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Der Meister des Takts


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 30.09.2021

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Eigentlich unersetzlich: Charlie Watts

Berlin, Filmfestspiele, Februar 2008, Blitzlichtgewitter, drängelnde Autogrammjäger, auf dem roten Teppich: The Rolling Stones. Wir erleben Mick Jagger in seiner Glanzrolle als Dompteur der Medienmeute; Keith Richards in Schals und Shades, spöttisch grinsend; Ron Wood leutselig und gekonnt zerknautscht; Charlie Watts stilsicher in edlem Zwirn, der ihm unzweifelhaft in der Savile Row auf den asketischen Leib geschneidert wurde. Doch während der Sänger und die Gitarristen den zudringlichen Kameras und Mikrofonen nicht ausweichen, hält sich der Drummer tunlichst in zweiter Reihe. Sein Mienenspiel verrät, dass er gern woanders wäre. Wenn Charlie Watts dennoch von einem Reporter gestellt wird, gibt er bereitwillig Auskunft, zuvorkommend, indes ohne viele Worte zu machen. Ob er sich wohl fühle inmitten dieses Trubels, möchte ein Pressevertreter wissen. „Oh, I don’t mind“, antwortet der Befragte, „comes ...

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... with the job.“ Ein Kollege vom Rundfunk macht einen Annäherungsversuch. „I like your music“, tut er treuherzig kund und hält dem Schlagzeuger das Mikro unter die Nase. „Thank you“, sagt Charlie Watts.

Die Stones sind zur Premiere von „Shine A Light“ angereist, der Konzert-Doku von Martin Scorsese. Das sei aber nur der willkommene Anlass gewesen, behauptet anderntags die Presse. In Wirklichkeit habe die Berlinale das Quartett als Stargäste geladen, um dem Festival dringend benötigten Glanz zu verleihen. Ein veritabler Coup, so das anerkennende Fazit.

Auch Neil Young ist gekommen, in der Rolle des Regisseurs. „CSNY/Déjà Vu“ heißt der Streifen, ein politisches Statement zum Irakkrieg. Bei der letzten US-Tour war es zu heftigen Reaktionen von Konzertbesuchern auf die Antikriegshaltung von Crosby, Stills, Nash & Young gekommen, das Publikum war gespalten, die Musiker wurden gefeiert und geschmäht. Eine ernüchternde, bittere Erfahrung, so Young. Nach Filmvorführung und Pressekonferenz bei der Berlinale gibt es kurz Gelegenheit zu einem Plausch. Zum Empfang am Abend, freut sich Young, würden auch die Stones erwartet, immerhin Helden seit seiner Jugend. Er hoffe sehr, dabei mit Charlie Watts ins Gespräch zu kommen, andererseits mache ihn diese Aussicht etwas nervös. Mit den anderen Stones habe er schon wiederholt zu tun gehabt, stets in bestem Einvernehmen, umso unerklärlicher sei seine Befangenheit vor einem möglicherweise bevorstehenden Gedankenaustausch mit Charlie Watts.

Ich konnte das gut nachfühlen, denn es war mir nicht anders ergangen, zwölf Jahre davor, bei meinem ersten Treffen mit dem verehrten Swingmeister. Schon beim Smalltalk zur Begrüßung, noch vor dem Einschalten des Bandgeräts, ließ sich nicht verhehlen, dass mein Nervenkostüm ein wenig flatterte. Ein für mich ungekanntes Gefühl in einer Interviewsituation, doch Charlie zeigte sich verständnisvoll, beruhigte mich mit kleinen Gesten und ungeteilter Aufmerksamkeit. Wiederholter Händedruck, ermutigender Augenkontakt, geduldiges Zuhören und – beileibe nicht selbstverständlich – bereitwilliges Eingehen auch auf Fragen ohne jeglichen Promo-Mehrwert für den Befragten, above and beyond the call of duty. Schon nach einigen Minuten hatte sich meine Nervosität gelegt, dank der Freundlichkeit meines Gegenübers. A gentle man.

