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DER PERFEKTE SCHEIN


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 09.01.2022

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 2/2022

Das unendliche Ich: Besucher des Instagram-Museums in Köln

I

In einer Lagerhalle in einem Kölner Gewerbegebiet, nahe einer Tankstelle und einer Autowaschanlage, werden die Bilder geschossen, die Träume leiten und über Karrieren entscheiden. Der Ort ist eine zugige Halle mit pinkfarbenen Kulissen, er heißt „Supercandy Pop-Up Museum“, Besucher zahlen 29 Euro Eintritt. An einem kalten Freitagmittag steht ein gutes Dutzend Besucher vor der Halle an. Junge Frauen, Familien mit heranwachsenden Töchtern.

Drinnen werfen aufgekratzte Teenager falsche Dollarscheine in die Luft, Mütter fotografieren ihre Töchter am Steuer eines bonbonfarbenen Cadillacs. Man kann auf einem aufblasbaren Flamingo über ein überdimensioniertes Bad aus rosafarbenen Bällen schweben, sein Konterfei vor einer unendlich erscheinenden Spiegelwand festhalten oder sich zwischen Supermarktregalen im Stil der 50er-Jahre in einen Einkaufswagen setzen. Alles an diesem Ort sagt: Das Produkt hier bin ...

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... ich.

An der Kasse erzählt Frank Karch, der Inhaber: Die meisten zahlenden Kunden kämen aus einem einzigen Grund. Sie seien auf der Suche nach dem perfekten Foto. Für Instagram.

Die Lagerhalle steht beispielhaft dafür, wie wirkmächtig die App mit dem Kamerasymbol längst ist. Instagram hat der Plattform seines Mutterkonzerns Facebook – kürzlich umbenannt in Meta – den Rang abgelaufen. Allein in Deutschland besitzen fast 30 Millionen Menschen ein Konto, mehr als jeder Dritte im Land. Das soziale Netzwerk bestimmt inzwischen mit, wie Gesellschaften auf sich selbst blicken. Es beeinflusst, wie Menschen sich kleiden, was sie essen, wie sie aussehen wollen und sich damit fühlen.

Der Erfolg liegt im Zeitgeist, den Instagram einfängt wie kaum ein anderer Ort im Internet. Hier wird Pose eingenommen, gut gelaunt, möglichst in Topform. Die Nutzer, die der Plattform den Rohstoff für ihr Geschäft liefern, wirken makellos und glücklich, ihr Alltag wie eine endlose Aneinanderreihung von Urlauben, Restaurantbesuchen, Fitnesstrainings. Es sind Manifestationen dessen, was Susan Sontag, die Schriftstellerin und Ikone der amerikanischen Gesellschaftskritik, in den 70er-Jahren prophezeite: Die Kamera werde zur „ungeheuren Aufwertung des äußeren Scheins“ führen, die Bedeutung der inneren Werte nehme ab.

Was die Kameras nicht festhalten, sind die Gefahren, die vom Schein und der allgegenwärtigen Inszenierung ausgehen. Denn was wie Alltag wirken soll, sind oft Zerrbilder. Gesichter, die mit Bildbearbeitungsprogrammen manipuliert sind. Eine vermeintliche Normalität, die mit großem Aufwand kuratiert ist. Zu sehen ist, was gut ankommen soll. Denn Langeweile schafft kein Gefolge. Und damit, so sagen es Psychologen und Forscher, setze Instagram die Menschen unter Druck. Und zwar deutlich stärker, als ihnen bewusst sei. Das gelte ganz besonders für jene, die erst lernten, sich selbst und ihren Körper zu akzeptieren: die Jugendlichen.

Die aber hat Meta, der Mutterkonzern, zu dem Facebook und Instagram gehören, vor allem im Blick. Die jungen Nutzer sind seine Lebensversicherung; sie an Konkurrenten wie das chinesische TikTok zu verlieren, wäre eine Bedrohung für das gesamte Unternehmen. Also bindet Instagram die Jungen an sich, so gut es eben geht.

