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Der Narr macht Ernst


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 39/2019 vom 20.09.2019

Unterhaltung Jan Böhmermann hat sich vom Entertainer zum politischen Aktivisten gewandelt. Er wurde so zur Ikone der Linken und zur Hassfigur der Rechten – doch wie witzig kann eine moralische Instanz noch sein?


Irgendwann kommt der Moment, an dem Jan Böhmermann doch seine Maske fallen lässt. Es geschieht an einem Freitagmittag in einem Café in Köln-Ehrenfeld. Böhmermann schneidet Grimassen, er streckt die Zunge raus, strahlt übers ganze Gesicht, es ist ein herzliches, warmes, unverstelltes Lachen. Es gilt einem sieben Monate alten Kind am Nachbartisch.

In diesem Augenblick fällt alles Angestrengte, ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 39/2019

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... Kontrollierte von ihm ab, ebenso der Zyniker und Besserwisser. Er muss jetzt nicht so tun, als wäre er schon drei Gedanken voraus, wie er das im Fernsehen macht und auch im persönlichen Umgang. Er ist einfach nur: Mensch.

Entertainer Böhmermann


Trägt es nicht zur Verhärtung bei, jeden Menschen, der mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin hadert, als Rechten zu stigmatisieren? »Du wirst nicht deswegen zum Nazi, weil dir jemand beweist, dass dich das, was du eben denkst und tust, als Nazi qualifiziert. Das passiert leider vorher. Man hätte den Nationalsozialismus nicht verhindert, wenn man aufgehört hätte, Hitler einen gefährlichen Nazi zu schimpfen und ihn stattdessen zu Maischberger oder zum ›NZZ‹-Interview eingeladen hätte. Damit er mal seine Sicht der Dinge erklärt. So funktioniert das nicht.«

Böhmermann sagt, man solle ihn nicht als Hofnarr bezeichnen. Das Wort sei von rechten Kreisen »in den Diskurs geschossen worden«. So wie »Systemmedien« oder »Gutmensch«. Es diene der Disqualifizierung von kritischer Kunst. »Narr ist okay, meinetwegen auch Idiot oder Blödmann, Hofnarr nicht.«

Aber ist er überhaupt noch Narr oder längst Aktivist?

Die »Zeit« hat einmal geschrieben, Böhmermann sei der Bademeister des deutschen Humors. Der Vergleich gefalle ihm. »Wenn jemand ins Becken kackt, dann kescher ich gut gelaunt die Wurst raus.«

Böhmermann hat jetzt Ringe unter den Augen, der Tag war lang, morgen muss er seine Sendung aufzeichnen. Er schaut zur Wand, wo Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom historischen Köln hängen, und sagt: »So schön war Köln früher. Alles kaputt. Dieser verdammte Krieg.«

Es gab eine Zeit, da war Böhmermann unbeschwert, zumindest öffentlich. Im WDR-Radio verulkte er den Fußballer Lukas Podolski, bis der gegen ihn klagte, so begann seine Karriere. Das WDR-Fern - sehen testete ihn daraufhin als Moderator von Shows, war aber unzufrieden, weil er sich zu sehr in den Vordergrund schob, anstatt seine Gäste glänzen zu lassen.

Schon damals war klar: Böhmermann ist kein Entertainer für die Massen. Er umarmt sein Publikum nicht, ihm fehlt das Herzliche. Aber er war lustig, verwegen, anarchisch, einer, dem nichts heilig war.

Erst in den vergangenen Jahren wurde der Narr moralisch.

Das liegt an ihm und an der aufgeheizten Stimmung im Land. Der Aktivist Böhmermann hat sich vor den Satiriker geschoben. Er setzte sich für den Journalisten Deniz Yücel ein, als der in der Türkei inhaftiert war, und sammelte gemeinsam mit ProSieben-Moderator Klaas Heufer-Umlauf eine Million Euro Spenden für Seenotretter ein. Böhmermann reiht sich ein in die Gruppe der neuen Helden der Protestkultur, zu der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, Kapitänin Carola Rackete oder YouTuber Rezo zählen. Er war eine Vorhut dieser Generation. Nun ist er ihr Elder Statesman.

