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DER KELPWALD EIN URWALD UNTER WASSER


TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 101/2021 vom 21.09.2021

KELPWÄLDER

Artikelbild für den Artikel "DER KELPWALD EIN URWALD UNTER WASSER" aus der Ausgabe 101/2021 von TAUCHEN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Dieser Wald aus Riesentang befindet sich vor Patagonien.

Namensgebend für die Kelpwälder ist das englische Wort Kelp, das schlicht und einfach Seetang bedeutet. Demnach stellt Kelpwald nur ein Synonym für Tangwald dar. Kelp hat in früheren Zeiten übrigens einen höheren Bekanntheitsgrad genossen als heute. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert wurde er vielerorts in großem Stil geerntet und in eigenen Kelp- Öfen verbrannt. Sinn und Zweck war die Gewinnung der Asche, die sehr kalium-, jod- und alkalireich ist und damals von großer Bedeutung für die Glas- und Seifenherstellung war.

So wie ein normaler Wald an Land aus vielen verschiedenen Baumarten besteht, setzt sich auch ein Kelpwald aus den unterschiedlichsten Algenarten – überwiegend Braun- und Rotalgen – zusammen. Als bekannteste und größte Kelpart gilt der Riesentang (Macrocystis pyrifera) aus der Braunalgenfamilie Laminariaceae. Diese gigantische Alge wird bis zu 45 Meter lang – das ist höher als ...

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... eine Buche – und gilt damit als die weltweit größte festsitzende Meerespflanze. Die Laminarien umfassen aber noch weitere 23 Arten, die in kalten und gemäßigten Zonen der Meere nahezu weltweit vorkommen. Kühles Wasser und Nährstoffe sind wichtig für ihr Vorkommen. Im Durchschnitt darf das Meer die 20-Grad-Marke nicht übersteigen. Am wohlsten fühlen sich die Kelp-Algen in Tiefenbereichen zwischen fünf und 40 Meter.

TANG-AUFBAU

Seetang besteht nicht nur aus grünbraunen Blättern, sondern setzt sich aus drei unterschiedlichen »Organen« zusammen, ganz ähnlich wie wir sie etwa von Bäumen her kennen. Die krallenartigen Haftorgane, mit denen sich der Tang am Meeresgrund verankert, werden Rhizoide genannt und entsprechen den Baumwurzeln. Sie wachsen vorwiegend auf Felsböden, es gibt jedoch auch Tangarten mit weitverzweigten Rhizoiden, die selbst in Sedimentböden heftigen Stürmen widerstehen.

Das Rhizoid geht über in einen extrem biegsamen Stängel, der bei großen Arten armdick werden kann und Cauloid genannt wird. Er entspricht dem Stamm unseres Vergleichsbaumes und kann über 40 Meter lang werden. Bei manchen Arten sind die Cauloide nackt und blattlos, bei anderen Arten entspringen bereits hier zahllose Blätter. Das obere Stammende ist grundsätzlich mit Blättern, oft sogar meterlangen Wedeln – den Phylloiden – bewachsen. Es entspricht der Baumkrone.

„KELP BIETET VIELEN ARTEN SCHUTZ UND NAHRUNG. “

Damit der Tang nicht umfällt und flach am Meeresboden liegt, sind die Phylloide oft mit Gasblasen versehen. Das bringt den Kelp nicht nur in eine aufrechte Position, sondern hält vor allem die Phylloide an oder nahe der Wasseroberfläche, wo das meiste Licht herrscht. Denn schließlich müssen auch Tange Photosynthese betreiben. Die meist erbsengroßen Gasblasen sind übrigens nicht einfach mit Luft gefüllt, sondern setzen sich interessanterweise bei den meisten Arten aus etwa einem Drittel Sauerstoff, zwei Drittel Stickstoff und einem Prozent Kohlendioxid zusammen.

Der von Kalifornien bis Mexiko vorkommende Elchtang (Pelagophycus porra) nimmt bezüglich Gasblasen eine Sonderstellung ein. Für den Auftrieb seines elchgeweihartig geformten Phylloids sorgt eine einzelne kugelrunde Gasblase von der Größe eines Handballs, die sich nach unten hin bis zu über einen Meter verjüngen kann!

VIELSCHICHTIGES ÖKOSYSTEM

Schon alleine durch ihren meist viele Meter hohen Habitus schaffen Kelpwälder einen Lebensraum für eine Vielzahl verschiedener Arten. Die großen Algen stellen also hauptsächlich die Infrastruktur dar, in der sich zahlreiche andere Lebewesen einfinden, um zu siedeln, zu fressen, sich fortzupflanzen, aufzuwachsen oder einfach nur Schutz zu suchen.

