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Der lange Weg zum Frieden


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 04.05.2018

KONFLIKTFORSCHUNG Jahr für Jahr sterben Tausende durch Krieg und Terror. Eine friedliche Lösung ist in vielen Konflikten nicht in Sicht. Können Psychologen helfen?

Artikelbild für den Artikel "Der lange Weg zum Frieden" aus der Ausgabe 6/2018 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 6/2018

BENTHOMASPHOTO / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

Auf einen Blick: Psychologie im Friedenseinsatz

1 20 Kriege und mehr als 200 gewaltsame Konflikte zählte das Heidelberger Institut für Konfliktforschung im Jahr 2017. Eine Versöhnung der verfeindeten Lager liegt vielerorts in weiter Ferne.

2 Gemäß der Kontakthypothese reduziert der Austausch mit Mitgliedern der gegnerischen Gruppe Vorurteile. Das allein genügt jedoch offenbar ...

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2 Gemäß der Kontakthypothese reduziert der Austausch mit Mitgliedern der gegnerischen Gruppe Vorurteile. Das allein genügt jedoch offenbar nicht, um Gewalt vorzubeugen.

3 Mit verschiedenen Strategien und therapeutischen Methoden wollen Psychologen einen Beitrag zum Frieden leisten und die Spirale des Hasses durchbrechen.

Manchmal können Psychologen richtig fies sein. 22 Jungen, allesamt um die elf Jahre alt, machten im Sommer 1954 Ferien in einem beschaulichen Nationalpark im US-Bundesstaat Oklahoma. Doch nach kurzer Zeit versank das Abenteuercamp in Wutgeheul und Prügeleien. Für den Studienleiter, Muzaffer Şerif, lief damit alles nach Plan. Um die »realistische Konflikttheorie« unter lebensnahen Bedingungen zu testen, hatte er das Ferienlager überhaupt arrangiert – und ließ die Situation dann Schritt für Schritt eskalieren. Dafür teilte er die Kids nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Sie zelteten an getrennten Plätzen, wählten einen eigenen Namen und hissten eine selbst gebastelte Flagge über ihrem Camp. Bei den »Adlern« und »Klapperschlangen« entwickelte sich ein inniges Gemeinschaftsgefühl, es gab Gruppenhymnen und soziale Regeln. Nach einer Woche sollten sich die Teams in verschiedenen sportlichen Wettbewerben messen. Den Siegern winkten Preise und Medaillen. Immer häufiger kam es zu Reibereien und Zwietracht zwischen den Rivalen. Nach einer herben Niederlage im Tauziehen platzte den »Adlern« dann der Kragen: Sie verbrannten heimlich die Flagge ihrer Widersacher, was derbe Beschimpfungen und Faustkämpfe nach sich zog. Am Ende verwüsteten die »Adler« das Zeltlager der »Klapperschlangen « und rüsteten sich für den drohenden Vergeltungsschlag, indem sie Steine in ihre Socken stopften – als Geschosse für den Notfall.

Die Betreuer mussten eingreifen, um eine blutige Eskalation zwischen den beiden Gruppen zu verhindern. In nur wenigen Tagen hatte sich das harmonische Sommercamp in einen potenziellen Kampfschauplatz verwandelt. Dabei hatte Muzaffer Şerif seine Testpersonen sorgfältig ausgewählt: Sie stammten allesamt aus unauffälligen Mittelschichtfamilien und rühmten sich einer guten psychischen Gesundheit. Wie konnte die Lage dennoch so schnell außer Kontrolle geraten? Şerifs Theorie zufolge kommt es insbesondere dann zu Konflikten, wenn zwei Gruppen im Wettbewerb um dieselbe begrenzte Ressource stehen.

Besonders brenzlig wird es bei »Nullsummenspielen «. So nennt man in der Spieltheorie Situationen, in denen der Gewinn des einen zwangsläufig den Verlust des anderen bedeutet. Dergleichen gab es im Ferienlager, denn schließlich konnte nur ein Team gewinnen.

Auch bei politischen Auseinandersetzungen hat man es häufig mit Nullsummenspielen zu tun, wenn es beispielsweise zwei konkurrierende Gruppen auf dasselbe Territorium oder dieselbe Rohstoffquelle abgesehen haben (siehe »Woran sich Kriege entzünden«, S. 25). Zum Beispiel beanspruchten sowohl Kroatien als auch Slowenien die Bucht von Piran in der nördlichen Adria. Ein internationaler Schiedsspruch beendete im Dezember 2017 das militärische Machtgebaren der beiden Nachbarländer – und sprach das Gebiet zu großen Teilen Slowenien zu.