Zur entspannung trug nicht zuletzt Charlies Aufzählung diverser Sammelleidenschaften bei, deren Sinn er sich manchmal selbst nicht erklären könne. Die umfängliche 10inch-Sammlung auf Schellack und Vinyl sei allerdings unverzichtbar, die Platten würden immerhin gespielt, auch und gerade die 78er. Die vielen Hundert Stones-Bootlegs, „eine Tonne“, schätzte der Eigentümer leicht übertreibend, befriedigten indes allein das Bedürfnis, sie zu besitzen. „I never play them“, gestand der Sammelwütige, „can’t seem to find the time.“ Und da wären die vielen „Reiche- Leute-Hobbys“, wie Charlie sie nennt, die klassischen Oldtimer etwa, die in der Garage herumstehen. „I don’t drive“, sagt er, „but they’re aesthetically pleasing. Beautiful lines, you know.“ Hin und wieder lasse er sich vom Chauffeur durch die Landschaft kutschieren, aber eigentlich seien sie nur da, um bestaunt zu werden. „Ehrlich, wie oft siehst du ein schönes Auto auf der Straße?“ Eine rhetorische Frage offenbar, denn meinem spontanen „Nie!“ folgt sein „Eben!“ auf den Fersen. Einmal habe er sich spaßeshalber hinters Steuer einer seiner antiken Edelkarossen geklemmt und laut ein paarmal brumm-brumm gemacht, so mit dem Mundwerk, wie ein kleiner Junge. Und Boy, sei er froh gewesen, dass ihn dabei niemand beobachtet habe!

„We wanted Charlie badly“, erinnert sich Keith Richards, „also schnürten wir den Gürtel noch enger und riefen uns ständig bei unserem Wunschdrummer in Erinnerung. Still, he was playing hard to get“

Mit ernster Miene streifte Charlie Watts sein episodisches Abgleiten in die Drogensucht, damals in den Achtzigern. Schmerzlich sei es gewesen, mehr noch aber peinlich. „Wenn du den Respekt vor dir selbst verlierst, kannst du nicht mehr tiefer fallen“, das habe er auf die harte Tour gelernt. Und es sei Mick Jagger zu verdanken, nicht etwa Keith Richards, dass es ihm gelang, aus diesem tiefen Loch wieder herauszukommen. „Von Keith gab es Zuspruch und gut gemeinte Ratschläge. Reiß dich zusammen, so in der Art. Der hat’s nötig, dachte ich, thanks for tea and sympathy.“ Mick sei es gewesen, der sich kümmerte und für ihn da war. Das Bild, das gemeinhin vom Stones-Sänger gezeichnet werde, sei ein arg verzerrtes. Als der große Zampa no werde er oft dargestellt, als Controlfreak und geschäftstüchtiger Macher, allzeit kühl berechnend, doch gebe es auch den anderen Mick, den Freund, auf den man sich immer verlassen könne, wenn es darauf ankomme.

Geständnisse von so ungeschützter Offenheit war die interessierte Öffentlichkeit nicht gewohnt von einem Künstler, der sich am liebsten auf seinem Anwesen verschanzte und in Interviews so gut wie nie Privates preisgab. Man kannte Charlie Watts über Jahrzehnte als wortkargen Mann, redescheu und ungefähr so mediengeil wie Howard Hughes. Er sei nun mal langweilig, pflegte er zu kokettieren, habe nichts Wichtiges mitzuteilen. Tatsächlich gab der Inspirator ganzer Generationen von Rhythmusgläubigen jahrelang überhaupt keine Interviews. Und als er sich später doch zu Gesprächen überreden ließ, waren seine Einlassungen nicht selten evasiv und lakonisch distanziert. Mitteilsamer wurde Watts erst in jüngerer Zeit, er sprach ungezwungen über persönliche Belange, gab gar ungefragt seine Meinung kund. So befand der Souverän des Takts in dessen doppelter Bedeutung anlässlich des Todes von David Bowie, dieser sei bestimmt kein musikalisches Genie gewesen. Bad Timing. Da nützte es wenig, dass Watts zuerst taktvoll tributiert hatte, Bowie sei „a lovely guy“ gewesen und habe einige gute Songs geschrieben, die Medien stürzten sich gierig und dankbar auf den nicht nur von Bowie-Fans als pietätlos kritisierten Part von Charlies Kondolenzadresse.

