Lesezeit ca. 5 Min.
arrow_back

Der kleine Höcke ein großes Talent


Logo von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL
Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

Ein gewisser Göring wollte dereinst Meier heißen (»wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeuge die deutsche Grenze überfliegt«) – es war ihm nicht vergönnt. Dem Jens Maier aber ist der Maier praktisch qua Geburt in den Schoß gefallen!

Ein Schwein hat der Mann, sollte man meinen. Aber Maier ist gar nicht so glücklich mit seinem Namen. Lieber würde er nämlich Höcke heißen, ob Bernd oder Björn oder Jens, das wäre ihm egal.

Mehrmals hat er sich seinen Kumpanen in Dresdens AfD-Lokalen selber als der »kleine Höcke« angedient, sozusagen augenzwinkernd, bis die es endlich geschnallt hatten. Zum Beweis dafür, dass er das Zeug und den Schneid hat, Höckens Wiedergänger zu sein, hat er vor der »Herstellung von Mischvölkern« gewarnt, sich redlich vor der »deutschen Schuldkultur« geekelt, seinen libidinösen Hang zum Kinder- und Massenmörder Breivik »gestanden« (da gehört Mut dazu!) und den Sohn von Boris ...

Artikelbild für den Artikel "Der kleine Höcke ein großes Talent" aus der Ausgabe 3/2022 von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 3/2022

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2022 von HAUSMITTEILUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HAUSMITTEILUNG
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von DING DONG, TELEFON!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DING DONG, TELEFON!
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Merz muss, Merz macht’s. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Merz muss, Merz macht’s
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Wir machen mit!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wir machen mit!
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
THE NUMBER OF THE B.
Vorheriger Artikel
THE NUMBER OF THE B.
Boss, Boss, wir brauchen Boss!
Nächster Artikel
Boss, Boss, wir brauchen Boss!
Mehr Lesetipps

... Becker, Noah, als »kleinen Halbneger« entlarvt, damit der sich nicht weiterhin ungestraft unter die Arier mischen kann.

Das sahen hinreichend viele Dresdner ganz genauso. Eine Welle der Sympathie, ja der Liebe hat dem Maier nicht nur selbstgehäkelte Geschenke reifer Dresdnerinnen eingebracht, sondern den kleinen Höcke 2017 in den Bundestag getragen. Im Wahlkreis Dresden 1 errang der Volkstribun sagenhafte 22,4 Prozent der Stimmen! Seine Chefin Alice Weidel erkannte gleich seine überragenden Fähigkeiten in der Rassentheorie und entsandte ihn ins »Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt«. Was für ein Schenkelklopfer für seine Dresdner Wähler! Die kamen vier Jahre lang aus dem Lachen gar nicht wieder raus. Das sind die Pointen nach dem Geschmack der AfD, ohne die der ganze staubige Demokratiebetrieb doch gar nicht zu ertragen wäre.

So schön könnte es noch heute sein, denn Maiers Repertoire ist längst nicht erschöpft. Auschwitz? Die Wehrmacht? Die deutschen Ostgebiete? Bohrende Fragen unserer Zeit erheischen völkische Metaphern. Doch der kleine Höcke schweigt. Zur Wahl im vorigen Jahr hat er seinen Wahlkreis schmählich verloren (knapp vor ihm u.a. Katja Kipping) – ein Organisationsversagen. Die Fahne war zwar hoch, die Reihen aber waren nicht fest genug geschlossen. Wenn das der Führer wüsste!

Jetzt heißt der Jens wieder Maier. Müssen wir uns um ihn sorgen? Ein Mann mit seinen Verdiensten – findet der keinen Minijob in der Altenpflege? Aber nein! Der Jens hat doch einen ordentlichen Beruf – er ist Richter. 1992 ist er – ein Westimport – in den sächsischen Justizdienst eingetreten. Zuletzt, vor seinem politischen Aufstieg, hat er am Dresdner Landgericht Recht gesprochen, in Presse-und Medienrechts-Angelegenheiten. Natürlich hatte er schon damals flotte Sprüche drauf, von wegen Ausländer und Drittes Reich und so. Aber in Dresdens Justizministerium sieht man das nicht so eng. Sein Dienstherr hat ihm schelmisch mit dem Zeigefinger gedroht und »Du, du!« gemacht – ein Verweis, längst wieder aus den Akten getilgt. Tja, und dann war er ja auch ratzbatz im Bundestag, der Maier, sozusagen auf Nimmerwiedersehen …

Denkste. Die Frau Justizministerin – heißt auch Meier (mit Göring weder verwandt noch verschwägert) – muss ihn zurücknehmen. Im Moment ziert sie sich noch ein bisschen. Aber der Nazi Maier darf wieder auf seinen Richterstuhl. Es gibt zwar grünlinksliberal versiffte Unbelehrbare (keine Ahnung vom deutschen Beamtenrecht!), die ihn da nicht sitzen sehen wollen. Aber Maier kann warten, bis er die Robe wieder anziehen darf – schließlich erhält er bereits die »vollen Bezüge«, wie das bei den Beamten vornehm heißt.

