eine um 25 Prozent verringerte Grundwasserneubildungsrate im Vergleich zu den 1990er-Jahren. Das bedeutet, dort stehen 25 Prozent weniger Wasser zur Verfügung als vor 30 Jahren.“ Als Vorboten für den zukünftigen Normalzustand gelten die extremen heiß-trockenen Sommer 2018 und 2019, in denen es lokale Engpässe bei der Wasserversorgung gab. Diese wurden dadurch verschärft, dass der Bewässerungsbedarf in der Landwirtschaft stieg und auch in den Privathaushalten mehr Wasser als üblich verbraucht wurde.

Ausverkauf der eisernen Reserve

Zur Beruhigung dient oft der Hinweis auf das verfügbare Wasserdargebot, also die theoretisch nutzbare Menge des Grundund Oberf lächenwassers. Diese beträgt in Deutschland 188 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Sogenannter Wasserstress tritt auf, wenn die Wasserentnahme mehr als 20 Prozent davon beträgt. Zurzeit liegt dieser Wert bei 12,8 Prozent. Allerdings wird das Wasserdargebot als statistisches Mittel für die vergangenen drei Jahrzehnte errechnet. 2018 betrugen die erneuerbaren Wasserressourcen laut Umweltbundesamt nur 119 Milliarden Kubikmeter.

Wasserversorgung in Zeiten des Klimawandels ist ein komplexes Thema. Zur Einführung in die Problematik läuft zum Auftakt des ARD-Schwerpunkts am 16. März Harrichs TV-Drama „Bis zum letzten Tropfen“ (s. Seite 12). Darin bereitet der Filmemacher einige seiner Recherche-Ergebnisse in fiktionalisierter Form auf. Im Zentrum der Geschichte steht der Bürgermeister einer Kleinstadt (Sebastian Bezzel), der einem Getränkekonzern die Entnahme von Tiefengrundwasser für die Herstellung von Mineralwasser erlaubt – und seinen Ort so in eine missliche Lage bringt: Im heißen Sommer ist plötzlich nicht mehr genug Wasser für die Einwohner da.

Die Geschichte erinnert an die realen Ereignisse im norddeutschen Lüneburg. Dort fördert Coca-Cola seit 2007 Tiefengrundwasser für eine Mineralwassermarke. Tiefengrundwasser ist so etwas wie die eiserne Reserve des Grundwassers. Es liegt tiefer als das oberf lächennahe Grundwasser, gilt als besonders rein, kann Jahrtausende alt sein und ist dem Wasserkreislauf entzogen. Als Coca-Cola 2017 Pläne für den Bau eines dritten Brunnens bekannt gab, regte sich Protest. Eine Bürgerinitiative gründete sich, radikale Aktivisten verübten Sabotageakte. Das Unternehmen wollte mit dem neuen Brunnen bis zu 350 Millionen Liter mehr pro Jahr fördern. Kritiker betonten: Wasser sei ein schützenswertes Allgemeingut, das nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden solle. Seit Kurzem liegt das Projekt auf Eis, doch die Bürgerinitiative will wachsam bleiben.

Als mahnendes Beispiel gilt vielen Lüneburgern der französische Ort Vittel, in dem die Firma Nestlé seit den 1990ern jährlich bis zu eine Milliarde Liter Wasser zur Herstellung von Mineralwasser fördert. Der Grundwasserspiegel sinkt in Vittel jährlich um etwa 30 Zentimeter, ab 2050 könnte die Wasserversorgung der Anwohner nicht mehr gewährleistet sein. Zwischenzeitlich wurde von Politikern sogar erwogen, über eine Pipeline Wasser aus einem 15 Kilometer entfernten Ort heranzuschaffen.

