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Der linke Patriot


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 20.11.2018

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann erinnerte nach Willy Brandts Tod an dessen deutsches Weltbürgertum.


42/1992

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Bildquelle: Spiegel Biografie, Ausgabe 4/2018

NACHDENKEN
Willy Brandt im November 1970 bei einer Veranstaltung in Stuttgart

Das Signal nach außen ist sogleich verstanden, akzeptiert worden. Alle Welt wusste, dass Willy Brandt gegen die Nazi-Mordbrenner gekämpft und nichts mit ihnen gemein hatte. Niemand betrachtete seinen Kniefall vor dem Getto-Mahnmal in Warschau als eine Bußübung in eigener Sache. Da kniete am 7. Dezember 1970 ein Schuldloser für Deutschland auf feuchtem Granit.

Für die westlichen wie für die östlichen Nachbarn war das ein ...

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... Symbol für ein verändertes Deutschland, ein besseres oder, wie Willy Brandt zu sagen pflegte, für »das andere Deutschland«.

Seine Biografie beglaubigte die Geste. Der Emigrant, der als junger Mann vor den Nazis floh, gegen sie kämpfte und arbeitete, dann zurückkam und in der demokratischen Nachkriegsrepublik seinen politischen Weg nahm; der Politiker, der sich traute, den Bürgern des eigenen Landes die Rechnung des verlorenen Krieges vorzulegen; der Kanzler, der sein Land aus der eisigen Erstarrung des Kalten Krieges löste und behutsam auf Entspannungskurs manövrierte, ohne die feste Bindung an den Westen aufzugeben.

Der Friedensnobelpreis 1971 erschien überall als eine angemessene Auszeichnung; auch daheim erlebten es viele so. Und doch, so hat er später selbst formuliert, war »die Stellung des Bundeskanzlers Brandt, wenn man so will, im Ausland weniger angefochten als im eigenen Lande«.

Denn das Signal nach innen brauchte mehr Zeit, um erkannt zu werden.

Zwar verstanden 1970 viele Deutsche die stellvertretende Bitte um Vergebung als ein entlastendes Hilfsangebot an alle, die den mörderischen Zusammenhang zwischen dem Nazi-Regime und Auschwitz nicht hatten sehen wollen oder können. So hatte Willy Brandt sein »Zeichen« auch gemeint. Und neben den hass - erfüllten Ressentiments von rechts gab es viel bewegte, unbehagliche und beschämte Zustimmung aus der Mitte und ergriffenen Beifall von den Linken und Jungen in der Bundesrepublik.


Der Friedensnobelpreis erschien 1971 überall als eine angemessene Auszeichnung, auch daheim.


Ja, auch wir akzeptierten die Schuld der Deutschen für Auschwitz, luden dem »Reich« die historische Verantwortung auf für zwei Weltkriege, nahmen – vor allem im Namen unserer Väter – mit grimmer Genugtuung die Bestrafung an: das Land auf ewig geteilt, die Nation ein Schandbegriff, nie wieder Deutschland.

Willy Brandt, ein Unbeteiligter aus der Generation der Väter, mochte dort an diesem grauen Dezembertag auf dem kahlen Platz in Warschau knien. Wir nicht. Was hatten wir damit zu schaffen? Dass da einer freiwillig eintrat in die Haftung für die Untaten seiner Landsleute – mit uns persönlich hatte das nichts zu tun. Und dass es einer war, den nicht – wie uns – ein Schicksal vor der Schuld bewahrt hatte, das später »Gnade der späten Geburt« heißen sollte, sondern eigene Courage – das mochte Willy Brandt großmachen, uns verpflichtete es allenfalls zur Distanzierung von unseren Eltern. Nein, als Signal an die eigene Adresse haben die nachfolgenden Generationen von Deutschen Brandts Kniefall bisher nicht verstanden.

Vielleicht ist das aber so etwas wie ein Vermächtnis des »deutschen Antinazi« Willy Brandt, dass er in der verschreckenden Zeit der allzu eiligen Vereinigung den Weltkindern, Europäern und Postnationalen zwischen Usedom und Konstanz sagt: Drückt euch nicht, Deutsche seid ihr doch. Akzeptiert es lieber, und macht was Vernünftiges draus.