Dementsprechend gibt es ganz ähnlich wie in unseren Wäldern eine Zonierung. Im gut beschatteten Dämmerlicht in Bodennähe leben vor allem Tiere, die sich von abgestorbenem organischen Material (Detritus) ernähren, und einige Aufwuchsalgen wie Kalkrotalgen, die mit wenig Licht auskommen. Hier trifft man oft auf ein dichtes Gewusel von Schlangensternen, Würmern, Krabben, Garnelen und Seesternen. Hinzu kommen bodenlebende Räuber wie etwa Skorpionsfische oder Katzenhai-Verwandte.

Etwas weiter oben im Tangwald fühlen sich dank höherer Strömung festsitzende Filtrierer wie Schwämme, Moostierchen und Seeanemonen aber auch Muscheln und Seepocken am wohlsten. Das Gewirr zwischen den Stängeln (Cauloiden) bietet zahllosen Jungfischen aber auch erwachsenen Schwarmfischen Schutz und Wohnraum. Nahe der Wasseroberfläche zwischen den ausladenden Phylloiden herrscht am meisten Licht und Bewegung. Dies ist zwar die beste Region für Aufwuchsalgen und Filtrierer, doch sie müssen robust, widerstandsfähig gegen die chemische Abwehr der Kelpblätter und vor allem schnellwüchsig sein. Stürme zerfetzen oft die Phylloide und reißen zumindest Teile davon regelmäßig ab.

Im Normalfall ist jedoch die oberste Zone der Tangwälder strömungsberuhigt und wird so auch oft zum Hotspot von Planktonalgen, die in Summe ebenfalls einen enormen Beitrag zur Primärproduktion und vor allem Sauerstoffproduktion leisten. Wissenschaftler haben berechnet, dass mindestens 50 Prozent des Sauerstoffs in unserer Atmosphäre von Phytoplankton – also planktontisch lebenden Algen – produziert wird!

SARGASSUM – SCHWIMMENDE WÄLDER DER HOCHSEE

Nicht alle Braunalgenwälder sind brav am Meeresgrund festgewachsen. Die bekannteste Ausnahme bilden zwei Arten aus der großen Familie der Golftange (Sargassaceae), die namensgebend für ein ganzes Meeresgebiet sind – die berühmte Sargassosee. Weit draußen im Atlantik zwischen Florida und Nordafrika treiben die frei schwimmenden Braunalgenteppiche in einem Gebiet, das wesentlich größer ist als das Mittelmeer. Im Strömungsschatten – zusammengehalten von Golf-, Nordatlantik-, Kanaren- und Nordäquatorialstrom – schwimmen teils riesige Algengeflechte und schaffen einen einzigartigen Lebensraum inmitten der Wüste der Hochsee.

Allein die Primärproduktion dieser Braunalgen beträgt etwa ein Drittel des gesamten Atlantiks! Darüber hinaus schaffen die schwimmenden Inseln Lebensraum für eine Unzahl von Fischen, Krabben, Garnelen, Würmern und diversen Aufwuchsorganismen. Die Sagassosee ist auch die Kinderstube für viele Fischarten und der lange Zeit unbekannte Laichplatz für europäische und amerikanische Aale.

Doch selbst große Haie und Wale durchstreifen regelmäßig die schwimmenden Algenwälder. Seit einigen Jahren durchmischen sich die Algen leider zunehmend mit Müll. Das hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die Tierwelt – etwa durch Verschlucken –, sondern durch den Zerfall zu Mikroplastik und Aufnahme in die Nahrungskette auch für uns Menschen!

RIESIG, SCHNELL & PRODUKTIV

Während der heimische Palmentang (Laminaria hyperborea) als größte Art der Nordsee maximal vier Meter lang wird, erreicht der Riesentang (Macrocystis pyrifera) regelmäßig locker das zehnfache. Aber auch das stellt noch lange nicht den Längenrekord dar. Der frei treibende Sargassum-Tang wächst ständig weiter und kann bis zu sensationelle 300 Meter Länge erreichen!

Auch bezüglich Wachstumsgeschwindigkeit leistet Seetang herausragendes.Bei guten Licht- und Nährstoffbedingungen kann etwa Riesentang bis zu 50 Zentimeter pro Tag wachsen! Damit bilden Kelpwälder nicht nur enorme Mengen an Biomasse, sondern stellen auch einen ganz wichtigen CO2-Speicher dar.

