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DER MUTMACHER


combo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 14.06.2019

Konzerte mit Konstantin Wecker sind immer so speziell und besonders, wie es auch Gespräche mit dem bayerischen Liedermacher sind, der Anfang Juni 72 Jahre alt wird. In ihm brennt das Feuer für die Musik, er ist ein wacher Geist für all das geblieben, was rund um uns in dieser Welt passiert, und hat nebenbei das Fühlen nie verlernt. Ein Gespräch über die Musik in all ihren für Wecker prägenden Formen, Nationalismus, das Mut machen und das Älterwerden.


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Bildquelle: combo, Ausgabe 2/2019


Bei mir ging es mit Janis Joplin los. Sie war für mich ein Jahrhundertereignis. Da habe ich plötzlich bemerkt, es gibt eine Musik, die öffnet Hosenknöpfe ...

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... und macht noch ganz etwas anderes mit einem als die klassische Musik.


combo: Du bist heuer bei der Konzertreihe „Klassik am Dom“ wieder auf dem Domplatz in Linz zu erleben. Haben besondere Orte, an denen du Konzerte gespielt hast, einen besonderen Flair für dich, oder anders gefragt: Spürt man als Künstler das Spezielle eines Ortes wie es der Domplatz in Linz ist?
Konstantin Wecker: Durchaus. Es gibt ein paar Orte, wo man schon fast eine Gänsehaut bekommt, wenn man hinkommt, was natürlich in Verbindung mit dem steht, was man dort schon erlebt hat. Da gehört zweifellos der Domplatz in Linz dazu. Vor allem gibt es hier dieses schöne Gefühl, dass man vom Hotel aus noch vor dem Konzert auf sein Publikum schauen kann. Das hat man ganz selten. Ich bin oft auf dem Domplatz gewesen ohne zu konzertieren, mich erinnernd an diesen Auftrittsort. Wenn das Wetter stimmt, dann hat dieser Ort etwas ganz Besonderes.

combo: Du bist heuer bei der Konzertreihe „Klassik am Dom“ wieder auf dem Domplatz in Linz zu erleben. Haben besondere Orte, an denen du Konzerte gespielt hast, einen besonderen Flair für dich, oder anders gefragt: Spürt man als Künstler das Spezielle eines Ortes wie es der Domplatz in Linz ist?
Konstantin Wecker: Durchaus. Es gibt ein paar Orte, wo man schon fast eine Gänsehaut bekommt, wenn man hinkommt, was natürlich in Verbindung mit dem steht, was man dort schon erlebt hat. Da gehört zweifellos der Domplatz in Linz dazu. Vor allem gibt es hier dieses schöne Gefühl, dass man vom Hotel aus noch vor dem Konzert auf sein Publikum schauen kann. Das hat man ganz selten. Ich bin oft auf dem Domplatz gewesen ohne zu konzertieren, mich erinnernd an diesen Auftrittsort. Wenn das Wetter stimmt, dann hat dieser Ort etwas ganz Besonderes.

combo: Wann und wie kam dann andere Musik an deine Ohren?
Konstantin Wecker: Als die Beatles aufkamen, war ich noch im Gymnasium. Beim Hören von „Yeah, Yeah, Yeah“ habe ich mir gedacht: Ja mei, lasst’s mich in Ruhe damit und lasst mich mein Beethoven-Violinkonzert hören. Das hat mich überhaupt nicht erregt. Bei mir ging es mit Janis Joplin los. Sie war für mich ein Jahrhundertereignis. Da habe ich plötzlich bemerkt, es gibt eine Musik, die öffnet Hosenknöpfe und macht noch ganz etwas anderes mit einem als die klassische Musik. Diese Leidenschaft von Janis Joplin hat mich erreicht. Maria Callas war auch eine leidenschaftliche Sängerin und ich möchte da auch keine Wertungen anstellen. Nur bei Janis Joplin habe ich gemerkt, dass es in der Musik noch ganz etwas anderes gibt. Der Soul und der Rhythm & Blues haben mich gepackt wie die Popmusik. Sehr viel später in meinem Leben erst habe ich die Beatles zu schätzen gelernt.