30 Zentimeter pro Jahr sinkt der Grundwasserspiegel im französischen Vittel

Lüneburg ist kein Einzelfall, Konflikte um das Wasser nehmen in Deutschland zu. Zum Beispiel im bayerischen Treuchtlingen – aus ähnlichen Gründen wie in Lüneburg rund um die Wasserförderung. Nach Bürgerprotesten entschied das zuständige Landratsamt, die Pläne der Getränkefirma Altmühltaler Mineralbrunnen, zusätzlich zur bisherigen Menge weitere 300.000

Kubikmeter Tiefengrundwasser zur Mineralwasserproduktion zu entnehmen, nicht zu genehmigen. Die öffentliche Wasserversorgung habe Vorrang. Oder im brandenburgischen Grünheide: Dort baut der Elektroautohersteller Tesla in einer der grundwasserärmsten Regionen Deutschlands ein Werk, dessen Wasserbedarf dem einer Mittelstadt mit 40.000 Einwohnern entsprechen wird. Der örtliche Wasserversorger gab bereits zu bedenken, dass er mit seinen Kapazitäten ans Limit geraten werde und zukünftig an Tagen mit Spitzenverbrauch die Trinkwasserversorgung eingeschränkt werden müsse.

Wasser im Tausch für Arbeitsplätze?

„Die Bürgerinnen und Bürger sind bei diesem Thema sensibler als die Politik“, sagt Harrich. „Die dafür zuständigen lokalen Behörden haben Wasserentnahmeanträge bis vor zwei, drei Jahren noch ohne große Öffentlichkeit durchgewunken. Bis heute wird bei diesen Verfahren ,getrickst‘. Beispielsweise wird mit uralten Statistiken über die Grundwasservorkommen operiert, und das ist offensichtlich sogar legal. Der Klimawandel ist in den Köpfen der Legislative noch nicht richtig angekommen.“

Doch langsam verändere sich etwas. „Die bisher übliche relativ leichtfertige Vergabe von Wasserentnahmerechten wird es so vermutlich nicht mehr lange geben“, sagt Harrich. „Deshalb gibt es quer durch alle Branchen eine hohe Nachfrage nach neuen Wasserentnahmerechten. Von der

„Die Bürgerinnen und Bürger sind beim Thema Wasser sensibler als die Politik.“

Daniel Harrich, Journalist

Landwirtschaft über Hightechfirmen bis zum Mobilitätssektor stehen zurzeit viele Schlange, um noch schnell Genehmigungen zu verlängern oder neue zu bekommen. Oft geht es dabei um Zeithorizonte von mehreren Jahrzehnten.“ Die Hersteller von Flaschenwasser seien nur einige von vielen großen kommerziellen Wassernutzern: „Diesen Sektor habe ich für meinen Film gewählt, weil er besonders anschaulich ist. Die Geschichte zeigt beispielhaft den Konflikt zwischen Industrie, Politik und Bürgern um die wertvolle Ressource Wasser.“ Eine einfache Lösung sei nicht in Sicht. „Was natürlich ein wichtiges Argument ist: Die Firmen, die in großem Stil Wasser entnehmen wollen, sorgen auch für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Aber was bringt es, wenn wir in einem Ort für die nächsten 20 Jahre Arbeitsplätze schaffen, aber die nächste oder übernächste Generation dort kein Trinkwasser mehr vorfindet? Solche Fragen müssen diskutiert und im Zweifel Alternativen für die Menschen geschaffen werden.“

Denn es gebe auch positive Beispiele: „Der Chiphersteller Intel baut in einer der trockensten Regionen der USA eine riesige Fabrik. Da reibt man sich einerseits die Augen, schließlich ist die Chipherstellung einer der wasserintensivsten Bereiche überhaupt. Gleichzeitig hat das Unternehmen aber auch eine Wasserfiltrationsanlage und ein Wasserwerk gebaut, das für eine Großstadt reichen würde. Ob das alles so funktioniert wie angekündigt, bleibt abzuwarten. Aber das Problem wurde immerhin erkannt, und die Firma investiert nach eigenen Angaben viel Geld dafür. Diesen Weg muss man gehen.“ Wichtig ist Harrich eines: „Es geht mir nicht darum, ein bestimmtes Unternehmen oder eine Branche an den Pranger zu stellen. Das ist ein Thema, das uns alle angeht. Jeder Einzelne sollte sich fragen, ob sein Umgang mit Wasser verschwenderisch ist, ob es Einsparmöglichkeiten gibt. Ich möchte auf allen Ebenen für dieses Thema sensibilisieren. Denn ich bin mir sicher, dass es dafür noch nicht zu spät ist.“

SVEN SAKOWITZ