Ist das Boot wirklich voll?

Aber längst nicht hinter allen Konflikten stecken tatsächliche Nullsummenspiele. Manchmal reicht bereits eine gefühlte Ressourcenknappheit, um gegen den vermeintlichen Rivalen vorzugehen. »Das Boot ist voll!«, lautete eine verbreitete Parole in der deutschen Nachwendezeit, um Stimmung gegen Asylbewerber zu machen. Diese wollten das deutsche Wohlfahrtssystem angeblich nur ausnutzen. Die Auseinandersetzung gipfelte schlussendlich in rassistischen Pogromen, so etwa in Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda.

In Konflikten stehen die Parteien häufig vor so genannten sozialen Dilemmata. Das ist der Fall, wenn sich ein bestimmtes Verhalten für die eigene Gruppe zunächst als günstig erweist, sich aber letztlich zum Nachteil aller auswirkt. Man denke etwa an das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion im Kalten Krieg (1947–1989). Stockte eine der beiden Supermächte ihr Waffenarsenal auf, wähnte sie sich zunächst im Vorteil. Doch da die Gegenseite sie bald wieder übertrumpfte, stiegen die Rüstungskosten für beide Seiten ins Unermessliche.

UNSER AUTOR

Theodor Schaarschmidt ist Psychologe und arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Berlin. Konflikte schlichtet er vor allem dann, wenn in der Teeküche seiner Bürogemeinschaft wieder einmal der Abwasch liegen geblieben ist.

Solche sozialen Dilemmata lassen sich am Computer recht einfach modellieren. Der Politikwissenschaftler Robert Axelrod verglich 1984 diverse Lösungsstrategien in einem bekannten Spiel aus der Spieltheorie, dem so genannten Gefangenendilemma (siehe »Ein soziales Dilemma«, unten): Als am geeignetsten entpuppte sich die Strategie »Tit for Tat« (»Wie du mir, so ich dir«). Sie folgt der simplen Regel: Zunächst verhalte ich mich kooperativ, danach tu ich es stets meinem Gegenüber gleich. Zeigt es sich kooperativ, bleibe ich es auch. Benimmt es sich dagegen egoistisch, werde ich im folgenden Zug ebenfalls eigennützig handeln. Diese Strategie ist in vielen Situationen empfehlenswert, da sie Wohlwollen annimmt, zugleich aber wirksam vor Ausbeutung schützt.

Die Realität erweist sich allerdings als deutlich komplexer als Axelrods Computermodelle; sie ist probabilistisch: Ein eigentlich kooperatives Gegenüber handelt hin und wieder durchaus mal egoistisch. Gemäß der Tit-for-Tat-Strategie bekommt es jedoch keine zweite Chance. Auch bei Missverständnissen entpuppt sich die Vorgehensweise mitunter als gefährlich. Während des Kalten Kriegs simulierten die Nato-Mächte 1983 in der Übung »Able Archer« einen Atomschlag, was Teile der russischen Führung als Vorbereitung auf einen Angriff des Westens fehldeuteten. Sie bereiteten sich daraufhin ihrerseits auf einen Atomkrieg vor. Nach dem Tit-for-Tat-Prinzip eskaliert so eine Situation, da von sich aus niemand einen Schritt auf den anderen zugeht. Hat sich eine Auseinandersetzung also erst einmal festgefahren, bietet die Strategie keinen Ausweg, denn es fehlt die Möglichkeit der Aussöhnung.

