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DER NACHHALTIGE KLEIDERSCHRANK


flow - epaper ⋅ Ausgabe 60/2021 vom 01.09.2021

Grüner leben

Artikelbild für den Artikel "DER NACHHALTIGE KLEIDERSCHRANK" aus der Ausgabe 60/2021 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 60/2021

„DIE NACHHALTIGSTE KLEIDUNG IST DIE, DIE DU SCHON BESITZT.“

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und betrachte die zusammengelegten Stapel von T-Shirts, Pullovern und Hosen. Die meisten Teile trage ich gern; ich kaufe bewusster ein als früher und wähle vor allem langlebige Materialien. Minimalistisch oder reduziert ist meine Garderobe trotzdem nicht. Ich habe das Gefühl, ich könnte mehr bewirken, mich mit der Mode, die ich trage, stärker für nachhaltige Werte einsetzen. Das Thema ist auch auf politischer Ebene hochaktuell. Vor Kurzem hat der deutsche Bundestag das Lieferkettengesetz verabschiedet, das Menschenrechte und Umweltstandards in der globalen Wirtschaft und damit auch in der Textilindustrie besser schützen soll. Deutsche Unternehmen müssen damit ab 2023 ihrer Sorgfaltspflicht entlang der gesamten Lieferkette nachkommen. Bei Gesetzesverstößen ihrer Zulieferer werden sie in die ...

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... Verantwortung genommen. Doch Bündnisse wie die Initiative Lieferkettengesetz werten das Gesetz nur als Etappenerfolg – von einer Welt, in der Mode für Mensch, Tier und Natur fair ist, sind wir noch weit entfernt. Es kommt weiterhin auf jede und jeden Einzelnen an. Ich frage mich deshalb, wie ich meine Gewohnheiten sinnvoll verändern kann. Bedeutet ein nachhaltiger Kleiderschrank vor allem Verzicht? Oder gibt es noch mehr, was ich tun kann?

INVENTUR IM KLEIDERSCHRANK

Um Antworten zu finden, verabrede ich mich mit Anna Kessel, Mitgründerin des Online-Magazins Die Konsumentin. Mit ihrer Freundin Esther Rühe schreibt Anna über Slow Fashion, Textilwirtschaft und Umweltthemen. Im Mittelpunkt steht für die Kölnerin der Spaß an Mode. „Ich komme aus einer sehr modischen Familie, habe früher viel Theater gespielt und tolle Kostüme getragen. Ich finde es wunderschön, was Kleidung mit uns macht und welchen Ausdruck sie uns verleiht. Aber nicht auf Kosten der Umwelt und der Menschen, die an der Produktion beteiligt sind“, sagt Anna. Wegweisend für ihr Engagement war das Fabrikunglück von Rana Plaza im Jahr 2013, bei dem mehr als 1100 Näher:innen starben. „Esther und ich liebten es, gemeinsam zu shoppen. Doch als wir die Bilder von Rana Plaza sahen, waren wir schockiert. So wird unsere Kleidung produziert? Daran haben wir Freude? Meinen Blick hat das nachhaltig verändert“, erinnert sich Anna. Für sie ist eine Zahl besonders aussagekräftig: 80 Prozent der Beschäftigten in der Fast-Fashion-Industrie sind Frauen. Der Großteil von ihnen ist jünger als 30 Jahre. Sich für Feminismus zu engagieren bedeutet für Anna deshalb auch, die eigene Garderobe unter die Lupe zu nehmen.

Doch wie kann man dabei vorgehen? „Das nachhaltigste Kleidungsstück ist das, was du schon besitzt“, sagt Anna. Deshalb empfiehlt sie, eine kleine Inventur im eigenen Kleiderschrank zu machen. „Ich finde es sinnvoll, sich zu fragen: Welche Kleidungsstücke machen mich glücklich? Und weshalb trage ich manche Teile eigentlich nicht?

Habe ich nichts, was sich dazu kombinieren lässt? Fühle ich mich in dem Schnitt unwohl? Oder hat sich mein Körper verändert?“ Sie findet es nicht so wichtig, einen minimalistischen Kleiderschrank zu haben; vielmehr geht es ihr um Wertschätzung für die Kleidung, die man besitzt und auftragen kann. Sitzt etwas zu eng oder zu weit, könne man es beim Schneider ändern lassen. Über Tauschpartys oder Tauschbörsen lässt sich gebrauchte, selten getragene Kleidung weitergeben. Braucht man dringend ein bestimmtes Kleidungsstück, finde man vieles auch in Secondhandläden oder Kleiderbörsen. Bei neuen Teilen achtet Anna darauf, dass sie nachhaltig und fair produziert wurden und aus langlebigen Naturfasern bestehen.