Dass jemand annehmen könnte, ausgerechnet er habe »überschäumenden Nationalismus« von der großmäuligen alten Art im Sinn, wenn er vom »guten Deutschen« rede, hat Brandt stets eher erheitert als erzürnt. »Wer ein guter Deutscher sein will, muss heute Europäer sein«, schärfte er schon 1974 seinen Genossen ein. Zugleich aber hielt der »Alte« aus Lübeck immer – nicht erst seit dem Fall der Mauer – alle für »Naivlinge« oder »Stümper«, die meinten, der »Sog der Geschichte« habe »die nationalen Fragen der Deutschen« erledigt. Schon in Erfurt fühlte er sich 1970 bestätigt.

Ihm blieb die Nation als Verantwortungsgemeinschaft eine lebendige Größe: »Mein Volk lebt in zwei Staaten und hört doch nicht auf, sich als eine Nation zu verstehen« (1973).

DIALOG
Auf einem Empfang im Kanzleramt sprach Brandt im November 1969 mit dem sowjetischen Botschafter Semjon Zarapkin.

STADTFÜHRUNG
Mit ausländischen Gästen, hier dem britischen Premierminister Harold Wilson 1965, besuchte Brandt häufig die DDR-Grenzanlagen in Berlin.

TEILUNG
»Haben wir genug getan?«, fragte die SPD 1951 in einer Broschüre. In kontroversen Debatten waren die Sozialdemokraten in den Fünfzigerjahren auf der Suche nach einem Ausweg aus der Spaltung Deutschlands in zwei verfeindete Staaten.

So ungeniert und unverklemmt, dass es Jüngere gruselte, benutzte er – ziemlich unbeeindruckt von Zeitläuften und eigenen Ämtern – Begriffe wie »nationales Selbstbewusstsein«, »Volk«, »Vaterland« und »Normalität«. 1966 sagte er auf dem SPD-Parteitag in Dortmund: »Kein Volk kann auf die Dauer leben, ohne sein inneres Gleichgewicht zu verlieren, ohne in Stunden der inneren und äußeren Anfechtung zu stolpern, wenn es nicht Ja sagen kann zum Vaterland.«

Aber ganz so bruch- und fraglos, wie solche Zitate glauben machen könnten, ist auch bei Willy Brandt, der sich während seiner Kanzlerzeit als Vertreter einer »neuen Epoche deutscher Staatlichkeit« verstand, die Einstellung zu Deutschland nicht ge blieben. Das Eindeutige ist ja nie seine Sache gewesen, immer waren Denken und Reden des grübelnden, tastenden Norddeutschen voller Brüche, Ambivalenzen und Widersprüche. Aber gerade, dass in jeder Aussage die Anstrengung der Selbstverge wisserung noch mitschwang, machte Willy Brandt glaubwürdig.

Natürlich habe es auch in seinem Leben Augenblicke gegeben, da er sich als Deutscher schämte, bekannte er. Er musste, um dieses Volk mit sich selbst zu versöhnen, wohl immer auch ein paar Kontroversen in der eigenen Person austragen. Die Ergebnisse konnten manchmal verblüffend pragmatisch sein.

»Ich habe Hitler immer für einen Verräter an der Nation gehalten«, beharrte Brandt früh. Und stets hat er selbst geglaubt, dass die Deutschen zusammenbinde, was auch ihn an seine Herkunft fesselte: »Die Sprache, die Kultur; auch die Chance dieses Volkes, das härter geschlagen worden ist als andere – zum Teil durch eigene Schuld –, darum aber auch eine größere Möglichkeit hat, wenn es dies will, etwas für sich selbst und für andere zu leisten.« Nun schien ihm der Fall der Mauer endgültig recht zu geben.

HOCHSTIMMUNG
Bei der Bundestagswahl im November 1972 errang Willy Brandt als Kanzler mit 45,8 Prozent das beste Ergebnis für die SPD in ihrer hundert - jährigen Geschichte.

Aber spätestens seit dem zwiespältigen Echo, das ihm aus der schmucken Enkelschar nach seiner Rede auf dem SPD-Parteitag im Dezember 1989 in Berlin entgegenschallte, wusste der SPD-Ehrenvorsitzende, dass die von ihm mitgetragene Leipziger Losung »Wir sind das Volk« nur sehr unzureichend die komplexe Stimmungs- und Reflexionslage der Menschen in beiden Teilen des Landes erfasste. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Jüngeren im Westen, die Entfremdung von den Menschen im Osten, der Beifall von der falschen, krämernationalistischen Seite – das alles ließ Brandt vorsichtiger auf die Chancen einer nationalen Identitätsfindung blicken, skeptischer, nicht resigniert.

