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Der Kitt der Gesellschaft


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 07.09.2018

RESPEKT Wer sich geachtet fühlt, lebt nicht nur zufriedener, sondern ist auch eher bereit, für sich und andere einzustehen. Grund genug, die Wertschätzung hochzuhalten!


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 10/2018

DPA / JULIAN STRATENSCHULTE

UNSERE AUTORIN

Patricia Thivissen arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Berlin.

Nachdem er sich im Mai 2018 mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten ließ, schlug Mesut Özil harsche Kritik entgegen – und jede Menge Respektlosigkeit, wie der Fußballspieler findet.


DPA / JULIAN STRATENSCHULTE

Auf einen Blick: Warum gegenseitige Achtung wichtig ist

1 Respekt hat viele Facetten. Eine ...

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... entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir andere wertschätzen, scheint zu sein, dass wir sie als gleichwertig wahrnehmen.

2 Wer sich von anderen respektiert fühlt, ist nicht nur zufriedener: Die betreffenden Personen engagieren sich auch eher sozial, sind ehrlicher und verhalten sich ihrerseits respektvoll.

3 Wertschätzung ist zudem die Basis für Selbstrespekt: Menschen, denen Achtung entgegengebracht wird, fällt es in der Regel leichter, für die eigenen Rechte einzutreten.

Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich auf Grund der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre.« Mit diesen Worten verkündete Mesut Özil im Juli 2018 seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft. Die Zeilen sind Teil einer längeren Stellungnahme, die der Fußballspieler nach einer mehr als zwei Monate andauernden Diskussion um seine Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf Twitter veröffentlichte. Im Anschluss sei er von Fans und Politikern teils wüst beschimpft worden, vor allem vom Deutschen Fußball-Bund und seinem Präsidenten Reinhard Grindel fühle er sich im Stich gelassen.

Ungeachtet dessen, was man von Özils Verhalten und seiner Reaktion auf die Kritik an ihm halten mag: Er ist nicht der Einzige, der sich in den vergangenen Monaten über einen Mangel an Respekt beklagte. Anfang 2018 forderte Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, mehr Respekt für Polizisten und Rettungskräfte. Denn statt Anerkennung für ihre Arbeit ernten viele von ihnen bei ihren Einsätzen zunehmend Beleidigungen und Gewalt. Das war vor allem in der vergangenen Silvesternacht deutlich geworden, wo Personen mit Steinen und Flaschen nach Polizisten warfen und Sanitäter mit Messern bedrohten.

Auch Lehrer müssen sich immer stärker in Acht nehmen. Einer Forsa-Umfrage zufolge sind sie mittlerweile an rund jeder zweiten Schule mit verbalen Attacken konfrontiert, an jeder vierten kommt es zu körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte, an jeder fünften Schule werden sie im Internet gemobbt. Und das Problem sind nicht nur die Schüler: Viele Eltern treten ebenfalls immer unverschämter auf, beobachten Experten.

Die Gehirn&Geist-Serie »Die vergessenen Tugenden« im Überblick:
Teil 1: Mut – Die Kunst der Selbstüberwindung (Gehirn&Geist 9/2018)
Teil 2: Respekt – Der Kitt der Gesellschaft (dieses Heft)
Teil 3: Vertrauen (Gehirn&Geist 11/2018)

Angesichts solcher Beispiele scheint es wenig verwunderlich, dass manche fürchten, der Respekt in der Gesellschaft gehe allmählich zu Grunde. Schaut man sich die Ergebnisse des World Values Survey an, sieht es tatsächlich so aus, als würde die Achtung voreinander an Wert verlieren: Während in der Erhebung von 1995 bis 1999 fast 91 Prozent der Befragten »Respekt und Toleranz für andere« als ein wichtiges Erziehungsziel bei Kindern nannten, waren es zwischen 2010 und 2014 nur noch 66,7 Prozent.

Dabei kommt es allerdings auch darauf an, was man unter Respekt versteht. Im Alltag benutzen wir den Begriff in den unterschiedlichsten Situationen. Wir sprechen von mangelndem Respekt, wenn junge Menschen älteren Personen in Bus oder Bahn keinen Sitzplatz anbieten. Wir kommentieren »Respekt!«, wenn der Arbeitskollege einen besonders eindrücklichen Vortrag gehalten hat – oder der beste Kumpel eine Bierflasche auf ex trinkt.