Bilder eines Lebens

Auch den Franzosen war Charlie Watts auf die notorisch empfindlichen Zehen getreten, unabsichtlich wohl nicht, aber doch eher en passant. Der Umstand, dass er sein Haus im Süden Galliens nur periodisch und immer seltener mit seiner Frau Shirley bewohnte, veranlasste einen Interviewer zu der Frage, wie es der Stones-Drummer denn so mit der französischen Kultur halte, mit der dortigen Lebensart. Die sei ihm fremd geblieben, meinte Watts defensiv, er selbst spreche auch nicht Französisch. Und wie stehe es mit französischer Musik?, setzte der Fragesteller nach. Da er darüber nichts Gutes sagen könne, wehrte Charlie ab, sage er dazu lieber gar nichts. Gelte das auch für Serge Gains bourg? Für den besonders! Ob er Gainsbourg denn überhaupt kenne, lässt der Interviewer, offenbar Fan des besagten Chansonniers, nicht locker. Ja, antwortet Watts leicht genervt, er kenne ihn, und nein, er könne auch mit dem wirklich nichts anfangen. Andernorts und Wochen später wird er sich selbst die ungleich wichtigere Frage stellen: ob es nicht besser gewesen wäre, zu lügen, diplomatisch Interesse zu heucheln, um das Thema schnell abzuhaken. Und er wird vor dieser Frage kapitulieren: „I really don’t know, it’s complicated.“

Das Château in Frankreich hätten sie sich einst für Shirley angeschafft, erklärte Charlie die veränderte Wohnsituation, weil sie dort ungestört malen konnte und weil das Licht dafür besonders geeignet schien. Seit Shirley den Großteil ihrer Zeit der Araberzucht widme, verließen sie ihr ländliches Anwesen in Devon mit all den Ställen, Koppeln und Weiden aber nur noch ausnahmsweise. Im Übrigen seien sie als Vegetarier dort Selbstversorger. Nur hin und wieder gehe er noch einkaufen, sagt Charlie Watts. Frisches Obst, das in Devon nicht gedeiht. Die Abgeschiedenheit komme ihm ohnehin sehr entgegen, er brauche keine hektische Betriebsamkeit. Mick Jagger echauffiere sich bisweilen, wenn es ihm mal wieder nicht gelinge, den Bandkollegen telefonisch zu erreichen, verrät Watts mit mokantem Unterton, denn über ein Mobile verfüge er nicht. Schaff dir endlich ein Smartphone an!, habe Mick schon des Öfteren gemeckert, zunehmend gereizt, aber wohl wissend, dass er das nicht mehr erleben wird. „Ich hasse die Dinger“, bekräftigt Charlie Watts, „eine Zivilisationskrankheit.“ Mich musste er nicht überzeugen.

