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DER MYTHOS TEXAS LEBT


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 29.07.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 8/2022

Vom South Rim Trail aus, einem 20 Kilometer langen Wanderweg durch den texanischen Big-Bend-Nationalpark, kann man weit bis in Mexikos Chihuahua-Wüste blicken. Der 1944 gegründete, vom Rio Grande begrenzte Nationalpark erstreckt sich über mehr als 320 000 Hektar.

DIE AMERIKANISCHE SCHWARZBÄRIN UND IHRE ZWEI NOCH KLEINEN JUNGEN DURCHSTÖBERTEN GERADE DEN DICHTEN WALD AUS MESQUITEN,

Wacholder und Texas-Erdbeerbäumen nach Nahrung, als ich sie entdeckte, ungefähr 20 Meter zu meiner Rechten. Die Bärin hielt inne, stellte sich jedoch nicht auf ihre Hinterbeine. Zweifelsohne hatte sie mich kommen hören. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, und mir war klar: In allen Aspekten, die in diesem Augenblick zählten, war ich der Bärin hoffnungslos unterlegen.

An jenem Oktobermorgen wanderte ich gerade den 20 Kilometer langen South Rim Trail im Big-Bend-Nationalpark im Südwesten von Texas entlang. Während der ersten zwei Stunden nach dem Morgengrauen erblickte ich in dieser wilden, wüsten Landschaft kaum andere Lebewesen als Schmetterlinge, leuchtend gelbe Scott-Trupiale und einen einsamen Wanderer.

Nach einer Pause auf dem South Rim, einer der drei Seiten des Grand Canyons ...

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... mit einer atemberaubenden Aussicht auf die überraschend grüne nordmexikanische Wüste, sah ich ein paar andere Wanderer, die aus der entgegengesetzten Richtung heraufkamen. Eine Frau erzählte, dass sie die Bärin und ihre Jungen gesehen hätten. Obwohl überall im Park Schilder vor den imposanten Tieren warnen, leben hier nicht mehr als 40 Schwarzbären; in den fast drei Jahrzehnten, in denen ich den Park regelmäßig besuche, war ich noch nie einem begegnet. Zudem greifen Schwarzbären nur selten Menschen an.

Dennoch hatte ich unten in der Stadt Marathon, Texas, etwas über diese ganz bestimmte Bärin gehört, das mich nachdenklich stimmte. Sie hatte ein paar Tage zuvor ihr drittes Jungtier verloren, als es einige Kilometer von hier entfernt auf eine Straße gelaufen und von einem Fahrzeug erfasst worden war.

Jetzt war die Bärin also hier. Ich blickte weg und ging betont beiläufig meiner Wege. Dabei schossen mir nicht ganz so beiläufige Gedanken durch den Kopf: Ob es wohl auch Bären nach Rache gelüstet? Trauern Bären? Schließlich nahm der Weg eine scharfe Biegung, und ich bemerkte, dass die kleine Familie sich in den Wald zurückzog.

Der Artenreichtum in den berühmten Nationalparks wie Yellowstone, Denali oder den Everglades ist naturgemäß etwas ganz Besonderes. Hier in der Wüste aber, im amerikanischen Südwesten, bekommt eine Begegnung mit Wildtieren noch mal eine andere Bedeutung. Sie gemahnt daran, dass das Leben kostbar und selbst dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet.

Der Big-Bend-Nationalpark erstreckt sich auf insgesamt 3243 Quadratkilometern in der Chihuahua-Wüste. Eine seiner territorialen Besonderheiten liegt darin, dass der Rio Grande die Grenze zu Mexiko markiert; etwa 190 Kilometer dieses mächtigen Flusslaufs gehören zum Big Bend, was rund sechs Prozent des Grenzgebiets zwischen Mexiko und den USA ausmacht.

Die lang gestreckte, zerklüftete Grenze macht Big Bend immer wieder zum Gegenstand hitziger Debatten über die Souveränität und nationale Sicherheit der USA. Das Phantom des Drogenhandels, der illegalen Einwanderung und sogar des Terrorismus hat Dutzende Bundesagenten an die Peripherie des Parks getrieben.

Und genau darin besteht sein Paradoxon: Einer der entlegensten Nationalparks der USA, eine wahre Oase der Weltflucht, kann dem endlosen Gezerre um Geopolitik kaum entkommen.