Bernd Simon, Professor für Sozialpsychologie und Politische Psychologie an der Universität Kiel, hält es für wichtig, diese unterschiedlichen Auffassungen voneinander abzugrenzen. »Respekt lässt sich auf das lateinische Wort ›respicere‹ zurückführen, was so viel heißt wie zurückschauen oder sich umsehen. Ich schaue mich um, wer von meiner Handlung betroffen ist, nehme den anderen als gleich wahr, erkenne ihn in seiner Würde an und stelle das entsprechend in Rechnung.« Dabei nimmt er Bezug auf die Werke des Philosophen Immanuel Kant: »Jeder Mensch hat Anspruch auf den gleichen Respekt, weil er oder sie als vernünftiges Wesen gleichermaßen eine Würde besitzt und nicht bloß einen Preis. Jeder Mensch hat also einen Wert an sich, einen Endzweck, und ist nicht bloß ein Mittel oder Hindernis für andere Zwecke beziehungsweise für die Zwecke anderer Menschen«, schreibt Simon in seinem 2017 veröffentlichten »Grundriss einer sozialpsychologischen Respekttheorie«.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich seine Auffassung von anderen Respektbegriffen: etwa von der Achtung vor jemandem, der eine besondere Leistung erbracht oder einen hohen Status innehat. »In der Sozialpsychologie wird der Begriff unterschiedlich verwendet. Nicht immer ist er klar definiert. Das kann dazu führen, dass Akzeptanz, Wertschätzung oder Zuneigung mit Respekt verwechselt werden«, erklärt er.

In den Augen von Simon ist Respekt vor allem mit der Anerkennung von Gleichheit verbunden. Darauf deutet zum Beispiel eine Untersuchung hin, für die er 2014 gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Hilmar Grabow 1028 schwule Männer und 703 lesbische Frauen befragte. Die Teilnehmer sollten Auskunft darüber geben, wie viel Prozent der deutschen Bürger ihrer Einschätzung nach bereit seien, »Homosexualität und andere Formen sexueller Vielfalt zu respektieren«. Außerdem wollten die Wissenschaftler von den Versuchspersonen wissen, wie viele Menschen wohl Lesben und Schwule als gleichwertige Mitbürger betrachteten, auf die Bedürfnisse von Homosexuellen eingingen oder anerkannten, was die betreffenden Personen in ihrem Leben leisten.

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass die Wahrnehmung von Respekt am stärksten mit der Akzeptanz von Lesben und Schwulen als gleichwertige Mitbürger korrelierte. In einer Nachfolgeuntersuchung, an der 449 Männer und 296 Frauen aus der ersten Studie erneut teilnahmen, bestätigte sich das Ergebnis: Der Eindruck, als gleich betrachtet zu werden, war offenbar entscheidend für das Gefühl, respektiert zu werden. In die gleiche Richtung deutet eine Untersuchung mit mehr als 1000 in Deutschland lebenden Muslimen. Auch hier fühlten sich die Probanden eher geachtet, wenn sie gleichzeitig den Eindruck hatten, dass Muslime als gleichwertige Mitbürger anerkannt werden. »Das spricht dafür, dass Gleichheitsanerkennung als Fundament von Respekt fungiert«, resümiert Simon.

Vom Verfall bedroht

In diesem Sinn könnte die gegenseitige Wertschätzung in unserer Gesellschaft tatsächlich vom Verfall bedroht sein, glaubt der Sozialpsychologe. »Wenn man sich die politische Entwicklung in Europa und im Rest der Welt anschaut, scheint es immer mehr um Abgrenzung zu gehen. Man denke nur an Slogans wie ›America first‹. Entsprechend sehe ich schon die Gefahr, dass wir die Einsicht, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen, verlieren – und damit auch den Respekt voreinander.«

Doch warum ist dieser überhaupt so wichtig? »Auf individueller Ebene hat er eine Art Signalwirkung«, so Simon. »Wenn ich jemanden als Gleichen respektiere, zeigt das: Du bist einer von uns. Das hat positive Konsequenzen und führt dazu, dass der- oder diejenige sich zugehörig und aufgehoben fühlt.« Und das wiederum macht es uns leichter, auf andere zuzugehen. So zeigen Untersuchungen von Simon und seinem Kollegen Stefan Stürmer zum Beispiel, dass gegenseitige Wertschätzung die Kooperationsbereitschaft in Gruppen erhöht. In einer Studie aus dem Jahr 2003 suggerierten die Forscher Studenten, sie würden am Computer in Gruppen zusammenarbeiten, um die Lehre an ihrer Universität zu verbessern. Dabei sollten die Probanden zunächst eigene Vorschläge ausarbeiten und diese anschließend an die anderen Gruppenmitglieder weiterleiten. In Wirklichkeit gab ihnen allerdings kein echter Mensch Feedback, sondern ein Computerprogramm, das verschiedene vorprogrammierte Reaktionen auf Lager hatte. Nach dem Zufallsprinzip antwortete es den Versuchspersonen entweder mit höflichen Sätzen wie: »Danke für deine Vorschläge. Ich werde mir Zeit nehmen, gründlich über sie nachzudenken.« Oder aber sie bekamen eine eher unfreundliche Erwiderung: »Ich habe deine Vorschläge gelesen, weil ich es musste. Aber eigentlich hätte ich mit meiner Zeit lieber etwas Besseres angefangen.«

Polizisten räumen im August 2008 im Hamburger Schanzenviertel mehrere Straßen. Bei Ausschreitungen am Rand eines Straßenfestes war es zuvor unter anderem zu tätlichen Angriffen auf Beamte gekommen.


