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„Der Löwe bringt ihn um!“


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 31.10.2022

RD-KLASSIKER JULI 1977

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Der anderthalb jahre alte Junglöwe, größer als eine deutsche Dogge, kam aus dem dichten Unterholz gesprungen, legte die Vordertatzen auf Tony Fitzjohns breite Schultern und rieb den Kopf glücklich an dem seines Freundes. Es war der 12. Juni 1975, ein Donnerstag, und der Löwe Freddie hieß Fitzjohn, 31, nach dessen zweitägiger Besorgungsfahrt im Camp Kora willkommen.

Das Camp besteht nur aus einer Handvoll Zelte, die von einem hohen Schutzzaun umgeben sind. Hier im Norden Kenias gewöhnt der Zoologe George Adamson, 70, im Rahmen eines Schutzprojekts Löwen wieder an die Wildnis. Verwaiste Löwenkinder oder junge Zoolöwen – die sonst zeitlebens in Gefangenschaft bleiben müssten – können hier heranwachsen, sich fortpflanzen und allmählich mit der Freiheit vertraut werden.

Die Lebensbedingungen im Camp sind hart: drückende Hitze, Tsetsefliegen, weder Strom noch sanitäre Einrichtungen, ...

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... sechs Stunden Autofahrt bis zur nächsten Ortschaft. Doch der Brite Fitzjohn hatte als Junge die Bücher über die Löwin Elsa gelesen, und die Geschichte, wie Joy und George Adamson das verwaiste Tier aufzogen, hatte ihn gepackt. Dass er seit drei Jahren als Mitarbeiter Adamsons in Afrika tätig sein konnte, war für ihn die Erfüllung eines Jugendtraums.

Zu Fitzjohns ständigen Aufgaben gehörte die allmonatliche Fahrt im Landrover nach Garissa, um Vorräte einzukaufen. An diesem Morgen vor Antritt der Rückfahrt hatte er den Wildhüter des Bezirks aufgesucht und ihm für die Vertreibung einer Bande bewaffneter Wilddiebe gedankt, die innerhalb des Schutzgebietes Giftfallen für Nashörner gestellt hatten.

Der Wildhüter hatte sich nach Freddie erkundigt, dem Löwenjungen, das er vor etwa 17 Monaten im Busch gefunden und Tony Fitzjohn übergeben hatte. „Das war das erste Löwenkind, mit dem ich zu tun hatte“, erinnert sich der Brite. Er hatte das hilflose Bündel in den Arm genommen, war mit ihm nach Kora gefahren und hatte es auf den Namen Freddie getauft.

Später kamen drei kleine Zootiere dazu. Aber Freddie stand Fitzjohn auch weiterhin am nächsten. Er war nicht nur gutartig – er war auch das tapferste der Jungen, rauflustiger als die anderen. Er hatte mit Fitzjohn das Bett geteilt, bis er dafür zu groß wurde. Tony Fitzjohns Freundin Lindsay Bell, die in Nairobi wohnt, hat einmal gesagt, ganz entspannt sei ihr Freund nur bei seinen Löwen.

Nach den zwei anstrengenden Tagen am Steuer war Fitzjohn froh, wieder in Kora zu sein. Er trug nur kurze Hosen und Sandalen; bei 36 Grad Hitze glänzte der Schweiß auf seiner Haut. Es war Zeit, die Junglöwen – inzwischen hatten sich auch die drei anderen eingefunden – für die Nacht hinter den Zaun zu bringen.

Um Freddie zu besänftigen, der außer Rand und Band war, setzte sich der junge Mann hin, die Arme um die Knie geschlungen, mit dem Rücken zum wenige Meter entfernten Unterholz, und redete auf den Löwen ein. Wegen des Risikos, unerwartet einem Wildtier zu begegnen, ist es eine der Grundregeln im Busch, sich niemals außerhalb des Camps auf den Boden zu setzen. Aber hier, in Rufweite der Zelte, fühlte sich Fitzjohn ganz sicher.

