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Der neue Rhythmus unserer Stadt


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 16/2022 vom 03.08.2022

Titel

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Auf dem Tempelhofer Feld trifft sich die Berliner Flamenco Szene

Man hört es klappern, ehe man sie sieht.

Es ist natürlich ein Klischee, dass das Tempelhofer Feld Platz für alle hat und alle das mitnehmen. Also, mit dem Rad hier samstags am Nachmittag über die Rollbahn: Tubaprobe, Grill, Meditation. Die Flamencogruppe ist anders. Die bleibt nämlich hier. Zumindest hat sie es geschafft, eine feste Struktur zu bauen, an einen Ort, der famously unbebaut ist: einen Tanzboden. 25 Quadratmeter eben liegendes Holz über stoßdämpfenden Luftpolstern, eingerahmt von Aluminium. Leicht zu übersehen zwischen den brüchigen Betonplatten und der wuchernden Wiese in der Nähe des Eingangs am S-Bahnhof Tempelhof. Aber: Das Knallen der beschlagenen Schuhe auf Holz ist nicht zu überhören.

Nur fünf Menschen sind heute hier, es ist kein reguläres Tablao, wie die eigentlichen Treffen der Flamenco-Szene sich nennen. Miguel, Gloria und die anderen proben vielmehr für einen Auftritt ...

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... auf dem Lesbisch-Schwulen Stadtfest in Schöneberg. Zwei Menschen spielen Gitarre, drei tanzen, jeweils solo, die anderen klatschen mit und rufen, ja wirklich, „olé“, wenn die Moves und die Akkordleitern krass waren. Miguel freut sich auf den Auftritt, aber wundert sich schon ein bisschen: „Es ist ein anderes Publikum als sonst, die Leute sind sicher im Party-Modus. Direkt vor uns kommt eine House-Musik-Nummer, und dann kommen wir mit traditioneller Folklore!“

Die Skepsis ist ja berechtigt. Erst assoziierte man mit Rhythmus in Berlin zwei militarisierte Jahrhundert lang „links-zwo-dreivier“, dann seit mittlerweile drei Jahrzehnten den bassigen Vier-Viertel der Techno-Szene. Und auf einmal merkt die Stadt: Da geht ja noch mehr. Zwar gibt es seit Jahren bei der Museumsinsel Tango und in Clärchens Ballhaus seit 1913 Bälle. Aber vielleicht ist einer der Nebeneffekte der Pandemie auch der: Berlin hat tanzen gelernt – oder gelernt, seine Tänze in den öffentlichen Raum zu legen.

Die Tänze scheinen jede Aneignungsdebatte zu ignorieren, Almans und Migras tanzen zusammen Stile, die ohnehin schon in ihren Ursprüngen nichts Reines haben. In der Hasenheide, im Treptower Park, im Volkspark Friedrichshain, traditionell Rave-Revier, gibt es jetzt auch „Tree Dance“, freien, stillen Tanz mit Kopfhörern im Ohr, organisiert per Telegram. Im Mauerpark tanzt man Volkstänze und Lindy Hop bewegt Menschen auf einem Schiff in Mitte und im Garten der Wilden Renate. Auf dem Feld wird regelmäßig ein kollektiver Liebesbrief an die Clubmusik geschrieben – meditativ mit Gaga Tanz. Und eben: Flamenco.

Der Tanzboden auf dem Feld ist jedenfalls ohne die Pandemie nicht denkbar. Nach dem Lockdown des Frühjahrs 2020 begann

die Flamenco-Szene rasch, sich über die einzelnen Schulen hinweg Open Air auf dem Feld zu treffen. Zunächst auf einem kleinen Podest beim roten Container des Kulturgate e.V., den Miguel Ortega zufällig entdeckte.

„Deutschland hat gelernt, die Straßen zu beleben“

MIGUEL ORTEGA

Im März 2022 eröffnete in der Nähe nun der Tanzboden, offiziell eine Kooperation mit dem Verein, finanziert durch Crowdfunding und gefördert mit Mitteln des Bezirksamts – und auch möglich, weil Miguel selbst Architekt ist, die Konstruktion unbezahlt plante und die gesamte Szene ehrenamtlich anpackte. Heute ist der Tanzboden für alle offen, eine Einladung, nicht nur zum Flamenco.