combo: Wenn man diese Magie von Musik erlebt hat und heute sieht, wie der musikalische Wert von Radio verschwunden ist und wunderschöne Musik nebenbei zur Fahrstuhl-Untermalung herangezogen wird, frage ich mich, wie es dir damit geht, wenn du diese Entwicklung der populären Musik betrachtest?
Konstantin Wecker: Ich sehe das natürlich auch an meinen Kindern. Mein größerer Sohn hat sich eine ganz eigene Indie-Ecke ausgesucht, der Kleine, der auch schon 19 Jahre alt ist, der hört von Puccini bis Techno alles. Das ist spannend. Er ist wahnsinnig offen und richtig aufgeschlossen gegenüber allen Formen von Musik. Er hört sich auch Sachen an, die ich mir nur kurz, nie aber zwei Stunden lang anhören könnte, weil ich dafür einfach zu alt bin. Er hat mir einige Rapper nahegebracht und mir auch erzählt, dass es nicht auf den Reim, sondern auf die Assonanz (Anm.: der sich auf Vokale beschränkende Gleichklang zwischen zwei oder mehreren Wörtern) ankommt. Es ist eine andere Form von Literatur. Sehr spannend. Sehr interessant. Aber ich habe natürlich damals ganz anders Musik wie ein Konzert damals die Menschen aufgewühlt hat. Das musste man wohl über Tage, vielleicht sogar Wochen verarbeiten. Wenn man das erste Mal in seinem Leben Beethoven gehört hat, dann war das wohl unglaublich für die Menschen.gehört als die heutige Jugend, die dauernd hört. Wir haben gezielt Musik gehört. Ich werde nie vergessen, dass es einen Briefwechsel von Mendelssohn mit jemandem gibt, der schreibt, in seinem Ort, wo er gerade war, ist innerhalb von einem Monat schon das zweite Konzert gewesen. Wie kann das ein Mensch überhaupt geistig verkraften und verarbeiten? Das muss man sich einmal vorstellen. Nun meinte Mendelssohn damit wohl den Umstand,

combo: Dieser Umstand gilt auch für deine Musik und deine Konzerte. Jedes Konzert von dir ist ein Ereignis, und du forderst im besten Sinne des Wortes die Zuhörer musikalisch und mit den Dingen, die du sagst und ansprichst, sodass es auch Tage braucht, um das alles zu verarbeiten. Da gibt es ja dann doch eine Nähe zu Mendelssohns Empfinden, oder?
Konstantin Wecker: Das seelische Mut machen, das man immer wieder durch die Worte und durch die Poesie braucht, zieht sicherlich auch eine Zeit der Verarbeitung nach sich. Da fällt mir jetzt eine lustige Geschichte ein, die auch zeigt, wie unterschiedlich die Welt ist. Mir hat ein junger Mann so um die 20, der gerne meine Lieder hört, geschrieben, dass er seinen Studienkollegen meine Musik näherbringen wollte und sie ihnen vorgespielt hat. Wobei einer die Frage stellte: Ist das Musik? Ich finde das so cool. Wenn du Musik gewöhnt bist, wie Techno oder elektronische Sounds mit viel Schlagzeug und Rhythmus, und nie etwas anderes gehört hast, dann kommst du wohl zu diesem Schluss. Das war sicher nicht böse gemeint.

combo: Dieser Umstand gilt auch für deine Musik und deine Konzerte. Jedes Konzert von dir ist ein Ereignis, und du forderst im besten Sinne des Wortes die Zuhörer musikalisch und mit den Dingen, die du sagst und ansprichst, sodass es auch Tage braucht, um das alles zu verarbeiten. Da gibt es ja dann doch eine Nähe zu Mendelssohns Empfinden, oder?
Konstantin Wecker: Das seelische Mut machen, das man immer wieder durch die Worte und durch die Poesie braucht, zieht sicherlich auch eine Zeit der Verarbeitung nach sich. Da fällt mir jetzt eine lustige Geschichte ein, die auch zeigt, wie unterschiedlich die Welt ist. Mir hat ein junger Mann so um die 20, der gerne meine Lieder hört, geschrieben, dass er seinen Studienkollegen meine Musik näherbringen wollte und sie ihnen vorgespielt hat. Wobei einer die Frage stellte: Ist das Musik? Ich finde das so cool. Wenn du Musik gewöhnt bist, wie Techno oder elektronische Sounds mit viel Schlagzeug und Rhythmus, und nie etwas anderes gehört hast, dann kommst du wohl zu diesem Schluss. Das war sicher nicht böse gemeint.