Es war 17.10 Uhr. Im Camp, keine 50 Meter entfernt, war alles still. Unvermittelt fühlte der 31-Jährige, wie ein mächtiges Tier ihn von hinten ansprang. Er fiel vornüber auf den Boden und verlor für einen Augenblick das Bewusstsein. Als Fitzjohn wieder zu sich kam, merkte er zu seinem Entsetzen, dass sein Kopf im Rachen eines riesigen Löwen steckte.

Die Bestie schnappte einmal fest zu, ließ dann den Kopf ihres Opfers los und begann den Körper mit Zähnen und Pranken zu bearbeiten – scharfen Bissen in Hals und Kopf, in beiden Schultern, messerscharfen Krallenschmissen in Rücken und Beine.

Fitzjohn erlebte das grausige Geschehen als „eine Reihe aufzuckender Dias, mit Stromausfällen dazwischen“. Seine Brille war zerbrochen. Blitzartig tauchte immer wieder das Camp auf, das er so nahe geglaubt hatte; es schien sich weiter und weiterzu entfernen, wurde immer kleiner. Wer konnte ihn angefallen haben? Einer von Georges Löwen? Nur eins wusste er: dass das Tier ausgewachsen und ungemein kräftig war. Fitzjohn schätzte es auf knapp vier Zentner und zweieinhalb Meter Körperlänge.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde diesmal von Redakteurin Ute Guth ausgewählt: „Geschichten über wilde Tiere und ihre Beziehung zu Menschen faszinieren mich, vor allem wenn sie so spannend sind wie diese. Ein junger Löwe attackiert ein ausgewachenes Männchen, das einen Menschen angegriffen hat, und rettet so dessen Leben.“

Die Lage war hoffnungslos. Tony Fitzjohn schloss die Augen. Weitere Schläge der mächtigen Tatzen trafen seinen Kopf, die Krallen schnitten ihm das Gesicht auf. Da er unter Schock stand und eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, spürte Fitzjohn keinen Schmerz und hörte keine Geräusche. Seine Verletzungen, seine Verwirrung lähmten ihn. Er erlebte sein eigenes Sterben wie einen Stummfilm.

Jetzt packte der Löwe Fitzjohn am Hals und biss zu. Der Tierschützer bekam keine Luft durch die Nase und konnte auch den Mund nicht mehr öffnen. Ihm schoss durch den Kopf, dass Löwen ihre Beute oft erwürgen. Sie drücken so lange zu, bis das Opfer aufhört zu atmen. Das dauert nicht länger als eine Minute.

„O GOTT, ICH STERBE!“, DENKT TONY FITZJOHN UND VERLIERT DAS BEWUSSTSEIN

Während dieser Minute merkte Fitzjohn, dass da zwei Löwen beteiligt waren. Mit Mühe öffnete er die blutigen Lider und sah Freddie auf sich zuspringen. „Um Gottes willen, nicht auch noch Freddie!“, dachte er.

Doch der kleine Freddie attackierte nicht Fitzjohn – er ging auf den mächtigen Löwen los, der viermal so groß war wie er. Das angemessene Verhalten für Junglöwen ist, sich erwachsenen Tieren unterzuordnen; ein wütendes Alttier anzugreifen ist glatter Selbstmord. Freddie aber attackierte weiter – er knurrte und schnappte und biss nach den Flanken des Löwen, der breitbeinig über Fitzjohn stand.

Und für einen Augenblick hatte er Erfolg. Der Löwe ließ den Hals des Mannes los und setzte Freddie nach, der um sein Leben lief. Fitzjohn lag in einer Blutlache und rang nach Luft. Der große Löwe hätte Freddie einholen und im Nu zerreißen können. Doch er brach die Verfolgung ab und kehrte zu seinem Opfer zurück. Wieder packte er den Hals des Mannes mit dem tödlichen Würgegriff. „O Gott, ich sterbe!“, dachte Fitzjohn. Sekunden darauf verlor er das Bewusstsein.

