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Der Mann, der schwebt


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 110/2021 vom 15.10.2021

FEDERER-BUCH

Artikelbild für den Artikel "Der Mann, der schwebt" aus der Ausgabe 110/2021 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
ZEITLOSE ÄSTHETIK: Roger Federer im Viertelfinale 2016 gegen Jo-Wilfried Tsonga im Monte Carlo Country Club.

Das faszinierte mich als Beobachter: Federer, der entgegen jeder Logik und im Gegensatz zu seinen Vorgängern in der Tenniswelt auch mit Ende 30 noch frisch und voller Tatendrang war, lebte ganz in der Gegenwart – weil er vorausdachte. Trotz all der Kräfte, die an ihm zerrten, war er entspannt und entgegenkommend, weil er sich selbst und seinen Mikrokosmos gut genug kannte, um den Fallstricken auszuweichen, die sein Feuer erstickt hätten.

Andererseits steht diese Zielgerichtetheit für seine gesamte Karriere.

Wer ihm in den letzten zwei Jahrzehnten zugesehen hat, war oft beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der er Asse schlug, in eine Vorhand hineinglitt und über den Dingen zu schweben schien in dieser Welt, in der Ikonen zu Recht sehr kritisch gesehen werden. Doch sein Weg, auf dem der temperamentvolle, blondierte Teenager mit fragwürdigem Stilgefühl zu einem der elegantesten und ...

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... souveränsten Topsportler heranreifte, war eben nicht schicksalhaft, sondern das Ergebnis einer langen und bewussten Anstrengung.

Federer gilt gemeinhin als Naturtalent. In Wirklichkeit ist er auch ein gewissenhafter Planer, der sich angewöhnt hat, auf Routine und Selbstdisziplin zu setzen, und seinen Terminkalender lange im Voraus sehr detailliert auszuarbeiten.

Naturtalent und harter Arbeiter

„Ich weiß normalerweise ungefähr, wie meine nächsten anderthalb Jahre aussehen, und kenne das Programm der nächsten neun Monate recht genau“, verriet er mir in Argentinien. „Ich kann dir sagen, was ich am Montag vor Rotterdam vorhabe oder am Samstag vor Indian Wells. Zwar nicht Stunde für Stunde, aber eine Tagesplanung mache ich eigentlich immer.“

Federer sieht man nur selten schwitzen; harte Arbeit und Selbstzweifel sind ihm dennoch nicht fremd, er trägt sie nur nicht nach außen. Er hat weitaus öfter unter Schmerzen gespielt, als es den meisten von uns bewusst ist. Auch schwere Rückschläge im vollen Scheinwerferlicht hat es reichlich gegeben. Man könnte sogar behaupten, dass das Wimbledon-Finale 2008 gegen Rafael Nadal und das Wimbledon-Finale 2019 gegen Novak Djokovic die beiden größten Matches seiner Karriere waren. Beide endeten mit seiner bitteren Niederlage nach einem hart umkämpften fünften Satz, der in die Verlängerung ging.

Mit mehr als 100 Titelgewinnen und einer ununterbrochenen Serie von 23 Halbfinalteilnahmen bei Grand Slam-Turnieren hat er große Erfolge erzielt, es gab aber eben auch grandiose Niederlagen.

Das hat zweifellos dazu beigetragen, ihn menschlicher und nahbarer erscheinen zu lassen. Zugutehalten muss man Federer, dass er öffentliche wie private Rückschläge eingesteckt hat und immer wieder auf die Füße gekommen ist, mit positiver Energie und langfristiger Perspektive.

Er hat die Dimension des Tennissports erweitert, nicht indem er ihn als Plattform für höhere Ziele einsetzte, sondern indem er weitgehend innerhalb der Grenzen des Sports blieb. Eine beachtliche Leistung angesichts der schrumpfenden und alternden Fangemeinde in Europa und Nordamerika.

Seine Herangehensweise ist „oldschool“: zurückhaltend bei kontroversen Themen und in Bezug auf sein Privatleben, im Umgang dafür jovial mit ausgeprägtem Sportsgeist.

Ein Langweiler ist er wohl kaum. Wie könnte man jemanden, der Menschen rund um den Erdball zu verbinden weiß, auch so bezeichnen?

Federer steht für „schönes Tennis“: tänzerisch und oft über dem Boden schwebend, wenn er beim Aufschlag oder Grundlinienschlag den Treffpunkt einen Moment länger fixiert als jeder andere Spieler, den ich in meinen mehr als 30 Jahren als Tennisreporter beobachtet habe. Dieses Talent, einen Schlag wirklich und wahrhaftig zu Ende zu führen, wirkt bisweilen fast unbekümmert, aber es ist ein wichtiger Bestandteil seiner Anziehungskraft. Es ist vergleichbar mit Michael Jordans Spezialität, etwas länger als alle anderen in Richtung Basketballkorb zu fliegen, oder Tänzern, die in der Bewegung einen winzigen Moment innehalten, um einer Pose Nachdruck zu verleihen.

