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Der Ost-Komplex


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 35/2019 vom 23.08.2019

Landtagswahlen Nirgendwo sonst im Land ist die AfD so stark wie im Osten, nirgendwo sonst fühlen sich die Menschen so benachteiligt und abgehängt – dabei geht es den meisten besser denn je. Ein Blick in die ostdeutsche Seele.


Titel

Artikelbild für den Artikel "Der Ost-Komplex" aus der Ausgabe 35/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 35/2019

Straßenszene im brandenburgischen Herzberg


Sachsen im Sommer 2019. Vom Freibad schweift der Blick über die Hauptstraße in Heidenau zu einer weiß-roten Industriehalle. »Möbelwerk Heidenau« steht auf einem Schild, am Metallzaun wirbt ein Aufsteller für »Hippo’s Hüpfburgen«. Der Parkplatz im Gewerbegebiet in der Sächsischen Schweiz ist mit Lkw-Aufliegern vollgestellt, gegenüber ...

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... liegt ein Supermarkt. Weit und breit ist an diesem Wochenende kein Mensch zu sehen.

Vor vier Jahren war die Halle noch weißblau gestrichen und stand im Mittelpunkt öffentlicher Erregung. Drei Tage lang protestierten im August 2015 Tausende Demonstranten gegen die Entscheidung der sächsischen Landesregierung, aus dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt eine Notunterkunft für 600 Flüchtlinge zu machen. Die NPD marschierte vorneweg, Steine, Flaschen, Feuerwerkskörper flogen Richtung Polizei. Die Bilder gingen um die Welt. Der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) kam in die Stadt, verurteilte den »rechtsradikalen Mob« und das demonstrierende »Pack«. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) fuhr vor und wurde als »blöde Schlampe«, »Hure« und »Volksverräterin « beschimpft. Die aufgewühlte Masse skandierte trotzig: »Wir sind das Pack.« In jenen Wochen protestierten Menschen in Tröglitz, in Freital, in Dresden, in Heidenau. Am 4. September 2015 entschied Merkel dann, dass die Grenzen offen bleiben sollten. Hunderttausende weitere Migranten kamen. Es war ein Sieg der Menschlichkeit. Aber, so empfinden das etliche Menschen im Osten, auch eine Entscheidung gegen sie.

Der Heidenauer Baumarkt diente nicht mal ein Jahr lang als Asylunterkunft. Das angrenzende Möbelwerk kaufte die Immobilie vom Freistaat, heute werden dort Schlafzimmermöbel gebaut und in 50 Länder der Erde exportiert. 2015 wurden 70000 Asylsuchende in Sachsen registriert, vergangenes Jahr waren es lediglich noch 8800.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Aber sie ist nicht vorbei. Bei der Kommunalwahl im Mai verlor die Heidenauer CDU 20 Prozentpunkte, die fremdenfeindliche AfD wurde mit 29,5 Prozent stärkste Kraft. Die Partei hatte nicht einmal genug Kandidaten auf - gestellt, um die sieben Sitze im Stadtrat besetzen zu können. Zwei blieben frei. In Heidenau zeigt sich, dass die Geschehnisse von 2015 nachwirken. Die AfD lebt noch immer von der Flüchtlings - debatte, in drei Bundesländern könnte sie bald stärkste Kraft werden. Brandenburg und Sachsen wählen am 1. September, Thüringen folgt am 27. Oktober. Eine aktuelle Emnid-Umfrage sieht die AfD im ganzen Osten vorn; wäre jetzt Bundestagswahl, käme sie dort auf 24 Prozent.

Aber erst einmal sind Landtagswahlen. Diese könnten das Land nachhaltig verändern – indem sie das Ende der Volksparteien CDU und SPD einläuten und den Beginn von Landesregierungen ohne Mehrheit im Parlament. In Brandenburg und in Sachsen ging die AfD schon aus der Europawahl als stärkste Kraft hervor. Die jüngste Umfrage, vom Institut Infratest dimap, sieht die AfD in Brandenburg mit 22 Prozent gleichauf mit der SPD, die rot-rote Regierung dort verlöre ihre Mehrheit. Danach würde es noch für eine Koalition aus SPD, Grünen und Linken reichen. In Sachsen sieht das Institut die CDU mit 30 Prozent vorn. Die AfD liegt mit 24 Prozent dahinter. Die dort regierende Koali - tion aus CDU und SPD wird ihre Mehrheit höchstwahrscheinlich verlieren. Um eine Mehrheit gegen die AfD zu erlangen, müssten womöglich gleich vier Parteien koalieren: CDU, SPD, Grüne und Linke.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer beharrt darauf, nicht mit den Linken regieren zu wollen. Eine Koali - tion mit der AfD haben die im Parlament vertretenen Parteien kategorisch ausgeschlossen, in beiden Ländern. Daher scheint in Sachsen eine Minderheitsregierung nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Es sei denn, die CDU würde nach der Wahl all ihre Festlegungen über Bord werfen und ihren Spitzenkandidaten gleich mit.

Warum geben im Osten mehr Menschen der AfD ihre Stimme als im Westen? Dieser Text versucht, aus dem Osten heraus, den Menschen, vor allem im Westen, ihre Landsleute zu erklären. Das heißt nicht, für Ausländerfeindlichkeit und Rassismus Verständnis zu zeigen, soll aber ergründen, warum die Furcht vor Einwanderern in einem großen Teil Deutschlands die Politik bestimmt.

Nirgendwo sonst im Land fühlen sich mehr Menschen von Flüchtlingen kulturell bedroht als im Osten, sie fürchten sich vor einer »Überfremdung« und auch vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen. Nirgendwo wird Angela Merkel derart verachtet wie in ihrer eigenen Heimat. Die Ursachen für diese Einstellungen liegen tief, tiefer als nur in der Unzufriedenheit mit einer politischen Entscheidung. Einerseits ist die deutsche Einheit eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Mehr als zwei Billionen Euro flossen in das geschichtlich einmalige Projekt. 65 Prozent der Summe waren Sozialleistungen, 300 Milliarden investierte die Bundesrepublik in die ostdeutsche Infrastruktur. In weiten Teilen sind die verfallenen Städte tatsächlich aufgeblüht, die holprigen Autobahnen geglättet, haben sich die allgegenwärtigen Braunkohleschwaden verzogen.