Schwer vorstellbar, dass es je eine andere Band gab, die disparatere Veranlagungen, Charaktere, Mentalitäten, Temperamente und musikalische Vorlieben vereinte als die Rolling Stones, mitsamt dem darin angelegten, nicht unerheblichen Reibungspotenzial. Eine fürwahr prekäre Bandchemie, das Mischverhältnis oft genug gefährlich nah am Abgrund. Es erscheint paradox, dass gerade die gruppeninternen Verstimmungen und Zwistigkeiten dazu beigetragen hatten, diese Band von Individualisten über so viele Krisen zu retten, über so viele Jahre zusammenzuhalten. Wenn man eine Krise überstanden hat, mutmaßte Charlie, sei das Verhältnis umso enger, man komme an den Punkt, an dem das Zusammengehörigkeitsgefühl wichtiger wird als der jeweilige Anlass für ein Zerwürfnis. Keith erklärte das Phänomen nach Piratenart. „Es waren wir gegen den Rest“, analysierte er, „letztlich ging es immer um die Musik, unverwechselbare Stones-Musik, und darum, sich als Band durchzusetzen gegen ständigen Anpassungsdruck. Aufrecht zu bleiben, you know.“

Dem Verdacht, Leisetreter zu sein oder sonst wie anpässlerisch veranlagt, waren die Rolling Stones tatsächlich nie ausgesetzt. Schon ihr erster Auftritt als Juroren in der TV-Show „Juke Box Jury“ sorgte für einen Skandal. Die vorgestellten neuen Singles fanden wenig Gnade vor den Ohren dieser fünf Londoner Renegaten mit dem „look of cavemen with a Mod attitude“, so angewidert der „Telegraph“. Für gewöhnlich übertrafen die Mitglieder der Jury einander in der Disziplin Schleimerei, nahezu allen Anwärtern wurden Hitqualitäten bescheinigt, doch die Stones nahmen die Aufforderung des Produzenten, sich „completely honest and frank“ zu äußern, wörtlich. Mick tat das eloquent, Charlie knapper, doch nicht weniger klar, und auch Bill, Keith und Brian hielten mit Kritik nicht hinterm Berg. „A disgrace!“, schimpfte der „NME“. Viele Leser widersprachen, einer schrieb: „The Stones spoke their minds. When The Beatles appeared on the same programme they voted everything a hit so as not to spoil their public image. The Stones know their following is much more stable and cannot be altered by a few true words. Well done, Stones!“

Seit einem Jahr war Charlie Watts da bereits Mitglied der aufsehenerregenden Blues-Combo. Eine zweijährige Laufzeit hatte er für diese Mitgliedschaft insgeheim für möglich erachtet, als er im Januar ’63 den Job des Rhythmuswächters für die Stones nach einigem Zögern übernahm.

Fluktuierende Line-ups war er als Jazzmusiker gewohnt, einige ehrenwerte Ensembles hatte er bereits durchlaufen, sich von Alexis Korner für Blues Incorporated einspannen lassen. Doch diese Rolling Stones waren anders, jünger, leidenschaftlicher, ungeschliffener, kurzum vielversprechender. Charlie war beeindruckt. „Ihr seid gut, habe ich ihnen gesagt, aber ihr braucht einen besseren Drummer.“

Das wussten sie selbst, das Problem war das liebe Geld. Watts hatte sein Interesse signalisiert, verlangte aber ein garantiertes Salär von fünf Pfund die Woche. Nicht weil er das Geld dringend gebraucht hätte, der 21-Jährige hatte als gelernter Grafiker sein Auskommen, verdiente sich bei Jazz-Engagements ein ordentliches Zubrot und hatte kaum Unkosten, solange er noch bei seiner Mutter in Holborn wohnte. Nein, die fünf Pfund mehr oder weniger machten für Charles Robert Watts keinen nennenswerten Unterschied, ihm ging es um Respekt, um einen Beweis dafür, dass ihn diese rotznäsigen Youngsters wirklich wollten.

