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DER MYSTERIÖSE DINGO


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Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 16.10.2021

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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 11/2021

Pat Shipman ist emeritierte Professorin für Anthropologie an der Pennsylvania State University in University Park (USA).

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Dingos sind tief in der Kultur Australiens verwurzelt. In traditionellen Erzählungen der Aborigines über die so genannte Traumzeit, die von der Erschaffung der Welt und der Gesellschaft handeln, werden die Tiere oft mit Menschen gleichgesetzt, die übernatürliche Kräfte besitzen und wichtige moralische Prinzipien verkörpern. Ungeachtet ihrer kulturellen Bedeutung blieb der evolutionäre Ursprung der Dingos bis heute ein Mysterium.

Etliche Traumzeit-Geschichten sind mit spezifischen Landschaftselementen verknüpft. Eine handelt von einem alten Mann namens Ilbad, der mit seinen beiden Kindern, dem Jungen Aidjumala und dem Mädchen Maidjuminmag, im australischen Busch kampiert. Nachdem sie einen Waran gefangen und verspeist haben, legen sie sich schlafen. Doch ...

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... die Kinder sind noch hungrig und kauen auf den Knochen herum, so dass sie durch das Knirschen ihren Vater wecken. Dieser wirft schimpfend einen Stock nach ihnen. Dabei trifft er Maidjuminmags Arm und bricht ihn ihr; das Mädchen weint. Ilbad schleudert nun einen Knüppel zu Aidjumala; der Junge jault auf wie ein Hund. Die beiden Kinder laufen weg; der alte Mann kann sie nicht mehr einholen, um ihnen zu sagen, wie leid es ihm tut.

Die Kinder verwandeln sich daraufhin in Hunde (oder Dingos, wie es wohl in der ursprünglichen Fassung hieß). Unter einem großen Banyanbaum rasten sie eine Weile, graben ein tiefes Wasserloch und wälzen sich darin. Sie verlassen den Ort und beschließen, dass das Wasserloch fortan als Quelle für Menschen, auch für ihren Vater, dienen soll.

Die Geschichte von Aidjumala und Maidjuminmag gehört zu einem Mythos, der von weiteren Abenteuern des Paares handelt. Die beiden werden zu mächtigen Gottheiten, welche die Landschaft gestalten, für lebenswichtige Wasserstellen sorgen und ihren Zorn über ihre Misshandlung mit Freundlichkeit bändigen. Auf ihren Wanderungen erschaffen sie menschliche Geschöpfe, die sie aufziehen und an verschiedenen Orten aussetzen. Sie bringen auch Welpen zur Welt, die sich an Billabongs genannten Gewässern in markante Felsen verwandeln.

Der gesamte Mythos wird vom Dualismus beherrscht: Aidjumala und Maidjuminmag erscheinen als Menschen, aber gleichzeitig als Dingos. Sie sind wütend auf ihren Vater, doch sie verzeihen ihm und lassen Wasser für ihn zurück. An der Grenze zwischen wild und domestiziert faszinieren Dingos uns noch heute; sie wirken einerseits vertraut und andererseits zutiefst geheimnisvoll.

Dingos entwickelten sich vermutlich aus Haushunden oder deren Vorläufern, die von anderswo nach Australien gebracht wurden. Wenn sich Menschen nicht mehr um deren Aufzucht und Überleben kümmern, überrascht es nicht, dass Tiere verwildern. Schließlich wird »Domestizierung« als die genetische Veränderung einer Art auf Grund von Zucht und Selektion bestimmter Merkmale durch den Menschen definiert. Ohne unser Zutun muss daher jedes Haustier »wilder« werden. Doch im Gegensatz zu verwilderten Haushunden oder den ebenfalls in Australien vorkommenden Dingo-Hund-Mischlingen können Dingos ohne den Menschen problemlos überleben.

AUF EINEN BLICK

AUSTRALIER MIT DUNKLER VERGANGENHEIT

1 Die australischen Dingos ähneln äußerlich sowie in ihrem Verhalten Hunden und Wölfen. Unklar ist, ob sie direkt von Wildtieren oder von domestizierten Hunden abstammen.