D UWARSTGESTERN am South Rim?“ Craig Carter, ein 58 Jahre alter Rancher, grinste. „Da war ich sicher schon 700-mal. Und jedes Mal fühlt es sich wieder wie das allererste Mal an.“

Carter lebt etwas außerhalb des Parks auf einer annähernd 5000 Hektar großen Pferdefarm namens Spring Creek Ranch. Das Leben seiner Familie ist untrennbar mit Big Bend verbunden. Carters Urgroßeltern wohnten noch im Parkgelände, bevor Texas die 280 000 Hektar Fläche erwarb und das Gebiet 1943 der US-Bundesregierung übertrug.

Den Morgen hatte ich, an Schuppenwachteln und Maultierhirschen vorbeiruckelnd, in Carters Jeep verbracht, wo er mir das Geheimnis verraten hatte, wie man am besten Halsbandpekaris zubereitet („Du musst unbedingt die Moschusdrüse unten an der Wirbelsäule entfernen“), und wo er eine seltene Indian-Head-Münze von 1900 gefunden hatte („Ich behaupte einfach, das war

Gesteinsformationen zwar an die zerklüftete Atmosphäre der italienischen Dolomiten erinnern, fehlt ihnen doch diese gewisse postkartenidyllenhafte Symmetrie der Arches von Utah oder des Grand Canyon von Arizona.

Dafür bietet Big Bend etwas ganz und gar Einzigartiges: die 190 Kilometer lange Flussgrenze zu Mexiko. Der Biegung (bend) des Rio Grande verdankt der Park seinen Namen. Mit geradezu schäumender Akrobatik im Santa Elena Canyon zieht der Fluss Kajakfahrer an, während die seichten Stellen im Südwesten den contrabandistas helfen, Schmuggelwaren in die USA zu lotsen.

Bei meinem letzten Besuch in der Stadt Marathon fuhr ich morgens mit meinem Freund, dem Fotograf James Evans, aus der Stadt. Wir bogen vom Highway 385 in die Black Gap Wildlife Management Area an der Nordostflanke des Parks ab. Obwohl das Jahr selbst nach Maßstab der ausgedörrten Wüste ein ausgesprochen trockenes war, hatten kürzliche Niederschläge der letzte Penny meines Urgroßvaters, bis mir jemand das Gegenteil beweist“).

Vermutlich liegt es an der abgeschiedenen Lage, dass der raue Charme des Big-Bend-Nationalparks seit so langer Zeit schon unterschätzt wird.

Der Mythos rund um Texas – jene übergroße Wild-West-Legende mit ihrer ungezähmten, von Kakteen übersäten Mondlandschaft voll unerschütterlicher Cowboys – ist im Big Bend so präsent wie wohl sonst nirgends.

Vor der Covid-19-Pandemie verzeichnete der abgelegene Big-Bend-Nationalpark übers Jahr 400 000 Besucher. Damit ist er einer der am wenigsten frequentierten Parks der USA (zum Yellowstone reisen pro Jahr fast zehnmal so viele Touristen). Der nächste Verkehrsflughafen liegt vier Stunden vom Parkeingang entfernt.

Big Bends rauer Charme kann als unterschätzt gelten. Die größte Anzahl an Vogel- und Kaktusarten aller amerikanischen Parks zu haben, ist nun einmal kein Garant für Glamour. Seine zig Millionen Jahre überspannende Vergangenheit aus einst mächtigen Meeren, Wäldern, Dinosauriern und Erdbeben tritt hauptsächlich in Form von Fossilien und Schichtungen zutage. Und während die eindrucksvollen grüne Triebe an den stacheligen Ocotillos hervorgelockt. Die einfache, einspurige Straße zum Fluss war von Purpursalbei und scharlachrot blühenden Springbrunnenpflanzen gesäumt.

Wir fanden einen Platz zum Zelten keine hundert Meter vom Rio Grande entfernt, mussten von dort jedoch erst eine Familie Halsbandpekaris vertreiben. Drei Kühe und ein weißes Pferd grasten unbeeindruckt in der Nähe. Wem sie wohl gehörten? Auf dem Weg hinunter zum Ufer fielen mir die spinnenartigen Spuren eines Reihers auf – ebenso wie Stiefelabdrücke, obwohl es schon Stunden her war, seit wir einen anderen Menschen gesehen hatten. In der Wüste ist das Leben doch immer näher, als man denkt.

Als ich im Licht des frühen Morgens erwachte, stand der Mond noch am Himmel, und die Temperatur war in den einstelligen Bereich gesunken. Pferd und Kühe waren verschwunden.