Die Arbeitslosigkeit, über Jahrzehnte die größte Sorge der Ostdeutschen, ist seit Jahren stark rückläufig. Auf ihrem Zenit, 2005, lag sie in den neuen Ländern bei 20,6 Prozent. Im Moment sind es noch 7. Aktuell beurteilen 53 Prozent der Ostdeutschen ihre eigene wirtschaftliche Lage als positiv, es sind exakt so viele wie im Westen.

Andererseits produzierte die rasante Wiedervereinigung reihenweise Verlierer, die in der neuen Welt nicht Schritt halten konnten und an denen der Aufschwung vorbeiging. Und sie schuf einen neuen, fragilen Mittelstand, der seither beständig fürchtet, seinen bescheidenen Wohlstand wieder zu verlieren. Alles zusammen führt zu einer Gemütslage im Osten, die so gar nicht zu den nackten Erfolgszahlen der Einheit passen will und die Ex-SPDChef Matthias Platzeck gerade als »ungute Grundstimmung« beschrieben hat. Die Menschen hätten nach Finanz- und Flüchtlingskrise das Gefühl, der Staat habe nicht mehr alles im Griff, sagte der brandenburgische Sozialdemokrat. Er sieht die Demo kratie gar am »Rande einer Krise«. Diese Stimmung gibt es auch im Westen, sie ist dort nur nicht so weit verbreitet.

Als das Allensbach-Institut im Juli wissen wollte, wie verschieden die Wirtschafts- und Lebensverhältnisse in Ost und West sind, sagten 74 Prozent der Ostdeutschen »groß« bis »sehr groß«, bei den Westdeutschen waren es nur 43. Befragt danach, wo die Zukunftschancen besser seien, antworteten 69 Prozent »in West deutschland«, nur 2 Prozent gaben den Osten an. In den neuen Ländern, so das Fazit der Demoskopen, verstärke sich das Empfinden, abgehängt zu sein.

Rentner Radecki vor seinem Gemüsestand im brandenburgischen Seehausen


»Heute muss jeder nach sich selbst schauen, um zu überleben.«


Wahlkampfveranstaltung der AfD im brandenburgischen Plessa


Die AfD nutzt die schlechte Stimmung im Osten in nahezu perfekter Weise. Als einzige Partei wettert sie vehement in den Landtagen gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung und suggeriert so, der wahre Interessenvertreter der ängstlichen Ostdeutschen zu sein. Sie zieht eine Parallele zwischen dem Wendejahr 1989 und den Flüchtlingsprotesten heute und setzt implizit die Regierung Merkel mit dem zum Rücktritt gezwungenen SED-Regime gleich. Die AfD wirbt in beiden Ländern mit den Slogans: »Vollende die Wende« und »Wende 2.0«.

Die Resonanz, die diese Botschaften finden, verschreckt die Westdeutschen, die mit ihren Billionen für die Landschaftspflege in den neuen Ländern doch alles richtig gemacht zu haben glaubten. Bei genauer Beobachtung hätten sie es besser wissen können. Doch Platzeck, der auch der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission »30 Jahre Deutsche Einheit« vorsteht, erkennt in der alten Bundesrepublik »ein Desinteresse am Osten«.

Der Hallenser Psychoanalytiker Hans- Joachim Maaz ahnte schon kurz nach der Wende, dass Südfrüchte und die D-Mark allein den Osten nicht heilen würden. 1990 erschien sein Buch »Der Gefühlsstau«. Es war ein ernüchterndes Psychogramm der DDR, wurde ein Bestseller und wirkt aus heutiger Sicht hellsichtig. Als die Menschen noch freudetrunken schwarz-rotgoldene Fahnen schwenkten, hatte der Mediziner bereits psychische Folgen der Wende bei den Ostdeutschen ausgemacht: Er diagnostizierte diffuse Ängste, reale Ängste aus sozialen Bedrohungen und »akti vierte neurotische Ängste«. Nach Einschätzung von Maaz hatten die einstigen DDR-Bürger Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, vor dem Ende der sozialen Sicherheit, vor dem Verlust ihrer Ersparnisse. Angst vor Konkurrenzkampf, vor Autoritätsmangel, vor steigender Kriminalität, vor sozialen Feindseligkeiten.

Angst vor dem neuen Gesellschaftssystem. Dies alles war oft furchtbar real. In der DDR gab es angeblich nicht einen Einwohner ohne Job. Schon ein Jahr nach der Vereinigung hatte der Osten mehr als eine Million Arbeitslose.

Die Neurosen machten die Stimmung nicht besser. Maaz beschrieb persönlichere und deshalb vielleicht noch wichtigere Ängste. Angst vor der Freiheit, selbst Entscheidungen treffen zu können, aber auch zu müssen, Angst vor Eigenständigkeit, Angst vor Veränderung. Doch im Osten war das ganze Leben plötzlich eine einzige Veränderung. Nach der Wende konnte kaum ein Ostdeutscher den gleichen Job ausüben wie zuvor. Die einst volkseigenen Unternehmen setzten zunächst Kurzarbeit an, viele Arbeitsplätze verschwanden schließlich ganz. Hallenkehrer und Pförtner wurden nicht mehr gebraucht, Kombinatsdirektoren auch nicht. Statt Schreibmaschinen kamen Computer, die computergesteuerte Werkzeugmaschine ersetzte die Drehbank. Der Wandel erfasste alle Altersgruppen, alle sozialen Schichten, die Dinge veränderten sich ohne eigenes Zutun im Zeitraffer.

Betrieb und Kollektiv waren ein zentraler Bestandteil eines Lebens in der DDR gewesen, all das brach nahezu flächendeckend weg. Das einmal Gelernte galt nichts mehr.

Solche Brüche in den Biografien hatten die Westdeutschen zuletzt nach Kriegs - ende 1945 erlebt. Dann durften sie mehr als 40 Jahre lang ihr von den Amerikanern unterstütztes Wirtschaftswunder genießen. Wie schwer die Anpassung an die neue Welt war, interessierte im Westen nicht so richtig. Der Osten wollte doch die Freiheit, die Wiedervereinigung, die Westwährung. Nun hatte er alles.