„Er ist der schönste und anmutigste Spieler, den ich je gesehen habe“, sagte mir Billie Jean King einmal. „Seine kinetische Kette bleibt sehr geschlossen. Das ist das Geheimnis seiner Eleganz.“

Das Profitennis hat in den letzten 25 Jahren unglaubliche Dynamik erhalten: Die Schläger haben heute Polyestersaiten und sind viel schlagkräftiger, und die Sportler sind größer und aggressiver. Schlagtechniken und Beinarbeit mussten sich an die zunehmende Ballgeschwindigkeit anpassen und doch scheint Federer immer noch genügend Zeit zu haben, seinen Schlägen den letzten Schliff zu verpassen. Wie gelingt es ihm, so zu spielen und sich dennoch rechtzeitig vor dem nächsten Glanzschlag zu erholen? Es liegt sicher daran, dass er ungewöhnlich vorausschauend, beweglich und flink ist, aber auch daran, dass er relativ kompakt schlägt und das nötige Selbstvertrauen besitzt – er weiß, dass andere planen, sich abrackern und zwingen, während er selbst spontan und unter Hochdruck Lösungen zu zaubern scheint, für die anderen das nötige Rüstzeug – oder Schweizer Taschenmesser – fehlt.

Marc Rosset, der beste Schweizer Tennisspieler, bis Federer die Messlatte in unerreichbare Höhen schraubte, spricht gern über Federers „Verarbeitungsgeschwindigkeit“.

Rosset erinnert sich an eine Übung, bei der jemand fünf unterschiedlich gefärbte Bälle in die Luft warf und die Spieler aufforderte, sie in einer bestimmten Reihenfolge zu fangen. „Mehr als vier habe ich nie geschafft“, sagte Rosset. „Ich fand das wirklich schwer. Rog konnte man fünf Bälle zuwerfen und er fing alle fünf.“

Rosset weiter: „Die Leute achten unglaublich darauf, wie gut ein Sportler mit seinen Händen oder Füßen agiert. Aber es gibt eine Begabung, über die wir zu wenig

sprechen, und das ist Reaktivität, also die Fähigkeit des Gehirns, visuelle Reize zu interpretieren. Wenn man die Sportgrößen betrachtet, einen Fußballspieler wie [Zinedine] Zidane oder [Diego] Maradona oder Tennisspieler wie Federer, Djokovic oder Nadal, dann hat man bisweilen den Eindruck, dass sie sich in der Matrix befinden – alles geht so unheimlich schnell, zu schnell für jemanden wie Sie oder mich. Sie erfassen Dinge so rasch, als ob ihrem Gehirn mehr Verarbeitungszeit zur Verfügung stünde.

Wenn Zidane dribbelte, dann bewegten sich teils vier Spieler um ihn herum, und trotzdem blieb er ruhig. Aus seiner Perspektive vollzog sich das alles in Zeitlupe. Diese Topstars sind den anderen immer den Bruchteil einer Sekunde voraus, deswegen können sie entspannt bleiben. Schauen Sie sich einige dieser unglaublichen Schläge an, die Roger im Verlauf seiner Karriere hingelegt hat – das sind keine Schläge, die man vorher üben kann.“

Wer Federer an einem seiner Glanztage beobachtet hat, ist von seinen fließenden Bewegungen fasziniert und wartet gleichzeitig gespannt auf einen Zaubertrick, der garantiert kommen wird – nur wann? Es ist ein doppelter Rausch, der noch intensiver wird, wenn man darüber nachdenkt, wie zielgerichtet er sich im Laufe seiner Karriere den jeweiligen Herausforderungen gestellt hat. Er kommt ganz ohne Tiraden und Geplänkel aus. Während er sich voll auf das physische Ausführen konzentriert, verraten die Augen nur wenig über das Auf und Ab seiner Gefühle.

Die große Frage: Wie macht er das nur?

„Er spielt den Ball, aber er spielt auch mit dem Ball“, erzählte mir mal sein Freund und langjähriger Trainer Severin Lüthi.