Flamenco erlebt ein kleines Hoch, seit mit Rosalía ein junger Popstar den Flamenco-Gesang in neue Formen packt und das antiziganistische Kitschmotiv der schönen Frau mit Kastagnetten und gelüpften Röcken ein wenig retouschiert. Dabei ist Flamenco primär nicht einmal nur ein Tanz, sondern eine Kunstform aus Gitarre, Körper und Gesang, mit Einflüssen aus jüdischen, maurischen, christlichen Traditionen und der Musik der Calé, der spanischen Roma.

Ein Tanz, der kein Geschlecht kennt, nur Tanzende, und den man nur, heißt es, mit Blut im Mund singen kann. Und: „Für mich ist Flamenco der einzige Tanz, bei dem du selbst Musik machst, mit den Füßen, mit deinem Körper.“ An den Kastagnetten beißt er sich allerdings gerade ein wenig die Zähne aus. Miguel hat vor sieben Jahren mit dem Tanzen angefangen. Aus Heimweh, sagt er: „Gehört habe ich es immer, getanzt habe ich aber in Andalusien nie, das Niveau ist dort so professionell“ - da sei Berlin wesentlich zugänglicher.

Aus der Isolation freitanzen

Überhaupt, Berlin hat sich verändert, und das hat sehr viel gemacht auch mit dem Tanzen. Wäre zumindest Miguels These: „Deutschland hat gelernt, die Straßen zu beleben. Wir kommen aus einer Kultur, in der man alles auf der Straße macht – deshalb sind auch unsere Wohnungen so klein, wir treffen uns ja sowieso draußen. Das ist ein Fortschritt der letzten zwei Jahre, das kann man nicht mehr zurückdrehen. Die Restaurants haben jetzt ihre Plätze auf dem Bürgersteig.“ Und die Flamenco-Szene 25 Quadratmeter Tanzboden auf einem ehemaligen Flughafen.

„Corona hat so viel verändert wie ein Krieg. Man muss sich frei tanzen, sich aus dem Loch raus trauen, und der Raum draußen ist für uns alle gerade noch sicherer. Das Vergnügen, tanzen zu wollen, bricht immer durch. Das gehört zum Berliner Lebensgefühl dazu“, sagt Marion Kiesow. Die Historikerin hat das Buch „Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus. 100 Jahre Vergnügen – eine Kulturgeschichte“ geschrieben und stellte fest, dass Berlin schon immer eine Stadt in rhythmischer Bewegung war – nicht nur in den Ballhäusern, sondern eben auch draußen.

Café-Gärten und Ausflugslokale am Stadtrand mit riesigen Tischen luden schon im späten 19. Jahrhundert zum Tanz – und die Bürger:innen nahmen dankend an. „Berlin ist dicht bebaut, Mietskasernen mit vier, fünf Höfen. Die Leute wollten raus, sich vergnügen, und wenn das Wetter danach war, natürlich auch an der frischen Luft.“ Die Berliner Tanztradition: Polka, Walzer – und in Neukölln der Rixdorfer. Nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Tanzlandschaft: „Da gab es Männermangel. Man tanzte plötzlich auch mal alleine. Shimmy, Charleston und Black Bottom, die Tänze der Zwanziger – das sind Frauentänze.“

Am Ufer gegenüber dem Bode-Museum, gleich unter der Spreebrücke, lockt heute wiederum das Paradies für Paartanz. Seit vielen Jahren liegt hier am Rande des Monbijou-Parks ein echter Tanzboden, umgeben von Palmen im Kübel. Und jeden Tag erschallt Musik. In diesem Sommer gibt’s hier Montag und Donnerstag Salsa, Dienstag und Samstag Standard und Latein, mittwochs und freitags Tango, der Sonntag gehört dem Swing. An diesem Hitzewellendienstag, das Thermometer zeigt noch nach Sonnenuntergang 30 Grad, ist die Tanzfläche eher angenehm gefüllt als dicht gepackt. Die Tänze wechseln sich ab, mal klassischer Walzer, dann „Sunny, I Love You“ im Cha-Cha-Cha-Remix. Es ist also durchaus ein munteres Durchwechseln: Liegt ja nicht allen alles, Paare schauen sich an und nicken. Dann also doch ein Spritz an der Strandbar? Was sich nicht ändert: Es bleibt ein eher älteres Publikum, für die Verhältnisse auf Berliner Tanzflächen zumindest. Unter 40 ist kaum jemand, und to be honest, vermutlich auch nicht so viele unter 50. Es ist ein bisschen süß. Die Stimmung ist bestens, einige tasten, einige sind schon in ihrem Element. Für alle ist es ja auch ein bisschen Schau machen, das merkt man: Klappt der Heber so gut wie in der Tanzschule? Mal versuchen. Die meisten sind in Mann-Frau-Kombination gekommen, aber auch ein Männerpaar wirbelt über die Bretter.