Im schlimmsten Fall schaukeln sich Konflikte derart hoch, dass sich die beiden Parteien zutiefst misstrauen und jede (vermeintliche) Provokation sofort mit drakonischen Gegenmaßnahmen beantworten. Gibt es bei derart verhärteten Fronten überhaupt noch eine Lösung? Ja, meinte der US-amerikanische Psychologe Charles Osgood – sofern eine der beiden Parteien bereit ist, auf die andere zuzugehen. Er erarbeitete Anfang der 1960er Jahre eine Strategie namens GRIT (Abkürzung für »Graduated and Reciprocated Initiatives in Tension Reduction«), die auf eine schrittweise Deeskalation zwischen gegnerischen Gruppen hinzielt. Nach Osgoods Methode sollte die schlichtungsbereite Partei zunächst öffentlich bekannt geben, dass sie eine Aussöhnung anstrebt. Dann sollten mehrere kleine Zugeständnisse folgen – jeweils nur so groß, dass sie keine ernsthaften Verluste mit sich bringen. Wenn die Gegenseite nun ebenfalls mit kleineren Versöhnungsgesten reagiert, sei der Bann gebrochen. Nun kämen sich die Konfliktparteien nach und nach immer mehr entgegen, bis sie einander wieder hinreichend vertrauten, um sich gemeinsam an den Verhandlungstisch zu setzen. Wenn der Kontrahent die neue Gutmütigkeit jedoch ausnutzt, empfiehlt Osgood einen maßvollen Vergeltungsschlag.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs starben 25 Millionen Menschen durch gewalttätige Konflikt


GRIT ist wohlwollend, wahrt gleichzeitig aber auch konsequent die eigenen Interessen. Osgood durfte seinen Plan dem Beraterstab des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy (1917–1963) vorstellen. Mit Erfolg: Kennedys Ankündigung, keine Atomwaffentests mehr in der Atmosphäre durchzuführen, setzte eine Serie von Versöhnungsgesten zwischen den USA und der Sowjetunion in Gang, die 1963 in einem ersten Abkommen über die Einstellung von Kernwaffenversuchen gipfelte.

Ein soziales Dilemma

Stellen Sie sich vor, Sie werden gemeinsam mit einem Bekannten einer Straftat verdächtigt und getrennt verhört. Die Polizei bietet Ihnen an, gegen den anderen auszusagen und dafür mit einer milderen Strafe davonzukommen. Ein verlockendes Angebot – oder etwa nicht? Doch Vorsicht: Ob es sinnvoller ist, in so einer Situation zu leugnen oder zu gestehen, hängt davon ab, wie sich der Partner verhält.

Die Tabelle verdeutlicht die Optionen zweier Personen beim bekannten Gefangenendilemma aus der mathematischen Spieltheorie. Streiten beide die Tat ab, erwartet sie eine vergleichsweise milde Strafe; gestehen sie, fällt diese höher aus, wobei sich das Geständnis allerdings strafmildernd auswirkt. Räumt jedoch nur einer der Verdächtigen das Vergehen ein, erwirbt er als Kronzeuge Vorteile, während der andere für längere Zeit ins Gefängnis gehen wird.

Soziale Dilemmata bezeichnen Situationen, in denen es für alle Beteiligten (langfristig) von Vorteil ist, wenn sie kooperieren, statt eine egoistische Wahl zu treffen. Denn diese würde sich zwar zunächst als günstig erweisen, letztlich aber zum Nachteil aller auswirken. Ein weiteres Beispiel ist die Überfischung der Meere. Jeder einzelne Fischer hat den Anreiz, sehr viele Tiere zu fangen. Verhalten sich aber die anderen auch so, stehen der Gemeinschaft weniger Fische zur Verfügung.

GEHIRN&GEIST; GEFANGENER: MRPLUMO / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST / EMDE-GRAFIK, NACH: HEIDELBERG INSTITUTE FOR INTERNATIONAL CONFLICT RESEARCH: CONFLICT BAROMETER 2017, HEIDELBERG 2018

Weltkarte der Gewalt

20 Kriege, 16 begrenzte Kriege und 222 gewaltsame Konflikte zählte das Heidelberger Institut für Konfliktforschung (HIIK) im Jahr 2017. Es stuft einen politischen Konflikt als Krieg ein, wenn es dabei zu massiver Gewalt gegen Personen (und gegebenenfalls gegen Sachen) durch mindestens einen der Akteure kommt. In einem »begrenzten Krieg« findet die Gewalt in weniger ausgeprägter Weise statt. Wenn mindestens einer der Akteure sporadisch Gewalt gegen Personen anwendet oder bei der Zerstörung von Gebäuden oder Infrastrukturen billigend in Kauf nimmt, dass Personen verletzt werden können, spricht das HIIK von einer »gewaltsamen Krise«.

Für seine jährliche Analyse sammelt das Heidelberger Institut eine Fülle von Daten, unter anderem über die Art der verwendeten Waffen sowie die Zahl der Flüchtenden und der Todesopfer. Während hiesige Medien immer wieder über die Angriffe auf die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar berichten, fanden die diversen Kriege in Afrika nach Einschätzung des HIIK eher selten Erwähnung.