Lange war es eher eine Vermutung, dass Konzernchef Mark Zuckerberg und Meta die Gefahren ihres Dienstes nicht nur ignorieren, sondern sie sogar nutzen. Doch in den vergangenen Wochen kamen nach und nach Hinweise zum Vorschein, dass genau das passiert. Denn eine ehemalige Mitarbeiterin, Frances Haugen, hatte über Monate hinweg Dokumente aus dem Innern des Konzerns gespeichert – und sie seit Herbst öffentlich gemacht. Sie gab Interviews in amerikanischen Medien, sagte vor dem US-Kongress aus. Später tourte sie auch durch Europa, sprach mit Politikern und Journalisten, Medien, auch WELT AM SONNTAG hat sie zum Interview in Berlin getroffen. Die Unterlagen, die Haugen publik machte, zeigen das Ausmaß dessen, was Meta vor allem mit Instagram anrichtet.

Eine von jenen, die anfangs nur Gutes ahnten, soll hier Anna heißen. Anna, heute 16 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie in einem gut situierten Vorort von München. Sie war 13, als sie sich bei Instagram anmeldete. Alle ihre Freundinnen waren schon dort.

In München arbeitet auch ein Mann, der Anna kennt. Sie ist seine Patientin. Andreas Schnebel, Psychologe, leitet seit fast 40 Jahren die Beratungsstelle ANAD, gegründet und bis heute mitfinanziert von den Familien essgestörter Jugendlicher. Der Vereinsname leitet sich aus einer Abkürzung des Begriffs für Anorexia Nervosa ab, Magersucht. Anna war bei Schnebel in Behandlung, er erzählt ihren Fall nach. Anna, sagt Schnebel, sei exemplarisch für Hunderte andere Fälle, die er in den vergangenen Jahren erlebt habe.

Er sagt auch, dass sich durch Instagram spürbar etwas verändert habe. „Unsere Wohngruppen, in denen wir Essgestörte betreuen, während sie in ärztlicher Behandlung sind – die sind voll mit jungen Frauen, deren Selbstwahrnehmung durch Instagram regelrecht versaut ist.“

Anna war schlank und sportbegeistert, als sie begann, den Kosmos der schönen Bilder zu erleben. Da waren die Mädchen aus ihrer Schule, die sie bewunderte, sie übten mit eingezogenen Bäuchen laszive Augenaufschläge vor ihren Kinderzimmerspiegeln, auch Anna probierte es aus. Und dann waren da diese schönen Frauen, besser, fand Anna, als alle Frauen, die sie im echten Leben je gesehen hatte.

Frauen wie Pamela Reif und Anne Kissner. Influencerinnen mit perfekt gerundeten Pobacken, Sixpack-Bäuchen, Millionen Followern – und scheinbar fast immer am Strand. Diese Frauen hatten alles, so schien es Anna. Die Fotos zogen sie in ihren Bann, und Anna wollte sehen, ob jemand auch ihre Fotos likte. Also fing sie an, Instagram immer wieder anzuklicken, 30- oder 40-mal am Tag, auch in den Pausen auf dem Schulhof. Wie oft, das wusste sie irgendwann offenbar selbst nicht mehr.

Es gibt eine Frau, die Annas Not wissenschaftlich erklären kann. Sie sitzt am anderen Ende der Welt, im malaysischen Putra an der dortigen Universität, heißt Nisha Syed Nasser und ist Neurologin. Gemeinsam mit einem Forscherteam unternahm sie im vergangenen Jahr einen weltweit bisher einzigartigen Versuch. Sie steckte 20 Studenten, die viel Zeit mit Instagram verbrachten, in einen Gehirnscanner. Dort beobachtete sie, was in ihrem Gehirn passierte, wenn sie sich bei Instagram einloggten und jemand ihre Fotos beispielsweise mit einem „Like“ markierte.

Das Ergebnis, sagt die Forscherin in einem Videotelefonat, lasse sich einfach zusammenfassen. „Instagram wirkt wie eine Droge.“ Das Gehirn werde stimuliert wie durch Nikotin, Alkohol oder Glücksspiel. „Diese Glücksmomente prägen sich in die neuronalen Bahnen ein.“ Und das bringe Nutzer dazu, immer und immer wiederzukommen.

,,WENN SCHON JEMAND WIE ICH SICH DERART VERUNSICHERN LÄSST, WIE MUSS ES DANN ERST EINER TEENAGERIN GEHEN?

HANNAH KERSCHBAUMER, INFLUENCERIN

UNSERE WOHNGRUPPEN SIND VOLL MIT JUNGEN FRAUEN, DEREN SELBSTWAHRNEHMUNG REGELRECHT VERSAUT IST

ANDREAS SCHNEBEL, Psychologe

Dass Apps wie Instagram süchtig machen, ist kein Zufall. Das zeigt eine Studie der internationalen NGO 5Rights Foundation aus dem vergangenen Sommer. Die Organisation setzt sich für sichere Digitalangebote für Kinder ein. Sie interviewte für ihre Untersuchung Designer solcher Apps und sicherte ihnen Anonymität zu, um ehrliche Antworten zu bekommen. Alle gaben demnach an, dass ihre Designentscheidungen das Verhalten der Nutzer steuern sollen. Ganz bewusst.

