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Der Parteisoldat


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 29/2021 vom 18.07.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 29/2021

Schicke Schuhe, schöne Bilder: Robert Habeck in Westerhever

Er hat dann doch lieber das dunkle Hemd angezogen und eine noch etwas dunklere Hose dazu. Das Fernsehen kommt schließlich für einen O-Ton zum neuen EU-Klimaschutzprogramm. Da will Robert Habeck wenigstens ansatzweise so aussehen, wie sich bürgerliche Wählerinnen einen möglichen Bundeskanzler vielleicht immer noch wünschen. Also schicke braune Lederschuhe und nicht irgendwelche Botten, die es auf den Deichen der Halbinsel Eiderstedt und zwischen den Sielen des schleswig-holsteinischen Watts auch getan hätten. Aber man kann ja nie wissen.

Wobei. Doch. Man kann es inzwischen wissen. Und er weiß es auch. Robert Habeck wird in diesem Jahr nicht Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht doch noch Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl am 26. September. Wenn es einigermaßen gut ausgeht für seine Partei, dann wird er in einer schwarz-grünen, ...

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... wenn es gar nicht anders geht auch schwarz-grün-gelben Koalition Bundesminister für irgendwas. Er hat da schon ein Ressort im Auge, wie er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wyk auf Föhr etwas umständlich einräumt.

Wenn es dagegen nicht gut ausgeht für die Grünen, wenn es doch wieder in die Opposition geht – tja, dann geht die große Reise, die Robert Habeck, um es mit seiner Vorstandsrivalin Annalena Baerbock zu sagen, eigentlich vom „Hühner-, Schweine-, Kühemelken“ ins Bundeskanzleramt führen sollte, in diesem Herbst womöglich zu Ende. Und zwar ohne dass der 51-Jährige, der vielen Beobachtern nach seiner Wahl zum grünen Parteichef als politischer Überflieger galt, seinem eigentlichen Ziel auch nähergekommen wäre. Stattdessen ginge es in diesem Fall vielleicht zurück aufs Land.

DANN WIRD ANNALENA BAERBOCK DIESE AUFGABE BESTEHEN

ROBERT HABECK, Grünen-Vorsitzender

Schleswig-Holsteins Grüne suchen derzeit noch einen Spitzenkandidaten – für die Landtagswahl im Mai 2022. Der Posten soll, so haben es die Parteifreunde im Norden auch mit Blick auf eine mögliche Rückkehr des früheren Energiewendeministers gerade festgelegt, erst nach der Bundestagswahl vergeben werden. Das ist keine gute Nachricht für Habecks Nachfolger in Kiel, Jan Philipp Albrecht, der auch gern Spitzenkandidat werden würde. Und es wäre der allerletzte Ausweg für Robert Habeck. Auch eine Kapitulation vor den Berliner Verhältnissen.

Es könnte sich also nicht nur für die zuletzt so überaus desolaten Bundesgrünen lohnen, dass Robert Habeck sich in diesen Tagen zumindest um Disziplin und Loyalität bemüht. Dass ihr Parteichef als Parteisoldat auftritt, auch wenn ihm diese Rolle nicht besonders liegt. Statt sich aus der Reserve locken zu lassen, schluckt Habeck den Frust über die Ereignisse des vergangenen halben Jahres, über die entgangene Kanzlerkandidatur und die entgleiste Wahlkampagne tapfer runter und formuliert Kritik an Annalena Baerbock zumindest einigermaßen diplomatisch. Auch wenn ihm das jenseits der Kameraobjektive gelegentlich sichtlich schwerfällt.

Habeck versetzt seiner Co-Parteichefin in dieser Woche also nicht jenen – Zitat Baerbock – „Stich ins Herz“, mit dem sie selbst ihm zu Beginn des Jahres die Kanzlerkandidatur entzogen hatte. Und mit dem umgekehrt er selbst inzwischen jederzeit die Reste ihrer ohnehin schon ruinierten Kanzlerinnenkampagne zunichtemachen könnte. Gelegenheiten dazu gab es nach dem Erscheinen des verunglückten Buchversuchs von Baerbock ausreichend. Versuchen kann man es, zwischen Tür und Angel des Hotels Strandgut in St. Peter-Ording, vielleicht trotzdem noch einmal:

„Steht Annalena Baerbock diesen Wahlkampf bis zum Ende durch, Herr Habeck?“ „Klar.“

