Lesezeit ca. 5 Min.

Der Nomade in uns


schule - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 28.10.2021

Artikelbild für den Artikel "Der Nomade in uns" aus der Ausgabe 4/2021 von schule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Durch die Wüste Sinai Mit stetigem Schritt geht die Karawane von Achill Moser durch die ägyptische Steinwüste

Einfach nur gehen und gehen. Wie Nomaden wandern wir durch die Weite. Über uns ein grenzenloses Himmelsblau. Windgeformte Sanddünen und bizarre Felsformationen gleichen einer grandiosen Filmkulisse. Es herrschte eine Stille vom Anfang der Welt. Neben mir geht mein 14-jähriger Sohn Aaron. Mit einigen Kamelen im Schlepptau ziehen wir durch die ägyptische Wüste Sinai, und der gelbe Sand schluckt die Geräusche der Hufe. Schritt für Schritt läuft die Landschaft mit. Und irgendwann, wenn beim stetigen Gehen der Kopf so fit wird wie die Beine, lassen wir alle Sorgen und Grübeleien von der Kette – und tauchen tiefer und tiefer in die Wüste ein. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als mir mein Sohn die Zügel seines Kamels reicht und die steilen Flanken eines Sandberges hinaufstürmt. Düne rauf, Düne runter. Er liebt es, sich auszutoben, bis er atemlos zu Boden fällt und staunend in die Weite blickt, wie ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von schule. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2021 von LIEBE LESERINNEN UND LESER, WIE MOTIVIERT SIND SIE HEUTE?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBE LESERINNEN UND LESER, WIE MOTIVIERT SIND SIE HEUTE?
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Initiative PRO BILDUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Initiative PRO BILDUNG
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von DER BEIRAT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER BEIRAT
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von MAGAZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAGAZIN
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von NÄHE ZU MENSCHEN ALS ANREIZ. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NÄHE ZU MENSCHEN ALS ANREIZ
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Spielspaß für Nachwuchs-Techniker. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Spielspaß für Nachwuchs-Techniker
Vorheriger Artikel
„5 DINGE, DIE ICH ÄNDERN WÜRDE, WENN ICH BILDUNGS…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SCHULE 2040 – WAS WERDEN WIRD
aus dieser Ausgabe

... man Dinge anstarrt, die so viel größer sind als man selbst. – Dieses Erlebnis liegt viele Jahre zurück. Doch schon damals teilte mein Sohn die Bewegungsleidenschaft mit mir.

Wir alle – vor allem junge Leute – brauchen Bewegung, die besonders in unserem Schulalltag stark vernachlässigt wird

Das In-Bewegung-Sein, Laufen, Gehen, Wandern, hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt. Denn: Der Nomade in uns braucht Bewegung, die besonders in unserem Schul-alltag stark vernachlässigt wird. Diese Bewegungsarmut ist mir schon in Jugendjahren bewusst geworden. Damals war ich enttäuscht über die Leere der Lernfabriken und lief nicht synchron mit den schulischen Ausbildungsprogrammen, sodass ich mit 17 Jahren die sechswöchigen Sommerferien nutzte, um nach Marokko zu reisen, wo ich zum ersten Mal in den Sandwellen der Sahara stand.

Mit Beduinen zog ich fünf Tage durch die Weite der Wüste. Dieses stetige Unterwegssein inmitten einer spektakulären Landschaft, begeisterte mich so sehr, dass ich wusste, ich würde immer wieder zurückkehren. Es war vor allem die Neugier, die mich gepackt hatte. Ich wollte mehr über jene Wüstenmenschen erfahren, für die kontinuierliche Bewegung nicht nur Lebensinhalt, sondern existenzielle Daseinsform ist.

Manche Lehrer hatten dafür kein Verständnis, sodass ich sechsmal die Schule wechseln musste, ehe ich das Abitur in der Tasche hatte

Mit dieser Neugier kehrte ich nach Hamburg zurück und nahm neben der Schule einige Jobs an, um mit dem nötigen Geld erneut nach Afrika zu reisen. In den Folgejahren verlängerte ich auf eigenen Wunsch immer wieder die Sommer- und Herbstferien und blieb der Schule für drei bis vier Monate fern, um in der Sahara mit Beduinen oder Tuareg zu leben und unterwegs zu sein.

Manche Lehrer hatten dafür kein Verständnis, sodass ich sechsmal die Schule wechseln musste, ehe ich das Abitur in der Tasche hatte. Gleichwohl haben diese frühen Reisen sowie die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen der Wüste, die in einer vollkommen anderen Kultur lebten, in der die Kinder kaum Möglichkeit hatten, eine Schule zu besuchen, nicht nur meinen Hunger nach Wissen gefördert – ich habe vor allem begriffen, wie wichtig Bildung ist; es ist die Voraussetzung für eine selbstständige und sichere Zukunft.