Satiriker Böhmermann mit Foto des Urgroßvaters, in Einspielfilm in Köln: »Hä, was?«


Fürs ZDF ist das nicht immer einfach. Eine öffentlich-rechtliche Anstalt ist zur Neutralität verpflichtet. Böhmermann darf Aktivist sein, aber nur privat. Sonst hat der Programmdirektor schnell den Fernsehrat im Nacken. Es ist ein dauerndes Ringen zwischen ihm und dem Sender. Aber man weiß, was man aneinander hat. Der Vertrag mit Böhmermann wird verlängert, die Aufgaben werden größer. Im Dezember wird die letzte Ausgabe von »Neo Magazin Royale« ausgestrahlt. Danach wollen Böhmermann und sein Team die Show weiterentwickeln. Sie soll politischer werden, relevanter.

Die Entscheidung ist nicht ohne Risiko. Denn bisweilen schlägt sein Engagement auch in moralische Überheblichkeit um. Wie im vorigen Jahr, als er dem »Zeit«- Redakteur Jochen Bittner eine Reise nach Auschwitz empfahl, nachdem der es gewagt hatte, ihm in einer Kolumne »Diskurserstickung « vorzuwerfen.

Böhmermann war in Auschwitz, zweimal, um zu begreifen, was ihn seit seiner Kindheit beschäftigte.

Er war elf Jahre alt, als er zum ersten Mal vom Holocaust hörte. Böhmermann nennt es »den Moment, als ich geschnallt habe, dass irgendwas nicht in Ordnung ist«. Da war die Großmutter, die ihm erzählte, wie sie als Kind die Deportation ihrer Nachbarn mitbekam, von einem Tag auf den anderen waren sie verschwunden. Da war der Geschichtslehrer, der den Schülern erklärte, dass dort, wo heute der Spielplatz ist, ein Konzentrationslager stand. Mit zwölf sah Böhmermann mit seiner Klasse im Kino »Schindlers Liste«. An manchen Schülern mag so etwas abtropfen. In Böhmermann begann es zu arbeiten. Er sagt, womöglich sei er durchlässiger als andere.

Mit 18 begann er zu erforschen, was seine Vorfahren in der Nazizeit getan hatten. Er stieß auf Urgroßvater Hinrich Böhmermann. Der war Kraftfahrer bei der Wehrmacht gewesen und hatte ein Abzeichen für mutiges Kraftfahren unter Feindbe schuss. Er war in Frankreich, Belgien und auf der Krim stationiert, nach dem Krieg geriet er in sowjetische Gefangenschaft.

JULIA HÜTTNER / DPA PICTURE ALLICANCE

Humorist Böhmermann als Wahlkämpfer, vor TV-Aufzeichnung*: »Idiot oder Blödmann«


Hinrich Böhmermann war nicht in der Partei, er war nur Soldat, wie viele Männer seiner Generation. Jeder hat einen Hinrich in seiner Familie. Böhmermann hat ihn 2017 zum Thema gemacht, in der halb fiktiven Dokumentation »Reichspark«. Es ging um den angeblichen Bau eines Freizeitparks, in dem Besucher die Nazizeit nacherleben können.

Zu Beginn ist AfD-Chef Alexander Gauland zu sehen, er sagt, man habe das Recht, »stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen«. Schnitt. Böhmermann sitzt vor einer dunklen Wand wie sonst Zeitzeugen in den ZDFHistoriendokus, er hat ein Schwarz-Weiß-Foto des Urgroßvaters in der Hand und fragt: »Na, sag mal, Hinni, worauf soll ich stolz sein?« Er lauscht. »Hä? Was?« Pause. »Sagt nichts.«

* Mit dem Satiriker Martin Sonneborn, YouTuber Rezo und Kabarettist Nico Semsrott in Köln.