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört? Das, musste Brandt erkennen, war wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Wer Willy Brandt – als Regierenden Bürgermeister von Berlin, als Bonner Außenminister, als Kanzler, als Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale oder der Nord-Süd-Kommission – auf internationalem Parkett erlebte, der begegnete einem Weltbürger. Im privaten Gespräch wie in pathetischer Rede vermochte er mühelos von einer Sprache in die andere zu wechseln. Seine Dankesrede an seinem 75. Geburtstag, zu dem Bundespräsident Richard von Weizsäcker acht Staats- und Regierungschefs und vier Dutzend Freunde aus aller Welt eingeladen hatte, wechselte vom Deutschen ins Französische, sprang ins Norwegische, verharrte lange im Englischen. Auf Einwürfe reagierte der Jubilar mit holländischen oder spanischen Bemerkungen.

Aufmerksam beobachtete der Redner die nationalen Empfindlichkeiten seiner Partner, tippte Erinnerungen an, rückte die eigene Herkunft nie in den Vordergrund. Aber niemand konnte auch nur einen Augenblick darüber im Zweifel sein, dass Willy Brandt ein Deutscher war und sein wollte.

OSTPOLITIK
Über Vertrauensbildung und Abrüstung sprach der Ex-Kanzler Brandt im Mai 1985 mit dem neuen sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, der ihn wie einen Staatsgast empfing.


Er wusste, dass die Losung »Wir sind das Volk« nur sehr unzureichend die komplexe Stimmungslage der Menschen in beiden Teilen des Landes erfasste.


So lebte er vor, was er über die Rolle Deutschlands in der Welt schrieb: »Nationales Selbstbewusstsein ist etwas anderes als Überheblichkeit und Überschätzung des eigenen Wertes gegenüber anderen Völkern. Es ruht in einem sicheren Urteil der eigenen Kraft, Leistung und Tugend – und der eigenen Begrenztheit.«

Dabei hatte Willy Brandt in Berlin auch verbal alles ausgeräumt, was seinen jüngeren Parteifreunden – die Genossen aus der HJ- und Flakhelfer-Generation eingeschlossen – auch nur halbwegs bedrohlich hätte erscheinen können: keine Rückkehr zum »Reich«, natürlich, kein »Wieder« des Alten, kein Zurück in den Vorkriegsnationalismus. Aber dann kamen Sätze wie: »Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden.« Und: »Nirgends steht auch geschrieben, dass die Deutschen auf einem Abstellgleis zu verharren haben, bis irgendwann ein gesamt - europäischer Zug den Bahnhof erreicht hat.« Und das Erschrecken war groß.

Den Arbeiterjungen aus Lübeck haben sie bis zur Emigration für seine Herkunft beschimpft, dem Heimkehrer Brandt riefen sie seinen Weggang in der Bundesrepublik noch nach, als er Kanzler war.

Ein vaterlandsloser Geselle, der das Vaterland preist? Rechts reden, links leben? Es ist schon ein ungewöhnliches Patrioten-Modell, das Willy Brandt seinen Landsleuten zumutete. Er konnte bisweilen selbst darüber in sich hineinkichern.

Widersprüchlich und irrational aber wirkte es nur, wenn man die Worte abkoppelte von der Person, Brandts Sätze loslöste von seiner Biografie. Absurd wurde es, sobald man ihn mit seinen Be - griffen bewarf.

Zu treffen war er so nicht. Denn der linke Patriot Willy Brandt, der andere Deutsche, das war ein Leben, kein System und kein Programm. Es war darüber hinaus ein exemplarisches Beispiel für den hierzulande besonders selten gelungenen Versuch, Geist und Macht zu versöhnen.

Die traditionelle und unheilvolle Spaltung zwischen politischen und geistigen Staatsbildungen in Deutschland, die einander ausschlossen – der SPD-Kanzler vermochte sie für eine Weile in seiner Person zu überbrücken.