Was der reiche Westonkel im Zweifelsfall dachte, hat der Journalist Michael Jürgs kurz vor seinem Tod in einem SPIEGEL-Gespräch (16/2019) noch einmal aufscheinen lassen. Heraus kamen Sätze wie diese: »Als die ersten Zonis nach dem Mauerfall vor der ›Stern‹-Redaktion in ihren stinkenden Trabis vorfuhren, habe ich die Kantine öffnen lassen. Die hatten Hunger. « Garnelen wollte er ihnen vorsetzen lassen, weil die im Osten ja nur »Broiler und Sättigungsbeilage« kannten. Und dann? »Ich hatte in meinem Büro, siebter Stock, eine riesige Terrasse. Dort saß ich mit Kollegen bei der Planung fürs nächste Heft. Ich forderte alle auf, los, Geld auf den Tisch, das geben wir denen.« Der Westen gibt und macht auf dicke Hose, der Osten nimmt, hält die Klappe und zieht zurück in die Zone.

Jürgs war damals Chefredakteur beim »Stern«. Er musste kurz darauf gehen, weil er einen Text mit der Überschrift abgeliefert hatte: »Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?«

Reste dieser Einstellung gibt es bis heute. Im Westen zeigt man mit Neid auf die großzügig sanierten Städte, die feinen Hotels, die neuen Autobahnen, die ICE-Strecken. Und mit Frust auf den jahrzehntelang gezahlten Solidaritätszuschlag, den Solidarpakt für den »Aufbau Ost« und die Pegida- Märsche. Der Westen fuhr alles auf, was er hatte: Bananen, Helmut Kohl und Westgeld. Da wird man doch wohl Dankbarkeit erwarten dürfen!

Von Berlin muss man nicht weit nach Nordosten fahren, um in der brandenburgischen Uckermark zu landen, in der sich so ziemlich alle Probleme Ostdeutschlands versammeln. Die Heimat von Kanzlerin Merkel gehört zu den ärmsten Gebieten der Republik. Als das Berlin-Institut kürzlich die Zukunftsfähigkeit der deutschen Landkreise untersuchte, landete die Uckermark auf Platz 396 – von 401.

Bürgermeisterin Herntier im Spremberger Rathaus


»Natürlich, die Menschen brauchen ja Arbeit.«


Braunkohletagebau Welzow-Süd in Brandenburg


Die Reise geht durch die kleinen Dörfer um die Kreisstadt Prenzlau, durchs Boitzenburger Land und Lychen, vorbei an klaren Seen und hügeligen Wiesen. Wie unzufrieden die Menschen hier mit der Politik sind, kann Andreas Radecki aus Seehausen erzählen. Der Rentner im übergroßen Hemd und mit verschlissener Schildmütze auf dem Kopf sortiert in seiner Garage seine Bohnen, Zwiebeln und Zucchini. An einem kleinen Stand vor seinem Haus verkauft der 67-Jährige seit 14 Jahren seine Ernte, um über die Runden zu kommen. Fragt man ihn nach dem Zustand der Republik, fällt die Antwort kurz und gallig aus: »Armes Deutschland.«

Als Radecki 15 Jahre alt war, 1966, verließ er mit Mutter und Bruder die Heimat Polen, einen Koffer in der Hand. Sie schafften es bis in die Uckermark, damals noch mitten in der DDR. Heute verkauft er sein Obst und Gemüse, um seine Rente von monatlich 830 Euro aufzustocken. »Wenn mir das Haus nicht gehören würde und ich Miete zahlen müsste, würde mir das Geld nicht reichen.«

Wenn er von den DDR-Zeiten erzählt, klingt Wehmut durch. »Ich kann darüber nichts Schlechtes sagen.« Als Traktorist arbeitete er bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft, wie der halbe Ort. Wenn sich herumgesprochen habe, dass ein Kollege ein Schwein schlachte, seien alle dazugekommen, um zu essen und zu trinken. Es war eine Dorfgemeinschaft, die diesen Namen verdient. Heute pendeln die meisten täglich in die größeren Städte, teils bis nach Berlin. Arbeit gibt es hier kaum. Radecki zieht an seiner Zigarette und sagt, dass heute jeder seine Ruhe haben möchte. Ihm fehle die Gemeinschaft. »Heute muss jeder nach sich selbst schauen, um zu überleben.« Woran es in Deutschland heute mangle? Radecki antwortet, ohne zu zögern: »sozi - ale Gerechtigkeit«. Im Fernsehen sehe er Berichte über alte Leute in Berlin, die Flaschen sammeln müssten, um zu überleben. Er versteht nicht, wieso die Regierung Geld aufbringe für Menschen, die einwandern, während es doch Mangel im eigenen Land gebe. Die maroden Schulen, die Schwimmbäder.

23 Jahre verbrachte Andreas Radecki in der DDR. Auf seine Freiheit, so sagt er, habe er gern verzichtet für die finanzielle und soziale Sicherheit, die die DDR ihm geboten habe. Er habe in einer friedlichen Gemeinschaft gelebt, einem Kollektiv ohne viel Neid – denn alle hatten gleich wenig. »Was nützt mir die Freiheit, wenn ich nicht wegfahren kann, weil ich kein Geld habe?« Er habe mal die Linke gewählt, aber das habe auch nicht geholfen. Radecki ist nicht allein mit der Verklärung der Vergangenheit, die mitunter schwer erträglich sein kann. Cornelia Berndt sitzt auf einer Bank nahe der Alten Nikolaikirche im Herzen der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau und schwärmt förmlich von der DDR. »Wenn man nichts mit der Stasi zu tun hatte, so wie ich, ging es einem gut. Wir hatten alles, was wir uns gewünscht haben.«

Früher habe sich der Staat gekümmert. »Dass man eine Lehrstelle hat. Das war egal, ob du die wolltest oder nicht, du hast eine gehabt.« Ihre beiden Kinder wurden noch in der DDR geboren. Einst hat die 53-Jährige in einer Metzgerei gearbeitet, wegen ihres kranken Herzens ging sie vor zehn Jahren in Frührente. Nur dank ihrer Witwenrente schaffe sie es, alle Rechnungen zu bezahlen. Sie hat ihr ganzes Leben in Prenzlau verbracht, auch nach dem Fall der Mauer. Bis heute ist sie noch nie in ein Flugzeug gestiegen, hat Europa nie verlassen. Sie hat nicht das Gefühl, mit dem Mauerfall viel gewonnen zu haben.