2 Früheste Dingofossilien sind keine 4000 Jahre alt und stammen demnach aus einer Zeit, als die nach Australien führenden Landbrücken längst überflutet waren. Also müssen die Tiere den Kontinent per Boot erreicht haben.

3 Laut Erbgutanalysen stehen Dingos zwischen Wölfen und wolfsähnlichen Hunderassen. Zoologen streiten jedoch darüber, ob die Tiere eine eigene Spezies darstellen.

Für Hunde wie für Dingos sollten die Regeln der biologischen Nomenklatur gelten. Manche Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass Haustiere den lateinischen Namen ihrer wilden Vorfahren (falls bekannt) sowie eine Bezeichnung der Unterart tragen sollten. Nach seinem Stammvater, dem Wolf (Canis lupus), heißt der Haushund demzufolge Canis lupus familiaris (von lateinisch canis = Hund; lupus = Wolf; familiaris = vertraut). Mitunter firmiert er als eigene Art unter dem Namen Canis familiaris.

Falls nun jene Vertreter der Familie der Canidae, die als Erste den australischen Kontinent erreichten, niemals zuvor gezähmt worden waren, wurden sie auch nicht während ihres Zusammenlebens mit den australischen Ureinwohnern domestiziert. Denn die Aborigines haben in den Jahrtausenden, in denen die Dingos von anderen Caniden isoliert waren, deren Fortpflanzung nicht beeinflusst.

Einige der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen über Dingos stammen von den ersten Europäern, die nach Australien kamen. Mindestens seit 1623 sind die Raubtiere in der westlichen Welt bekannt; damals erreichte der holländische Seefahrer Jan Carstenszoon mit seinem Schiff »Pera« Nordaustralien und stieß dort auf Aborigines. Die Menschen wurden von Wesen begleitet, die Carstenszoon für Hunde hielt.

1699 landete der englische Entdecker William Dampier (1651–1715) an der australischen Westküste und notierte: »Meine Männer sahen zwei oder drei Kreaturen, die wie hungrige Wölfe aussahen, hager wie so viele Skelette, nichts als Haut und Knochen.« Auch die heutigen Dingos fallen durch ihren schmalen Rumpf auf – ihr Schädel bildet meist den breitesten Teil ihres Körpers –, und die in traditionellen Siedlungen der Aborigines lebenden Tiere erscheinen häufig recht mager. Dingos begnügen sich mit Essensresten, sie durchwühlen Abfälle nach Fressbarem oder jagen nach Beute. Zweifellos denken die meisten Menschen außerhalb Australiens, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Dingo sehen, genauso wie ich: Das ist ein Hund. Aber stimmt das?

Dingos kamen wie die Menschen als Eindringlinge

Als die Vorfahren der Dingos laut Fossilfunden vor vielleicht 4000 Jahren den australischen Kontinent erreichten, zählten Menschen, Fledermäuse (die wahrscheinlich dorthin geflogen waren) sowie von Schiffen geflüchtete Ratten zu den einzigen höheren Säugetieren (Placentalia) des Erdteils. Alle heimischen australischen Säugetiere waren Beuteltiere. Dingos kamen als Eindringlinge – wie die Menschen.