„Noch immer gilt Berlin, natürlich neben Buenos Aires, als Welthauptstadt des Tango“

Profis und Hobbytänzer:innen

Frank kommt mit seiner Partnerin seit Jahren her. „Die Atmosphäre ist unglaublich. An der freien Luft zu tanzen ist sowieso schon mal schön, dann hast du einen Boden, der funktioniert, es ist direkt am Wasser, das Bodemuseum im Hintergrund, die Palmen, das Licht – und Zuschauer gibt’s auch!“, sagt er. Moment, Zuschauer, Boden, der funktioniert? Ah, die beiden tanzen sonst bei Turnieren. „Für mich ist das hier ein wahnsinniges Ausweichtraining“, lacht Frank. Natürlich tanzt man hier ganz anders als im Tanzverein, die meisten sind Hobbytänzer:innen. Es gibt einen harten Kern, man kennt sich. „Manchmal gibt’s natürlich auch einen Touri, der sich die Schuhe auszieht und mittanzt.“

Ein wenig leerer ist es allerdings geworden, seit der Pandemie, findet er. „Früher ist es um die Uhrzeit so brechend voll gewesen, dass du dich hier gar nicht mehr bewegen konntest. Viele sind nicht mehr zurückgekommen. Leider.“ Vielleicht also doch eine Altersfrage: Boomt der Open-Air-Tanz der Tanzstadt Berlin doch nur für die, die auch im November 2021 noch in die Clubs gegangen sind, als türmte sich nicht schon eine gewaltige Welle am Horizont?

Paartanz scheint mit der Pandemie eher rückläufig zu sein, die Tanzschulen verzeichnen weniger Kund:innen, Veranstaltungsräume sind verloren gegangen – aber open air haben doch viele der Orte wieder geöffnet, die die Berliner Szene in den letzten Jahren prägten. Die Mall of Berlin öffnet im Sommer jeden Werktag abends ihr Atrium für Discofox bis Bachata, vor der Neuen Nationalgalerie lädt sonntags DJ Tangokonrad zur Milonga und täglich die Milonga PLH ans Paul-Löbe-Haus, direkt an der Spree. Das hätte sich der Tango so wohl auch nicht vorgestellt: Dass diese Musik der argentinischen Unterschicht, in der sich kreolischer Candombe und mitteleuropäische Polkas und Walzer treffen, einmal in einer Stadt wie Berlin eine Exilheimat finden würde, im Schatten des Regierungsviertels. Noch immer gilt Berlin, natürlich neben Buenos Aires, als Welthauptstadt des Tango.

Jetzt wollen sie aber auch noch was fragen, sagt das Pärchen, das zum ersten Mal hier ist und Frank interessiert zugehört hat. Nämlich: Darf man eigentlich zum Tanz auffordern? Weil, das stimmt ja, so viele hier mit Partner:innen da sind. Sie haben schon überlegt, sich getrennt hinzusetzen und zu warten, was passiert. Aber nicht doch, sagt Frank, man kann hier jede:n auffordern, wenn man respektvoll fragt. Konsens ist geil in Berlin: Ob Darkroom oder Tanzboden, da begegnen sich die Tanzszenen dieser Stadt dann doch.

Kurz darauf ist Schluss am Ufer. Um zehn Uhr ist Nachtruhe, und die Nachbarschaft am Monbijou-Park setzt das auch seit Jahren sehr zum Unmut der Abendschwärmer:innen durch. Die Menge verläuft sich. Ein paar Meter weiter dringt schon der Beat aus dem dunklen Lustgarten hinüber, schön utz-utziger Techno. Niemand tanzt hier um die große Box, die ein paar Teens dahin gestellt haben. Aber die Stadt hat ihren ureigenen Sound wieder.