Der große Unterschied zwischen Dieter Bohlen, der einmal gesagt hat, dass er berühmter ist als Mozart, und Mozart ist: Der eine macht Musik, um der Musik willen. Der andere verwendet musikalische Mittel, um damit Geschäfte zu machen.


combo: Im aktuellen Programm „Weltenbrand“ tust du das, wofür du bekannt bist. Du stehst auf, deklarierst dich und machst klar, dass Krieg und nationalistische Tendenzen nie dazu angetan sind, die Welt besser zu machen. Sie machen sie gefährlicher. Bist du nicht manchmal des Mahnens im positivsten Sinne des Wortes müde, wenn du siehst, wie rundherum die Rechtspopulisten die Massen zu bewegen beginnen und man manchmal das Gefühl hat, dass die Menschen überhaupt nicht mehr hinterfragen, was da mit ihnen gemacht wird?
Konstantin Wecker: Ich möchte deinen Satz noch erweitern. Es ist entsetzlich, was im Moment mit diesen nationalistischen Tendenzen passiert. Und es macht mir eine unglaubliche Angst. Ebenso sehe ich als alter Friedensaktivist ganz bedrohliche Dinge auf uns zukommen. Natürlich in Verbindung mit diesem Wahn, wieder Grenzen zu entdecken. Wir hatten gedacht, wir hätten das überwunden, wir würden daran arbeiten, eine grenzenlose Welt zu schaffen. Was bedeuten Grenzen? Im Endeffekt bedeutet es, dass man sie wieder verteidigen muss. Wenn man sie verteidigen muss, dann muss man wieder Kriege führen. Das ist alles ein und derselbe schreckliche Vorgang. Mir macht das eine solche Angst, dass ich der Meinung bin, dass alle, die das Gefühl haben, sie haben etwas zu sagen, sich auch bekennen müssen. Das sage ich auch immer meinen Künstlerkollegen. Auch wenn ihr keine politischen Lieder schreibt, so bin ich der Meinung, muss sich jetzt ein jeder zu einer demokratischen Gesellschaft bekennen. Es ist entsetzlich, was weltweit abgeht. Wir müssen unser Maul aufmachen. Das heißt nicht, dass ein jedes Konzert auch immer diese politischen The-men haben sollte. Das wäre ermüdend. Aber ich finde, man muss sich zu etwas bekennen. Das kann auch der Schlager sein und muss nicht automatisch nur der Liedermacher sein. Es gibt in der klassischen Musik mittlerweile viele, die sich deutlich aus dem Fenster lehnen. Das bewundere ich sehr und finde es großartig. Die haben mit ihrem Publikum mehr Ärger als ich mit meinem.

Gemeinsam mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie wählt Konstantin Wecker heuer eine besondere Form, um seine Liebe zur Klassik mit seinen Liedern zu verknüpfen. Der Titel des Programms weist den Weg, kennt man doch den bekennenden Pazifi sten als aufrechten Kämpfer gegen Krieg und die drohende Faschisierung der Welt. Das Klangvolumen des Kammerorchesters wird die Musik von Wecker noch auf eine zusätzliche Ebene heben und deutlich machen, dass dieser Abend nicht im Zeichen der Angst, sondern im Zeichen von Mut und Lebensfreude steht. Denn diese will Wecker verbreiten. Und es wird ein Abend, der die Vielseitigkeit eines Künstlers zeigen wird, der im besten Sinne des Wortes einzigartig ist.