Während sich Evans aufs Dach seines Allrads stellte, um Fotos vom Fluss zu machen, studierte ich die Erde mit ihrer willkürlichen Ansammlung an Muschelschalen aus der späten Kreide von vor rund 100 Millionen Jahren. Auf dem Weg zurück nach Marathon wagten wir noch einen Abstecher zur alten La Linda International Bridge, auf der einst das Mineral Flussspat aus mexikanischen Minen in die USA transportiert worden war. Die Brücke wird seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt, aber ein Campingplatz ist daneben bis heute in Betrieb.

Der Camping-Betreiber Butch Jolly erzählte, am Morgen habe er Bärenfährten entdeckt, unweit des Angellochs, aus dem er ein paar 18 Kilo schwere Flachkopfwelse gezogen habe. Ich fragte ihn, welchen Köder er hier zum Angeln benutze. „In Kool-Aid-Kirschlimonade eingelegte Hotdog-Würstchen mit Knoblauch“, lautete seine ernsthafte Antwort.

GRENZSCHUTZBEAMTEsind zwar ein vertrauter Anblick im Big Bend, noch augenfälliger ist allerdings die Grenzenlosigkeit in diesem abgeschiedenen Teil der Erde. Die Esskultur und unzählige Arbeiter stammen von der anderen Seite des Rio Grande. Selbst die Schwarzbärenpopulation ist ursprünglich aus Mexiko eingewandert. Im Gegenzug überwintern die farbenprächtigen Waldsänger und Ammern weiter südlich. Dies mag zwar das Land des weiten Himmels sein, doch was einen wahrhaft demütig macht, ist die ganz alltägliche Anmut der Wüste.

Als ich eines Nachmittags Gesellschaft brauchte, besuchte ich einen „prähistorischen Freund“, die Mule Ears Peaks. Meine Fahrt führte über eine gut asphaltierte, wenn auch kurvenreiche Straße, den Ross Maxwell Scenic Drive, der sich am westlichen Rand der rötlichen Chisos Mountains entlangschlängelt.

Der Wanderweg wand sich durch eine mehrere Hektar umfassende Fläche von Ocotillos, Yuccas, Rauschopf und Artemisia filifolia. Mein Blick blieb auf die Aussicht vor mir geheftet – insbesondere auf die beiden dunklen, mehr oder weniger dreieckigen Felssäulen, die aus der Ebene ragten. Bei diesen geologischen Anomalien handelt es sich um die Überbleibsel eines Vulkanausbruchs vor rund 29 Millionen Jahren. Aus diesem Akt von Naturgewalt entstanden die Mule Ears, die „Maultierohren“, die wirken, als würde der Teufel hier auf ewig Kuckuck spielen.

SPÄTERV ERABSCHIEDETE ICH mich von den Plüschkissen und dem Pool meiner Bleibe, dem Gage Hotel, und fuhr nach Westen in Richtung der anderen Orte, die den Park umgeben. Alpine ist schon seit über 100 Jahren die zentrale Sammelstelle für die Viehhändler der Region. Mit einer Einwohnerzahl von 6035 ist es die größte Stadt am nördlichen Rand des Big-Bend-Nationalparks und bietet die umfangreichsten Campingvorräte der Gegend. Entsprechend bevorratete ich mich in der Taste and See Bakery mit erlesenem Käse sowie exzellentem Wein und vor Ort geröstetem Kaffee.

Im Coffee Shop traf ich außerdem Kayla Duff, eine 24-jährige gebürtige Kalifornierin, die vor Kurzem den Laden Big Bend Beef eröffnet hat, wo sie Fleisch vom Brangus-Weiderind quasi von der Ranch direkt auf den Teller verkauft. Duff hatte mir ein dickes Flank-Steak für eine geplante Fajita-Grillparty mitgebracht.

Ich legte das Fleisch in meine Kühlbox und fuhr eine weitere halbe Stunde gen Westen nach Marfa. Die Kleinstadt ist als Drehort für den 1956 entstandenen Westernfilm „Giganten“ mit James Dean und Elizabeth Taylor in den Hauptrollen berühmt geworden, verbrachte die darauffolgenden vier Jahrzehnte jedoch in einer Art Dornröschenschlaf. Zumindest schien es so.

Tatsächlich hatte sich in den 1970er-Jahren der minimalistische Künstler Donald Judd in Marfa niedergelassen, in aller Stille ein paar Grundstücke in der Innenstadt erworben und spektakuläre Kunstinstallationen in der Wüste errichtet. Anfangs folgten ihm nur einige wenige Anhänger, über die Jahre jedoch pilgerten massenhaft Kreative in die Westernstadt.