DPA / BODO MARKS

Personen, die eine respektvolle Antwort erhalten hatten, waren anschließend nicht nur besser gelaunt. Sie konnten sich zudem deutlich besser mit ihrer Gruppe identifizieren und legten sich stärker für sie ins Zeug, wie eine abschließende Befragung von Simon und Stürmer ergab. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen 2013 japanische Forscher. Sie wollten herausfinden, ob eine respektvolle Behandlung dafür sorgt, dass sich ältere Menschen stärker für das Gemeinwohl und für jüngere Generationen einsetzen. Dazu befragten sie mehr als 1000 Teilnehmer über 60 Jahre im Abstand von zwölf Monaten, wie sehr sie sich von jüngeren Menschen geachtet fühlen. Zudem erhoben die Forscher das gesellschaftliche Engagement der Probanden. Senioren, die den Eindruck hatten, eher Ablehnung als Respekt zu erfahren, waren weniger dazu bereit, ihr Wissen mit jüngeren Generationen zu teilen oder jungen Menschen zu helfen, als solche, die sich respektvoll behandelt fühlten.

Laut einer Untersuchung der Psychologin Daniela Renger und ihrer Kollegen, ebenfalls an der Universität Kiel, fühlen wir uns durch Respektlosigkeit als Menschen abgewertet – dehumanisiert. Zudem scheint ein Mangel an Achtung ebenso unseren moralischen Kompass zu beeinträchtigen: Versuchspersonen, die in einem Einkaufsszenario schlecht behandelt wurden, waren anschließend weniger geneigt, den Kassierer darauf aufmerksam zu machen, dass er ihnen gerade zwei Euro Wechselgeld zu viel gegeben hatte.

Werden wir hingegen von anderen respektvoll behandelt, fällt es uns auch leichter, uns selbst mit Wertschätzung zu begegnen. »Selbstrespekt ist die Internalisierung von erfahrenem Respekt und somit die Voraussetzung dafür, sich selbst als gleichwertig wahrzunehmen «, sagt Renger. Wer sich selbst respektiert, erkenne, dass er die gleichen Rechte und die gleiche Würde wie andere Menschen hat – und zwar unabhängig von Dingen wie dem eigenen Geschlecht, dem sozialen oder beruflichen Status. Zudem sei Selbstrespekt eine wichtige Voraussetzung, um die eigenen Rechte und Ansprüche einzufordern und zum Beispiel gegen unfaire Bezahlung am Arbeitsplatz vorzugehen. »Wenn wir keinen oder nur wenig Selbstrespekt besitzen, nehmen wir Ungerechtigkeit gar nicht wahr und sind dann nicht in der Lage, für uns selbst einzutreten«, erklärt Renger.


Machen wir selbst positive Erfahrungen, fällt es uns leichter, anderen mit Respekt zu begegnen


Das ergab auch eine Langzeituntersuchung, bei der die Forscherin über mehrere Monate hinweg den Selbstrespekt der Teilnehmer maß. Die Achtung vor sich selbst ging dabei nicht nur mit einer höheren Durchsetzungsfähigkeit einher, sondern ließ sich auch deutlich von anderen Konstrukten wie Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl oder aggressivem Verhalten abgrenzen. Die Selbstakzeptanz der Probanden fußte im Gegensatz zum Selbstrespekt eher darauf, von anderen gemocht zu werden, während das Selbstwertgefühl stark davon abhing, wie viel Anerkennung die betreffenden Personen für erbrachte Leistungen erhielten. Renger findet vor allem die Abgrenzung zu aggressivem Verhalten wichtig: »Es geht nicht um ein Anspruchsdenken, das mit aggressivem Einfordern zusammenhängt und über das Ziel hinausschießt. Selbstrespekt führt dazu, dass wir legitime Rechte einfordern – und auch andere Menschen mit Respekt behandeln.«

Wer von anderen respektvoll behandelt wird, gibt also Respekt zurück – Wertschätzung führt zu Wertschätzung. »Die Frage ist natürlich immer, wer den Anfang macht«, sagt Simon. Das Fundament für einen respektvollen Umgang mit anderen werde bereits in unserer Kindheit gelegt: Machten wir selbst positive Respekterfahrungen, falle es uns später leichter, anderen mit Achtung zu begegnen. Zudem sei es wichtig, Kindern beizubringen, dass alle Menschen Respekt verdienen – und nicht nur die Mitglieder der eigenen Gruppe.