Die Szene hat etwas Anklagendes. Böhmermann sagt, er wolle seinen Ahnen nicht verurteilen, »aber wenn wir uns aufrichtig mit dem Vergangenen beschäftigen wollen, dann über die Menschen, die uns am nächsten sind. Bei echter Verantwortung wird es immer persönlich.« Schuld seien nicht »die Nazis« gewesen, sondern »unsere Mütter, unsere Väter. Und es kann jederzeit wieder passieren«.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Harald Schmidt, bei dem Böhmermann das Handwerk gelernt hat. Schmidt legte seine Maske nie ab, nicht einmal vor seinen Mitarbeitern. Er blieb stets Dirty Harry, der Zyniker. Ob er Polenwitze erzählte oder mit Playmobil Faust nachspielte.

Bei Böhmermann hingegen scheint zunehmend der Moralist durch. Er sagt, eine Kunstfigur konsequent durchzuhalten, wie Schmidt das getan habe, sei heute nicht mehr möglich. »Die Zeiten sind andere. Wir stehen nicht mehr oben an Deck in der Kapitänsuniform und lachen über die Trottel unter Deck im Maschinenraum, sondern wir stehen im Maschinenraum. Und die Maschine verliert Öl und Kühlwasser.«

Schmidt, das waren die späten Neunzigerjahre. Alles war ironisch. »Harald hat immer gesagt, nach der Ironie kommt das Pathos«, sagt Böhmermann. »Das stimmt nicht. Nach der Ironie kommt die Wirklichkeit. Auf einmal müssen wir Dinge bearbeiten, die wir für unverrückbar gehalten haben. Früher bekamen wir Mahnungen auf den Weg: Demokratie braucht Pflege, die Decke der Zivilisation ist dünn, sie bricht leicht ein. Das haben wir grinsend als peinliche Floskeln abgetan. Jetzt ist es ernst.«

Seit einigen Jahren beschäftigt Böhmermann sich damit, wie die Rechten digital so erstarken konnten. Wie sie sich im Netz organisieren, in digitalen Hinterzimmern, um als organisierte Truppe aufzutreten. Im April 2018 griff er in einem Video die rechte Netzaktion »Reconquista Germanica « an. Darin rief er zur digitalen Gegenbewegung »Reconquista Internet« auf: »Wenn nur jeder Hundertste mitmacht, dann haben wir tausendmal mehr Leute als die scheiß Nazis.«

Die Revanche folgte wenige Tage später. Rechte Aktivisten hackten seinen E-Mail-Account, fluteten ihn mit Hunderten von Newslettern und bestellten von Böhmermanns Mailadresse aus Waren. Der Fall ging an den Staatsschutz.

Auf Facebook und Twitter ist Böhmermann harten Anwürfen ausgesetzt. Eine der kläglichsten Einlassungen stammt vom österreichischen Extremsportler Felix Baumgartner. Sie war die Revanche für ein Interview Böhmermanns. Darin hatte der sich über die rechtspopulistische FPÖ ausgelassen und die Österreicher als »acht Millionen Debile« bezeichnet, in Abwandlung eines Zitats von Thomas Bernhard.

In einer sogenannten Satire verunglimpfte Baumgartner daraufhin Böhmermanns Vater als pädophil, weil die Mutter bei der Geburt erst 18 Jahre alt gewesen sei. Der frühe Tod von Böhmermanns Vaters verleitete Baumgartner zu dem Schluss, dem Mann sei einiges erspart geblieben, »uns leider nicht«. Böhmermanns Job hat aufgehört, nur lustig zu sein.

Es gibt ein Foto von Böhmermann, das ihn halbnackt zeigt, mit einem Sombrero auf dem Kopf und einem Tanga vorm Gemächt. Neben ihm lehnt ein Einrad. Es ist ein Standbild aus einem Einspielfilm, den er vor ein paar Jahren für die »Harald Schmidt Show« gedreht hat.

Böhmermann postet das Foto manchmal, wenn er mal wieder die Republik in Wallung versetzt hat. Es soll sagen: Leute, ich bin doch nur ein Clown. Es wirkt, als müsste er sich selbst daran erinnern.

Alexander Kühn
Mail: alexander.kuehn@spiegel.de


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