Die zeitgenössische Version von Marfa wird wahlweise mit den Kunstspots Brooklyn South oder Austin West verglichen, aber diese Analogie wird dem Ort nicht gerecht. Es handelt sich um ein einzigartiges, sich aus sich selbst nährendes Künstlerbiotop, weltberühmt und noch dazu mitten in der kargen Wüste von Trans-Pecos.

Ich verbrachte den Tag damit, verschiedene Ateliers und Werkstätten anzusehen, vorbei an Plakaten, auf denen provokative Aussagen prangten wie: „Adobe Is Political“ (etwa „Adobeein US-Softwareunternehmen] ist politisch“) und „Maintain Social Distancing: Keep One Cow Apart“ („Social Distancing: eine Kuhlänge Abstand halten“).

Das Hotel Saint George, in dem ich über Nacht blieb, war in einem Gebäude gleichen Namens von 1886 untergebracht und verströmt heute seine ganz eigene strenge Eleganz.

Marfa und Big Bend sind durch eine in der Wüste unabdingbare Widerstandsfähigkeit miteinander verbunden. Ein noch engeres Verhältnis zur Wüste pflegt allerdings das zwei Stunden südlich von Marfa gelegene Terlingua.

Terlingua ist eine ehemalige Silberminen-Geisterstadt, die später durch den Countrymusiker Jerry Jeff Walker („Mr. Bojangles“), ein alljährliches Chili-Wettkochen sowie wechselnde Wüsteneinsiedler Bekanntheit erlangte. Schon lange kommen Stadtflüchtende und Einsamkeitssuchende nach Terlingua, um in ausrangierten Schulbussen oder anderen Fundstücken von Regenwasser sowie Obst und Gemüse aus dem eigenen Wüstengarten zu leben. (Einer dieser Einsiedler in den frühen 1980er-Jahren war David Kaczynski, der rund zehn Jahre später zweifelhafte Berühmtheit erlangte, als er Bundesagenten darüber informierte, dass sein Bruder Ted wahrscheinlich der „Unabomber“ war.)

Heute erweckt die Geisterstadt wieder den Anschein von ein wenig Zivilisation, auch wenn sie weiterhin von speziellen Gestalten bevölkert wird. Die Taqueria El Milagro etwa gehört Mimi Webb Miller. Heute als Casting Director gefragt, war die Texanerin früher die Geliebte des berüchtigten Drogenhändlers Pablo Acosta, was so auch in der erfolgreichen Netflix-Serie „Narcos: Mexico“ festgehalten worden ist.

In besagter Taqueria traf ich Paul Wiggins, einen philosophisch angehauchten Geist, der vor gut 40 Jahren in Terlingua hängenblieb und als Silberschmied arbeitet. Er ist ein verschmitzter Anhänger obskurer Geschichtsbücher sowie Schusswaffen. Und er brachte mir einen handgefertigten, mit Silbermünzen verzierten Ledergürtel für meine Verlobte mit. Während wir uns Taccos und Bier genehmigten, quoll das Restaurant förmlich über von Stammkunden, die sich anhand ihrer T-Shirts als Fans von verschiedenen Universitäts-Football-Teams outeten.

Ich erkundigte mich nach den lokalen Berühmtheiten: eine Frau, die stets auf ihrem Maultier in die Stadt geritten kam, ein Mann namens Spider, der Kunstobjekte aus Beton schuf, der Paläontologe Ken Barnes. Alle umgezogen oder tot, berichtete Wiggins.

Dann fügte er mit stoischer Untertreibung hinzu: „Es gibt heute nicht mehr allzu viele hingebungsvolle Exzentriker hier.“

Ich wagte nicht, ihm zu widersprechen. Doch Wiggins wusste sicher besser als ich, dass die einzige hingebungsvolle Exzentrik, auf die es wirklich ankam, diejenige war, die sich um uns herum abspielte. Es war die Wüste, die unnachgiebig und unbeirrbar sie selbst blieb. j Aus dem Englischen von Dr. Ulrike Kretschmer

Robert Draper schreibt seit 2007 für NATIONAL GEOGRAPHIC. Der in Houston geborene, in Austin lebende Bryan Schutmaat durchstreift oft das Hinterland von Texas auf der Suche nach Fotomotiven.