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” DER MENSCH BESCHÜTZT, was er liebt “


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.07.2021

TIERKINDER HAUTNAH

Artikelbild für den Artikel "” DER MENSCH BESCHÜTZT, was er liebt “" aus der Ausgabe 4/2021 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 4/2021

NÄHE Junge Eisbären sind in den ersten drei Lebensjahren völlig abhängig von ihrer alleinerziehenden Mutter und weichen ihr nach Möglichkeit nicht von der Seite

Die Berufsbezeichnung von Suzi Eszterhas hat etwas Glamouröses: Die Amerikanerin hat sich einen Namen als „Wildlife Photographer“ gemacht. Naturfotografin, das klingt nach Abenteuer, exotischen Orten, aufregenden Begegnungen mit wilden Tieren, nach Ruhm und Geld. Mit der Realität habe diese Vorstellung wenig zu tun, sagt die Anfang 40-Jährige im HÖRZU WISSEN-Interview. „Ich lebe oft monatelang im Zelt, ohne fließend Wasser, dafür mit Dreck, Schweiß und Insekten, die Eier unter deiner Haut ablegen.“

Auch reich werde man nicht. Eszterhas spricht offen über finanzielle Probleme, mit denen viele in der Branche kämpfen: „Um meine erste Kameraausrüstung und die ersten Reisen zu bezahlen, habe ich meine Kreditkarten mit 50.000 Dollar belastet. Keine Bank hätte mir Geld gegeben. Ich brauchte zwölf Jahre, um diese Schulden abzubezahlen. Das geschafft zu haben empfand ich als einen der ...

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... größten Erfolge meiner Karriere.“

Dennoch hat Suzi Eszterhas ihre Berufswahl keinen Tag bereut. Schon seit ihrer frühesten Kindheit hätten Tiere sie begeistert, erzählt sie. „Ich war von der Natur geradezu besessen. Als etwa Sechsjährige habe ich von meinen Eltern eine Kompaktkamera bekommen und angefangen, im Garten Vögel oder Eichhörnchen zu fotografieren.“ Besonders deren Junge hatten es ihr angetan – „und heute bin ich die wohl einzige auf Tierbabys spezialisierte Naturfotografin“, sagt Eszterhas und lacht. Es sei deren Verletzlichkeit und Unschuld, die sie so anzögen. „Beides sind Eigenschaften, für die in unserer modernen Gesellschaft kaum noch Platz ist.“ Das anrührende Bild eines Jungtiers aber, davon ist die Fotografin überzeugt, kann selbst hartherzige Menschen erweichen und für die Natur und deren Schutz gewinnen.

WACHSAME MÜTTER

Tierfotografie ist kein einfaches Metier. Um eine gute Aufnahme zu bekommen, müssen Vorbereitung und Timing perfekt sein, zudem sind Geduld, Ausdauer und eine Portion Glück nötig. Tierbabys zu fotografieren ist noch einmal schwieriger, denn wer sich den Jungen nähern will, muss erst das Vertrauen der Mütter gewinnen, die alles tun, um ihren Nachwuchs zu schützen. Suzi Eszterhas erzählt, wie es ihr gelang, in der kenianischen Masai Mara an eine Familie von Schabrackenschakalen heranzukommen. „Ich wusste, dass das Weibchen einen Wurf mit sieben Welpen hat. Anders als etwa Geparden, die ja ständig Safari- Fahrzeuge sehen, sind Schakale extrem scheu und haben kaum Kontakt zu Menschen.“ Also parkte sie ihren Jeep am ersten Tag in großem Abstand und blieb von Sonnenaufgang bis -untergang in dem aufgeheizten Wagen sitzen, um die Tiere an ihre Gegenwart zu gewöhnen. Weil die schon das Öffnen und Schließen der Tür hätte irritieren können, waren nicht einmal Pinkelpausen möglich, für solche Situationen hat Eszterhas immer eine leere Wasserflasche dabei.

Jeden Morgen fuhr sie ein Stück näher an die Wurfhöhle heran, verhängte das Fenster hinter sich, weil ihre Silhouette die Mutter zu beunruhigen schien, und betätigte den Auslöser der Kamera. Nicht um zu fotografieren, sondern um die Schakale mit dem Geräusch und ihren Bewegungen vertraut zu machen. „Im Grunde geht es darum, dem Tier zu vermitteln: Ich bin hier. Und ich werde dir nichts tun.“ An Tag 17 dann der Durchbruch: Die Mutter säugte ihre Jungen direkt vor den Augen der Fotografin.

BUCHTIPP

Suzi Eszterhas: „New on Earth“, Earth Aware Editions, 352 S., 26 Euro

Einige der Schakal-Aufnahmen, die im Laufe von insgesamt fünf Monaten entstanden, sind in ihrem neuen Bildband „New on Earth. Baby Animals in the Wild“ (siehe Tipp) zu sehen. Das Buch versammelt ihre besten Arbeiten aus 15 Jahren. Dazu gehören spektakuläre Bilder, etwa von arktischen Eisbären, indischen Tigern oder seltenen Berggorillas, aber auch von sonst oft übersehenen, weit verbreiteten Arten wie Stockenten oder Waschbären. Was alle gemein haben: Obwohl die Tierkinder unglaublich niedlich sind, wirken die Fotos nie kitschig oder süß, es sind vielmehr intime, respektvolle Porträts.

SKEPTISCHE MÄNNER

Dieser weibliche, empathische Blick ist etwas Besonderes in der Naturfotografie, denn noch immer geben hier Männer den Ton an. Eszterhas spricht von einem „Old Boys’ Club“. Am Anfang ihrer Laufbahn bekam sie oft zu hören, dass sie es nicht schaffen werde, die anstrengenden Reisen, das schwere Equipment, als einzige Frau unterwegs. Und irgendwann kämen die Kinder und sie werde zu Hause bleiben. Eszterhas erinnert sich an eine Konferenz, bei der sie an einem Kaffeestand wartete. Vor ihr „einer der ganz großen Namen in der Branche“. Als der sich umdrehte und sagte: „Hey, Suzi, die Schlange für kleine Mädchen ist da drüben“, stimmten die umstehenden Kollegen in sein Lachen ein. „Solche Dinge haben mich manchmal verletzt“, gibt sie zu. „Aber ich wurde schon in der Schule ausgegrenzt, weil ich anders war, extrem schüchtern und auf Tiere fixiert. Heute denke ich, es war in gewisser Weise ein Training für mein späteres Berufsleben.“

Um Mädchen den Einstieg in die Naturfotografie zu erleichtern, gründete sie 2017 die Non-Profit-Organisation „Girls Who Click“ und gibt dort Workshops. Mittlerweile kommt Suzi Eszterhas auch finanziell klar, sie hat bisher 21 Bücher veröffentlicht, die Erlöse gehen zum Teil an von ihr unterstützte Naturschutzorganisationen, sie verkauft ihre Bilder an Magazine oder als Prints und bietet Fototouren an, etwa in die Antarktis oder nach Indien (Infos: suzieszterhas.com). Und auch ihre Kollegen erkennen ihre Arbeit an: 2021 wurde sie von der Vereinigung nordamerikanischer Naturfotografen zum „Outstanding Photographer of the Year“ ernannt – als zweite Frau in 24 Jahren und auf jener Veranstaltung, auf der sie einst in der Kaffeeschlange ausgelacht worden war.

SUSANNE KOHL