Für ihn waren Kunst und Kultur, Bildung und Lebensqualität immer unabgespaltene Teile der Politik. Ostpolitik, Arbeiterbewegung, Antifaschismus, Bismarck – das alles gehörte zu Willy Brandt. Schon als Junge sei er mehrmals nach Friedrichsruh gefahren, erinnerte sich der Kanzler an seinen eisernen Vorgänger, der die Sozis verfolgte: »Und warum sollte ich nicht wieder dorthin fahren? Ich komme nicht aus Preußen, sondern aus der damals noch Freien und Hansestadt Lübeck. Aber ich glaube, einen wachen Sinn für Bismarcks Leistung zu haben.« Im Übrigen sei auch Preußen besser gewesen als sein Ruf.

So pflegte der Deutsche zu reden, der gegen Hitler norwegischer Staatsbürger hatte werden müssen, der in Spanien gegen Franco stand und bei uns von manchen dafür Kommunist geschimpft wurde. So sprach der Kanzler Brandt, der als Junge Herbert Frahm geheißen hatte und unehelich »in die sozialistische Bewegung hineingeboren wurde«. Fürwahr – ein »anderes Deutschland« war das schon, anders als jenes schneidig auftrumpfende, für das wir Jungen uns schämten. Keines, mit dem man sich hätte sehen lassen können in der Welt.

Dass er oft wattig formulierte, entrückt wirkte, Utopien und Träumereien nachhing – was wohl nicht ausbleiben konnte, wenn einer so Widersprüchliches und Vielfältiges in einem einzigen Leben unterzubringen hatte –, beunruhigte aber schon bald die Geistesscharfen im Lande, die es mehr mit dem richtigen Denken hatten als mit dem Leben. Die dumpfen Deutschen, denen Denken überhaupt suspekt war, beunruhigte Brandt immer.

DIPLOMATIE
Zu einem politischen Tauziehen geriet das zweite Treffen der Regierungschefs der beiden deutschen Staaten im März 1970 in Kassel. Brandt verhandelte mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph (2. v. l.), der die völkerrechtliche Anerkennung seines Staates forderte. Neben Stoph saß DDR-Außenminister Otto Winzer. Der gelernte Schriftsetzer war als Kommunist aktiv im Widerstand gegen die Nazis gewesen. Auf den Straßen von Kassel randalierten derweil Neonazis. Sie prügelten sich mit linken Demonstranten und rissen eine DDR-Flagge vom Fahnenmast. So zeigte sich auch Deutschland-West gespalten.

POPULARITÄT
Im Bundestags - wahlkampf 1972 erreichte Willy Brandt den Höhepunkt seiner Beliebtheit.


Für Brandt waren Kunst und Kultur, Bildung und Lebensqualität immer Teile der Politik.


HAUSHERR
Vor dem Wahlerfolg im November 1972 gab sich Brandt, hier zu Hause in Bonn, siegessicher und gelassen.

Über den wahren Zustand der Nation lernte der SPD-Vorsitzende später durch »die Geschichte mit dem Mädchen« mehr als durch alle multikulturellen und intellektuellen Theorien und Aktionen seiner Genossen. Er empfand es als einen »Aufstand von Spießertum«, wie die Partei seine Kandidatin als Parteisprecherin, die gebürtige Griechin Margarita Mathiopoulos, auf miese Weise abschoss. Im März 1987 trat er empört zurück.

Es sind solche Differenzen zwischen hochfliegenden theoretischen Prinzipien und der praktischen Miesepetrigkeit dieser Gesellschaft, die vor allem ausländische Beobachter erschrecken – die schroffe Kluft zwischen idealistischen Weltbeglückungsparolen und der um sich selbst kreisenden nervösen Rücksichtslosigkeit beim Umgang miteinander. Sie offenbart eine simple Wahrheit: Wir mögen uns nicht, wir Deutschen. Die Mauer war ein Monument deutschen Selbsthasses.

Kaum einer hatte das deutlicher gesehen als Willy Brandt, dessen Politik hartnäckig auf ihre Durchlöcherung zielte. Ihm war ihr Bestand immer als ein Sieg der Vergangenheit über die Zukunft erschienen, der Erstarrung über das Leben. Mit seiner ganz persönlichen Mischung aus Erfahrung, Leidenschaft und Gewissen machte er dagegen Politik und rundete so sein Leben, wie es Richard von Weizsäcker formulierte, »zu einem deutschen Schicksal«.

GESTALTER
Mit seinem Außenminister Walter Scheel (linke Seite, l.) und dem SPD-Staatssekretär Egon Bahr (M.) konzipierte Brandt die neue Ostpolitik.