Freddie stürzte sich erneut in den Kampf, biss die überraschte Bestie ins Hinterteil und umkreiste sie dann knurrend und jaulend mit kühnen, schnappenden Vorstößen. Er wich nur zurück, wenn der Größere mit seiner kräftigen Pranke zuschlug. Aber er brachte den Gegner nicht dazu, von seiner Beute abzulassen.

Während des ganzen Geschehens war Fitzjohn ein stummes Opfer und der Löwe ein stummer Killer. Die einzigen Laute waren Freddies Knurren und durchdringendes Winseln, das Fitzjohn gar nicht hören konnte.

Aber einer hörte Freddies schrille Laute: Erigumsa, der Lagerkoch. Erst dachte er, zwei Jungtiere rauften miteinander, aber dafür klang Freddies ferne Stimme allzu verzweifelt. Der Koch lief zum Tor - und sah Tony Fitzjohn im Rachen des Löwen. Erigumsa rannte zum 20 Meter entfernten Esszelt, wo Adamson beim Tee saß.

„Simba ame kamata Tony indsche! Anataka kuua jeje!“, schrie er auf Kisuaheli. („Der Löwe hat Tony draußen erwischt! Er bringt ihn um!“)

Adamson glaubte, das Gebalge der Junglöwen sei bloß ausgeartet. Daher griff er sich nur einen Spazierstock und ließ sein geladenes Gewehr stehen, als er aus dem Zelt lief. Doch als Adamson das Tor hinter sich hatte, erkannte er, dass Fitzjohn mit dem Hals im Maul eines ausgewachsenen Löwen hing. Es war keine Zeit mehr, umzukehren und das Gewehr zu holen. Ohne zu überlegen, rannte er auf den Löwen los, brüllend und mit dem Spazierstock fuchtelnd.

Wenn der Löwe jetzt angriff, war auch Adamson ihm ausgeliefert. Doch das Tier ließ sein Opfer los, wich zurück und fixierte den Angreifer. Es duckte sich zum Sprung, aber Adamson rannte weiter, brüllend und den Stock schwingend. Und es wirkte! Der Löwe hielt inne, ließ von Fitzjohn ab und verzog sich in den Busch.

Tony Fitzjohn kam erst wieder zu sich, als er, von Adamson gestützt, auf das Camp zuwankte. „George, ich glaube, es geht zu Ende“, stammelte er. „Tu mir einen Gefallen“ bat er, „und lass den Löwen leben. Meine Schuld ... Hab’ nicht aufgepasst ... Hätte mir nicht passieren dürfen.“

Kaum war Fitzjohn im Zelt, da saß Adamson auch schon am Funkgerät und rief den fliegenden Sanitätsdienst in Nairobi. Es war allerdings zu spät – die 220 Kilometer Flugstrecke waren unter 75 Minuten nicht zu schaffen, und die Vorschriften verboten jede Landung auf einer Buschpiste nach Eintritt der Dunkelheit.

Der Sanitäter versicherte Adamson, dass das Flugzeug gleich bei Tagesanbruch kommen werde, und gab ihm Ratschläge für die Erstversorgung der Wunden. Besorgt blickte Adamson in die untergehende Sonne. Würde Fitzjohn die lange Nacht ohne Bluttransfusion überstehen?

