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»Der Kronprinz rief zur Wahl Hitlers auf«


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 18.03.2022

BLICKPUNKT HOHENZOLLERN

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 4/2022

GHerr Dr. Malinowski, der ehemalige Kronprinz Wilhelm war bekannt als reakti-onärer Mann, dem die Republik zuwider war. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie er mit den Nazis zusammenarbeitete. Aber hat Sie diese Erkenntnis wirklich überrascht?

Auf den ersten Blick erscheint eine solche Zusammenarbeit naheliegend. Schaut man aber genauer hin, gibt es eben doch eine sehr große Diskrepanz zwischen den Nationalsozialisten einerseits und dem Adel und Hochadel andererseits. Hitlers Bewegung war im Kern kleinbürgerlich, mittelstän-disch und proletarisch, in den ländli-chen Gebieten auch bäuerlich geprägt. Aus der Sicht eines Herzogs oder F ürsten sind das Proleten. Die kom men v on unten, sie sind zu oft betrun ken, nicht richtig angezogen, wissen nicht mit Messer und Gabel umzugehen. Als Prinz von Preußen ist der Weg zu einer Kollaboration mit SA-Männern aus Berlin-Wedding sehr, sehr ...

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Brisantes Werk

Dr. Stephan Malinowski, geboren 1966 in Berlin, lehrt Moderne Europäische Geschichte an der Universität Edinburgh in Schottland. In mehreren umfangreichen Studien untersuchte er die Kollaboration von Adligen mit dem NS-Regime.

Bei Propyläen ist 2021 sein Bestseller »Die Hohenzollern und die Nazis« erschienen.

Aktuell fordern die Hohenzollern Entschädigung für Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die sind jedoch ausgeschlossen, wenn der ehemalige Kronprinz den Nationalsozialisten »erheblichen Vorschub« geleistet haben sollte. Hat er das getan?

Aus meiner Sicht als Historiker ist die Antwort ein eindeutiges Ja. Das hat er, und zwar nicht nur einmal, sondern über Jahre hinweg. Seit der Revolution von 1918 haben Kronprinz Wilhelm und seine Familie kontinuierlich an der Zerstörung der Republik gearbeitet. Auch das würde ich hineinrechnen in die Frage der Vorschubleistung. Denn die Zerstörung der Republik war eine Voraussetzung für die Errichtung des Dritten Reiches.

Deutlich machen Sie das unter anderem am »Tag von Potsdam«, dem 21. März 1933. Was zeichnet den Tag aus?

Das war die wichtigste Propagandaveranstaltung des noch ungefestigten Regimes. Es ging darum, eine absolute Mehrheit für das sogenannte Ermächtigungsgesetz und die Selbstabschaltung des Reichstags zu gewinnen. Zusammen mit konservativen Planern entschieden sich die Nazis für eine Veranstaltung in und um die Garnisonkirche in Potsdam. Die war so etwas wie der heilige Schrein des preußischen Konservativismus. Dort befand sich die Grablege von Friedrich II. und seinem Vater. Der Tag sollte mit einem Augenzwinkern den preußischen Eliten zeigen: »Macht euch keine Sorgen, wir stellen uns in eure Traditionen. Wir arbeiten mit euch zusammen.« Dabei spielte der Kronprinz eine symbolisch herausragende Rolle. Er saß prominent platziert in der sogenannten Kaiserinnen-Loge. Mindestens zwei seiner Brüder waren ebenfalls anwesend, einer in der Uniform der SA, der andere in der des Stahlhelms. Auch bei der Eröffnung des Reichstags in der Krolloper saß der ehemalige Kronprinz wenig später in der Diplomatenloge und applaudierte ostentativ.

Wie halfen diese Auftritte den Nazis?