Brian war sich da nicht so sicher, fünf Pfund für den Schlagzeuger bedeuteten weniger für ihn. Keith hingegen war bereit, solche Opfer zu bringen. „We wanted Charlie badly“, so der Gitarrist, „also schnürten wir den Gürtel noch enger, bestückten unseren klapprigen Kühlschrank in Chelsea eine Zeit lang nur noch mit geklauten Lebensmitteln und riefen uns ständig bei unserem Wunschdrummer in Erinnerung. Still, he was playing hard to get.“

Charlie war hin- und hergerissen, Freunde wie der spätere Kinks-Kopf Ray Davies und Gin ger Baker, viel später Drummer für Cream, berieten ihn in die eine und die andere Richtung, überdies meldete sich sein musikalisches Gewissen. Jazz war das definitiv nicht, was die Stones veranstalteten, und für Blues und Rock’n’Roll hatte Watts nicht viel übrig. „Nur ein paar Monate davor hätte ich über ihr Angebot nicht einmal nachgedacht“, räumte er ein, „meine Musik war Modern Jazz, ich liebte Charlie Parker, aber mir war klar, dass Rhythm & Blues groß im Kommen war, und ich wollte nicht abgehängt werden.“ Ein klassischer Fall von halb zogen sie ihn, halb sank er hin.

Charlies Klasse als Drummer war nicht umstritten, auch die Platzhirsche in den Clubs von Soho, die Bandleader und andere Meinungsführer der Szene sangen unisono sein Lob. Gelernt hatte er seine Skills an den Skins, indem er zu geliebten Platten aus grauer Vorzeit einfach mitspielte, bemüht, mit seinen amerikanischen Vorbildern Schritt zu halten. Viele dieser Vorbilder, wie Dave Tough oder Chick Webb, lebten freilich längst nicht mehr, und aktuellen Anschauungsunterricht für R&B gab es nirgends. Doch es half nichts, Charlie Watts musste dazulernen, sich mit den rhythmischen Erfordernissen des Stones-Repertoires vertraut machen.

Blues war kein Stolperstein bei der Weiterbildung, Charlie hatte ja schon mit Cyril Davies und Blues Incorporated gespielt. Wochenlang übte er nun entlang geschätzter Chess-Platten, Little Walter, Howlin’ Wolf. Es sei eine horizonterweiternde Zeit gewesen, diese ersten Monate bei den Stones. Chess-Drummer Fred Below imponierte dem jungen Watts über die Maßen, anderes wollte erarbeitet werden. „Brian und Keith brachten mir Jimmy Reed und Elmore James bei“, so der Rhythmusgelehrte, mit Elvis andererseits habe er sich nicht sofort anfreunden können, mit dessen Drummer schon. „I learned to enjoy Elvis Presley through D. J. Fontana, who I think is a wonderful player. Before that, there was only one record I liked by Elvis.“

Es war bei einem Gig im Crawdaddy, einem hoch im Kurs stehenden Venue in Richmond, so Watts im Rückblick, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass sein Leben dabei war, sich radikal zu verändern. „Der Schuppen war gerammelt voll, es lag eine beinahe greifbare Spannung in der Luft, der Veranstalter teilte uns aufgeregt mit, er hätte seinen Laden leicht zehnmal ausverkaufen können, ach was, öfter. „The Stones had such a mad following, and it got bigger every week“, so Watts, „es war ein bisschen beängstigend.“

Mit ihrem neuen drummer starteten die Stones durch. Oder, wie es sich aus Keiths Perspektive darstellte: „When we got Charlie, that really made it for us.“ Charlie selbst hatte Mühe, der durchstartenden, von sich selbst überwältigten und vom elektrisierten Publikum frenetisch gefeierten Band auf der Bühne zu folgen, nicht technisch, eher in Bezug aufs schiere Tempo und die Fiebrigkeit der Performance. „It was in tense“, erzählte er, „es war atemlos, und es war wahnsinnig laut, weit entfernt von meinen bisherigen Erfahrungen. Jazz atmet, Rock’n’Roll holt fast nie Luft, it’s always totally on top.“ Aus diesem Antagonismus habe sich sein Stil entwickelt, ungeplant, nicht im Kopf. Die Bassdrum kickt den Beat vorwärts, die Snare folgt den Bruchteil einer Sekunde später, verschleppt den Groove, es swingt. Unwiderstehlich. Sein habituelles Auslassen der Snare, wenn die Hi‐Hat dran war, fand der Drummer ärgerlich, er konnte die Angewohnheit aber nicht abstellen. „Blöd eigentlich“, befand Charlie Watts und wunderte sich zeitlebens über die zahlreichen Nachahmer und deren Scheitern.