Neid hätten viele erst im vereinten Deutschland kennengelernt, sagt sie. Plötzlich hätten die einen mehr gehabt als die anderen. Berndt verbindet ihre Unzufriedenheit umstandslos mit dem Thema »Einwanderer «. »Sogar die Ausländer« hätten »mehr in der Tasche als wir«. Mit »wir« meint sie »die Ossis«. Sie müsse bei Kik Kleidung kaufen, doch Ausländer kauften angeblich in den teuersten Läden ein. Sie sagt, sie wisse noch nicht, wen sie wählen werde. Bei der AfD habe sie Bedenken, aber in ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis seien einige entschlossen, AfD zu wählen.

Wer sich der ostdeutschen Seele vorurteilsfrei nähern will, sollte ins sächsische Görlitz reisen. Dort, keine 200 Meter von der polnischen Grenze entfernt, liegt die sozialwissenschaftliche Fakultät der Hochschule Zittau/Görlitz. Im zweiten Stock eines ozeanblauen Gebäudes sitzt Raj Kollmorgen, Professor für Management des sozialen Wandels. Der 55-Jährige, geboren in Leipzig, kann wie kaum ein Zweiter beschreiben, wie sich das Leben in Ostdeutschland gewandelt hat – und was das in den Menschen auslöste. Kollmorgen beginnt Anfang der Neunzigerjahre mit dem Kahlschlag in der DDRIndustrie und dem Wirken der Treuhand. Fast 1,3 Millionen Ostdeutsche waren zu dieser Zeit arbeitslos. Ihnen wurden blühende Landschaften versprochen und Anstrengungen abgefordert. Die meisten hängten sich rein und arbeiteten – so sie einen Job fanden – am ostdeutschen Wirtschaftswunder. Allein, es blieb aus. Kollmorgen erklärt: »Die Erkenntnis für die Ostdeutschen war: Wir strengen uns an und holen trotzdem nicht auf.«

Die Hoffnungen ruhten auf Gerhard Schröder. Der hatte sogar eine Cousine im Osten. Doch Schröder erfand Hartz IV, gerade in dem Moment, als Ostdeutschland die höchste je gemessene Zahl an Arbeitslosen hatte: 1,6 Millionen. Die Bürger gingen montags wieder auf die Straße, sie trugen diesmal T-Shirts mit der Aufschrift »Hartz IV nicht mit uns!!!«. Es half nichts. Die Reform betraf den Osten überdurchschnittlich. Menschen, die arbeiten wollten, aber keinen Job fanden, fürchteten um ihr bescheidenes Vermögen und das kleine Häuschen. Aus Sicht von Kollmorgen war das eine »Enteignungs- und Entwertungserfahrung «, die im Osten bis heute nicht vergessen wurde. Die Wahlergebnisse der SPD zwischen Rügen und dem Thüringer Wald scheinen das zu bestätigen. Nach der Hartz-IV-Reform sank die Zahl der Arbeitslosen, doch die Lebensverhältnisse blieben unterschiedlich. Bis heute zeichnet sich der Umriss der alten DDR auf den Karten der Statistiker ab. Dort liegen die abgehängten ländlichen Räume in dauerhafter Strukturkrise, dort ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner kleiner, wird das niedrigste Gehalt gezahlt, am längsten gearbeitet, ist das Armutsrisiko am größten und das private Vermögen am kleinsten. Selbst die Erbschaften sind kaum der Rede wert.

Die Überalterung ist auch deshalb so stark, weil über die Jahre 3,7 Millionen Menschen in den Westen gegangen sind. Meist junge, gut ausgebildete Ostdeutsche. 3,7 Millionen – das sind mehr Menschen, als das Land Berlin Einwohner hat. Etliche Städte und Dörfer verloren die Hälfte ihrer Bevölkerung.

Im aktuellen Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit heißt es lapidar: »Auch 2020 wird die Wirtschaftskraft in den neuen Ländern noch deutlich schwächer sein als in den alten Ländern.«

Das ist die eine Wahrheit. Eine andere ist deutlich optimistischer. Die Gehälter sind im Osten niedriger, ja, aber auch die Mieten und die Immobilienpreise. Familien finden leichter eine Kita. Die durchschnittlichen Renten von Männern und Frauen sind im Osten sogar leicht höher. Die Agentur Prognos hat die Lebensqualität in den 16 deutschen Bundesländern untersucht: Bis auf Sachsen-Anhalt liegen alle ostdeutschen Länder im Bundesschnitt oder darüber. Mecklenburg-Vorpommern hat Bayern als beliebtestes Sommerurlaubsland der Deutschen abgelöst. Und in der Frage, wo junge Menschen am besten auf die Zukunft vorbereitet werden, liegt der Osten ganz vorn: Die Kindergärten, Schulen und Hochschulen sind in Sachsen bundesweit am besten, so eine Untersuchung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Thüringen landet auf Platz drei.