Wie das geht, lässt sich bei Instagram gut nachvollziehen. Wer ein paar Stunden lang nicht eingeloggt war, erhält Nachrichten: „Jemand, den du kennst, hat ein Update gepostet“ oder „Jemand hat dein Foto gelikt“. Dazu kommt das Prinzip der künstlichen Verknappung: Videoschnipsel, die sogenannten Stories, verschwinden nach 24 Stunden automatisch wieder. Wer also zu lange nicht online war, kann das Gefühl haben, etwas zu verpassen.

Beeban Kidron, Vorsitzende der Stiftung 5Rights, findet das alarmierend. Wenn es um Kinderschutz im Internet gehe, würde meist so getan, als gäbe es nur die Kinder auf der einen und gefährliche Inhalte auf der anderen Seite. „Aber es gibt eine Maschine in der Mitte, die beides verbindet. Das sind keine technischen Unwägbarkeiten, sondern bewusste Geschäftsentscheidungen, die darauf ausgerichtet sind, das Aufmerksamkeitswachstum und die Verbreitung zu maximieren.“

Schon seit einiger Zeit versuchen Wissenschaftler, solchen Kniffen auf den Grund zu gehen. Einer von ihnen ist der Psychologe Phillip Ozimek, er forscht an der Fernuniversität Hagen zu den Wirkungen von Social Media. Instagram, sagt er, sei für seine Kollegen und ihn eines der wichtigsten Themen, weil es das gesellschaftliche Leben stark bestimme. „Das Perfide an Instagram“, sagt Ozimek, „ist, dass seine Algorithmen deutlich schlauer sind als wir. Es bringt uns dazu, Dinge zu tun, die wir selbst höchstens mit viel Abstraktionskraft verstehen und steuern können.“ Diese Kraft aber habe ein normaler Nutzer nicht. Und Kinder und Jugendliche hätten sie noch viel weniger.

Psychologen warnen daher seit Jahren, dass Instagram das Leben gerade Heranwachsender über die Maßen beeinflussen könnte. Die Warnungen schienen kaum jemanden ernsthaft zu stören. Was auch daran liegen könnte, dass der Kosmos, der sich rund um die App gebildet hat, so vielen nützt: den Firmen, die dort leicht sichtbar werden und keine Ladenlokale mehr brauchen, um ihre Produkte zu vermarkten; Tausenden Influencern allein in Deutschland, die dank der Plattform viel Geld mit Produktempfehlungen verdienen; einer Armada von Werbe- und Künstleragenturen, die Firmen und Influencer zusammenbringen. Und findige Unternehmer wie den Betreiber des Kölner Pop-Up-Museums. Instagram ist zu einer Milliardenindustrie geworden.

Anna machte sich darüber keine Gedanken. Auch ihre Eltern störte es anfangs nicht, dass die Tochter, mittlerweile 14 geworden, viel Zeit mit ihren virtuellen Vorbildern verbrachte: mit Stylingund Schminktipps, mit den Erzählungen der schönen jungen Frauen mit aufregendem Leben. Doch dann kam Corona. Lockdown, Unterricht über den Computer, Videokonferenzen mit der Klasse. Anna verbrachte noch mehr Zeit allein in ihrem Zimmer, war oft am Handy und entwickelte einen Ehrgeiz, der ihre Eltern allmählich nachdenklich machte. Sie meldete sich für ein Sportprogramm an, das ihr größtes Vorbild anbot: Pamela Reif, eine der erfolgreichsten Influencerinnen Deutschlands. Sie hat mehr als acht Millionen Follower. Anna quälte sich stundenlang in ihrem Zimmer, Situps, Burpees, Crunches. Irgendwann sagte sie beiläufig, sie fühle sich nicht recht wohl in ihrem Körper.

Dieses Problem kennen selbst die, die durch Instagram zu Vorbildern von Mädchen wie Anna geworden sind: die Influencer.