VON 250 AUF 30 TEILE

Laura de Jong, Modeberaterin und Expertin für nachhaltige Mode, hat sich eine sogenannte Capsule Wardrobe zusammengestellt: eine Garderobe aus etwa 30 qualitativ hochwertigen Kleidungsstücken, die man fast beliebig miteinander kombinieren kann. Dazu gehören Schuhe und Jacken, nicht aber Unterwäsche, Socken und Schlafanzüge. Nach ihrem Abschluss am Amsterdam Fashion Institute verzichtete Laura ein Jahr lang darauf, Kleidung zu kaufen. Sie schämte sich wegen all dem, was sie sich in der Vergangenheit zugelegt hatte, aber eigentlich gar nicht brauchte. „Nach einem Jahr stellte ich fest, dass ich zwei Drittel meiner Kleidungsstücke immer noch nicht getragen hatte. Schließlich reduzierte ich radikal, von 250 auf 30 Teile. Jetzt genieße ich es, alles anzuziehen, was ich habe, und fühle mich ruhiger. Meinen Kleiderschrank aufzuräumen oder die Wäsche zu machen ist viel übersichtlicher geworden. Ich habe dadurch echte Lebensqualität gewonnen“, sagt sie. Auf Spontankäufe verzichtet Laura heute ganz und rät auch anderen in ihrer Beratung dazu: „Oft kaufen wir etwas, weil wir uns nicht gut fühlen oder ein anderes Bedürfnis befriedigen wollen. Kurzfristig mag ein solcher Kauf für Glücksgefühle sorgen, aber langfristig tut er eher weh. Ich versuche, die Leute zu ermuntern, das Gegenteil zu tun: Kurzfristig ein bisschen traurig zu sein, weil man etwas nicht kauft, dafür aber langfristig ein gutes Gefühl zu haben.“

„EIN ZUVIEL AN KLEIDUNG MACHT WEDER ZUFRIEDENER NOCH SELBSTBEWUSSTER.“

TIPPS FÜR DEINE GARDEROBE

* Über Mietservices wie ikigostudios.com oder unown-fashion.com kannst du dir Kleidung auch leihen, statt sie zu kaufen. Etwa für einen besonderen Anlass.

* Durch Reparieren lässt sich Kleidung sogar verschönern. Wie, das vermitteln Upcycling-Workshops.

* Die App Good On You bewertet Modelabels anhand von ethischen und nachhaltigen Kriterien.

* Buchtipps: Anne Tourneux: Style meets Nachhaltigkeit (Dorling Kindersley) und Jana Braumüller, Vreni Jäckle und Nina Lorenzen: Fashion Changers (Knesebeck)

Aber wenn man nun tatsächlich etwas braucht, wie findet man Kleidung, mit der man lange glücklich ist? Die Autorin Anne Tourneux gibt in ihrem Buch Style meets Nachhaltigkeit eine Reihe praktischer Tipps. „Als Stylistin weiß ich, dass ein Zuviel an Kleidung weder zufriedener noch selbstbewusster macht“, sagt sie. Für den Moment der Anprobe schlägt sie vor: „Versuche, eine richtige Vorstellung davon zu haben, wie das besagte Kleidungsstück oder Accessoire an dir aussieht und wirkt. Gehe im wörtlichen und im übertragenen Sinn auf Abstand und tritt einen Schritt vom Spiegel zurück. Vielleicht sieht das Teil in der gephotoshopten Anzeige hinreißend aus, aber steht es dir wirklich?“ Anne empfiehlt, den Stoff in die Hand zu nehmen und zu fühlen, wie er sich auf der Haut trägt. Indem man ihn leicht drückt, könne man prüfen, wie er reagiert.

„Wenn er gleich verknüllt, warum sollte er das nicht auch in zwei Minuten an dir tun?“, fragt sie. „Fahre mit einem anderen Kleidungsstück über den Stoff, um herauszufinden, ob er womöglich Staub anzieht. Verlasse dich auf deinen Instinkt und bestimme selbst über deine Anprobe.