„Weltenbrand“ Am 19. Juli auf dem Domplatz in Linz


Mehr Infos auf www.klassikamdom.at

combo: Du wirst also nicht müde, aufzustehen?
Konstantin Wecker: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, ob man nicht irgendwann die Schnauze voll hat und sich sagt, dass es eh nichts bringt. Da kämpft man seit 50 Jahren für eine gerechtere Welt und es verändert sich nichts. Da hat Hannes Wader einmal etwas sehr Schönes gesagt. Er hat gesagt: Die Frage, die wir seit Jahrzehnten immer wieder hören, dass unser Kampf für eine bessere Welt nichts gebracht hat, ist unfair gestellt. Man müsse sie anders stellen. Wenn es die vielen Mosaiksteine der Engagierten, die oft gar nicht bekannt sind, nicht gegeben hätte, wie würde dann diese Welt aussehen. Natürlich hat es also etwas gebracht. Du könntest auch Sophie Scholl sagen, obwohl ich mich auf keinen Fall mit ihr vergleichen, sondern sie nur als Beispiel nehmen will… Du könntest sagen, dass Sophie Scholl nichts gebracht hat, weil Hitler trotzdem den Zweiten Weltkrieg geführt hat. Natürlich hat Sophie Scholl unglaublich viel gebracht. Eine Idee, selbst wenn sie scheitert, heißt nicht, dass sie kaputt und dass sie falsch ist. Mir und vielleicht Millionen Menschen in der ganzen Welt hat der Mut von Sophie Scholl ganz viel gebracht. Sie hat uns bestärkt, ebenfalls mutig zu sein.

combo: Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass es schwierig ist, die Menschen zu erreichen, die nicht sehen wollen, wohin der Populismus führt?
Konstantin Wecker: In ganz wenigen Fällen. Natürlich gelingt es nicht, wenn ich das auf dem Parteitag der AfD frage, dann werde ich keinen überzeugen. Ich glaube aber, dass wir, die in der Öffentlichkeit stehen, eine wichtige Funktion haben, indem wir vor einem Publikum singen, das die gleiche Sehnsucht wie wir hat. Den Gleichgesinnten kann man Mut machen. Das sind so viele. Mir hat ein Mann eine E-Mail geschrieben, die symptomatisch für so viele andere ist. Er hat mir geschrieben: „Lieber Herr Wecker, ich wollte eigentlich den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Man kann sowieso nichts mehr ändern. Jetzt war ich in Ihrem Konzert und ich verspreche Ihnen: Ich engagiere mich weiter. Sie haben mir Mut gemacht.“ Das ist doch wunderbar. Da weiß man, dass Kunst etwas bewirken kann


Da hat Hannes Wader einmal etwas sehr Schönes gesagt. Er hat gesagt: Die Frage, die wir seit Jahrzehnten immer wieder hören, dass unser Kampf für eine bessere Welt nichts gebracht hat, ist unfair gestellt. Man müsse sie anders stellen. Wenn es die vielen Mosaiksteine der Engagierten, die oft gar nicht bekannt sind, nicht gegeben hätte, wie würde dann diese Welt aussehen.


combo: Themenwechsel — wie sieht ein Mann wie du das Leben mit dem Alter, das früher als Bedrohung und heute als Segen betrachtet wird. Kannst du damit mit fast 72 Jahren umgehen?
Konstantin Wecker: Ich hatte das Glück, dass ich ein paar sehr verehrte ältere Kollegen und Freunde hatte, wie zum Beispiel den 90-jährigen Psychologen Arno Gruen, den wunderbaren Dieter Hildebrandt, der zwanzig Jahre älter war als ich, und auch den zehn Jahre älteren Werner Schneyder. Da habe ich sehr viel erlebt. Eines habe ich bei allen gesehen. Sie sind nicht altersmilde geworden. Das muss man auch nicht werden, meine ich. Arno Gruen hat kurz vor seinem Tod ein Büchlein mit dem Titel „Wider den Gehorsam“ herausgebracht, das unglaublich zu empfehlen ist. Dieter Hildebrandt war in seinem letzten Programm, das ich gesehen habe, zorniger als je zuvor. Aber ich glaube, der Vorteil des Alters ist – neben den vielen Nachteilen, die wir jetzt nicht aufzuzählen brauchen, wie etwa, dass das Schuhe anziehen einfach schwerer wird (lacht), auch wenn man es nicht wahrhaben will, ist es so – dass man die Chance hat, von einem ausschließlich dualen Denken abzugehen und immer wieder ein non-duales Denken zu erreichen. Non-dual heißt, dass ich nicht immer alles nur als gut und böse, Feind und nicht Feind sehe, sondern dass ich alles auch von einer anderen Warte betrachten kann. Das ist gerade für Künstler unheimlich notwendig. Und auch für das eigene Leben ist es notwendig. Ich wehre mich nach wie vor gegen Ungerechtigkeiten, aber ich bin heute anders, als ich es vor 20 Jahren gewesen wäre. Ich kann den, der mir etwas antut oder der überhaupt der Welt etwas tut, mit einem größeren Mitgefühl betrachten, weil ich mir sage: Was muss jemandem passiert sein, dass er ein so entsetzliches Wesen wird? Was hatte ich für ein großes Glück mit meinen antifaschistischen Eltern, mit einer liebevollen Mutter. Ich bin nicht vergewaltigt worden, bin nicht kriegstraumatisiert. Ich durfte 70 Jahre in Frieden leben, auch wenn ich weiß, dass wir den Unfrieden in die Welt hinausgetragen haben, und dagegen kämpfe ich auch weiter an. Ich denke mir manchmal: Wir sollten nicht die Menschen verurteilen, wir sollten die Taten verurteilen. Gegen diese Taten werden wir uns weiterhin wehren und da bin ich kein bisschen milder geworden. Aber ich kann viel besser akzeptieren, dass jemand, der etwas schreckliches tut, mir fast mehr leidtut.