Sämtliche dort lebenden Plazentatiere – also Menschen, Pferde, Kamele, Füchse, Katzen und tatsächlich auch Hunde – gelangten per Boot auf den australischen Kontinent. Vor rund 125 000 Jahren, als der Meeresspiegel niedriger als heute lag, bildeten Neuguinea, das australische Festland sowie Tasmanien einschließlich diverser heutiger Inseln die zusammenhängende Landmasse Sahul. Durch Überflutung der Landbrücken entstand vor etwa 8000 Jahren zwischen Nordaustralien und Neuguinea die Torres- Straße, während bereits vor rund 12 000 Jahren Tasmanien von Südaustralien durch die Bass-Straße abgetrennt wurde. Von jeder der Inseln Südostasiens oder Ozeaniens konnte die Entfernung zum australischen Kontinent nur durch eine bis zu 100 Kilometer lange Seereise überwunden werden – zu weit zum Schwimmen für Mensch oder Hund. Die kür - zeste Route hätte in den Norden oder Nordwesten Australiens oder vielleicht zum Vogelkop, einer Halbinsel vor Neuguinea, geführt. Archäologische Funde von den Inseln Südost asiens und Ozeaniens bestätigen, dass die dort lebenden Völker versierte Seefahrer waren, die Küsten- und sogar Hochseegewässer zu nutzen wussten. Eine Seereise hätte sie keinesfalls abgeschreckt. Boote aus Holz oder Naturfasern bleiben als archäologische Befunde nicht besonders gut erhalten, doch dafür sprechen Überreste von Angelhaken, Fischgräten, Krebsen, Muscheln, Schildkröten und gelegentlich auch Meeressäugern eine deutliche Sprache.

Laut Datierung der ältesten Fundstätte Australiens, des im Northern Territory gelegenen Madjedbebe, kam der anatomisch moderne Mensch vor ungefähr 65 000 bis 55 000 Jahren hier an – also noch bevor er Europa und Ostasien von seinem afrikanischen Ursprung aus eroberte. Der australische Kontinent bildete den Endpunkt der ersten größeren territorialen Ausbreitungswelle des Menschen.

Die künftigen Australier müssen daher ziemlich bald, nachdem ihre Vorfahren vor vielleicht 70 000 Jahren Afrika verlassen hatten, ihre eigenen Wege gegangen sein, um einen Großteil von Südostasien samt Inseln zu durchqueren, sich dabei geschickt an das Leben am Meer anzupassen und schließlich Australien zu erreichen. Natürlich ahnten die frühzeitlichen Migranten nichts von der Existenz ihres Ziels. Auf alle Fälle führten sie keine Hunde mit sich, da sie sich bereits lange vor der Domestikation der ersten Vierbeiner von anderen Menschenpopulationen getrennt hatten.

Die frühesten bekannten Nachweise von Dingos auf dem australischen Kontinent stammen aus der Madura Cave in der Nullarbor-Ebene nahe der Südküste. Eine Datierung dieser Knochen lieferte ein Alter zwischen 3348 und 3081 Jahren. Wie Jane Balme von der University of Western Australia und ihre Kollegen 2018 vermuteten, hatten die Dingos erst kurz zuvor Australien erreicht, selbst wenn der mutmaßliche Ankunftsort im Norden oder Nordwesten des Kontinents Tausende von Kilometern von der Fossilfundstelle entfernt lag. Demnach verlief die Ausbreitung der Dingos von Nord nach Süd sehr zügig – vergleichbar mit den um 1820 eingeschleppten Katzen, die innerhalb von 70 Jahren den größten Teil Australiens eroberten, oder den echten Haushunden auf Tasmanien, die nach Ankunft der ersten europäischen Siedler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in etwa 25 Jahren von einem Ende der Insel zum anderen gelangten.

Laut einigen Theorien über den evolutionären Ursprung der Dingos handelte es sich um Haushunde, die Seeleute von Ozeanien oder den Inseln Südostasiens mitbrachten.

Aber warum sollte man einen Dingo oder dessen Vorläufer auf eine Seereise mit unbekanntem Ziel mitnehmen? Vielleicht einfach als Gesellschaft – Dingowelpen sind außergewöhnlich liebenswert – oder weil sie Abfälle fressen und dadurch das Lager sauber halten. Vielleicht auch, um vor Gefahren zu warnen. Dingos bellen nicht, sondern heulen. Artgenossen antworten daraufhin mit ihrem Geheul und bilden so einen gespenstischen Chor, der weithin zu hören ist. Darüber hinaus können die Tiere als nächtliche Wärmekissen und notfalls als Proviant dienen, wenngleich etliche Aborigines die Vorstellung, einen Dingo zu verspeisen, zutiefst verabscheuen. Allerdings lassen sich Dingos äußerst schwer abrichten und besitzen im Gegensatz zu Hunden kein angeborenes Verlangen, dem Menschen zu gefallen. Einige von ihnen sind daher mit ziemlicher Sicherheit davongelaufen.