Ein Showman war Charlie nie, sein Drumkit war überschaubar, beschränkt aufs Wesentliche. „Das Wichtigste ist ohnehin der Roll“, kommentierte der junge Keith Richards. „Die meisten Drummer kriegen den Rock hin, doch es rollt nicht. Mit Charlie und Bill am Bass haben wir eine unglaublich potente Rhythm-Section, die ihresgleichen nicht hat.“ Im Frühjahr 1964 erschien das erste Stones-Album. Monatelang führte „The Rolling Stones“ die LP-Charts an. Die vierte Single avancierte zum ersten Number-One-Hit der Band und hieß „It’s All Over Now“. Davon unbeeindruckt ehelichte Charlie Watts seine Jugendliebe Shirley. Im Geheimen, denn Stones-Manager Andrew Loog Oldham hielt es für keine gute Idee, die Heirat publik zu machen, mit Rücksicht auf weibliche Fans. Die Dienste von Groupies in Anspruch zu nehmen war okay, Bill Wyman tat das gewohnheitsmäßig, penibel protokolliert. Imageschädigend hingegen war Charlie als Gemahl und sein völliges Desinteresse an Gelegenheitssex. 57 Jahre danach wurde in fast allen Nachrufen, die in der Weltpresse zu lesen sind, die Haltbarkeit dieser Ehe gewürdigt, als unabweisbarer Beleg für Charlies Charakter und seine treue Seele. Till death us do part.

Der 24. August war aufs Erschreckendste ereignisreich. Taliban-Terror, Massenflucht aus Kabul, panische Angst und Verzweiflung. Und die Delta-Variante im Aufschwung. Doch als im UK am nächsten Morgen die Zeitungen erschienen, wurden all diese deprimierenden Nachrichten überlagert von einer anderen Tragödie. Die Titelseiten würdigten einen Musiker, trauerten um einen Drummer, mit Konterfei, in großen Lettern. We will miss you, Charlie! So und ähnlich lauteten die Headlines, flankiert von Nachrufen, die weit mehr als nur Respekt zollten. Die Stelle des „coolest man alive“ sei nun vakant, war zu lesen, doch ein Nachfolger sei leider nicht in Sicht.

Bedauerlicherweise verzichtete kaum ein Nachruf darauf, an die oft kolportierte Geschichte mit dem Knockout-Punch gegen Mick 1984 in Amsterdam zu erinnern, einen Vorfall, den Charlie Watts liebend gern ungeschehen gemacht hätte, schon weil er in eine Zeit fiel, als es ihm sehr schlecht ging. „Ich war nicht bei mir, nicht klar im Kopf, wahrscheinlich betrunken.“ Keith habe es an die große Glocke gehängt, und nun werde die unselige Episode immer wieder aufgewärmt. Das sei wohl nicht zu ändern, habe seiner Freundschaft mit Mick zum Glück aber keinen Abbruch getan.

„Wenn wir gut sind, ist niemand besser.“ Ein Zitat von Charlie Watts über die Stones, das seinem Ruf, ein Muster an Bescheidenheit gewesen zu sein, nur scheinbar widerspricht. Vielmehr handelt es sich eindeutig um pures Understatement. So als würde ich konstatieren: Der Anteil der Rolling Stones an meiner musikalischen Satisfaktionsbilanz in den letzten 58 Jahren ist immens. Oder: Die Rolle des Drummers dabei war essenziell. Oder: Meine Dankbarkeit kennt keine Grenzen.