Und doch scheinen diese Erfolgsmeldungen nicht gegen das Gefühl der Benachteiligung zu helfen. Als das Umfrage institut dimap 2018 die Sachsen befragen ließ, fühlten sich 52 Prozent von ihnen als Bürger zweiter Klasse. Vor allem Ältere waren überdurchschnittlich häufig dieser Meinung. Während der Finanzkrise der Jahre 2008/09, glaubt Kollmorgen, fühlten sie sich in ihrer Annahme bestätigt. Die Ostdeutschen waren davon nicht besonders betroffen. Aber sie erlebten, wie der Staat, der die Gelder für den Solidarpakt weiter gekürzt hatte und weniger in den Osten investierte, plötzlich Milliarden für die Bankenrettung übrig hatte und nebenbei auch noch Griechenland helfen konnte. Der Soziologe spricht von »Nackenschlägen « für die Bürger, mit Folgen für die politische Landschaft: »Wie sich die Ostdeutschen zu den etablierten Parteien verhalten? Natürlich entfernen sie sich von ihnen bei diesen Erfahrungen.« In der DDR fühlten sich die Menschen von der SED und den Blockparteien verraten und verkauft. Nun glauben sie, dass die Eliten in der Demokratie auch nicht besser seien. »Volksverräter« skandieren sie. Die Universität Jena hat 2018 die Thüringer zur Zufriedenheit mit der Demokratie befragt. Drei Viertel fühlten sich nicht wirksam vertreten und waren sicher, keinen Einfluss darauf zu haben, »was die Regierung tut«. Ganze 80 Prozent waren sich sicher, die Parteien wollten lediglich ihre Stimme, aber beachteten ihre Interessen nicht.

Die AfD greift dies dankbar auf. Sie stimmt ein in die Volksverräterchöre und diffamiert die politische Konkurrenz als realitätsferne Altparteien. Da hilft es auch nichts, dass die Kanzlerin aus dem Osten kommt. Das macht es vielleicht sogar noch schlimmer, weil es eine der ihren ist, von der sie sich verraten fühlen. AfD-Chef Alexander Gauland hat auch vor diesem Hintergrund die Parole herausgegeben, die Kanzlerin zu »jagen«. Im Sommer 2015 kamen Syrer, Afghanen, Tunesier und Libyer. Und die Ostdeutschen, sagt Kollmorgen, hätten sich gefragt: Was haben die denn geleistet? Wir haben hart gearbeitet, und die bekommen das Westgeld fürs Nichtstun? Und warum flüchten eigentlich nur junge Männer? Lungern auf den zentralen Plätzen der Stadt in der Sonne, während wir in der Firma malochen gehen? Und wieder sei da das Gefühl, dass auf einmal genug Geld da sei. Für andere.

Der Frust suchte sich ein Ventil, je provokanter, desto besser. Da kam die AfD gerade recht. Die Universität Leipzig hat 2016 analysiert, dass sich Menschen wegen ihrer Einstellung zu Flüchtlingen mit der Partei identifizieren. Die einen, die Modernisierungsverlierer, lehnten die Migranten als Konkurrenz um Arbeitsplätze und Sozialleistungen ab. Die anderen sähen in dem Zustrom eine »Gefahr für die kulturelle Homogenität der Gesellschaft «. Letztere seien in der AfD in der Mehrheit.

Rudolf Lenke ist einer jener Menschen, die sich von den bisherigen Volksparteien abgewendet haben und derentwegen SPDMann Platzeck die Demokratie inzwischen am Rande der Krise wähnt. Lenke ist ein Mensch, der sich lange im etablierten Parteiensystem engagiert hat und gewiss kein Verlierer der Einheit ist. Er hat schlicht abgeschlossen mit der CDU, der Kanzlerin und deren Flüchtlingspolitik.

Der kleine, kräftige Mann sitzt mit Hosenträgern auf blauem T-Shirt am Schreibtisch seines Büros, hinter ihm eine DDRSchrankwand mit den Pokalen seiner eislaufenden Töchter. Er ist Zahntechnikermeister in Zschieren, einem Stadtteil Dresdens. 54 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, Mitglied im Schützenverein. »Nicht abgehängt «, wie er gleich betont. Sofort nach der Wende hat er die Firma gegründet. Das Labor steht hinter seinem Haus, die Schulden sind abgezahlt. Dem Mann könnte es materiell kaum besser gehen. Nach 1989 engagierte sich Lenke für die CDU. Er war Ortsverbandsvorsitzender. Im Netz gibt es noch Bilder von 2014. Ein dynamischer Lenke in Hemd und Jackett wirbt mit den anderen Kandidaten für die Kommunalwahl: »Dresden. Wir kümmern uns drum. CDU.«

Heute geht Lenke regelmäßig montags zu Pegida. Die CDU hat er 2015 verlassen, am 1. September will er AfD wählen. Was ist schiefgelaufen im Leben des Zahntechnikers? Lenke sagt, die CDU sei ihm nicht mehr konservativ genug gewesen. Er sehne sich nach dem früheren CSUVorsitzenden Franz Josef Strauß, für den es rechts von der CSU nur noch die Wand geben durfte. Angela Merkel habe die Partei zur Mitte hin geöffnet, dies sei ein schwerer Fehler gewesen. »Ich habe trotzdem noch lange die Fahne hochgehalten«, versichert Lenke. Aber irgendwann war eben Schluss. »Die Flüchtlingskrise war das i-Tüpfelchen.« Flüchtlinge aufzunehmen löse keine Probleme, Integration funktioniere nicht. »Wie viele wollen wir denn aufnehmen?«

Grenze dicht und eine Festung Europa: Das hatte sich Lenke von der Kanzlerin gewünscht. Und das Geld für Unterbringung und Verpflegung von Flüchtlingen hätte er lieber in die Bildung investiert. Lenke ist der berühmt-berüchtigte besorgte Bürger. Er sagt, er sei nicht ausländerfeindlich, er habe eine Bulgarin in seinem Labor beschäftigt, und er reise wegen des Sports der Töchter durch halb Europa. Er habe kein Problem mit anderen Kulturen. Die Menschen könnten auch gern nach Deutschland kommen, aber nur, wenn sie für sich selbst sorgten. Und die Flüchtlinge? Man müsse Geld in deren Heimatregionen investieren, damit die Menschen dort bleiben wollten. Lenke verharrt kurz hinter seinem Schreibtisch und sagt, dass er selbst mitunter darüber nachdenke, ob er nun ein Nazi sei. Der Begriff werde inzwischen so inflationär verwendet, dass er beinahe sei nen Schrecken verloren habe. »Aber ich denke, ich bin keiner.«