Werbung und soziale Netze haben großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Tagtäglich lassen wir in unserem Gehirn eine Menge Bilder Revue passieren, die uns zwar inspirieren, aber auch unser Urteilsvermögen beeinflussen. Kehre zu dir selbst zurück, stelle dir das Kleidungsstück in deinem eigenen Universum vor oder in jenem, das du schaffen möchtest, und überlege dir Kombinationsmöglichkeiten mit bereits vorhandenen Sachen.“

EIN GUTES STÜCK

Die Stylistin findet es außerdem hilfreich, in der Umkleide gedanklich eine kurze Bestandsaufnahme der Kleidung zu machen, die man bereits besitzt. So könne man überprüfen, ob man nicht schon etwas ganz Ähnliches hat. Oft fühlen wir uns nämlich von den gleichen Sachen angezogen. Dann helfe die Frage, ob wir dieses Teil auch gekauft hätten, wenn es zum Beispiel nicht heruntergesetzt wäre.

Stellst du nach all diesen Überlegungen fest, dass ein Kleidungsstück deinen Alltag erleichtert, zu dir und deinem Stil passt, du dich damit wohlfühlst und es sich mit anderen Sachen aus deiner Garderobe kombinieren lässt – dann sei es ein gutes Stück, sagt Anne Tourneux.

Die Vorstellung, in meinem Kleiderschrank nur noch solche guten Stücke zu haben, die ich sorgsam ausgewählt habe, finde ich schön. Seit ich so vorgehe, greife ich auch nicht mehr irgendein Shirt aus dem Schrank, sondern trage das, was ich habe, bewusst und mit Freude. Damit die lange währt, ist natürlich die richtige Kleiderpflege entscheidend, sagt Anna Kessel. „Das musste ich tatsächlich erst lernen. Vor ein paar Jahren habe ich mir einen Wollmantel gekauft, obwohl ich bereits ein ähnliches Modell besaß. Aber ich trug den alten nicht mehr gern, weil er so viele Pillingknötchen hatte. Ein Chefdesigner in einem meiner Jobs zeigte mir dann, wie man Wolle richtig pflegt. Das war lebensverändernd.

Seitdem entfussele ich meine Pullover, bevor ich sie nach dem Winter weglege, dann sehen sie einfach schön aus.“ Statt zu bügeln nutzt Anna einen Steamer, der mit heißem Wasserdampf glättet und empfindliche Fasern schont. Naturfasern wie Wolle und Seide wäscht sie seltener und jeweils mit dem richtigen Waschmittel. Diese Sorgfalt für die eigene Kleidung ist für Anna ein besonders nachhaltiges Ritual – und eine gute Alternative zum Kaufen. Sie sagt: „Ich kenne das Gefühl, etwas Schönes, Neues haben zu wollen. Statt loszulaufen und irgendwas zu kaufen, kann man aber auch am Anfang einer Saison alle Sachen aus dem Schrank hervorholen und sie sich in Ruhe ansehen. Vielleicht brauchen manche Teile etwas Pflege oder eine kleine Reparatur, die man selbst schafft oder in die Schneiderei gibt. Indem wir alle vorhandenen Klamotten mit Sorgfalt durchgehen und uns ihnen widmen, können wir unseren Wunsch nach schönen, gepflegten Sachen ebenfalls erfüllen.“

MIT LIEBE UND SORGFALT

Und wenn die Liebe zu einem bestimmten Kleidungsstück endgültig erloschen ist? Dann kann ich es auf Ebay-Kleinanzeigen, Vinted oder einem Flohmarkt verkaufen, es einer Freundin schenken oder als Kleiderspende abgeben. Ein nachhaltiger Kleiderschrank bedeutet mehr, als sich auf strenge Einkaufsdiät zu setzen – er macht Spaß, spart Geld und bringt uns auf kreative Ideen. Indem wir unsere Kleidung mit Sorgfalt pflegen, sie ändern lassen, neu kombinieren und auf langlebige Materialien achten, ist die Chance ziemlich groß, dass wir mit unserer Garderobe etwas zu einer besseren Welt beitragen.

Ein ganzes Themen-Spezial zu Sustainable Fashion“ haben unsere Kolleginnen vom Hygge-Magazin in ihrem Podcast " Ideen für eine bessere Welt“ veröffentlicht. Du kannst es anhören unter www.hygge-magazin.de/podcast "