Die Ressentiments gegen den Mann sind völlig unbegründet, fachlich und rassisch ist er völlig sauber. Der Rest ist blanke Ideologie. In Westdeutschland ist man mit den Nazijuristen doch prima gefahren. Die haben die Demokratie aufgebaut. Gewiss, mancher von denen hat hängen oder erschießen lassen – die Zeiten waren verdammt unruhig damals. Sie waren vielleicht nicht »die Väter und Mütter des Grundgesetzes«, aber sie standen feixend um dessen Wiege. Sie wurden nach 1945 Ministerpräsident oder saßen bei Adenauer im Kanzleramt oder zogen in Kompaniestärke in die Justizministerien der Länder und der Bundesregierung ein. Volljuristen werden immer gebraucht! Sie waren fanatische Rechtsstaatler (im Unterschied zu den Kommunisten, die Unrechtsstaatler waren und deshalb von Willy Brandt mit Berufsverbot belegt wurden). Erst kürzlich wurde bekannt, dass unser Arbeitsgesetzbuch ein Nazijurist geschrieben hat. Es gilt bis heute und ist, was Arbeiterrechte betrifft, eines der reaktionärsten in Europa.

Nicht alle Nazis waren schlechte Menschen. Logisch, sonst hätten sie ja alle in Nürnberg gehängt werden müssen. Es gab auch richtig gute Nazis, die waren musikalisch, kinderlieb und hatten einen grünen Daumen. Und ein mitreißendes Engagement. Wie Jens Maier, der dem Vernehmen nach in seiner Zeit als Abgeordneter das Toleranz- und Demokratie-Bündnis kaum einmal geschwänzt hat.

Wenn man Nazis ständig mit Vorurteilen begegnet oder ihnen Adolf Eichmann vorhält, dann »machen die dicht«. Dann sind sie für einen demokratischen Diskurs verloren. Dann taucht der Maier mit seiner juristischen Expertise womöglich als Rechtsberater in den nationalsozialistischen Untergrund ab und eine Stelle beim Landgericht Zwickau bleibt auf Dauer unbesetzt. Dabei könnten Nazirichter, wie Jens Maier wieder einer sein möchte, frischen Wind in die Justiz bringen, wo sich die Verfahren ewig hinziehen und Ausländer immer noch kein Sonderstrafrecht genießen. Standrechtliche Urteile sind z.B. unverdient aus der Mode gekommen. Und dann die Empathie für die Täter heutzutage vor Gericht, die sozialpädagogische Sprache. Bei einem Nazirichter werden Urteile nicht mehr gesprochen, sondern verhängt oder gefällt, weil das den Verbrecher so schön an Galgen und Guillotine erinnert.

Man muss dem Maier aber dann auch freie Hand in der Prozessführung lassen. Ob er zu Beginn eines Prozesstages ein mädchenhaftes »Guten Morgen« säuselt oder einen ordentlichen deutschen Gruß draufhat, bleibt seiner Unabhängigkeit überlassen. Aber niemand muss fürchten, dass Maier, kaum wieder im Amt, gleich Volksgerichtshof spielen und den Angeklagten Hosenträger und Gürtel wegnehmen wird!

Wenn, grob geschätzt, 30 Prozent der Sachsen national und sozialistisch (»Wir sind das Volk!«, »Vollende die Wende!«) empfinden, müssen auch ein Drittel der Richter im Freistaat gestandene Nationalsozialisten sein. Wenn die Politik das nicht bald begreift, wird es uns eines Tages in Deutschland an Nazirichternachwuchs fehlen und wir müssen überstürzt junge Laienrichter bei den »Freien Sachsen« rekrutieren.

Im Landtag gibt es natürlich Scharfmacher, die wollen Maier stoppen. Frau Meier, seine Dienstvorgesetzte, scheint jedoch aufgegeben zu haben. Sie spekuliert wohl darauf, Maier bei irgendeinem Landgericht mit Fahrraddiebstählen oder Busengrabschereien durch Messermänner und Kopftuchmädchen zermürben zu können. Oder ihn zu einem der 100 bundesweit zusätzlich einzusetzenden Richter zu machen, die faschistische Hasskriminalität in den sozialen Netzen verfolgen sollen. Da wäre er der ideale Unparteiische!

Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt muss erst einmal geprüft werden, ob Maiers flotte Sprüche, die er als Abgeordneter abgesondert hat, wirklich verfassungswidrig waren. Vielleicht ist ja ein »deutsche Schuldkultur« längst »durch das Mandat gedeckt«, wie es im Abgeordnetengesetz heißt? Gegen »Kultur« kann wohl keiner was haben. Außerdem unterliegt ein Abgeordneter – im Unterschied zu einem Richter – keinem »Mäßigungsgebot«. Er darf sich also wie in der Fankurve aufführen, aus der die Affenlaute kommen – bzw. die Fans dürfen sich wie Abgeordnete der AfD benehmen.

Deshalb nennt der Heimatsender MDR den Maier-Sprech auch nicht etwa rassistisch, faschistisch, oder wenigstens ekelhaft oder mit dem Modewort »verstörend«, sondern verständnisvoll, ja zärtlich zugewandt nur »fragwürdig«.

Und fragen wird man wohl noch dürfen!

MATHIAS WEDEL