Seine Teilnahme am »Tag von Potsdam« und andere öffentliche Auftritte sind symbolische Akte, mit denen er sich hinter Hitler und das Regime stellte. Wichtig ist, dass er der Sohn des Kaisers war und damit potenziell der Thronprätendent. Als solcher rief er vor den Reichspräsidentenwahlen 1932 zur Wahl Hitlers auf und posierte neben Trägern eines Hitlerplakats. Wenn Sie so wollen, trat er da selbst als Wahlkämpfer auf. Dabei muss man im Kopf behalten, wie diese Figur beachtet wurde, gerade bei konservativen Eliten. Dort war die innenpolitisch wichtigste Frage jener Zeit: »Sollen wir mit den Nazis paktieren oder sollen wir versuchen, irgendein Bündnis gegen die Nazis zu formen?« Wenn sich Wilhelm zum Abendessen auf Schloss Cecilienhof mit Reichskanzler Brüning traf, dann macht er das in der Rolle des ehemaligen Kronprinzen. Und der gab kontinuierlich die Botschaft aus: »Wir müssen und sollten mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiten!«

Ließen sich die konservativen Eliten von all dem beeindrucken?

Ich bin kein Freund kontrafaktischer Geschichte. Aber in diesem Fall kann man sich ja einmal vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn der Kaiser im Exil und sein Sohn öffentlich aufgetreten wären und gesagt hätten: Mit den Nazis wollen wir nichts zu tun haben. Man wird wohl nicht behaupten wollen, dass das gar keine Wirkung gehabt hätte.

Warum hat der Kronprinz so eindeutig Stellung bezogen?

Ihm ging es um die Wiederherstellung der Monarchie, wobei es dafür keinen konkreten Plan gab. Zu viele Fragen blieben offen. Meinte das nur den Kaiser, oder auch die Könige von Bayern und Sachsen? Insofern ist dieser Begriff »Monarchie« eine eher vage Metapher für Macht und Einfluss. Zum Vorbild für die gesamte europäische Rechte wurde damals Italien, also die Kombination einer Monarchie mit einem faschistischen Führer.

»Seit 1918 haben Kronprinz Wilhelm und seine Familie kontinuierlich an der Zerstörung der Republik gearbeitet«

Stephan Malinowski

Die Rolle der Hohenzollern bei der Machtübertragung an die Nationalsozialisten ist unter Historikern umstritten. Der Preußen-Experte Christopher Clark schrieb etwa, der Kronprinz sei nur eine Randfigur gewesen.

Im Grunde genommen versuche ich in meinem Buch, genau diesem Eindruck der Randfigur entgegenzutreten. Das Argument der Randfigur ist nur dann haltbar, wenn damit der Mensch Wilhelm gemeint ist, seine persönlichen Qualitäten und Handlungen. Wir müssen aber trennen zwischen der Person einerseits und der Figur und Rolle des Kronprinzen andererseits, die ganz anders wahrgenommen wurde.

Was bedeutet das konkret? Immerhin wird auch argumentiert, Wilhelm sei eher unpopulär gewesen.

Das scheint mir nicht so sicher. Wilhelm hatte einen eigenen Propagandaapparat, der sich sehr viel Mühe gegeben hat, ihn zu einer modernen Führerfigur umzuformen, auch mithilfe von Fotos und Filmaufnahmen. Der Mann sah relativ gut aus, trug schicke Stiefel und grandiose Mäntel. Er hatte verschiedene Schlösser, konnte reiten und fuhr mit Sportwagen durch die Gegend. Er ging schießen, jagen und tanzen, trat mit den schönsten Frauen des Landes auf und verkehrte in der Theaterszene. So unpopulär wirkt er auf mich nicht. Unpopulär war er aber in der Tat bei einem Teil der alten konservativen Eliten, die ihm seine Flucht nach dem Ende des Krieges nicht verziehen haben. Aber selbst da: Wenn Sie Monarchist sind, können Sie den Kronprinzen nicht einfach übergehen oder ersetzen. Um ein Beispiel zu nennen: Der ehemalige Generalstabschef, Friedrich Graf von der Schulenburg, hat zahlreiche Briefe hinterlassen, in denen er schrieb, was er über die Hohenzollern dachte. Es zeigt sich: Er war verzweifelt, dass die Hohenzollern so versagt hätten. Auch Wilhelm hielt er für eine Katastrophe. Aber aus den Briefen wird ebenso deutlich: Er konnte die Figur des Kronprinzen trotzdem nicht übergehen. In Monarchien ist die Thronfolge nun einmal vorgegeben.

Ein weiterer Einwand lautet, es habe zwar Kollaborationen gegeben, doch seien diese eher locker und zudem kurzlebig gewesen. Schon 1934 haben die Nationalsozialisten die Feiern zum 75. Geburtstag des Kaisers verboten.