Heidelberg Institute for International Conflict Research: Conflict Barometer 2017, Heidelberg 2018. PDF abrufbar unter: https://hiik.de/konfliktbarometer/aktuelle-ausgabe/

Seit den Pionierstudien aus der Zeit des Kalten Kriegs haben Psychologen zahlreiche neue Konzepte dazu entwickelt, wie sich verfeindete Gruppen einander wieder annähern könnten. Anlass dafür gibt es genug: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind insgesamt mindestens 25 Millionen Menschen durch Kriege gestorben. Auch unter den Kriegen des Jahres 2017 gab es weltweit 17 bewaffnete Auseinandersetzungen, die jeweils mehr als 1000 Todesopfer jährlich forderten. Dennoch bleibt die Konflikt- und Friedensforschung in der Psychologie ein eher randständiges Thema. Frieden, das klingt als Zielstellung geradezu traumtänzerisch – insbesondere in Zeiten, in denen Regierungschefs wie Wladimir Putin, Recep Erdoğan oder Donald Trump ihr eigenes Land an erste Stelle rücken und Waffenruhe durch militärische Stärke einfordern. Hinzu kommt, dass größere gesellschaftliche Zusammenhänge nicht unbedingt zum Kerngebiet der Psychologie zählen. Schließlich untersucht diese ja das menschliche Erleben und Verhalten vorrangig auf individueller Ebene oder in kleineren Gruppen.

Insofern beschreitet der israelische Psychologe Eran Halperin vom Interdisciplinary Center Herzliya durchaus einen Sonderweg: Er probiert, den Spannungen in seiner Region mit Werkzeugen aus der Psychotherapie beizukommen. Das klingt verrückt? In einem zermürbenden Konflikt, in dem bereits alles gesagt und versucht scheint, sind auch unkonventionelle Ideen einen Versuch wert.

»Sie werden keine israelische oder palästinensische Familie finden, die nicht mindestens einen Angehörigen in diesem Konflikt verloren hat«, sagte der Wissenschaftler 2014 gegenüber »Zeit Wissen«. »Ich selbst war in der Armee und bin im Einsatz schwer verwundet worden. Ich lag sehr lange im Krankenhaus. Das ist Teil meiner Motivation.« Halperins Interventionen zielen darauf ab, die Einstellungen der Zivilbevölkerung zu verändern. Die Annahme dahinter: Werden wir von intensiven Emotionen wie Angst oder Wut übermannt, sind wir oft nicht mehr in der Lage, Argumente kühl und sachlich abzuwägen. Tatsächlich legen Untersuchungen nahe, dass Menschen dann verstärkt für ein harsches militärisches Vorgehen plädieren. Halperin sucht nach Gegengiften. Seine erste größere Studie führte er im September 2011 durch, nur fünf Tage bevor Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bei den Vereinten Nationen offiziell eine Vollmitgliedschaft für Palästina beantragte. Viele Israelis betrachteten den Vorstoß als Bruch des vereinbarten Verhandlungspfads.

Die Kunst der kognitiven Neubewertung

Für das Experiment sahen sich 39 Israelis Bilder an, die üblicherweise Wut hervorrufen. Die Hälfte von ihnen sollte diese »objektiv und analytisch« betrachten, wie ein Wissenschaftler es tun würde. Diese Technik zur Emotionsregulation ist als »cognitive reappraisal« (zu Deutsch: kognitive Neubewertung) aus der Verhaltenstherapie bekannt. In den folgenden Tagen erhielten die Teilnehmer mehrere Erinnerungs-SMS mit der Bitte, die neu erlernte Methode auch im Alltag anzuwenden. Zwei Tage nach Abbas’ Einlassung bat man sie erneut ins Labor. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe sprachen sie sich dabei für einen versöhnlicheren Kurs in der Nahostpolitik aus. So waren sie eher dazu bereit, größere Flächen an Palästina abzutreten oder einen Kompromiss in der Flüchtlingsfrage zu finden. Dieser Effekt hielt selbst bei einer Befragung fünf Monate später noch an – dabei hatte das Training lediglich eine halbe Stunde gedauert.