„Es wurde eine Lawine des Verbundenseins“

ALVIN COLLANTES

Das Bindeglied zwischen den disparat scheinenden Szenen ist vielleicht „Dose of Pleasure“. Nicht nur sich frei gehen lassen wie im Rave, aber eben auch nicht zu viel Reglement wie bei den Standardtänzen, das ist schließlich die besondere Balance dieser Praxis. „Um wirklich frei zu tanzen, helfen Strukturen“, sagt Alvin Collantes beim Treffen in einem Kreuzberger Café. Hauptsächlich unterrichtet er die Körpersprache Gaga, die die Tänzer:innen mit ihrem inneren somatischen Erleben neu verknüpfen will. Alvin tritt aber auch als Dragqueen auf – und experimentiert als Clubgänger auf den queeren Floors der Stadt.

Tanz zwischen Meditation und Extase

Seine „Dose of Pleasure“ ist eine regelmäßige kollektive Tanz-Meditation auf dem Tempelhofer Feld, ein brain child der Pandemie, die zuerst online abgehalten wurde, dann ihren Platz unter freiem Himmel fand. „Als alles zumachte, rief ich mir meinen Erfahrungen in Clubs in Erinnerung. Wie erreiche ich die Orte in meinem Körper, die sich gut anfühlen, und wie die Orte, die mir Angst machen? Denn der Lockdown war mit Ängsten verbunden, die Konfrontation damit, isoliert zu sein, allein mit den eigenen Gedanken.“ Er fragte sich: Wie kann ich das in Vergnügen wandeln? „Ich wollte allen das Gefühl geben, auch wenn wir allein sind, wir tanzen miteinander. Es wurde eine Lawine des Verbundenseins.“ Bald schon wurden internationale Medien auf dieses Berliner Phänomen aufmerksam. Im Sommer 2020 kamen teilweise hunderte. „Mit der Distanz kultivierten wir neue Möglichkeiten, uns mit unseren Körpern zu verbinden: Weinen, brüllen, schreien, trommeln.“

Heute leitet er die Zusammenkünfte einmal wöchentlich. „Dose of Pleasure“ arbeitet mit den Emotionen, alle sind erlaubt auf dem Floor, alle transformieren sich aber auch im Tanz. Offenheit sich selbst gegenüber ist das Fundament. Es ist aber auch eine Praxis, die eng an den Initiator gekoppelt ist, er versteht sich nicht nur als Anleiter, sondern auch als derjenige, der in den Sessions seine Seele offenbart. „Diese Praxis ist eine Kombination von allem, was ich liebe. Disco, Clubs, Gaga, Ausdruck durch Rhythmus. Sie ist variabel, aber sie kommt von einem verkörperten Selbst.“

Nicht zuletzt sind die Treffen auch eine Hommage an die Geschichte der Clubmusik: „Für mich ist es ein Liebesbrief an Tanz als Erfahrung von marginalisierten Gruppen, die sich verbinden, um ihre Körper zu befreien, von Unterdrückung zu befreien, um alle unsere Ausdrucksformen zu umarmen. Denn auch ich habe in dieser Gesellschaft aufgrund meiner Identität viel erlebt. Es geht nicht darum, dass ich den Raum befreie“, sagt Alvin. „Die Säulen des Raumes sind die Menschen, die mit Schmerz und Leid kommen und sich in der Bewegung befreien.“

Ein paar Tage später nochmal zurück zum Tanzboden auf dem Feld, diesmal: Tarantella. Gleich soll es Regen geben, kurz und heftig – endlich. Xenia Kröger, die den lose organisierten offenen Kreis zusammenhält, packt die Instrumente, die sie mitgebracht hat, vorsichtshalber erstmal wieder ein: Akkordeon und Tamburello. Immer donnerstags kommen hier Menschen zusammen, tanzen, machen Musik und lernen gemeinsam die überschaubaren Regeln und Elemente der Tarantella. „Der Volkstanz in Europa ist grundsätzlich strukturiert. Man kann einem Menschen vom Balkan leicht einen französischen Volkstanz beibringen. Bei der Tarantella bist du dagegen angewiesen auf Improvisation, es gibt nur wenige Schritte“, erklärt die Musikwissenschaftlerin.

Der volkstümlichen Erklärung nach soll die Tarantella das Gift von Taranteln aus gebissenen Patient:innen treiben, in stundenlangem Reigen. Ein süditalienischer Volkstanz, der geplant in die Trance führt. Also: Wieder ein Tanz als Therapie. Repetitive Bewegungen, bis das Glück eintritt – das klingt dann doch sehr nach dieser Stadt, in deren freiem Herzen wir sitzen. Langsam trudeln die Tänzer*innen ein. Der Himmel ist aufgeklärt.