Die einzelnen Tangwedel des ständig nachwachsenden Kelps leben meist nur wenige Monate. Schätzungen zufolge werden bis zu 80 Prozent davon durch Wellengang und Stürme abgerissen und ein beträchtlicher Teil davon aufs offene Meer getrieben. So gelangen sie in Regionen mit niedriger Primärproduktion. Hier dienen sie dann als wichtige Nahrungsquelle, sie zersetzen sich und sinken in die Tiefsee ab. Dort werden die Reste von Asseln und Würmern gefressen oder von Bakterien abgebaut sowie ins Sediment eingelagert.

Damit ist das aus der Atmosphäre aufgenommene CO2 gebunden. Tangwälder fungieren somit als wichtige Kohlenstoffsenker und nehmen eine bedeutende Rolle bei der Stabilisierung des Weltklimas ein!

Von der leckeren Algensuppe bis zum süßen Pudding, von der Antifaltencreme bis zum Speiseeis – die Nutzungsmöglichkeiten von Braunalgen scheinen kaum Grenzen zu kennen. Ihre vielfältigen Wirkstoffe, wie die bekannten Alginate und Alginsäuren, aber auch ihr hoher Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen wird von der Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie hoch geschätzt und mannigfaltig verwendet.

Daneben werden Algen in vielen Kulturen seit jeher direkt als Nahrungsmittel genutzt. So wachsen etwa die Nori-Algen, mit denen die Sushi-Maki-Rollen umwickelt werden, in Kelpwäldern. Freilich werden viele Nutz-Algen mittlerweile in Aquakulturen angebaut, um sie leichter und vor allem in großen Mengen ernten zu können.

ERZFEIND SEEIGEL

Kelpwälder gelten in vielen Fällen als äußerst robust und verzeihen auch kurzfristige Temperaturanstiege des Meerwassers. Deutlich wärmeres Wasser über mehrere Wochen oder gar Monate hinweg schneidet jedoch einerseits die Nährstoffversorgung durch kaltes Tiefenwasser ab und führt andererseits dazu, dass vermehrt pflanzenfressende Tierarten aus wärmeren Gefilden einwandern. Werden noch dazu durch Überfischung die für ein gesundes Ökosystem wichtigen Räuber am oberen Ende der Nahrungskette weggefischt, können sich die Pflanzenfresser ungehindert vermehren und selbst riesige Kelpwälder innerhalb kurzer Zeit kahlfressen! Zurück bleiben Unterwasser-Wüsten, die von Aufwuchsalgen überwuchert werden und eine Neubesiedlung von Kelp weitgehend verhindern.

So geschehen etwa im Norden von Kalifornien, wo mittlerweile mehr als 90 Prozent der Kelpwälder verschwunden sind. Vor allem die explosionsartige Vermehrung von algenfressenden Seeigeln zeigt sich dafür verantwortlich. Große Raubfische, die einst die Seeigelbestände unter Kontrolle gehalten haben, sind durch menschliches Zutun ebenso weitgehend verschwunden wie die bis zu eineinhalb Meter langen Seeotter, deren Nahrung zu über 70 Prozent aus Seeigeln besteht.

Zusätzliche Fressfeinde wie die bis über einen Meter großen Sonnenblumen-Seesterne sind unglücklicherweise – vermutlich ebenfalls vom ungewöhnlich warmen Wasser begünstigt – einer verheerenden Viruskrankheit zum Opfer gefallen.

Aber auch Norwegen, Island, die Südküste Australiens und vor allem Tasmanien haben mit starken Verlusten ihrer Kelpwälder zu kämpfen. Von den einst reichen Kelp-Beständen im Osten Tasmaniens sind heute weniger als fünf Prozent übrig!

FATALER DOMINOEFFEKT

Verschwinden regionale Bestände von Kelpwäldern, Seegraswiesen, Mangrovengürteln oder Korallenriffen, so hat das oft weitreichende Folgen und betrifft uns alle. Die Nahrungskette wird gekappt, ganze Ökosysteme brechen zusammen, und es kommt zu einem massiven Verlust der Artenvielfalt.

Überdüngung, Umweltverschmutzung, Überfischung und Übersäuerung belasten die marinen Ökosysteme zusätzlich. Das Hauptproblem, das nicht nur die marinen Kreisläufe, sondern auch das Gleichgewicht der Meeresströmungen sowie damit verbunden das gesamte Wettergeschehen und Klima durcheinander bringt, ist die Erderwärmung! Ihr sollte unsere ganze Aufmerksamkeit gewidmet sein.

Text von Wolfgang Pölzer