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DER NEUE PALAST DES PHARAO


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 21.10.2022

DAS MUSEUM

Artikelbild für den Artikel "DER NEUE PALAST DES PHARAO" aus der Ausgabe 11/2022 von National Geographic Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 11/2022

DER MUSEUMSDIREKTOR trägt bei der Arbeit Tarnkleidung und Kampfstiefel. Generalmajor Atef Moftah ist allerdings auch kein üblicher Museumsdirektor und das Große Ägyptische Museum (englisch Grand Egyptian Museum, kurz GEM) kein übliches Museum. Aus der Ferne wirkt das weitläufige Gebäude überdimensional. Die ausladenden, bugförmigen Konturen erinnern an ein riesiges Schiff, das in der Wüste auf Grund gelaufen ist. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass das Äußere des Gebäudes mit Dreiecken verziert ist. Diese Formen verweisen auf die Pyramiden von Gizeh, die gut zwei Kilometer entfernt von dem monumentalen Neubau in den Himmel ragen. Das Äußere des Gebäudes mag verwirrend erscheinen, die Botschaft aber ist klar: Dies ist ein Bauwerk für einen Pharao.

General Moftha, ein ausgebildeter Ingenieur mit stämmiger Figur und strammer Haltung, hat kurz geschnittenes Haar und eine zupackende Art. ...

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... Gleichzeitig entsprechen sein freundlicher Gesichtsausdruck und feiner Humor nicht unbedingt dem typischen Image eines Militärkommandanten. Und sein entspanntes Auftreten überrascht angesichts des enormen Drucks, unter dem er steht.

Das GEM ist ein Vorzeigeprojekt der ägyptischen Regierung, mit dem vor 20 Jahren begonnen wurde, das aufgrund der Aufstände des Arabischen Frühlings und der Corona-Pandemie aber viele Jahre hinter dem Zeitplan liegt. In einem Land, das stark vom Tourismus abhängt, sollen General Moftah und seine Mitarbeiter dafür sorgen, dass das neue Museum ein durchschlagender Erfolg wird.

Während er über die breite Promenade zum Eingang des Gebäudes geht, deutet der General auf die hoch aufragenden Grabmonumente in der Ferne. Gerade wird ein Fußgängerweg gebaut, der das Museumsgelände mit den Pyramiden verbinden soll. Wieder dem Museum zugewandt, nennt General Moftah Zahlen: fast 45 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, zwölf Ausstellungssäle, 100 000 Objekte, Gesamtkosten mehr als eine Milliarde Dollar. Hinsichtlich Größe und Bedeutung passt das GEM zu anderen archäologischen Projekten, die in jüngster Zeit von der ägyptischen Regierung gefördert wurden, darunter die Wiedereröffnung der Sphingen-Allee in Luxor und die Einweihung neuer Museumsräume in Sharm El Sheikh, in Kairo, Hurghada und weiteren Orten.

In der „Goldenen Parade der Pharaonen“, einem extravaganten Event im April 2021, wurden 22 königliche Mumien auf Fahrzeuge verladen, die wie antike Beerdigungsbarken dekoriert waren. Die Wagen fuhren vom alten Ägyptischen Museum durch die Straßen Kairos. Bei ihrer Ankunft am neuen Museum wurden sie von Präsident Abdel Fattah al-Sisi mit 21 Salutschüssen begrüßt. „Die Mumienparade hat wirklich dazu beigetragen, das Bewusstsein der Ägypter zu schärfen“, meint Khaled al-Anani, ehemaliger Minister für Tourismus und Altertümer. „Sie hat uns vor Augen geführt, dass wir alle einer großen Zivilisation angehören, dass wir unseren Ahnen Respekt zollen.“

Die ehemals getrennten Ministerien für Tourismus und Altertümer wurden 2019 zusammengelegt – zum Missfallen einiger Ägyptologen, die der Ansicht sind, die Archäologie sei zur Dienstmagd des Tourismus verkommen. Auch das GEM selbst ruft Kritiker auf den Plan. Manche bemängeln, dass das Museum eher auf ausländische Besucher und deren Geld ausgerichtet sei als auf die einfachen Ägypter. Andere verurteilen das riesige Gebäude als hässlich – und halten es für ungefähr so anmutig wie einen öden Flugzeughangar; zudem würden Klimatisierung und Beleuchtung entsetzlich teuer werden.

