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Der Klang der Isolation


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 10.03.2021

Die Corona-Pandemie führt im Musikleben vielerorts zu Stillstand, Frustration und Perspektivlosigkeit. Aber sie setzt auch neue Energie und Kreativität frei. So hat die Bratschistin Hiyoli Togawa Komponisten aus unterschiedlichen Kulturkreisen gebeten, ihre Erfahrungen mit der Pandemie- Zeit in Solowerken für Bratsche festzuhalten – und daraus ein packendes Album kreiert.


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Foto: Anne Hornemann

Zum Gespräch hat Hiyoli Togawa in ihr Studio in Berlin-Schöneberg eingeladen. Holzverkleidete Wände, viel Licht, genügend Platz, um Abstand zu halten. Im Raum verteilt die Instrumente ihres Mannes, des Schlagzeugers ...

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... Alexej Gerassimez, über einer gemütlichen Sitzgruppe großformatige Bilder in kräftigen Farben. „Sie sind alle in der Corona-Zeit entstanden“, erzählt Hiyoli Togawa. Für die „japanisch-australische Rheinländerin“, wie sie sich selbst bezeichnet, sind Musik, Malerei und der Tanz, dem sie sich in früheren Jahren intensiv gewidmet hat, verschiedene Mittel der Kommunikation. Mit Menschen in Kontakt treten, Brücken bauen, Verbindungen schaffen, das ist ihr ein tief empfundenes Bedürfnis. „Eigentlich würde ich lieber mehr über Sie erfahren als selbst so viel zu reden,“ sagt sie im Gespräch. Dabei sprudeln die Gedanken nur so aus ihr heraus – nicht nur, wenn es um ihr neues Album geht, für das sie Komponisten aus verschiedenen Ländern und Kontinenten gebeten hat, ihre Erfahrungen aus der Corona-Zeit in Werken für Bratsche solo festzuhalten.

Sie sind in verschiedenen Bereichen künstlerisch aktiv. Über uns hängen die Bilder, die Sie in den vergangenen Monaten gemalt haben, mit dem Projekt „Dance! Viola!“ bringen Sie Musik und Tanz zusammen. Welche Bedeutung haben die verschiedenen Kunstformen für Sie?

Kommunikation fängt immer aus einer Bewegung heraus an, es kann eine Mimik sein, es kann auch ein Tanz sein. Aus der Bratsche kommt kein Ton heraus, wenn ich mich nicht bewege, es kommt auch keine Farbe auf die Leinwand, wenn keine Bewegung da ist. Bei Pinsel und Bogen nehme ich viele haptische Ähnlichkeiten wahr. Beide bestehen aus Holz und Haaren. Und dieser Moment, in dem ein Pinsel von einer bestimmten Größe eine bestimmte Nuance an Farbe erzeugt – das ist bei dem Bogen auf der Bratsche sehr ähnlich. Man hat die Möglichkeit, mehr Haare zu nehmen oder weniger Haare, und schattiert dadurch die Töne. Letztlich geht es immer um Bewegung und den daraus resultierenden emotionalen Ausdruck.

Ihre CD trägt den Titel „Songs Of Solitude“. Ist Einsamkeit ein Gefühl, das sich auch in Ihrer eigenen Erfahrung mit der Corona-Zeit verbindet?

Da gibt es zwei Seiten, wobei man sagen muss, dass solitude ja etwas anderes ist als loneliness. Ich empfinde es schon sehr stark als eine Zeit, in der man sich abgrenzen muss. Zum Beispiel weiß ich nicht, wann ich meine Großeltern wiedersehen werde, die in Australien und Japan leben. Die Erfahrung, nicht nach außen gehen zu dürfen, keine Kontakte haben zu dürfen, ist gerade für Musiker sehr prägend, denn normalerweise zehrt man von immer neuen Begegnungen, neuer Inspiration, neuer Energie. Andererseits war ich die Sommermonate über davon getragen, dass ich mit all diesen Komponisten interagieren durft e. Ich hatte regelmäßig Termine mit ihnen, habe ihnen Aufnahmen geschickt oder ihnen die Stücke vorgespielt, wenn die WLAN-Verbindung stabil genug war, und mit ihnen darüber gesprochen. Dass sich mein E-Mail-Postfach mit teilweise handgeschriebener, gerade frisch entstandener Musik füllte, die spiegelt, wie jemand in Eriwan oder New York oder irgendwo sonst auf der Welt mit der Pandemie, der Einsamkeit und diesem Solitude-Begriff umgeht – das war eine Bereicherung, wie ich sie so noch nie zuvor erfahren hatte.


Eine große Suche nach dem Sinn dieser Zeit, in der die Welt stillstand


Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Nach dem ersten Lockdown im März 2020 brauchte ich ungefähr zwei Wochen, um mich zu sammeln. Es war eine einzige große Suche nach dem Sinn dieser Zeit, in der es keine Ziele mehr gab und die kulturelle Welt auf einmal stillstand. Ich habe Atemübungen gemacht, Yoga, habe viel Zeit mit meiner kleinen Tochter und meinem Mann verbracht, habe gemalt und bin spazieren gegangen. Bei einem dieser Spaziergänge durch die ungewohnt leeren Straßen Berlins bekam ich einen Anruf von Kalevi Aho, einem befreundeten Komponisten aus Finnland, der geplant hatte, für meinen Mann und mich etwas für Bratsche, Schlagzeug und Orchester zu schreiben. Er klang entspannt, überhaupt nicht belastet, was mir in dem Moment sehr gutgetan hat, und sagte, dass das Stück nun fertig sei. Und das hat mich unglaublich berührt. Diese leere Straße, die vorher immer überfüllt war, der leere Kalender, in dem man sonst so vieles penibel organisieren musste, damit es funktioniert, gerade mit einem Kleinkind, meine Unterrichtstätigkeit an der Musikhochschule in München, die Reisen, alles war streng getaktet. In dieser Leere, in der all das verpufft war, zu erfahren, dass da ein neues Werk entstanden war – das musste ich erst einmal verarbeiten. Da saß ich mit meinem Coff ee to go und habe versucht zu begreifen, dass so etwas möglich ist. Und daraus entstand die Idee, diese ganze Situation, die so eigen und bizarr ist, in Tönen festzuhalten. Um etwas zu erschaff en, was den Menschen die Möglichkeit geben kann, diese Zeit zu refl ektieren und zu verarbeiten.

