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DER KHARDUNG LA


Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 14.09.2021

REISE ÜBER DEN HÖCHSTEN PASS DER WELT

Artikelbild für den Artikel "DER KHARDUNG LA" aus der Ausgabe 10/2021 von Off Road. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Off Road, Ausgabe 10/2021

Satt, glücklich und ein eiskaltes Bier in der Hand genießen wir die Abendsonne auf einer Terrasse über Leh im nördlichsten Indien. In Sichtweite steht unser treuer Nissan Terrano II, der wieder einmal alle Schläge eingesteckt und ohne mit der Wimper zu zucken manche der höchsten Pässe dieses Erden- runds bewältigt hat. Etwas staubig wirkt er, wie er da steht. Aber wer will´s ihm verdenken nach den letzten fünf Tagen und gut 600 km fast ohne Asphalt unter den Reifen, im Himalaya?

DER PLAN

Hier in Leh war es auch, wo vor einer Woche, die sich heute min- destens wie ein Monat anfühlt, alles begann. Der Plan, den Khardung-Pass zu überfahren, reifte da zwar bereits seit geraumer Zeit in uns, aber trotzdem beantragten wir, mangels stabiler Internetverbindung, mit eher rudimentären Vorkenntnissen zu Strecke und zeitlichem Ablauf das Inner Line Permit. Das ist ei-ne ...

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... schriftliche Genehmigung zum Aufenthalt nahe der „Line of Control“, der umstrittenen Grenze zu China.

ABFAHRT

Schon einen Tag später konnte es losgehen. Mit dem offiziellen Schrieb im Handschuhfach traten wir die Fahrt Richtung Norden an. An die anfängliche Höhe von 3400 m waren wir bereits gewöhnt, aber direkt hinter der Stadt begann die Straße merklich anzusteigen. In beide Richtungen bewegten sich viele Truppen- und Materialtransporte, was uns nicht weiter verwunderte, da die einzige Daseinsberechtigung der Khardung La Road schließlich militärischer Natur ist. Auf gut Deutsch, die Straße existiert, um China keine Schwäche zu zeigen. Auf 4650 m, am Checkpoint South Pullu, hatten wir alle Papiere vorzuzeigen und wurden gefragt, ob wir nach der Passüberquerung denselben Weg zurück oder eine Rundtour fahren würden. Das war für uns die erste große Überraschung auf diesem Trip! Laut unseren Karten und Informationen gab es nämlich überhaupt keine Möglichkeit, einen anderen Weg zurück zu nehmen (außer eventuell die illegale Einreise nach China!). Doch wir ließen uns kein Unwissen anmerken und entschieden uns mit einem stummen Blick für die Rundfahrt. Bei einsetzendem Nieselregen und tief hängenden Wolken ging es bergan auf dem anfangs noch schwarzen Straßenbelag, welcher bald immer brüchiger wurde, um dann in eine gut gepflegte Schotterpiste überzugehen. Der Ausblick, auf den wir uns so sehr gefreut hatten, verlor sich leider im Grau der Wolken und im Schwarz der Abgase, das mit zunehmender Höhe immer dichter wurde. Auch unsere Maschine hatte mehr als nur ein bisschen mit der immer dünneren Luft zu kämpfen. Der 2,7-Liter-Diesel verlor ab 5000 m Höhe schließlich so massiv an Leistung, dass wir streckenweise die Untersetzung bemühen mussten, um nicht, wie unsere indischen Kollegen, nach toter Kupplung zu stinken.

DIE PASSHÖHE

Endlose im Kriechgang zurückgelegte Serpentinen später erreichten wir schließlich die Passhöhe und blickten auf ein paar enttäuschende Blechbarakken neben mehreren Tafeln und Schildern mit Höhenangaben von 5481 m bis 5602 m (this is India). Sei es, wie es wolle, irgend-etwas zwischen 5400 m und 5600 m gilt als gesichert. Der Wind, der Regen und die Temperaturen nur wenig über dem Gefrierpunkt sorgten dafür, dass wir nach kurzem Aufenthalt und einer heißen Tasse Tee in einer der Baracken, schon die Weiterfahrt antraten.

Der Khardung La, den wir bis zu diesem Zeitpunkt als Ziel und Höhepunkt der Unternehmung angesehen hatten, sollte sich jedoch im weiteren Verlauf nur als Randnotiz erweisen gegenüber all der Schönheit und den

Absonderlichkeiten, die uns auf seiner anderen Seite erwarteten. Das Nubra-Tal erreichten wir gut zwei Stunden und 50 km später. Zuerst überraschte uns seine Dimension. Wir hatten ein eher schmales Tal erwartet, - stattdessen misst es am Zusammenfluss von Shyok und Nubra sage und schreibe 12 Kilometer in der Breite. Eigentlich ist das Tal ein einziges Flussbett, bestehend aus Massen von Kies und Sand, der sich bei Hundar sogar zu richtigen Dünen aufschwingt, eingefasst von anmutigen Sechsund Siebentausendern mit ewig weißen Häuptern.