Doch als General Moftah und ich aus dem grellen Sonnenlicht in das kühle Atrium des Museums treten, schwinden meine Zweifel. Das Spiel aus Licht und Schatten, das durch das mehrschichtige Metallgitterdach entsteht, ist reizvoll, zumal es sich ständig verändert. Der Raum ist so hoch, dass sogar die Statue von Ramses dem Großen wenig beeindruckt – bis man nahe genug herantritt, um zu erkennen, dass es sich um einen elf Meter hohen Koloss handelt.

Vom zentralen Atrium aus führen breite, von Pharaonenstatuen gesäumte Treppen hinauf zu den zwölf Ausstellungssälen. Mit einem Laserpointer zeigt General Moftah auf das flache Becken im Granitboden, in dem bald kühlendes Wasser plätschern wird. Er deutet auf dekorative Kartuschen und goldfarbene Alabasterquadrate an den Wänden und erläutert das avantgardistische Beleuchtungssystem. Dann dreht er sich um und lässt den Lichtstrahl eine der Treppen hinaufwandern. „Und dort wohnt Tutanchamun“, sagt er. Zwei Säle sind dem berühmtesten Pharao Ägyptens vorbehalten. Zum allerersten Mal werden fast alle der mehr als 5000 einst im Grab gefundenen Objekte gezeigt.

In den hochmodernen Konservierungslabors des GEM werden unschätzbar wertvolle Stücke aus dem Grab des Tutanchamun restauriert. An einer Station untersucht ein Konservator das schwarze Harz auf dem äußeren Sarg des Pharao. An einer anderen Stelle restauriert Ahmed Abdrabou, Experte für vergoldete Holzartefakte, einen Streitwagen aus Ulmenholz, ein Meisterwerk der Tischlerkunst. „Für einen jungen Ägypter ist es eine große Ehre mitzuerleben, wie viele der Schätze aus Tutanchamuns Grab durch unsere Hände gehen“, sagt er. Andere Restauratoren, zumeist Frauen mit Kopftüchern und Gesichtsmasken, arbeiten an Werkbänken. Ich bleibe bei Manar Hafez stehen, die OP-Handschuhe trägt und etwas in der Hand hält, das wie ein Zahnarztinstrument aussieht. Während wir über den Kampfschild sprechen, den sie restauriert, streicht sie mit den Fingern so sanft über das alte Holz, als würde sie ein Kind liebkosen. „Als ich ihn das erste Mal sah, war er wie ein toter Körper – alles in Einzelstücken, keinerlei Identität“ erzählt sie. „Langsam, ganz langsam durfte ich miterleben, wie er wieder zum Leben erwacht ist.“

DIE ZAHL DER VON ÄGYPTERN GELEITETEN PROJEKTE IST GESTIEGEN. INZWISCHEN GIBT ES MEHR ALS VIERZIG GRABUNGEN UNTER ÄGYPTISCHER LEITUNG.

DIE SOMMER IN OBERAGYPTEN machen Grabungsarbeiten zu einer höchst unangenehmen, mitunter sogar gefährlichen Angelegenheit. Als ich um zehn Uhr morgens den Schatten der Dattelpalmen am Nil hinter mir lasse und in die sonnenversengte Wüste hinausfahre, hat es bereits an die 40 Grad. Dennoch leistet ein Team ägyptischer Archäologen Schwerstarbeit in der sogenannten Verlorenen Goldenen Stadt, einer erstaunlich gut erhaltenen Stätte.