Ein weiterer Punkt ist, dass es in Ozeanien oder auf den Inseln Südostasiens kaum Fossilien von Hunden oder anderen Caniden gibt, die älter als 4000 Jahre sind. Woher kamen also die Vorfahren der Dingos? Vermutlich von irgendwoher in Südost- oder Zentralasien, wie genetische Studien nahelegen, aber der endgültige Beweis steht noch aus. Untersuchungen partieller Erbgutsequenzen offenbarten nur wenige Abstammungslinien mütterlicher- (mitochondriale DNA) und väterlicherseits (Y-Chromosom), was auf eine kleine Gründerpopulation hindeutet. Die ersten Studien mit vollständigen Genomen lieferten allerdings 20 Haplotypen, die sich in zwei Kladen gruppierten. Demzufolge kamen die Tiere vermutlich in mehreren Wellen ins Land. Ähnliche Haplotypen lassen sich bei rezenten frei lebenden Hunden in Asien nachweisen. Erschwerend kommt hinzu, dass Haushunde sich äußerst eifrig mit Dingos paaren (und auch mit Wölfen, Kojoten, Schakalen oder Füchsen). Anhand einer Kombination von Mikrosatelliten-DNA lässt sich zwar bei jedem Individuum der Hybridisierungsgrad bestimmen, doch es existiert kein Merkmal, das eindeutig die Frage klärt: Dingo oder Haushund?

Angepasst an eine neue Umwelt

Isoliert auf einem Kontinent ohne andere Caniden, passten sich die Vorfahren der Dingos durch Lernen sowie in Körperbau und Verhalten an ihre neue Umwelt an. Im Gegensatz zu Haushunden pflanzen sich Dingos wie Wölfe nur einmal im Jahr fort. Sie besitzen einen selbst für Caniden ungewöhnlich feinen Geruchs-und Gehörsinn, was sich beim Aufspüren von Kleinwild oder unterirdischen Wasservorkommen als nützlich erweist – auf einem ariden Kontinent mit seltenen und nicht vorhersehbaren Regenfällen ein überlebenswichtiger Vorteil. Dingos sind zudem versierte Kletterer, die mühelos Bäume, Felsen, Zäune oder andere Objekte erklimmen, und sie mögen hoch gelegene Aussichtspunkte. Da sie ihre Schultern und Pfoten flexibler als Hunde oder Wölfe einsetzen, können Dingos äußerst clever Riegel, Türen oder andere Vorrichtungen öffnen, die ihnen eigentlich den Zutritt verwehren sollen.

Menschen, die sich Dingos als Haustiere halten, vergleichen diese nicht selten mit Entfesselungskünstlern, die sich intelligent jedem Dressurversuch entziehen. Darren Griffiths und Leigh Mullan von der Western Australian Dingo Association besitzen gleich fünf davon und beschreiben das Zusammenleben mit der Meute so, »als hätte man fünf hyperaktive Kinder, die im Haus herumrennen«. Sie können ihre Hausgenossen nie alleinlassen, da die Tiere sonst aus Angst alles Erreichbare wie Möbel, Haushaltsgeräte, Türen oder Fenster zerstören. Jede Veränderung im Haus, sogar das An- oder Abschalten eines Deckenventilators, setzt die Dingos unter Stress. Einer der beiden Besitzer muss ständig bei den Tieren bleiben, und wenn sie verreisen, fahren alle zusammen in einem speziell ausgestatteten Kleinbus. Eine Haltung im Zwinger bekommt Dingos nicht gut; und Versuche, ihnen ein neues Zuhause zu geben, scheitern in der Regel. Griffiths’ und Mullans Berichte erinnern an die Bemerkungen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz (1903– 1989), der seine Erfahrungen im Buch »So kam der Mensch auf den Hund« wie folgt schilderte: »So brachte mir denn jener Dingo wohl die herzlichen Gefühle entgegen, die ein solches Tier in erwachsenem Zustande einem anderen entgegenbringt, nur gehörten eben die der Unterwürfigkeit und des Gehorsams nicht dazu.«

Besonders viel sagend ist die Tatsache, dass man das älteste australische Dingo-Exemplar in einer Grabstätte ge-funden hat – Dingos sind die einzigen Tiere, die regelmäßig von den australischen Ureinwohnern bestattet wurden.