Wonach haben Sie die Komponisten ausgewählt?

Zunächst habe ich den Chef des Labels BIS angerufen und ihm die Idee geschildert. Er sagte sofort, das machen wir, und schlug auch gleich einige Komponisten vor. José Serebrier war der Erste, den ich angeschrieben habe. Er fand die Idee grandios. Zwei Tage darauf hatte ich sein „Nostalgia“ in meinem Postfach. Und dann ergab sich eins aus dem anderen. Einige Komponisten kannte ich schon, weil ich Solowerke von ihnen gespielt hatte, andere wurden mir empfohlen.

Bratschisten sind es gewohnt, mit zeitgenössischer Musik umzugehen, ein großer Teil ihres Repertoires ist im 20. Jahrhundert entstanden. Gab es trotzdem Herausforderungen für Sie?

Auf jeden Fall! In Kalevi Ahos „Am Horizont“ muss ich durchgängig zwei Stimmen auf der Bratsche spielen und dazu singen. Das war wirklich eine Herausforderung. Es ist sehr schwierig, die Intonation zu halten; zudem geht es nicht nur darum, das zu bewältigen, sondern auch zu ergründen, was es soll. Warum soll ich auf diese Reise gehen? Die Antwort war, dass ich mich selbst als Einheit begreifen musste, dass ich diese drei verschiedenen Dinge tun und trotzdem bei einer Sache bleiben, eine Botschaft durch die Musik tragen musste. Oder „Perfect Time For A Spring Cleaning“ von John Powell, das im Mehrspur-Verfahren aufgenommen ist: Auch das macht man nicht jeden Tag. Zugleich war es ein schönes Erlebnis, in einer Zeit, in der mir als Bratschistin die Kammermusik sehr fehlt, im Studio zu stehen und mit jemandem zu spielen. Auch wenn es nur meine bescheidene Wenigkeit mal neun war, ergab das eine tolle Illusion.

Unter den Komponisten, die sich an dem Projekt beteiligt haben, sind so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Toshio Hosokawa, Gabriel Prokofi ev, der außer in der Klassik auch in der DJ- und Elektro-Szene zu Hause ist, und John Powell, bekannt für seine Musik zu Filmen wie „Die Bourne Identität“. Wenn Sie auf die Gesamtheit der Werke schauen, was für ein Bild ergibt sich dann?

In der Gesamtheit prägend ist der Eindruck von Diversität. Man hätte vielleicht erwartet, dass, wenn ich Komponisten vorschlage, aus der Einsamkeit heraus etwas für eine einzige Bratsche zu schreiben, lauter melancholische, gediegene, lange Melodien entstehen. Die sind natürlich auch darunter, aber aus ganz verschiedenen Motiven heraus. Der eine verwendet ein Kinderlied aus seiner Vergangen- heit, der andere schreibt eine Klage, die von sizilianischem Gesang inspiriert ist. Bei Johanna Doderer dagegen fetzt es so richtig, weil die Innenwelten verlangen, dass man auch mal losschreit. Das kennt, glaube ich, jeder, dass man nach außen hin ruhig wirkt, aber im Inneren tobt alles, und genau das ist ja Musik!

Eingestreut zwischen die neu komponierten Werke sind die Sarabanden aus den Cello-Suiten von Bach. Welche Bedeutung haben sie in dem Konzept?

Zu den Sarabanden habe ich mich während des ersten Lockdowns stark hingezogen gefühlt, in dieser Zeit des Suchens, in der alle Strukturen weggefallen sind und ich nicht wusste, was ich tun sollte. Den Trost, die Erdung, die Zuversicht, die mir die Sarabanden gespendet haben, wollte ich weitergeben. Auf der CD geht es überallhin auf der Welt, da ist es gut, einen Anker zu haben und immer wieder zu vertrauten Orten zu kommen, auch als Hörer.

Welche Erfahrungen aus den zurückliegenden Monaten werden Sie mitnehmen in die Zeit nach der Pandemie?

Ich habe das Gefühl, aufgewacht zu sein in dem Sinne, dass ich dieses Internationale, was ich in mir trage, als eine Einheit erkenne. Schon als Kind musste ich lernen, die drei Kontinente, in denen ich verwurzelt bin, zu vereinen. Wenn ich in Australien bin, sitze ich auf einem ungesattelten Pferd oder auf einem Traktor, in Japan vielleicht in einem Tempel und im Rheinland herrscht wieder eine ganz andere Kultur. Nun fange ich an, zu verstehen, wie all das zusammenspielt und zu einem Ganzen wird. Mit „Songs Of Solitude“ habe ich versucht, festzuhalten, dass wir verschiedene Perspektiven einnehmen, die Dinge aus dem Blickwinkel eines anderen sehen, unser Einfühlungsvermögen schulen können. Und ich glaube, wenn wir das tun, erschaff en wir eine bessere Welt.

Aktuelle CD

Songs Of Solitude. Werke von Bach, Mansurian, Doderer, Serebrier u. a.; Hiyoli Togawa; BIS (SACD) Rezension auf S. 122