combo: Kehren wir noch einmal zu deiner künstlerischen Arbeit zurück. Wie leicht oder wie schwer fällt es dir, neue Texte zu schreiben? Nachdem du so viel schon geschrieben hast, könntest du dich ja permanent selbst zitieren.
Konstantin Wecker: Das tue ich auch (lacht). Musikalisch habe ich das bemerkt, als ich vor einem halben Jahr „Das Leben will lebendig sein“ geschrieben habe, nach den Ereignissen in Chemnitz, als die Nazis so gewütet haben. Ich schreibe immer erst den Text und vertone ihn danach. Da habe ich mir dann gedacht: Moment, das gibt es in dem Lied von mir schon, das gibt es in dem Lied. Es war schwer. Ich musste mich auf ein völlig neues harmonisches Abenteuer einlassen, damit ich wenigstens irgendetwas anderes mache. Ich hoffe aber nach wie vor, und ich hoffe weiter, dass ich schöne Einfälle haben werde. Ich muss immer warten. Ich könnte Prosa schreiben oder einen Essay, wenn ich mich hinsetze, dann geht das. Aber bei Gedichten muss ich immer warten, bis sie in mir fertiggeschrieben sind.


Was hatte ich für ein großes Glück mit meinen antifaschistischen Eltern, mit einer liebevollen Mutter. Ich bin nicht vergewaltigt worden, bin nicht kriegstraumatisiert. Ich durfte 70 Jahre in Frieden leben.


combo: Da hat sich in all den Jahren nichts verändert?
Konstantin Wecker: Das hat sich nicht verändert. Was ich dir noch sagen wollte zur Musik: Du kannst dir vorstellen, dass das ein ziemlich tolles Unterfangen ist, das wir da im Juli auch in Linz präsentieren werden – mit einem Kammerorchester unterwegs zu sein, das ist ein kostspieliges Unternehmen. Aber ich wollte mir das jetzt einmal ganz persönlich gönnen. Einer der ersten Sätze von mir wird bei diesem Konzert wohl auch sein, dass ich mich freue, dass mich die Menschen bei meinem Privatvergnügen besuchen, wenn ich mit einem Orchester spielen und unterwegs sein kann.

combo: Das ist schön, wenn du das so siehst, dass du dir das gönnen kannst. Das zeugt auch von einer gewissen Demut.
Konstantin Wecker: Unbedingt. Das ist übrigens das Zweite, was am Alter gut ist. Die Demut ist nicht nur ein Wort, sondern sie füllt sich auch mit Leben an. Noch etwas: Wenn ich früher als 19-Jähriger geschrieben habe: „Laung mi ned o, du depperter Tod.“ – das sehe ich heute mit 71 etwas anders.

combo: Aber es ist dir immer noch recht, wenn er dich nicht anlangt, der Tod?
Konstantin Wecker: Ja, das ist mir immer noch recht, aber ich würde nicht mehr aggressiv dagegen ansingen.