Manche Dingo-Gräber weisen deutliche Parallelen zu solchen von Menschen auf, etwa in Bezug auf die Lage der Grabstelle, das Einwickeln des Körpers in Baumrinde sowie die sorgfältige Platzierung von Steinen, um Störungen zu verhindern. Und wie bei Menschen waren die Knochen der Dingos in einigen Gräbern mit Ocker bemalt.

Unter Archäologen gilt die Bestattung von Hunden als eines der aufschlussreichsten Anzeichen dafür, dass die Vierbeiner einen fast menschlichen Status erlangt hatten und domestiziert waren. Vor 14 000 bis 12 000 Jahren, also lange bevor Dingos Australien erreichten, gab es Hundegräber und sogar spezielle Hundefriedhöfe in vielen Regionen Asiens, Europas, des Nahen Ostens sowie auf dem amerikanischen Kontinent. Dennoch – und hier liegt das Dilemma – hielten die australischen Ureinwohner Dingos nicht in einer Art und Weise, die eine Domestikation gestattet hätte. Da sie die Fortpflanzung der Tiere nicht kontrollierten, verzichteten sie auf eine bewusste Förderung wünschenswerter Merkmale. Dingos waren zwar etwas Besonderes, aber nicht domestiziert.

Ein Aspekt, der die Arbeit von Zoologen auf diesem Gebiet so kompliziert macht, ist der Umstand, dass der Artname Canis dingo (oder als Unterart Canis lupus dingo) auf den deutschen Zoologen Friedrich Meyer (1768–1795) zurückgeht, der niemals einen Dingo gesehen hatte. Er beschrieb 1793 die Tiere ausschließlich anhand von Skizzen, Gemälden und kurzen Schilderungen in den Aufzeichnungen von Seefahrern. Mittlerweile legt jedoch ein erlauchter Kreis aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Standards zur offiziellen Benennung einer neuen Art fest: die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur. Zu den zahlreichen spezifischen Anforderungen zählen heutzutage eine detaillierte anatomische Beschreibung sowie ein »Typusexemplar« – ein konservierter Organismus, der den ausgewählten Namen für immer trägt und die Art verkörpert, so dass damit jeder potenzielle Vertreter dieser Spezies verglichen werden kann. Weil es einen solchen Standard 1793 noch nicht gab, existiert für den Dingo auch kein Typusexemplar. Es lässt sich daher nicht mehr feststellen, was ein Dingo eigentlich ist beziehungsweise war – selbst nicht mit Hilfe genetischer Testverfahren, da jedes Genom mit einem Individuum abgeglichen werden müsste, das womöglich eine Hybride ist.

Die Selektion durch Züchter verkompliziert die Genetik bei domestizierten Hunden, denn sie erzeugt Merkmale, die sich natürlicherweise nicht zwangsläufig herausbildeten.

Werden sie nicht gemäß Rassestandards vermehrt, kann sich die stark verkürzte Schnauze von Pekinesen nach nur wenigen Generationen verlängern, und ihre großen Augen sowie das lange, flauschige Fell dürften sich ebenfalls wandeln. In ähnlicher Weise bringt ein lang gestreckter, geschmeidiger Afghanischer Windhund mit tiefem Brustkorb ohne selektive Züchtung vielleicht gedrungenere Nachkommen hervor. Aber genau diese Charakteristika sind es ja, die Liebhaber so schätzen. Hunderassen sind im Wesentlichen während der letzten 200 Jahre in Europa entwickelt worden. Einen ganz gewöhnlichen Hund – nennen wir ihn »Standardhund« – sehen wir nur bei Individuen, die sich eigenständig fortpflanzen und eine Mischung aus zahlreichen Rassen und gelegentlich auch einheimischen, wild lebenden Individuen bilden. Diese etwas ungepflegten, an vielen Orten der Erde anzutreffenden Promenadenmischungen werden oft als Pariahunde bezeichnet. Sie sind auf Fütterung durch den Menschen angewiesen und ähneln trotz eines mehr oder weniger beliebigen Äußeren selten den Extremformen von Rassezüchtungen: Es handelt sich weder um zierliche Chihuahuas noch um hochgewachsene Greyhounds oder wollige Pudel.