Passantin in der Eisenbahnstraße in Leipzig


»So schlimm ist das alles aber gar nicht, wie immer behauptet wird.«


Kaufmann Damm in seinem Farbenladen in Leipzig


In Dresden bei Pegida, wo immer noch regelmäßig gegen die Islamisierung des Abendlands zu Felde gezogen wird und die Merkel-muss-weg-Rufe wohl am lautesten sind, treffe er Ärzte, Diplom-Ingenieure, Handwerker und viele Rentner. »Die sind ordentlich angezogen und machen keinen doofen Eindruck.« Der Dresdner Politologe Hans Vorländer hat 2015 die Zusammensetzung dieser »Empörungsbewegung« untersucht und war vom Ergebnis überrascht. Nur zwei Prozent der von ihm befragten 400 Pegida- Unterstützer hatten keinen Job. Fast jeder dritte Pegida-Anhänger hat demnach einen Hochschulabschluss, in der Gesamtbevölkerung ist es in etwa nur jeder sechste. Auch deren Einkommen waren vergleichsweise üppig. Und doch waren 71 Prozent unzufrieden mit der Politik, 31 Prozent hatten »grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern«. Lenke sagt, er wolle Politikern Grenzen aufzeigen. Der Handwerksmeister kann sich sogar einen Weg zurück zur Union vorstellen. »Ich wünsche mir eine CDU, wie sie früher war. Die für Sicherheit und Wirtschaftskraft stand.«

Ostdeutsche fühlen sich offensichtlich häufig zurückgesetzt. Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan ist diesem Phänomen nachgegangen und hat interessante Parallelen zwischen dem größten Furchtobjekt der Ostdeutschen, den Migranten, und ihnen selbst entdeckt. Foroutan ist Professorin am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin und fand heraus, dass sowohl Ostdeutsche als auch Migranten nur selten Spitzenverdiener sind. Nur 8,1 Prozent der Menschen in den neuen Ländern erreichen ein Einkommen von monatlich 5000 Euro netto und mehr, bei Migranten sind es 8,9 Prozent, im Westen sind es 13,2 Prozent.

41 Prozent der Westdeutschen haben immer noch den Jammer-Ossi vor Augen, finden, dass sich Ostdeutsche ständig als Opfer sehen. Von Muslimen glauben sie das zu 36,5 Prozent. Fast jeder zweite Ostdeutsche meint hingegen, er müsse sich mehr anstrengen, um das Gleiche zu erreichen wie andere. Die Studie wurde im Osten nicht begeistert aufgenommen. Doch Migranten und Ostdeutsche vereint, was die Wissenschaft Deprivation nennt: das Gefühl der Benachteiligung.

Und tatsächlich: Von 81 deutschen Universitäten wurde Ende 2018 nicht eine von einem Ostdeutschen geführt. 2016 hat die Universität Leipzig untersucht, wer den Osten beherrscht. Demnach betrug der Anteil der Ostdeutschen an Führungs - positionen in den neuen Ländern nur 23 Prozent, bundesweit 1,7 Prozent. Auf einen ostdeutschen Manager in den neuen Ländern kamen zwei westdeutsche. Mit dem Gashandelskonzern Verbundnetz Gas AG Leipzig und der Sektkellerei Rotkäppchen- Mumm werden zwei der größten Ostfirmen von Westdeutschen geführt.

In den großen Forschungsinstituten lag der Anteil der Ostdeutschen unter dem der ausländischen Wissenschaftler

Im Einheitsbericht der Bundesregierung ist nachzulesen: »So ist kein einziges ostdeutsches Unternehmen im Börsenleit - index DAX-30 notiert. Und nahezu kein Großunternehmen hat seine Zentrale in Ostdeutschland.« Die größten Arbeitgeber im Osten sind Niederlassungen westdeutscher oder ausländischer Konzerne. Gemeint damit sind etwa DHL in Leipzig und Infineon in Dresden.

Man könnte auch sagen: Wenn es im Osten doch mal was zu verdienen gibt, dann sind die Brüder und Schwestern aus dem Westen schnell zur Stelle. Und wenn es Geld kostet, ist es manchmal umgekehrt. Die zähen Verhandlungen zum Braunkohleausstieg haben das gerade wieder gezeigt. Ginge es nach dem bayerischen Regierungschef Markus Söder, sollten die Tagebaue möglichst rasch geschlossen und Ausgleichszahlungen nicht unbedingt vor Ort ausgegeben werden. Das würde den Osten überproportional treffen: Sieben der zehn betroffenen Tagebaue liegen in den neuen Ländern.

Christine Herntier versucht, den Laden trotz alledem zusammenzuhalten, trotz der wieder anwachsenden Zukunftsängste in der Kohleregion. Die Bürgermeisterin von Spremberg in der Niederlausitz, kann sich darüber in Rage reden. Die Lokal - politikerin ist Sprecherin der Brandenburger Kommunen der »Lausitzrunde«, durch sie wollen kommunale Vertreter der Lausitz zusammen ihre Interessen durchsetzen. Herntier saß in der Kohlekommission und verhandelte den Ausstieg für ihre Region. Bis 2038 soll ganz Schluss sein mit der Kohle, so hat es die Kommission verhandelt. Das könnte für Orte, die ihr gesamtes Wirtschaftsaufkommen aus dem Rohstoff beziehen, den Untergang bedeuten. An der Kohle hängen mehr als 13000 Arbeitsplätze in der Lausitz. Die Menschen vor Ort haben Angst, wieder zu den Verlierern der Geschichte zu gehören. 17 Milliarden sollen über einen Zeitraum von 20 Jahren in die Lausitz fließen, um das zu verhindern. Es soll unter anderem in eine Zugverbindung nach Berlin und neue Forschungseinrichtungen investiert werden (siehe auch Seite 40).

»Natürlich gibt es Spremberger, die mir sagen, das klappt sowieso nicht«, sagt Herntier. Noch kurz vor der Europawahl hatte man die gewaltige Summe bekannt gegeben, das hielt viele Wähler nicht davon ab, ihre Stimme der AfD zu geben. 33 Prozent votierten in Spremberg für die Partei. Die AfD ist die einzige im Parlament vertretene Partei, die keinen Kohleausstieg will. Sie wirbt auf Wahlplakaten für Kohle - kraftwerke. Hinter der AfD versammeln sich jene, für die die guten Zeiten eher in der Vergangenheit als in der Zukunft liegen. Und die eins vor allem nicht wollen: noch mehr Veränderung.