Der Grabungsleiter Afifi Rohim Afifi führt mich einen Weg entlang, der schon Jahrzehnte vor Tutanchamuns Zeit eine belebte Stadtstraße war. „Ich warte schon fast darauf, dass ein alter Ägypter um die Ecke biegt und auf mich zukommt“, sagt er. Einheimische Arbeiter helfen ihm dabei, Funde zu enträtseln, beispielsweise die Matraha, ein hölzernes Werkzeug zum Brotbacken, und die Manama, einen Raum mit niedriger Decke zum Schlafen. „‚So etwas nutzen wir in unserem Dorf bis heute‘, sagen sie mir“, erklärt Afifi. „Sie fühlen eine starke spirituelle Verbindung zu diesem Ort und wollen auch über das Saisonende hinaus weiterarbeiten.“

Im Verlauf der vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der von Ägyptern geleiteten archäologischen Projekte vervielfacht. Durch die Pandemie, die den Flugverkehr lahmlegte, kamen die meisten Projekte ausländischer Archäologen zum Erliegen. Ägypter sprangen ein, um die Lücken zu schließen. Heute gibt es landesweit mehr als 40 archäologische Einsätze unter ägyptischer Leitung.

An vielen dieser Stätten werden genau wie in der Verlorenen Goldenen Stadt bemerkenswerte Entdeckungen gemacht, mit einer Fülle von Artefakten: 30 bemalte Särge in Luxor, 40 Mumien in Tuna el-Gebel, einer bedeutenden Totenstätte unweit von Minya. Dazu eine enorme Ausbeute aus Sakkara, darunter 250 bemalte Holzsarkophage, 150 Bronzestatuetten und Dutzende Mumien und Statuen von Katzen, Mungos, Krokodilen und Ibissen.

Die ägyptischen Behörden sind stolz auf diese Flut von Entdeckungen und das Medieninteresse, das sie hervorrufen. „Jeder neue Fund ist kostenlose Werbung für Ägypten und seine Reiseindustrie“, erklärt Zahi Hawass, der ehemalige Minister für Altertümer.

Nicht alle Ägyptologen sind derart begeistert. „Im Moment dreht sich alles um Gold, Schätze, Geheimnisse und Hobbyabenteurer – um alles, was die westliche Klientel bedient“, meint Monica Hanna, Dekanin des College of Archaeology and Cultural Heritage an der Arabischen Akademie in Assuan. „Das ist Schatzsucherei und keine ernst zu nehmende wissenschaftliche Archäologie.“ Immerhin positiv sieht sie die Parade der königlichen Mumien und das Interesse, das sie bei den Ägyptern geweckt hat: „Abertausende Ägypter haben uns kontaktiert und nach Büchern über das Alte Ägypten gefragt“, erzählt Hanna.

EINE 15-MINUTIGE AUTOFAHRT bringt mich von der Verlorenen Goldenen Stadt ins Tal der Könige, wo sich das Grab des Tutanchamun befindet und wo ebenfalls Archäologen der neuen Generation Ägyptens arbeiten. Nach der Ankunft führen mich Fathy Yaseen und seine Kollegen in ein Grab, das sie als Werkstatt und Lagerraum nutzen. Sie zeigen die 700 Amulette, Statuetten und Scherben, die sie kürzlich unweit von Tutanchamuns letzter Ruhestätte ausgegraben haben, ehe wir zu der Treppe gehen, die in das berühmte Grab des Pharao hinabführt.