„Und wenn nicht, stünden Sie bereit?“ „Über diese Frage muss man nicht spekulieren.“

„Sie sprechen in Ihren Wahlkampfreden regelmäßig von der ‚titanischen Aufgabe‘, die die nächste Bundesregierung angesichts des Klimawandels zu bewältigen habe. Trauen Sie Annalena Baerbock die Führung des Landes angesichts dieser Herausforderung zu?“

Habeck: „Wir haben uns seit drei Jahren intensiv auf diesen Wahlkampf und eine mögliche Regierungsbeteiligung vorbereitet. Wenn uns die Menschen das Vertrauen geben, die Transformation der Gesellschaft maßgeblich zu verantworten, dann werden wir, dann wird Annalena Baerbock diese Aufgabe auch bestehen.“

Habeck geht weiter zum nächsten Termin. Routinierte Loyalität. Nicht einmal ein Wimpernzucken. Kein Dolch im Gewand. Stattdessen mit Lederschuhen durchs Watt. Für die Partei. Auch für sich selbst. Habeck will ja gar nicht zurück nach Kiel. Vielleicht muss er nur etwas geduldiger sein im Bund, als er es gewohnt war aus Schleswig-Holstein. Dort ist er im Grunde durchmarschiert vom kleinen Kreisvorsitzenden an der dänischen Grenzen zum Vizeregierungschef. In Kiel war Habeck der große grüne König, der sich aussuchen konnte, was er als Nächstes macht. In Berlin lässt ihn seine Partei zum zweiten Mal eine Schleife laufen.

Bereits bei der Bundestagswahl 2017 wollte Habeck als Spitzenkandidat der Grünen ins Rennen gehen. Er unterlag damals in einer Urabstimmung knapp mit 35,74 zu 35,96 Prozent der Stimmen gegen Cem Özdemir. Schon damals spielte das sonderbare Regelwerk seiner Partei eine Rolle. Die Grünen hatten es versäumt, für den Fall, dass von drei Kandidaten – neben Habeck und Özdemir kandidierte auch der Parteilinke Toni Hofreiter – keiner über die 50 Prozent kommen sollte, wie üblich eine Stichwahl anzusetzen. In die wäre Habeck als klarer Favorit gezogen. Stattdessen kandidierte er nach der Bundestagswahl für den von ihm ungeliebten Parteivorsitz. Und scheiterte vier Jahre später erneut. Diesmal nicht an einer fehlenden Stichwahl, sondern an Ehrgeiz und Anmaßung Annalena Baerbocks, am Frauenstatut der Grünen – und an sich selbst.

Habeck, so hat es die den Grünen nahestehende Autorin Jana Hensel in einem Podcast der „Zeit“ treffend analysiert, ist unter den Spitzengrünen weitgehend isoliert. Ein Einzelgänger. Es gab jenseits des einflusslosen Daniel Cohn-Bendit niemanden, der sich in den für die Nominierung des Kanzlerkandidaten oder der Kanzlerkandidatin entscheidenden Wochen zu Beginn dieses Jahres für Habeck starkgemacht hätte. Nicht in der Bundestagsfraktion, nicht in den Bundesländern. Nicht einmal in Schleswig-Holstein, Habecks Heimat, rührten sich die Hände. Von den einflussreicheren Altvorderen wie Jürgen Trittin oder Claudia Roth ganz zu schweigen. Sie sehen in Habeck, dessen Ziel es immer noch ist, die Grünen zu einer nach allen Seiten hin offenen Bündnisbewegung umzuformen, eher eine Bedrohung ihres rot-grünen, gern auch rot-rot-grünen Lebenswerks als einen möglichen Kanzler.

Robert Habeck hat dieses Ziel jedenfalls noch nicht ganz aufgegeben. Er posiert am Leuchtturm von Westerhever für die Fotografen und vor der Strandmuschel von Wyk für die Selfie-Jäger unter den Urlaubern. Fährt zwischendurch kurz zu Markus Lanz nach Hamburg. Umgarnt am nächsten Morgen, auf seiner „Küstentour“ genannten ersten Wahlkampfreise, wieder wortgewandt potenzielle Wählerinnen und Wähler, die eigentlich gerade an den Strand wollten oder ins Eiscafé. Die dann aber doch in kurzen Hosen und Badelatschen stehen bleiben und mehr als eine Stunde lang geduldig einem Politiker zuhören. Robert Habeck hat da wieder seine braunen Lederschuhe an. Das Publikum applaudiert.