Herntier spaziert durch den idyllischen Ort, vorbei an den kleinen Häusern und einem Springbrunnen. Ihr ganzes Leben hat sie in der Lausitz verbracht. Zwischen 1995 und 2015 hat der Landstrich 18,7 Prozent seiner Einwohner verloren. Sie kann verstehen, dass Leute wegziehen. »Natürlich, die Menschen brauchen ja Arbeit«, sagt sie.

Die Politiker im Osten versuchen, die Stimmung zu ergründen. Thüringen erhebt regelmäßig den sogenannten Thüringen- Monitor, der die politische Kultur im Freistaat beleuchten soll. Zuletzt fanden 58 Prozent der Thüringer, die Bundesrepublik sei »durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet«. In Thüringen beträgt der Ausländeranteil 5,1 Prozent. Fast die Hälfte der Befragten war sich sicher, die Migranten kämen nur, um den Sozialstaat auszunutzen. Die Autoren des Monitors schreiben, es gehe darum, dass neue Gruppen plötzlich teilhaben wollten am hart erkämpften kleinen Glück. Die Sorge davor sei in Ostdeutschland »wegen der anhaltenden kollektiven, strukturellen Benachteiligung der Bevölkerung« stärker verbreitet als im Westen. Es ist kein Zufall, dass auch die osteuropäischen Staaten, die jahrelang abgeschottet waren und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks um das eigene wirtschaftliche Überleben kämpfen mussten, Migration mehrheitlich ablehnen.

Museumsdirektor Holz im sachsen-anhaltischen Bitterfeld


»Das ist doch ein Paradies hier, könnte auch Kanada sein oder so.«


Promenade am Großen Goitzschesee in Bitterfeld


Die Unzufriedenheit im Osten ist wohl einer der Gründe für die stärkere Fremdenfeindlichkeit dort. Es ist Aufgabe der Politik und Zivilgesellschaft, darauf Antworten zu finden. Vor allem aber müssen die Menschen das Vertrauen zurückgewinnen, dass sich die Politik auch um ihre Interessen kümmert.

Das ist ein mühsamer Weg, weil Ängste weit verbreitet sind und jeder, der sucht, ein Beispiel dafür findet, dass sie berechtigt sind. Viele Ostdeutsche fürchten sich vor »westdeutschen Zuständen«, auch wenn sie die eher aus der »Bild«-Zeitung kennen. Gemeint sind Gegenden mit hohem Ausländeranteil und hoher Kriminalität: Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Bremen-Gröpelingen. Manche fürchten sich schon in Leipzig, der Stadt im Osten, die blüht wie keine zweite.

Die Stadt ist der Senkrechtstarter unter den Städten in den neuen Ländern. Einst grau und am Tagebaurand gelegen, die Gründerzeitfassaden verfallen, wuchs sie seit 2010 um gut 15 Prozent. In Leipzig leben jetzt fast 600000 Menschen, mehr als in Essen. Hier produzieren BMW und Porsche, hier ist die Innenstadt ein Schmuckkästchen, das Touristen aus aller Welt anlockt. Die Eisenbahnstraße liegt auch in Leipzig, sie befindet sich in einem der wenigen mi - grantisch geprägten Viertel in Ostdeutschland. Die 1,5 Kilometer lange Meile ähnelt der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Auch hier gibt es Restaurants für Falafel und Döner, Shishabars, Spielotheken, Dealer, Frauen mit Kopftüchern. 2017 registrierte die Polizei im Viertel 2311 Straftaten. Drogenhändler wickeln ihre Geschäfte ab, Passanten werden beraubt. Seit November ist um die Straße eine Waffenverbotszone errichtet worden.

Zwischen den türkischen Grills und Gemüseläden eröffneten zuletzt Start-up-Büros und teure Friseursalons. Der 64-jährige Lutz Damm verkauft in der Eisenbahnstraße seit 36 Jahren Wandfarbe und Tapeten, auch in der DDR war das möglich. Er hat hier alle Wandlungen erlebt und ist geblieben. Die Neuankömmlinge machen ihm keine Angst.

Damm hat sich damals unter der SEDHerrschaft arrangiert, und er tut es auch heute. Rechtes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit liegen ihm fern. Er wird nach eigener Angabe einen Renten anspruch von 500 Euro haben, ist umgeben von muslimischen Nachbarn und führt ein Geschäft, das sich, wie er sagt, kaum noch lohnt. Er ist der Gegenentwurf des besorgten Bürgers, der in der Eisenbahnstraße vor allem eine No-go-Area sieht.

Damm steht hinter seinem Tresen, umgeben von Postpaketen, die er für die Nachbarn annimmt. »Zu DDR-Zeiten gab es hier zwei Fischläden, zwei Kinos, Cafés «, sagt er. Mitte der Neunzigerjahre seien die verschwunden. »So schlimm ist das alles aber gar nicht, wie immer behauptet wird«, findet er. Mit den meisten Migranten komme er klar, nur die Türken regten ihn auf. »Die wollen immer verhandeln, aber das ist hier kein Basar.«

Bei der Europawahl hat er nach eigenem Bekunden die Grünen gewählt, die in Leipzig stärkste Kraft wurden. Es gibt weltoffene, tolerante, großstädtische Milieus, die auch in den wenigen anderen Großstädten im Osten existieren. Und es gibt die, die mit den Umbrüchen ihren Frieden gemacht haben. Die sehen, was besser geworden ist und was nicht, und für sich das Beste daraus ziehen. Eine solche Truppe kommt abends kurz vor sieben Uhr am Fußballstadion in Bitterfeld zusammen. Liana Härthe, 44, Uwe Holz, 57, Marco Höhne, 47, Katrin Schneider, 49, und ihr Sohn Felix Schneider, 24. Seit bald 20 Jahren trifft sich die Gruppe, in unterschiedlichen Konstellationen, zweimal die Woche und läuft eine Stunde an der Goitzsche entlang. Ein Naturschutzgebiet, aus dem die Arbeiter einst Braunkohle förderten – und das zeigt, wie sehr sich die Region verändert hat. Die Läufer lieben die zurückgekehrte Natur. Katrin Schneider arbeitet bei der Sparkasse Anhalt-Bitterfeld, sie habe alles miterlebt, erzählt sie im Laufschritt. In den Siebzigerjahren baggerte man ihr Dorf weg, 2002 stand ihr Haus beim Elbehochwasser unter Wasser. Und doch kommt sie mit ihrem Leben heute gut zurecht. »Wir leben nun mal hier, und uns gefällt es gut«, sagt sie. Das meiste, was über Bitterfeld in den Medien berichtet werde, verzerre das Bild.