Während ich die 16 Stufen hinabsteige und Hitze und Helligkeit der Wüste hinter mir lasse, sehe ich einzelne Episoden der Geschichte vor mir: Tutanchamuns Begräbniszeremonie, die Grabräuber, Howard Carter und George Herbert, fünfter Earl of Carnarvon, die Besucherscharen, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts herbeiströmten. Unten angekommen, steige ich durch die Reste der Mauer, die Carter und Carnarvon an jenem schicksalhaften Tag vor 100 Jahren einrissen, und stehe im ersten der vier Räume des Grabes, den Carter die Vorkammer nannte. Die Wandmalereien leuchten nach wie vor, trotz einiger Verfärbungen. An der Nordwand wird Tutanchamun von Osiris umarmt, dem Gott der Unterwelt. Im Süden hält die Göttin Hathor ein Anch-Kreuz, Symbol des Lebens, an die Lippen Tutanchamuns.

Ursprünglich waren Teile des Grabes derart mit prächtigen Gegenständen angefüllt, dass sich die Forscher an Seilen von der Decke herablassen mussten, um nichts zu zertrampeln. Inzwischen befinden sich all diese Objekte im GEM, rund 640 Kilometer entfernt. Einzige Ausnahme ist der gewaltige, aus einem einzigen Quarzitblock gehauene Sarkophag, der einst die drei ineinander geschachtelten Särge des Pharao barg. Mit einer Höhe von fast anderthalb Metern und einem Gewicht von vermutlich mehreren Tonnen war es offensichtlich zu aufwendig, ihn fortzuschaffen. An seinen Ecken stehen vier steinerne Göttinnen, die ihn mit ihren Flügeln schützend umfangen. Von Tutanchamuns Schätzen befindet sich nichts mehr hier.

Die Mumie des Pharao liegt gleichwohl noch in ihrem Grab, versteckt in einer Ecke, in einer klimatisierten Vitrine unter einem weißen Leintuch. Das von den Jahrtausenden im Grab gezeichnete Antlitz hat so gut wie nichts gemein mit der goldenen Totenmaske, die es einst bedeckte, mit dem weltberühmten, selbstsicheren Lächeln, das heute jeder kennt. Der Name Tutanchamun besitzt eine ungebrochene Anziehungskraft. Doch sein ausgezehrter Körper wirkt hier in diesem Grab einsam und verloren – aller Gegenstände beraubt, die die Ägypter einst für ein Leben im Jenseits als notwendig erachteten.

Immerhin würde Tutanchamun vermutlich der Verlauf seiner Geschichte gefallen. Dem Glauben der alten Ägypter zufolge besteht das Wesen eines Menschen aus verschiedenen Seelenaspekten, für die es in der nächsten Welt auch unterschiedlich weitergeht: Khat, der physische Körper, wird allen Mumifizierungsriten zum Trotz irgendwann zu Staub zerfallen. Ba ist der einzigartige Charakter oder die Persönlichkeit des Verstorbenen, oftmals als Falke mit Menschenkopf dargestellt. Und Ka ist die Lebenskraft, die nach dem Tod Nahrungsmittel benötigt. Besonders wichtig ist Ren, der Name. Die Ägypter wiederholten geradezu obsessiv die Namen berühmter Verstorbener in ihren Inschriften, Gebeten, Zauberformeln und Begräbnistexten, da sie glaubten, der Verstorbene würde dadurch gleichsam weiterleben. Geriet der Name in Vergessenheit, war die Seele des Verstorbenen für immer verloren – ein sehr gefürchteter zweiter Tod.

Hier unten im Grab hat Tutanchamuns Khat schon bessere Tage gesehen. Was Ba und Ka angeht, kann man nichts Genaues sagen. Um seinen Ren aber ist es bestens bestellt. Kein Pharao wurde in den vergangenen 100 Jahren so häufig erwähnt wie Tutanchamun. Der König, der historisch nur eine Randerscheinung war, wird in unserer Vorstellung ewig leben. j Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Der langjährige NATIONAL GEOGRAPHIC-Mitarbeiter Tom Mueller hat in 48 Ländern gelebt oder gearbeitet. Paolo Verzone fotografierte für NatGeo bereits Dinosaurierknochen, Bibelhandschriften und andere Schätze der Vergangenheit.