Weder häuslich noch wild

Faszinierend ist die starke Ähnlichkeit zwischen einigen asiatischen Pariahunden und Dingos, was manche als einen Hinweis auf die Abstammung von Letzteren werten. Mehr als alle anderen mir bekannten Caniden sehen die seltenen »Neuguinea-Dingos« (New Guinea Singing Dogs) wie Dingos aus. Mit Letzteren haben sie das Heulen und einige Wesensmerkmale gemeinsam, wie etwa den Widerwillen dagegen, abgerichtet oder eingesperrt zu werden. Vielleicht stammen die Neuguinea-Dingos von Pariahunden ab, die nicht mehr mit Menschen zusammenlebten und sich als Folge von geringen Populationsgrößen und Inzucht genetisch differenzierten.

Dingos nahmen offenbar schon immer einen besonderen Platz ein: dem Menschen nah, aber weder völlig zahm noch wild. Vor und zu Beginn der europäischen Kolonialisierung Australiens verbrachten die Raubtiere oft zumindest einen Teil ihres Lebens in traditionellen Siedlungen der Aborigines. Alte Ethnografien berichten davon, wie austra-lische Ureinwohner Welpen aus den Wurfhöhlen nahmen und als Haustiere bei sich aufzogen. Waren die täglichen Wanderungen zu anstrengend oder das Gelände zu unwegsam für die kleinen Füßchen, schlangen sich die Frauen ihre Tiere manchmal wie einen Fellgürtel um ihre Taille.

Gelegentlich stillten sie die Welpen sogar, befreiten sie von Flöhen, küssten, fütterten und umsorgten sie. Sobald die Dingos heranwuchsen und allmählich lästig wurden, weil sie zu viel Proviant stibitzten, Gegenstände zerstörten oder sich einfach zu ungestüm aufführten, jagte man sie nicht selten aus dem Lager, so dass sie eigene Reviere gründeten und Nachwuchs zeugten. Einigen Darstellungen zufolge hatten Frauen und Kinder fast immer Dingos dabei, wenn sie loszogen, um Nahrung zu suchen. Dingos galten als Schutz gegen böse Geister, wilde Tiere oder feindlich gesinnte Fremde; darüber hinaus halfen sie beim Aufspüren von Kleinwild. Strittig ist, ob sie außerdem die Männer bei der Kängurujagd unterstützten. In den Geschichten über die Traumzeit konnte ein Dingo als Canide oder als Mensch auftreten – abwechselnd und manchmal auch gleichzeitig.

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Weiteren Aufschluss über die Herkunft der Dingos liefert die Genetik. Interessanterweise verfügen sie ähnlich wie die meisten Wölfe lediglich über zwei Kopien des Gens AMY2B für das Enzym Amylase, das für eine effiziente Verdauung von Stärke sorgt. Nahezu alle Hunde weisen dagegen mehr als zwei Kopien auf – ein Hinweis, dass die Raubtiere erst nach dem Beginn der Landwirtschaft domestiziert wurden, als stärkehaltige Nahrung in größerem Umfang zur Verfügung stand. Man fand jedoch noch keinen über 7000 Jahre alten prähistorischen Caniden, der in seinem Erbgut das für die Amylase im Speichel codierende Gen AMY1B trägt.