In einer weiteren Studie von Halperins Team aus dem Jahr 2017 erlernten die Probanden in einem 20-stündigen Kurs die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Auch diese Technik kommt in der Therapie zum Einsatz, etwa bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie verknüpft verhaltenstherapeutische Ansätze mit spirituellen Konzepten wie Yoga, Übungen zur Körperwahrnehmung und Sitzmeditation.

Im Anschluss an das Training sollten sich die Teilnehmer das Video einer Wutrede des antizionistischen Hardliners und Parlamentsabgeordneten Ahmad Tibi anschauen. Wer die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion verinnerlicht hatte, reagierte vergleichsweise gelassen auf die Provokation des Politikers, wie eine anschließende Befragung zeigte. Zum Beispiel nahm er die palästinensischen Nachbarn als geringere Bedrohung war und verspürte weniger Wut auf sie. Laut den Forschern erzeugt das Achtsamkeitstraining einen »Puffer-Effekt«, der hilft, sich von automatisierten Reaktionsmustern wie überbordenden Gefühlsausbrüchen zu lösen. Doch die Studie hatte methodische Schwächen. So konnten die Teilnehmer beispielsweise selbst wählen, ob sie sich sofort oder erst in einigen Monaten für den Kurs verpflichteten und solange als Kontrollgruppe fungierten. Ebenso stellt sich die Frage, welche Gefahren Halperins Ansatz birgt, die politische Einstellung der Bevölkerung durch therapeutische Verfahren zu ändern – so ehrenwert seine Motive auch sein mögen.

Der russischstämmige Psychologe Urie Bronfenbrenner (1917–2005) entdeckte in zwischenmenschlichen Konflikten ein Phänomen, das er »spiegelbildliche Wahrnehmung « nannte: Gegnerische Lager hätten oft verblüffend ähnliche Bilder voneinander. Bronfenbrenner beobachtete, dass sich Russen und Amerikaner in der Ära des Kalten Kriegs wechselseitig für aggressiv, kriegsbegeistert und wenig vertrauenswürdig hielten. Doch was, wenn sich zwei Mitglieder aus verfeindeten Gruppen plötzlich gegenüberstehen? Gemäß der so genannten Kontakthypothese verschwinden Vorurteile durch den gemeinsamen Austausch oft. 1954 formulierte der Psychologe Gordon Allport (1897–1967) diese Annahme erstmals; seither haben Forscher sie an mehr als einer Viertelmillion Versuchspersonen überprüft. Das Fazit gerät vorsichtig optimistisch: Zwar kann Kontakt in vielen Fällen eine Annäherung in Gang setzen, etwa zwischen Menschen verschiedener Ethnien oder sexueller Orientierungen. Misslingt er allerdings, verstärken sich die Vorurteile manchmal sogar.

Das könnte ein Grund dafür sein, warum manche gut gemeinten Versöhnungsprogramme schlichtweg nach hinten losgehen. So etwa in einem Pilotprojekt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Die Region war von 1998 bis 2003 Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen, die als »Afrikanischer Weltkrieg« in die Geschichte eingingen. Um nach Kriegsende eine Versöhnung zwischen den verfeindeten Parteien zu fördern, produzierte eine Hilfsorganisation über ein Jahr hinweg eine Seifenoper, die über einen öffentlichen Radiosender ausgestrahlt wurde. In ausgewählten Regionen wurde sie durch eine Talkshow ergänzt. Beide Formate warben für Toleranz und sollten nach psychologischen Konzepten Vorurteile zwischen den Konfliktparteien abbauen. Doch der Plan ging nicht auf: Wer sowohl Seifenoper als auch Talkshow hörte, hatte danach mehr Vorurteile gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen als diejenigen, die lediglich die Serie hören konnten. Die Diskussionsrunde schadete offenbar mehr, als sie nützte. Das verleitete die Studienleiterin Elizabeth Paluck zu der Frage: Ist es vielleicht manchmal besser, einfach nicht miteinander zu reden?