Mit seiner persönlichen Mischung aus Erfahrung, Leidenschaft und Gewissen machte er Politik.


Nie dürfe die Geschichte geleugnet werden – das hat er gesagt und vorgelebt: »Wer sie vergisst oder zu vergessen sucht, wird krank an seiner Seele.« Andererseits jedoch: »Die Geschichte darf nicht zum Mühlstein werden, der uns niemals aus der Vergangenheit entlässt.«

Mit vielen seiner linken Freunde und Kritiker hat Willy Brandt oft vor der »Lebenslüge« der Wiedervereinigung gewarnt. Es war aber das »Wieder «, in dem für ihn die Lüge steckte, nicht die Vereinigung. Für ihn, der Leben als Prozess erfuhr, war die Vereinigung eine Chance für eine neue Form nationaler Normalität, nicht Rückkehr heim ins Reich.

In Dresden schien er deshalb im Februar 1992 mehr zu sich selbst zu sprechen denn zu den Landsleuten aus der ehemaligen DDR, als er sagte: »Deutschland, wo es liegt, wie es ist und werden sollte – diese Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen, und ich möchte sie gern weiter geben helfen. Dieses Deutschland hat jetzt die Chance, nach all dem Unsäglichen, was es sich selbst und der Welt zugemutet hatte, in eine Normalität zu finden, zu der andere auf ihre Weise auch finden mussten. Nicht eine Sonderrolle ist das Thema, sondern gute Nachbarschaft – im Innern und nach außen.«

Es war, als habe der greise Brandt – ausdrücklich an »das geistige Deutschland« gewandt – noch einmal herausfordernd sein Lebenswerk gegen die Resignation vor der Vergangenheit ins Feld führen wollen. »Verlassen Sie Ihre Türme und Nischen, und mischen Sie sich ein«, mahnte er speziell die Intellektuellen im Osten, »lassen Sie die jungen Menschen nicht allein.«

VERHANDLER
Der Kalte Krieg sollte ein Ende finden. Mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexej Kossygin unterzeichnete Willy Brandt im August 1970 im Kreml einen Gewalt - verzichtsvertrag. Kossygin kannte nicht nur den Kalten Krieg, sondern auch den heißen. 28 Jahre zuvor hatte er die Versorgung und Evakuierung von Menschen aus dem von den Deutschen belagerten Leningrad organisiert.


Seine Anregungen an die Landsleute im Osten klagen wie Faustregeln im demokratischen Alltag: »Lasst euch nicht alles gefallen. Prangert Schwindel und Schwindler an.«


PARTEICHEF
Obwohl er als Bundeskanzler zurückgetreten war, genoss Willy Brandt als SPD-Vor - sitzender weiter hohes Ansehen, hier auf einem Parteitag in Dortmund 1976.

KUNDGEBUNG
Am Tag seines dramatischen Rücktritts als Bundeskanzler, dem 7. Mai 1974, kam es zu spontanen Solidaritätskundgebungen, die Arbeiter und Intellektuelle vereinten, hier in Essen.

Auf theoretische Auseinandersetzungen mit intellektuellen Katastrophenszenarios mochte sich der politische Praktiker Willy Brandt am Ende seines Lebens nicht mehr einlassen. Seine Anregungen an die Landsleute im Osten klangen eher wie Faust - regeln im demokratischen Alltag: »Lasst euch nicht alles gefallen. Prangert Schwindel und Schwindler an. Schweigt nicht, wo vermeidbare soziale Not entsteht. Und wo die Handhabung des Rechts den Kontakt mit dem Leben verliert. Lasst es nicht unwidersprochen, wenn ohne Not bürokratische über praktische Vernunft obsiegt.«

Das ist die Aufforderung zu den ganz beharrlichen »kleinen Schritten« in Richtung auf vernünftige Formen menschlichen Zusammenlebens, für die Willy Brandt berühmt geworden ist.

Jahrzehntelang hat er die Maxime von den kleinen Schritten nicht nur gepredigt, sondern auch verwirklicht – in Kriegs- und Friedenszeiten. So wurde Willy Brandt »ein Deutscher«, wie sein Freund, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, bei einer ihrer letzten Begegnungen sagte, »vor dem die Welt sich nicht fürchtete und nicht fürchten musste«.