Dagegen besitzen fast alle Haushundrassen mehrere Kopien dieses Gens; eine Ausnahme stellt der Siberian Husky dar, der im Lauf der Geschichte mit Menschen zusammenlebte, die kaum Landwirtschaft betrieben. Beim Menschen ließ sich eine Mutation zu Gunsten mehrerer Kopien des Gens AMY1B bei Angehörigen von Agrar völkern nachweisen, während Jäger und Sammler, Neandertaler oder Denisovaner, die ohne Landwirtschaft auskamen, nur wenige solcher Genkopien besaßen.

Waren Dingos oder ihre Vorfahren jemals domestiziert? Was genetische Merkmale und Verhaltenseigenschaften betrifft, stehen die Tiere zwischen Wölfen und Hunden.

Analysen von vollständigen Genome ordnen Dingos übereinstimmend zwischen Wölfen und wolfsähnlichen Hunderassen ein (siehe »Genetischer Stammbaum der Canidae«, S. 35). Gleiches trifft auf weniger konkrete Merkmale zu. Verhaltensuntersuchungen, die im Rahmen von Ádám Miklósis renommiertem Hundeforschungsprojekt in Budapest durchgeführt wurden, verdeutlichen die Unterschiede zwischen wilden Caniden und domestizierten Hunden anhand ihres Verhältnisses zum Menschen: Anders als Wölfe zeigen sich Hunde außerordentlich geschickt darin, aus menschlichen Gesten wie Handzeichen oder einer Änderung der Blickrichtung die zu Grunde liegenden Absichten zu interpretieren. Stehen die Vierbeiner einem unlösbaren Problem gegenüber, schauen sie ihr Herrchen Hilfe suchend an. Wölfe, die wie Hunde in menschlicher Obhut aufwuchsen, tun das nicht. Dingos suchen öfter und länger den Blickkontakt mit Menschen als Wölfe, doch sie bitten Menschen nicht so schnell und beharrlich um Hilfe wie Hunde. Von Hand aufgezogene Wölfe können ihrer menschlichen Familie zwar durchaus zugetan sein, nehmen aber weitaus weniger eifrig als Hunde Kontakt zu fremden Personen auf.

Die Arbeitsgruppe von Bridgett vonHoldt von der Princeton University stieß 2018 im Erbgut von Hunden auf eine interessante Parallele zum Williams-Beuren-Syndrom beim Menschen. Bei dieser Erkrankung sind über 20 Gene betroffen, die entweder fehlen oder stillgelegt sind. Die Patienten gelten im Allgemeinen als extrem kontaktfreudig und gesellig; sie zeichnen sich durch charakteristische Gesichtszüge aus, sind oft kleinwüchsig und haben Herz-Kreislauf-Probleme sowie kognitive Störungen. Laut vonHoldts Studien sind bei Hunden drei dieser Gene durch Insertionen blockiert, während die entsprechenden Regionen bei Wölfen normal funktionieren. Der Unterschied führte möglicherweise dazu, dass Hunde ihre Angst und Aggressivität gegenüber Menschen verloren, und förderte wohl ihr freundliches Wesen, was wiederum ihre Domestikation erleichterte. Soweit mir bekannt ist, hat noch niemand diese Erbfaktoren bei Dingos untersucht; vielleicht sind bei ihnen nicht alle drei Gene blockiert. Womöglich bewirkt dieser genetische Unterschied die im Vergleich zu Wölfen und Hunden intermediäre Toleranz von Dingos gegenüber Menschen, auch wenn die Tiere nach wie vor ängstlich auf Veränderungen reagieren.

Bereits Charles Darwin (1809–1882), der Anfang 1836 Australien besuchte, hatte das ambivalente Wesen der Dingos erkannt. 1868 schrieb der Naturforscher: »In Australien ist der Dingo sowohl domestiziert als auch wild.«

Andere prominente Denker betrachten Domestikation als einen Prozess. Dingos offenbaren uns davon wohl eine Etappe.

QUELLEN

Shipman, P.: What the dingo says about dog domestication. Anatomical Record 304, 2021

Smith, B. P. et al.: Taxonomic status of the Australian dingo: The case for Canis dingo Meyer, 1793. Zootaxa 4564, 2019

© American Scientist www.americanscientist.org