Kollaboration bezieht sich immer auf einen bestimmten Zeitabschnitt. Als Hitler Reichskanzler wurde, stellten die Nationalsozialisten zu ihrem Erstaunen fest: sie brauchten die Hohenzollern gar nicht mehr. Schon Ende Juni 1934 konnten sie in der berüchtigten »Nacht der langen Messer« sogar hohe Offiziere der Reichswehr erschießen, ohne dass es viel Aufruhr oder gar Widerstand in monarchistischen Kreisen und im Adel gegeben hätte. Diejenigen, die vorher die Nationalsozialisten unterstützt hatten, hatten sich verrechnet. Insofern nahm die Kollaboration dann tatsächlich ab. Aber im entscheidenden Zeitraum zwischen 1930 und 1934 wurde eben doch zusammengearbeitet. Und auch anschließend endete das nicht völlig. Wilhelm ging nicht ins Exil, sondern schickte im Gegenteil in den folgenden Jahren immer wieder Hurra-und Glückwunsch-Telegramme an Hitler.

Seit mehreren Jahren haben Sie persönlich anwaltliche Auseinandersetzungen mit den Nachfahren des Kronprinzen. Hat es Sie überrascht, als Historiker so viel juristische Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?

Das war in der Tat überraschend. Zum Weihnachtsfest 2015 bekam ich einen Brief von der Hamburger Staatsanwaltschaft. Die eröffnete ein Ermittlungsverfahren, es ging um den Vorwurf des Verrats von Privatgeheimnissen. Das stützte sich auf einen Artikel, den ich im August 2015 für die »Zeit« geschrieben hatte. Eine verstörende Erfahrung. Ich habe das über einen Anwalt erwidern lassen, woraufhin das Verfahren eingestellt wurde. Dennoch kostete das Geld, Zeit und Nerven. Vier Jahre später wiederholte sich alles in geballter Form. Ich wurde drei Mal abgemahnt. Neben mir traf es viele weitere, die sich zu den Hohenzollern geäußert hatten: Journalisten, Autoren, Blogger. Ich kenne aus der bundesrepublikanischen Geschichte keinen Fall, bei dem jemand versucht hat, mit juristischen Mitteln so massiv auf Historiker und Öffentlichkeit Druck auszuüben.

Fühlten Sie sich eingeschüchtert? Anfangs ja, massiv. Mittlerweile nicht mehr, weil ich glaube, dass die Positionen, die die Kolleginnen und Kollegen und ich vertreten haben, sachlich richtig sind. Selbst wenn man mir nachweisen könnte, dass ich einzelne Fehler gemacht hätte, hielte ich die Vorgehensweise immer noch für überzogen, wenn nicht skandalös.

In Ihrem neuen Buch »Die Hohenzollern und die Nazis« beschäftigen Sie sich wieder mit dem Thema. Haben die juristischen Konflikte bei Ihnen eine Art Widerspruchsgeist wachgerufen?

Jetzt, nach zweieinhalb Jahren Arbeit an dem Thema, würde ich mich gerne wieder um andere Dinge kümmern. Aber ohne die juristischen Angriffe hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Ich glaube, dass das bei vielen Angegriffenen ähnlich war. Nach einem Moment der Hilflosigkeit fühlten sich wohl viele der Betroffenen motiviert, inhaltlich und auch juristisch dagegenzuhalten. Für mich selbst war auch wichtig, dass ich sehr viel Zuspruch bekommen habe von Journalisten, Juristen, Historikern, Archivaren, Leserbriefschreibern und von Leuten, die meine Empörung geteilt haben. Dadurch habe ich den Eindruck gewonnen, dass es sich lohnt, dabei zu bleiben. Eine Einzelperson hätte dem Druck kaum standhalten können.

Ein Prinz klagt gegen Forscher

Schlagzeilen machten zuletzt die Klagen, die Georg Friedrich Prinz von Preußen gegen Stephan Malinowski und andere Forscher sowie Journalisten einreichte. Der Prinz betont, lediglich gegen einzelne Falschaussagen vorzugehen. Doch Journalistenorganisationen wie »Netzwerk Recherche« sehen in den Verfahren einen Versuch, kritische Stimmen einzuschüchtern. Schließlich liefen gleichzeitig Verhandlungen mit der Bundesrepublik über Entschädigungen für enteignete Kunstschätze und Immobilien.