Doch auch auf gesellschaftlicher Ebene lässt sich der achtungsvolle Umgang mit anderen mit Hilfe von gezielten Interventionen trainieren. Ein australisches Forscherteam half etwa 118 Jugendlichen dabei, mehr Respekt vor älteren Menschen zu entwickeln. Dazu nahmen die Teenager an insgesamt vier Sitzungen teil, in denen die Wissenschaftler ihnen beibrachten, was es bedeutet, heutzutage alt zu sein. Außerdem sprachen sie mit den Probanden über die Erwartungen, die Senioren an jüngere Menschen haben könnten, und über die eigenen Stereotype, die sich in den Köpfen der Teilnehmer festgesetzt hatten. Anschließend sollten die Jugendlichen darüber nachdenken, was sie selbst von Älteren erwarten, um eine respektvolle Beziehung zu ihnen aufbauen zu können. Am Schluss übten sie gemeinsam respektvolle Verhaltensweisen ein.

Eine verbindende Identität

Nach dem Ende der Sitzungen hatte sich die Einstellung der Teilnehmer älteren Personen gegenüber deutlich gebessert. Bei einer Kontrollgruppe, die keine Interventionen erhielt, war das hingegen nicht der Fall. Zudem wussten sie besser über das Leben im Alter Bescheid und waren im Umgang mit Senioren souveräner – und das sogar noch sechs Monate später.

»Respekt ist ein Schlüsselfaktor für Lebensqualität älterer Menschen. Studien zeigen konsistent, dass ältere Menschen, die sich respektiert fühlen, eine höhere Lebenszufriedenheit haben«, schreiben die Autoren. Und nicht nur im Hinblick auf das Glück des Einzelnen macht Achtung einen Unterschied: »Ich glaube, dass man Respekt als Kitt der Gesellschaft bezeichnen könnte «, meint Renger. »Er führt dazu, dass wir uns eine gemeinsame, verbindende Identität schaffen können, ohne die individuellen Unterschiede zu ignorieren.«

MEHR WISSEN AUF»SPEKTRUM.DE«

Mehr über das menschliche Miteinander erfahren Sie auf unsererThemenseite »Sozialverhalten « :

www.spektrum.de/ t/sozialverhalten

Auf diese Weise fördert Respekt schließlich auch die Toleranz. Das zeigt eine Untersuchung, für die Bernd Simon und sein Kollege Christoph Daniel Schaefer 2016 von mehr als 1000 in Deutschland lebenden Muslimen wissen wollten, inwiefern sie Christen, Juden, Menschen ohne Religionszugehörigkeit, Homosexuelle oder Feministen als gleichwertig betrachteten. Außerdem fragten sie die Probanden, ob sie Mitgliedern der jeweiligen Gruppen zugestehen, ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. Dabei zeigte sich, dass Respekt und Toleranz miteinander zusammenhingen – und zwar umso stärker, je deutlicher die Befragten eine der genannten Gruppen ablehnten. Achtung schien dabei als eine Art Gegengewicht zu fungieren, das dafür sorgte, dass manche Versuchspersonen anderen selbst dann noch mit Toleranz begegnen konnten, wenn sie deren Glauben oder Lebensstil besonders kritisch gegenüberstanden.

Das liegt laut Simon auch daran, dass sich oft dennoch Gemeinsamkeiten finden lassen: »Vereinfacht gesagt: Der eine ist HSV-Fan, der andere Werder-Fan. Auf übergeordneter Ebene sind beide Freunde des Fußballs und respektieren sich deshalb.« Eine solche gemeinsame Gruppenmitgliedschaft und die damit einhergehende kollektive Identität fördere die Wahrnehmung als Gleiche – und somit den gegenseitigen Respekt.

Wenn sich gesellschaftliche Teilgruppen – seien es HSV- und Werder-Fans oder Muslime und Christen – mit Achtung begegnen, könne deshalb »eine positive Aufwärtsspirale in Gang gesetzt werden«, schreibt der Psychologe. »Doch wie so oft gilt: Jemand muss den Anfang machen!«

QUELLEN

Mellor, D. et al.: Respecting our Elders: Evaluation of an Educational Program for Adolescent Students to Promote Respect toward Older Adults.In: American Journal of Orthopsychiatry 85, S. 181–190, 2015

Renger, D.: Believing in One’s Equal Rights: Self-Respect as a Predictor of Assertiveness.In: Self and Identity 17, S. 1–21, 2018

Simon, B., Daniel, C.: Tolerance as a Function of Disapproval and Respect: The Case of Muslims.In: British Journal of Social Psychology 55, S. 375–383, 2016

Tabuchi, M. et al.: Generativity and Interaction between the Old and Young: The Role of Perceived Respect and Perceived Rejection.In: The Gerontologist 55, S. 537–547, 2015

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1583124