Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Der leise Zweifel


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 36/2021 vom 05.09.2021

Es war Anfang Juli, als sich Johannes Weiffenbach entschied, seinen Patienten keine Corona-Impfungen mehr zu verabreichen. Der Mediziner stellte eine Mitteilung auf die Internetseite seiner Stuttgarter Hausarztpraxis, Titel: „Ausstieg aus der Covid-19-Impfkampagne“. Weiffenbach, seit drei Jahren im Stadtteil Möhringen ansässig, behauptete: „Der Nutzen einer Covid-Impfung für die … schwer kranken oder alten Patienten ist aller Wahrscheinlichkeit nach höher als das Risiko der Impfungen.“ Bei allen anderen Patienten sei er sich beim Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht mehr so sicher.

Er nannte die Impfkampagne „eine riesige Studie, an der alle Impfwilligen als Probanden teilnehmen“ und berichtete von fast täglich auftretenden Nebenwirkungen bei Geimpften – „z. B. Fieber, Schmerzen, Übelkeit, Hautausschläge, Lymphknotenschwellungen, Gefühlsstörungen, Autoimmunerkrankungen“. Er könne es daher nicht mit ...

Artikelbild für den Artikel "Der leise Zweifel" aus der Ausgabe 36/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 36/2021

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 36/2021 von LINKE Versuchung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LINKE Versuchung
Titelbild der Ausgabe 36/2021 von „Die Ampel ist ein verdünnter LINKSRUTSCH“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Die Ampel ist ein verdünnter LINKSRUTSCH“
Titelbild der Ausgabe 36/2021 von Irgendwas mit Macht machen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Irgendwas mit Macht machen
Titelbild der Ausgabe 36/2021 von Eine Aktion, die viel leicht mehr schadete als half. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine Aktion, die viel leicht mehr schadete als half
Titelbild der Ausgabe 36/2021 von Frieden unter den TALIBAN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Frieden unter den TALIBAN
Titelbild der Ausgabe 36/2021 von Sol lten Investoren Klubs der Bundesliga übernehmen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sol lten Investoren Klubs der Bundesliga übernehmen?
Vorheriger Artikel
Irgendwas mit Macht machen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Eine Aktion, die viel leicht mehr schadete als half
aus dieser Ausgabe

... seinem Gewissen vereinbaren, weiter zu impfen.

WIR HABEN KEINE GUTE DATENLAGE

GUSTAVO BARETTON Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie

WENN ES BRENNT, MÜSSEN WIR LÖSCHEN UND KÖNNEN NICHT DARÜBER NACHDENKEN, OB WASSER IN DEN KELLER LÄUFT

JÜRGEN ZASTROW Chef der Kölner Impfärzte

Die nackten Zahlen zur Frage, ob die Covid-19-Impfungen gefährlich sein könnten, sind bekannt: Auf der Nutzenseite steht, dass Geimpfte sehr viel seltener erkranken und, wenn sie doch krank werden, viel seltener schwer. Das überzeugt viele. Laut aktuellem Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) mit Daten bis einschließlich 1. August wurden seit Beginn der Impfkampagne 92,3 Millionen Dosen verabreicht. 131.671 Meldungen zu angeblichen Impfkomplikationen gab es, darunter 0,2 schwerwiegende pro 1000 Impfdosen. 24 Herzmuskelentzündungen bei Geimpften zwischen 12 und 17 Jahren. 1254 starben nach einer Impfung, in 48 dieser Fälle sieht das PEI einen Kausalzusammenhang. Der große Rest bietet Spielraum für Interpretationen – und ebendieser ist es, der die Zweifler zweifeln lässt.

SORGEN UM DIE KARRIERE

Unter diesen sind auch jene Ärzte, deren Skepsis den Weg ins Netz findet und sich von dort aus verbreitet. WELT AM SONNTAG hat mit mehreren von ihnen gesprochen. Sie alle wollen namentlich nicht genannt werden. Weil sie, wie sie sagen, Angst hätten – etwa vor dem Verlust des Jobs oder ihrer Karriere. Einer fragt gar, ob man versichern könne, nicht beim Verfassungsschutz zu arbeiten.

Da ist der Notarzt, der ein Video von sich im Arztkittel ins Netz stellte und von schwer erkrankten Patienten berichtete, die er nach der Corona-Impfung antraf. Empfehlen könne er die Impfung nicht, sagte er: „Dafür ist mir das Ganze mittlerweile zu suspekt, mit zu vielen Ungereimtheiten.“ Da ist die Hausärztin aus Süddeutschland, die einen Leserbrief an die Lokalzeitung schrieb: Es vergehe praktisch kein Tag, an dem nicht Patienten mit „schwersten Impfreaktionen“ in ihre Praxis kämen. Da ist der Hausarzt aus Baden- Württemberg, der Mitte August aus der Impfkampagne ausstieg und dies bei Facebook mit dem Tod eines Geimpften und einer eigenen Beinvenenthrombose erklärte. Da ist die Anästhesistin aus dem Heidelberger Raum, die sich bei der Redaktion meldet und über ihre Annahme spricht, nur 20 Prozent aller Beschwerden, die auf die Impfung zurückzuführen sein könnten, würden überhaupt ans PEI gemeldet.