Bald verließen wir die einzige Straße, um einer der unzähligen Reifenspuren zu folgen, die sich durch die karge Vegetation dieser Region schlängeln. Auf dem Kies wächst zwar kein Busch oder Strauch höher als zwei Meter, aber auch das reichte, um sich wie in einem Labyrinth zu fühlen. Kurz gesagt: Es sollte uns tatsächlich nicht gelingen, einen der Flüsse darin zu finden.

DAS KAMEL

Was wir stattdessen fanden, war ein Kamel. Einsam und verlassen stand es im Nirgendwo. Zwar hatte es eine Markierung am Ohr und ein kleines Glöckchen um den Hals, bewegte sich aber ansonsten völlig frei durch die Botanik. Ob es die von uns dargebrachten Streicheleinheiten genoss, war unklar, aber wenigstens flüchtete es nicht, was uns Gelegenheit gab, diese völlig surreale Situation auszukosten und uns ein wenig mit dem majestätischen Tier zu befreunden, dessen Schädel die Ausmaße von beinahe zwei Medizinbällen hatte.

Nach diesen Erfahrungen und Begnungen, einem kleinen Lagerfeuer aus Treibholz und zwei angenehmen Nächten im Auto waren wir schon wieder versöhnlich gestimmt und machten uns, guter Dinge, in südöstlicher Richtung auf den Weg entlang des Shyok-River. Hier endete – zumindest nach unseren Karten – sowohl die Straße als auch Indien. Aber wie so oft in diesem Land, lag auch in diesem Fall zwischen Theorie und Praxis unendlich viel von was auch immer.

PANGONG TSO

So folgten wir der sich darbietenden Piste bis zum Pangong-See, einer saphirblauen Merkwürdigkeit inmitten einer außerirdischen Landschaft.

Wie die ersten Menschen kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Nun kennen wir zwar einige tolle Bergseen, aber die Kraft der Farbe des auf über 4000 Meter Höhe gelegenen Pangong machte uns schier sprachlos. Und erst seine Ufer, die nahtlos in eine rötliche, menschenleere Hügellandschaft übergehen, so weit das Auge reicht! Wobei die Bezeichnung „Hügel“ im Himalaya mit äußerster Vorsicht zu verwenden ist. In der Ferne erahnten wir ein paar kleine Ortschaften, die sich aber bei näherer Betrachtung als einfache Zeltstädte erwiesen und offensichtlich nur während des Sommers benutzt werden, um die Handvoll indischer Touristen zu beherbergen, die sich dorthin verirren.

DAS FINALE

Hier kommt man „eigentlich“ völlig ohne Strom und Internet aus. „Eigentlich“ deshalb, weil wir am 15. Juli 2018 mitten in der Nacht Zeugen einer Live-Übertragung des Fußballweltmeisterschaft-Finales aus Moskau, projiziert auf eine Leinwand unter freiem Himmel am Ufer des Pangong-Tso wurden. Offenbar hatte man eigens zu diesem Zweck ein Stromaggregat, einen Beamer und eine Leinwand herbeigeschafft und es fanden sich auch ca. 30 Zuschauer ein, die sich den für die örtlichen Verhältnisse unverschämt hohen Eintrittspreis von umgerechnet zwei Euro leisteten. Einen Ton gab es nicht, aber er hätte auch unmöglich das Wummern des Aggregats überstimmen können. Hätte in dieser Nacht Kroatien Frankreich geschlagen, wäre festgestanden: Das alles war nur ein seltsamer Traum. Aber Kroatien verlor! Und wir wachten am nächsten Morgen abermals in dieser atemberaubenden Landschaft auf.

Nun war unser Proviant nur für zwei bis drei Tage ausgelegt. Und da die Lebensmittelversorgung am See nur minimal bis nicht vorhanden war, abgesehen von Reis mit Soße in einer der kleinen Zeltküchen, traten wir schweren Herzens den Rückweg an. Unse-re letzten Reserven, bestehend aus einem halben Glas Oliven undefinierbaren Alters, wurden noch brüderlich geteilt, bevor wir uns an die gut 200 Kilometer zurück nach Leh machten. Wieder auf einer Strecke, die es eigentlich gar nicht gab.

Am Ende des Tages in der Hauptstadt von Ladakh angekommen, müde, ausgelaugt und etwas zittrig vom Unterzucker, blinzeln wir von besagter Terrasse aus ungläubig in die Abendsonne und bestellen ein kaltes Bier.

T | | August Auer