Bitterfeld in Sachsen-Anhalt war zu DDR-Zeiten als »dreckigste Stadt Euro - pas« berüchtigt, aus den Schornsteinen quollen Chemiewolken in allen Farben. Die ganze Stadt litt unter dem giftigen Fallout. Nach der Wende gingen Tausende Arbeitsplätze verloren. Jahre später verschwand der Dreck auch von den Hausfassaden und Straßen. »Das ist doch ein Paradies hier«, sagt Uwe Holz heute euphorisch, »könnte auch in Kanada oder so sein.« Der gebürtige Schwabe ist Vorsitzender des Sportvereins Bitterfeld 2000 und Direktor des Kreismuseums der Stadt. Hinter den Büschen tut sich auf 13 Quadratkilometern ein gewaltiger See auf, der Große Goitzschesee. Es gibt in Bitterfeld eine Marina für Segelboote und eine Promenade mit Cafés und Restaurants.

Doch die Innenstadt wirkt ausgestorben, es sind kaum Menschen auf den Straßen, viele Geschäfte haben geschlossen. Wohnten in der inzwischen fusionierten Kommune Bitterfeld-Wolfen 1989 fast 80000 Menschen, sind es heute nur noch die Hälfte. Selbst der Kulturpalast soll abgerissen werden. Im DDR-Vorzeigeplattenbau Wolfen-Nord wohnten einst 35000 Menschen. Zuletzt waren es weniger als 7000. Ganze Straßenzüge werden dem Erdboden gleichgemacht. Die Versorgung der verbliebenen Menschen bereitet Mühe. Gerade beklagte die Kassenärztliche Vereinigung, dass elf Hausarztstellen nicht besetzt werden könnten. Katrin Schneider sagt, es gebe Menschen, die frustriert seien von den Veränderungen, Menschen, die bis heute nicht mit den Demütigungen und der Arbeitslosigkeit in den Neunzigerjahren abgeschlossen hätten. »Auch die Jugend hat kaum etwas hier heute, keine Jugendklubs, keine Kinos.« Einige sehnten sich zurück nach alten Zeiten. Bei der Europawahl im Mai wählten im Landkreis Anhalt-Bitterfeld 22,6 Prozent der Stimmberechtigten die AfD.

Museumsdirektor Holz sagt, er könne sich diese Zahl auch nicht erklären. Er glaubt, AfD-Wähler hier seien »mit ihrer Gesamtsituation unzufrieden«, manche litten an Überforderung, andere hätten einfach »noch keine Orientierung in unserem kapitalistischen System gefunden«. Er selbst kenne nur ein AfD-Mitglied persönlich, »es ist wie eine Parallelwelt«.

Nachdem Chemie und Kohle weitgehend aus Bitterfeld verschwunden waren, versuchte die Stadt, neue Industrien anzusiedeln. Mit 40 Millionen Euro Fördermitteln kam die Solarfirma Q-Cells, doch wenige Jahre später war sie pleite und waren die gut bezahlten Industriearbeitsplätze wieder verschwunden. Im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen arbeiten heute noch 11000 Menschen, die Arbeitslosenquote liegt bei sieben Prozent.

Wer in Bitterfeld nach frustrierten Arbeitslosen sucht, findet sie. Auch Rassisten gibt es in der Stadt und Menschen, die sich die DDR zurückwünschen. Es sind so viele, dass sich die Gesellschaft nicht mit ihnen abfinden sollte. In der Mehrheit aber sind sie nicht. In der Mehrheit leben in Bitterfeld Menschen, die in etwa so sind wie die Laufgruppe des BSV 2000, Menschen, für die Bitterfeld ihre Heimat ist, die sich hier verwurzelt fühlen wie Katrin Schneider, die sagt: »Ich fahre gern in den Urlaub, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder in Bitterfeld bin.« Auf der Laufstrecke riecht die Luft frisch, die Abendsonne strahlt zwischen dem Geäst, man hört die Vögel zwitschern. Die Läufer erzählen von jungen Familien, die zurückgekommen sind. Wegen der Natur, der niedrigen Mieten, der Kitas. Man müsse sich damit abfinden, dass die Stadt kleiner werde. »Bitterfeld hat sich eben verändert«, sagt Uwe Holz. Der ganze Osten hat sich verändert in den vergangenen 30 Jahren. Die einen haben die Veränderungen bewältigt, die anderen nicht. Die einen konnten den Wandel als Chance für ein neues Leben nutzen, die anderen versuchen das bis heute. Es sind Verletzungen zurückgeblieben, die einfach nicht heilen.

Soziologe Kollmorgen rät trotzdem zur Gelassenheit, es sei doch gut, wenn Probleme nun angesprochen würden. Gut 50 Prozent der Ostdeutschen seien mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland unzufrieden. Früher hätten viele von ihnen die PDS/Linke gewählt. Heute sammle die AfD diese Enttäuschten ein. Es sei wichtig, dass es diese Partei gebe. »Durch sie haben die Menschen mit ihren spezifischen Problemen eine Stimme.« Und Demokratie müsse wehtun, sonst funktioniere sie nur für die herrschenden Eliten. Im September und Oktober werden vermutlich viele frühere Nichtwähler zur Wahl gehen. Etliche von ihnen werden AfD wählen, aber die Partei muss nicht der Gewinner bleiben. Der Wunsch nach Anerkennung könnte die anderen Parteien motivieren, ihre potenziellen Wähler zwischen Prenzlau und Leipzig, Spremberg und Bitterfeld trotz all ihrer Ängste und Neurosen ernst zu nehmen. Oder gerade deswegen. Mitarbeit: Timo Lehmann, Carolina Torres Mail: steffen.winter@spiegel.de

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