Woran sich Kriege entzünden

Die 20 kriegerischen Auseinandersetzungen 2017 hatten verschiedene zentrale Streitpunkte zwischen den Konfliktparteien als Auslöser: Die häufigsten waren im Kampf um Ressourcen, Ideologie und regionale Vorherrschaft.
Conflict Barometer 2017, Heidelberg 2018


GEHIRN&GEIST, NACH: HEIDELBERG INSTITUTE FOR INTERNATIONAL CONFLICT RESEARCH: CONFLICT BAROMETER 2017, HEIDELBERG 2018

Gelegenheit zur Aussprache schaffen

So weit muss man nicht gehen. Aber offenbar spielt die Art des Kontakts eine wichtige Rolle. Rebecca Saxe vom Massachusetts Institute of Technology und Emile Bruneau von der University of Pennsylvania zeigten 2012 auf, unter welchen Bedingungen ein Austausch zwischen rivalisierenden Lagern am ehesten zur Entspannung beiträgt: Das Mitglied der benachteiligten Gruppe muss Gelegenheit haben, sich auszusprechen, während der Vertreter der dominanten Gemeinschaft vorwiegend zuhört. Die beiden Forscher überprüften ihre Hypothese sowohl zwischen Israelis und Palästinensern als auch zwischen weißen US-Amerikanern und mexikanischen Einwanderern. Unter dem Vorwand, eine neue Übersetzungssoftware zu testen, sollten die Versuchspersonen mit einem Mitglied der anderen Gruppe per Videochat interagieren und diesem von ihrem Alltag berichten – nicht wissend, dass es sich bei ihrem Gegenüber um einen geschulten Eingeweihten handelte.

Die palästinensischen Probanden erzählten den Israelis zum Beispiel von ihren Problemen an den israelischen Checkpoints oder davon, dass sie ihre Verwandten auf der anderen Seite der Mauer nicht zu Gesicht bekämen. Die Annahme der Autoren bestätigte sich: Palästinenser sowie mexikanische Immigranten beurteilten die Gegenseite positiver und waren ihr gegenüber wohlwollender, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen erzählen konnten. Die jeweiligen Gesprächspartner wiederum bauten ihre Vorurteile insbesondere dann ab, wenn sie zuhörten, statt die eigene Geschichte auszubreiten.

Eine Annäherung ist also selbst dann möglich, wenn die Situation völlig ausweglos wirkt. Doch im Wirrwarr der zahlreichen Konfliktpunkte (seien sie territorial, ideologisch oder ökonomisch) können psychologische Methoden höchstens dazu beitragen, die erste Kontaktaufnahme zwischen Gegnern zu erleichtern und Verhandlungen besser zu strukturieren. Nachhaltig Frieden schaffen – diese Mission übersteigt die Mittel der Psychologie. Zumindest in der eingangs erwähnten Ferienlagerstudie fruchteten die Friedensbemühungen indes schon nach kurzer Zeit: Um die verfeindeten Lager miteinander auszusöhnen, genügten einige Herausforderungen, welche die Kinder nur mit vereinten Kräften meistern konnten. Als die Wasserzufuhr des Camps scheinbar ausfiel, mussten alle zusammen nach einem Leck suchen. Und als der Truck, der das Essen bringen sollte, nicht mehr ansprang, zogen ihn alle Jungs gemeinsam – ganz anders als noch Tage zuvor beim Tauziehen. Es seien übergeordnete Ziele, so Muzaffer Şerif, die verfeindete Gruppen sich wieder aneinander annähern und frühere Streitigkeiten abebben lassen.

Und tatsächlich: In kurzer Zeit schlossen mehrere Mitglieder der »Adler« und der »Klapperschlangen« Freundschaft. Auf der Busfahrt nach Hause setzten sich beide Teams dann bunt gemischt auf ihre Plätze. Und als der Bus an einer Raststätte hielt, entschlossen sich die »Klapperschlangen« sogar, mit ihrem Preisgeld eine Runde Milchgetränk für alle zu bezuschussen. Von der früheren Feindschaft war nichts mehr zu spüren.

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Weitere Artikel finden Sie auf unserer Themenseite »Krieg und Frieden«:

www.spektrum.de/t/krieg-und-frieden

QUELLEN

Alkoby, A. et al.: Increased Support for Political Compromise in the Israeli-Palestinian Conflict Following an 8-Week Mindfulness Workshop.In: Mindfulness 8, S. 1345–1353, 2017

Bruneau, E. G., Saxe, R.: The Power of Being Heard: The Benefits of »Perspective-Giving« in the Context of Intergroup Conflict.
In: Journal of Experimental Social Psychology 48, S. 855–866, 2012

Paluck, E. L.: Is it Better not to Talk? Group Polarization, Extended Contact, and Perspective Taking in Eastern Democratic Republic of Congo.In: Personality and Social Psychology Bulletin 36, S. 1170–1185, 2010

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/1557072