Ein wunderbarer Gegenentwurf zum Schulalltag in Deutschland, wo die Bewegungsarmut nach wie vor weitverbreitet ist

Doch zur schulischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen muss auch die körperliche Bewegung eine wichtige Rolle spielen. Dieses erlebte ich Jahre später in zahlreichen Dorfschulen Ostafrikas und Chinas, wo nach zwei Stunden Unterricht ausgiebig Sport betrieben wurde. Ein wunderbarer Gegenentwurf zum Schulalltag in Deutschland, wo die Bewegungsarmut nach wie vor weitverbreitet ist.

Sport und Bewegung prägen mein Leben seit nunmehr 40 Jahren – auch beruflich. Als Fotograf und Buchautor habe ich abenteuerliche Expeditionen in die ganze Welt unternommen; zu Fuß bereiste ich 28 Wüsten der Erde – in einer Geschwindigkeit, in der die Seele Schritt hält. Die Bewegungsleidenschaft zählt seit Kindesbeinen auch zum Leben meiner Söhne Dirk und Aaron. Mit Aaron (28, Fotograf und Kameramann) bin ich sogar seit mehr als zehn Jahren rund um die Welt unterwegs, um Erfahrungen zu machen, „die wir im gewohnten Alltag niemals machen würden“. Denn: Reisen bildet. Schon Mark Twain hat es gewusst, als er schrieb: „Man muss reisen, um zu lernen.“ Mein Sohn und ich wanderten auf Heinrich Heines Spuren über die Alpen nach Italien, waren in Schottland, Spanien, Island und Afrika unterwegs, zogen zu Fuß und mit Rucksack 1 600 Kilometer durch Deutschland – von der Nordsee zur Zugspitze.

Respekt, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Dankbarkeit, Demut und Achtsamkeit gegenüber der Natur

Neben unvergesslichen Erlebnissen haben wir beim Unterwegssein einfachste Lebensformen kennengelernt, die ein Gegenentwurf zum Wohlstandsmodell des Westens sind. Und beim Zusammenleben mit den unterschiedlichsten Menschen in Afrika, Asien, Amerika und Europa haben wir die Werte des Lebens neu schätzen gelernt: Respekt, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Dankbarkeit, Demut und Achtsamkeit gegenüber der Natur. Diese sozialen Werte geben unserem Leben nicht nur Halt und Orientierung, sondern bilden das Fundament menschlichen Zusammenlebens.

Wir haben erkannt, wie wichtig Bewegung ist, um neue Horizonte und Perspektiven zu entdecken, die uns weiterbilden

Überdies hat uns das Unterwegssein die Augen für den Nomaden in uns geöffnet. Wir haben erkannt, wie wichtig Bewegung ist, um neue Horizonte und Perspektiven zu entdecken, die uns weiterbilden. Unsere Weltanschauungen kommen also vor allem durch die tatsächliche Anschauung der Welt zustande – und das geht am besten zu Fuß. Wir lieben das Zu-Fuß-Reisen, die natürlichste Art der Fortbewegung; sie ist für uns nicht nur Abenteuer, sondern eine Rückkehr zur Langsamkeit und ein Zugewinn an Lebensfreude.

Die Lust an der täglichen Bewegung fällt aber nicht einfach so vom Himmel – man muss sie motivieren und fördern. Insofern benötigt Bewegung auch ein Ausbildungsfundament. An diesem Punkt kommt unser Schulsystem ins Spiel, das seit Jahrzehnten Sport und Bewegung extrem vernachlässigt. Doch Kinder und Jugendliche, die in der Schule stundenlang sitzen, anspruchsvolle Konzentrationsarbeit leisten und geistig aktiv sind, brauchen auch konstante Entspannungsphasen, damit das überlastete Denkorgan wieder frei wird. Ein strapazierter Geist braucht ein Ventil gegen Erschöpfung, Langeweile, Enttäuschung, Stress und Frust. Da hilft am besten körperliche Bewegung, um die innerlichen Spannungen abzubauen.

Kopf und Körper, so habe ich beim Unterwegssein immer wieder erfahren, müssen gleichzeitig aktiviert werden, um ein seelisches Wohlbefinden zu gewährleisten. Insofern plädiere ich – wieder und wieder – für mehr Sport und Bewegung im Schulalltag. Denn wenn wir uns regelmäßig bewegen, sportlich aktiv sind, wird unser Gehirn besser durchblutet und die Muskulatur sowie unsere Abwehrkräfte werden gestärkt. Mehr noch: Sport und physische Bewegung erhöhen die geistige Leistungsfähigkeit, führen zu mehr Kreativität und einem gesteigerten Denkvermögen, lösen ein positives Gefühl in uns aus, wenn der Körper Endorphine ausschüttet, ein Hormon mit euphorischer Wirkung, das uns zufriedener und glücklicher macht. So können Kinder und Jugendliche die täglichen Anforderungen des Schulalltags sehr viel besser bewältigen. – Ist es nicht genau das, was wir uns für eine gesunde Entwicklung wünschen?

TEXT: ACHILL MOSER