Von einer Ohnmacht in die andere sinkend, rang Tony Fitzjohn nach Luft. „Ich muss ja leben – für Lindsay, für George und die Löwen. Wenn ich nur immer fest ans Leben denke, werde ich’s schaffen.“

Als der Morgen dämmerte, wagten Adamson und Erigumsa, die vor dem Camp warteten, ein erstes Lächeln; 13 Stunden waren vergangen, und Fitzjohn war noch am Leben – trotz seiner schweren Verletzungen. Lindsay sprang nach der Landung als Erste aus der Maschine des „fliegenden Doktors“. George Adamson hatte sie am Abend zuvor über Funk verständigt. „Ich war auf schlimme Wunden gefasst, aber nicht darauf, dass sie den ganzen Kopf bedeckten“, erinnert sie sich. „Tony konnte kaum atmen. Die rechte Halsseite war ganz offen und die Wunden nässten. Es war fürchterlich.“

Auf dem Rückflug nach Nairobi brach Lindsay schluchzend zusammen. „Ich wusste doch, wie sehr er an seiner Arbeit hing“, sagt sie. „Wenn er durchkam – würde er je wieder zu den Löwen zurück können?“

Fitzjohn wurde zwei Stunden lang operiert. Man stellte drei Dutzend Wunden fest – manche davon so tief und gefährlich, dass sie zunächst noch nicht genäht werden konnten. Seine Luftröhre war gequetscht, aber nicht zerrissen. Wie durch ein Wunder hatten die Zähne des Löwen keinerlei wichtige Nerven und Adern durchtrennt. Der junge Mann sollte einer der wenigen Menschen sein, die je lebendig dem Rachen eines Löwen entkamen.

Am Tag nach dem Überfall erschien ein großer Löwe vor Camp Kora, getrocknete Blutspuren an der Brust und am Maul. Es war ein zweieinhalbjähriger Wildlöwe, den Adamson von klein auf gekannt hatte, ein so sanftes Tier, dass man es Blümchen getauft hatte.

Jetzt wagten die Junglöwen sich nicht an ihn heran, er knurrte sie drohend an. George Adamson fuhr vor das Lager und lenkte den Landrover zwischen den Löwen und die Jungtiere. Dann beobachtete er Blümchen aufmerksam. Dessen Bewegungen waren fahrig und wirkten unnatürlich.

Der einst so friedliche Löwe hatte wahrscheinlich von einem vergifteten Kadaver gefressen, den die Nashornwilderer ausgelegt hatten. Da er einmal aggressiv geworden war, bestand die Gefahr, dass er erneut angreifen würde. Das Leben von Menschen und anderen Löwen stand auf dem Spiel.

Nachdem der 70-jährige Tierschützer eine Stunde lang Blümchens Verhalten beobachtet hatte, hob Adamson widerwillig das Gewehr und erschoss den Löwen.

Wenn man so zugerichtet wurde wie Tony Fitzjohn, musste selbst der Tapferste es sich zweimal überlegen, ob er erneut die Gefahren der Arbeit im Busch auf sich nehmen wollte. Fitzjohns Narben werden immer bleiben. Aber er erinnerte sich daran, dass ein Junglöwe, den er liebte, sich bemüht hatte, ihn zu retten.

Zwei Monate nach dem Unfall kehrte der junge Tierschützer nach Kora zurück. Er war neugierig, welche Begrüßung ihn erwartete – ob er überhaupt erkannt werden würde. Als Fitzjohn das Camp erreichte, sah er die Junglöwen auf einem hohen Felsen liegen. Und als sie ihn sahen, kamen sie ihm entgegengestürmt, Freddie allen voran, unentwegt blaffend.

Typische Löwenbegrüßungen dauern knapp eine Minute; diese dauerte an die zehn Minuten – die erregten Tiere konnten Fitzjohn gar nicht oft genug anspringen. „Der Gedanke, nicht zurückzugehen, ist mir nie gekommen“, erklärte mir Fitzjohn, als ich ihn besuchte. „Wir bauen hier ein Wildreservat auf. Später können Menschen aus der ganzen Welt hierherkommen, um unsere Löwen zu besichtigen, und die Tiere können frei und ungestört in ihrer Umwelt leben. Ich gehöre hierher.“

Die Tiere teilen mit uns das Privileg, eine Seele zu haben. Pythagoras, griech. PhiLosoPh u. mathematiker (570–500 v. chr.)