Auch ein namhafter Mediziner hatte jüngst Sorgen geäußert. Peter Schirmacher, Chef der Pathologie des Heidelberger Uniklinikums, forderte im August, mehr zu obduzieren. Mehr als 40 Menschen habe er bereits seziert, die binnen zwei Wochen nach einer Impfung gestorben seien. Schirmacher sagte der Deutschen Presse-Agentur, er gehe davon aus, dass 30 bis 40 Prozent davon an der Impfung gestorben seien. Die Häufigkeit tödlicher Impffolgen werde unterschätzt. Das PEI und andere Mediziner widersprachen damals scharf.

Gemeinsam mit Kathrin Yen, der Leiterin der Heidelberger Rechtsmedizin, hatte er schon im April in einem Brief an die baden-württembergische Landesärztekammer appelliert, bei unklaren Fällen Obduktionen zu veranlassen, um mögliche unbekannte Fälle aufzudecken. Eine Bitte um ein Gespräch lässt Schirmacher mit Verweis auf Zeitgründe ablehnen. Auch Yen und der Heidelberger Klinikchef wollen nicht reden. Die Klinik schreibt, sie könne „aus Kapazitätsgründen“ auch keinen anderen Ansprechpartner vermitteln.

Offen äußert sich dagegen Gustavo Baretton, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie. Am Telefon erzählt er, er habe schon im Frühjahr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schriftlich gebeten, mehr finanzielle Mittel für die Obduktion möglicher Impfgeschädigter zur Verfügung zu stellen. Er habe keine Antwort erhalten. „Wir haben keine gute Datenlage“, sagt Baretton: „Das Ministerium müsste einen anderen Drive haben.“ Andererseits will er dann aber doch keinen Grund zur Sorge sehen: „Im Blick auf die Impfung muss man sehr, sehr aufpassen, nicht irgendwelche Mutmaßungen anzustellen.“

In den USA ist die Debatte kontroverser: Der Immunologe Robert Malone etwa, einer der Erfinder der mRNA-Technik, die jetzt verimpft wird, warnte, die von den mRNA-Impfstoffen erzeugten Spike-Proteine könnten Zellen schädigen. Über soziale Medien erreichten seine Aussagen – die andere Wissenschaftler bestreiten und klar als falsch bezeichnen – Millionen. Im öffentlichen Diskurs allerdings, in Deutschland zumindest, spielte dermaßen grundlegende Skepsis kaum eine Rolle.

KOMPLETT ÜBERZEUGTE SIND LAUTER

Laut und deutlich äußern sich dagegen Mediziner, die nicht den geringsten Zweifel an den Impfungen zulassen. Jürgen Zastrow etwa, der Chef der Kölner Impfärzte, der häufig in den Medien auftritt: „Wenn es brennt, müssen wir den Brand löschen und können nicht darüber nachdenken, ob Wasser in den Keller läuft“, sagt er. Soll heißen: piksen, was das Zeug hält. Zastrow findet: Die Ständige Impfkommission müsse zurücktreten, weil sie nicht sofort die Kinderimpfung empfahl. Stiko-Chef Thomas Mertens bezeichnet er als „unerträglich und untragbar“.

Einer der wenigen, die mit Selbstbewusstsein Skepsis äußern und auch außerhalb der Sphären sozialer Netzwerke gehört werden, ist Alexander Kekulé, der Virologe aus Halle-Wittenberg. Er sagt: „Es gibt immer auch unknown unknowns.“ Will heißen, der Impfstoff könnte theoretisch auch Vorgänge in uns in Gang setzen, von denen wir noch nicht einmal ahnen, dass es sie geben könnte. Und die häufig zu beobachtenden Impfreaktionen wie Rötungen und Fieber? „In der Medizin gilt“, sagt Kekulé, „was stark wirkt, hat häufig auch starke Nebenwirkungen.“ Gründe für einen Impfalarmismus sieht er nicht, nur das Dilemma einer jeden neuen Medizin: „Kurzfristig gesehen sind die Impfstoffe sicher und überraschend gut wirksam, aber was ist in drei Jahren? Wir wissen heute nicht, wie die Langzeitergebnisse aussehen.“ Verimpft werde nun mal ein neues Wirkprinzip, „das wir gerade erst zu verstehen beginnen.“ Für ihn ist die Frage: Für welche Personengruppen setzt man es ein? „Wenn man wie ich schon 62 Jahre alt ist, da geht man das etwa einprozentige Risiko, an Corona zu sterben, nicht ein.“ Ein Kind hingegen oder ein ungeborener Fetus, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben – „da spielen mögliche Langzeiteffekte eine große Rolle“.

Dem Stuttgarter Hausarzt Weiffenbach jedenfalls wurde die Sache zu heiß, er nahm seinen Text offline. Er habe Sorge, sagt er, „dass ein Pharmakonzern mit millionenschwerer Kriegskasse gegen mich vorgeht“. Irgendeinen Grund gibt es immer, warum die Leute die Debatte scheuen.