Diese Eigenschaft spricht Insider genauso wie Außenstehende an. „Wenn es einen Typen gibt, der andere Spieler ins Staunen versetzen kann, dann ist es Fed“, sagte Brad Stine, ein erfahrener Trainer, der mit Kevin Anderson und dem ehemaligen Weltranglistenersten Jim Courier gearbeitet hat. „Sie beobachten ihn und fragen sich: ‚Wie macht er das nur? Also mal ehrlich, wie bekommt man einen solchen Schlag hin?‘“

Auch John McEnroe war ein Künstler mit Schläger, allerdings ein gepeinigter. Wenn Johnny Mac eine Art Jackson Pollock war, der Farbe verspritzte und damit seinen inneren Kampf ausdrückte, dann war Federer näher an Peter Paul Rubens: produktiv, ausgeglichen, dem Massengeschmack zugänglich und dennoch in der Lage, Experten mit seiner Pinselführung und Komposition Schauder der Begeisterung über den Rücken zu jagen. Eine beeindruckende Performance, ohne Frage – aber eine, die genügend Platz auf der Leinwand lässt, um anderen ihre eigene Interpretation des Werks zu ermöglichen.

Federer selbst möchte über sein Erfolgsrezept gar nicht nachdenken – „Im Grunde ist es ganz einfach“, sagt er – aber es ist für ihn in Ordnung, wenn andere es tun.

Ich erinnere mich an ein Gespräch darüber mit Federer im Jahr 2018, kurz bevor wir in der kalifornischen Wüste einen Privatjet bestiegen (meine erste und vermutlich letzte Reise in einem solchen Flugzeug). Am Vortag hatte er das Finale der BNP Paribas Open gegen del Potro bestritten und dabei drei Matchbälle bei eigenem Aufschlag vergeben sowie einen Tiebreak im dritten Satz verloren, seine erste Niederlage in der laufenden Saison. Es war so eng gewesen und die Reaktionszeiten waren unfassbar knapp, selbst für einen wie ihn.

GENIES WIE FEDERER

Diego Maradona (1): Der Argentinier, der schon mit 60 Jahren an den Folgen seines exzessiven Lebens starb, gilt neben Pelé als bester Fußballspieler der Historie.

John McEnroe (2): Genie und Wahnsinn – wahrscheinlich hätte „Big Mac“ mehr als sieben Grand Slam-Titel gewonnen, wenn er seine Nerven besser im Griff gehabt hätte.

Michael Jordan (3): Der US-amerikanische Basketballspieler, Spitzname „Air Jordan“, schien die physikalischen Gesetze außer Kraft zu setzen. Mit den Chicago Bulls gewann er sechs NBA-Meisterschaften.

Zinedine Zidane (4): Für den Buchautor Clarey gehört auch der Franzose – dreimaliger FIFA-Weltfußballer, Welt-und Europameister (1998, 2000) – in die Phalanx der außergewöhnlichen Sportikonen.

„Taktik? Ja, darüber reden alle gern“, sagte Federer. „Doch auf diesem Niveau kommt es meist nur auf Gefühl an. Alles geht so schnell, dass man vor dem Schlag kaum Zeit zum Nachdenken findet. Natürlich spielt auch Glück eine Rolle.“

Tatsächlich hatte Fortuna bei Federer die Hand im Spiel. Vielleicht wäre er nie ein Champion geworden, jedenfalls nicht im Tennis, wenn nicht ein Profi namens Peter Carter ausgerechnet in einem kleinen Basler Club eine Stelle als Trainer angenommen hätte. Womöglich hätte Federer nie das nötige Stehvermögen erlangt, wenn er nicht einen intellektuellen, sensiblen und talentierten Konditionstrainer namens Pierre Paganini getroffen hätte oder im Laufe seiner Karriere auf Mirka Vavrinec gestoßen wäre, eine ältere Schweizer Spielerin, die später seine Ehefrau, Teilzeit- Presseagentin und Hauptorganisatorin wurde. Ohne ihre volle Unterstützung und ihren Ehrgeiz hätte er wohl niemals so lange und so überzeugend gespielt.

„Ihr Erfolgswille ist ebenso ausgeprägt wie der von Federer, vielleicht sogar stärker“, sagte mir der französische Konditionstrainer Paul Dorochenko, der in seinen frühen Schweizer Jahren mit Vavrinec und Federer gearbeitet hat.

Doch im Leben und ganz sicher im Profitennis kommt es darauf an, was man aus Chancen und glücklichen Zufällen macht. Federer nutzte sie meist.

ROGER FEDERER DER MAE STRO. DIE BIOGRAPHIE

Autor: Christopher Clarey

Seitenzahl: 496

Verlag: Edel Sports

Beschreibung: Basierend auf zahlreichen Begegnungen und Gesprächen mit Federer selbst, seinen Vertrauten, Trainern und Konkurrenten beleuchtet der Autor die zentralen Stationen und Momente der phänomenalen Karriere des Schweizers. Der Tenniskorrespondent der New York Times beschäftigt sich vor allem auch mit den psychologischen Aspekten und der mentalen Entwicklung des Maestro.

ISBN: 978-3-98588-006-5

Preis: 24.95 € (DE) / 25.70 € (AT)

Erscheinungstermin: 3. Dezember

tennis MAGAZIN-Wertung: Lesenswert