Der Berlinerin Hannah Kerschbaumer folgen etwa 60.000 Menschen bei Instagram. Sie schauen sich regelmäßig an, wie Kerschbaumer, im Hauptberuf Unternehmerin für Brotaufstriche, ihren Alltag verbringt. Die 29-Jährige mit wilder Haarmähne, die sie immer wieder anders färbt, wurde vielen als Kandidatin der RTL-Show „Der Bachelor“ bekannt.

Kerschbaumer sagt, sie habe nicht geplant, dass die Show ihr so viele zusätzliche Follower bei Instagram bescherte. Sie habe es auch nicht darauf angelegt, Influencerin zu werden. Aber als die Fans einmal da waren, da habe sie sich entschieden, das zu nutzen. Auch, um immer wieder mal Produkte zu bewerben und sich etwas dazuzuverdienen.

Das tun viele bei Instagram, und viele verdienen nicht nur ein bisschen was dazu. Sie werben in ihren Stories für Kosmetik, Fitnessprogramme, Kleidung, Nahrungsergänzungsmittel. Bei den Nutzern kommt diese Art der Werbung offenbar ausnehmend gut an. Ihr Gehirn spielt ihnen vor, dass die Produktempfehlungen der freundlichen Gesichter auf der Plattform die Tipps von Bekannten oder Freunden sind.

Einige Influencer, wie Kerschbaumer, probieren die Produkte vorher selbst aus und bewerben sie dann, wenn sie sie wirklich für sinnvoll halten. Viele nehmen ihre Verantwortung weniger ernst. Was dazu führt, dass über die Plattform allerlei Nutzloses und öfter auch Gesundheitsschädliches verkauft wird, vom Hanföl CBD mit vermeintlich beruhigender Wirkung über den Nadelroller, der die Lippen voller machen soll, in Wahrheit aber die Haut perforiert.

Verbraucherschützer verbringen viel Zeit damit, solche problematischen Anzeigen aufzuspüren. Doch selbst wenn sie etwas finden, können sie meist nicht mehr tun, als Gesundheitsämter oder andere Aufsichtsbehörden zu warnen. Und die sind mit der Bilderflut aus dem Netz heillos überfordert.

Hannah Kerschbaumer nutzte ihre Bekanntheit, um eine Botschaft zu verbreiten: Man solle sich lieben, wie man ist. Sie ist der Kern ihrer Instagram-Persona. Kerschbaumer verlor als kleines Kind einen Fuß, seither trägt sie eine Prothese. Auch sonst entspricht sie nicht unbedingt den Schönheitsidealen der Plattform. Sie ist zwar meist aufwendig zurechtgemacht, aber sie ist sichtbar kurviger als andere Models. Das zeigt sie inzwischen selbstbewusst. Man sieht sie auf Instagram oft in Unterwäsche, dazu schreibt sie ein paar Dinge, die letztlich auf ihre Botschaft hinauslaufen: Trau dich, dich mit all deinen Makeln zu zeigen, sie machen dich aus.

Allerdings, sagt Kerschbaumer, dieses Selbstbewusstsein habe sie als Teenager nicht gehabt. Sie habe es sich erarbeitet. Die Influencerin, laut und immer etwas aufgedreht, ist eine der interessanteren Persönlichkeiten des Netzwerks. Sie bewegt sich darin und profitiert davon – hat aber, als studierte Psychologin, die jung zur Unternehmerin wurde, auch einen kritischen Blick auf die Macht Instagrams und ähnlicher Plattformen.

Kerschbaumer erzählt beim Treffen in ihrer Wohnung von ihrem zwiegespaltenen Verhältnis zu Instagram. Davon, was es mit ihr selbst machte. „Ich merkte irgendwann, dass ich mich immer häufiger morgens im Spiegel anschaute und darüber nachdachte, ob meine Nase zu dick ist. Früher war mir das nie aufgefallen.“ Kerschbaumer versuchte, dem auf den Grund zu gehen, und begann, ihr Verhalten auf der Plattform zu hinterfragen. Sie sagt, sie habe festgestellt, dass sie immer wieder die Filter ausprobierte, die Instagram anbietet, während man sich selbst mit dem Handy filmt. Dutzende solcher Filter sind vorinstalliert, Hunderte lassen sich herunterladen. Sie zaubern Gesichter schöner, Haut ebenmäßiger, Wimpern länger und Nasen schmaler.

„Wenn schon jemand wie ich sich derart verunsichern lässt“, sagt Kerschbaumer, „wie muss es dann erst einer Teenagerin gehen, die auf der Suche nach ihrer Identität ist?“

V or ein paar Wochen veröffentlichte die schwedische Bestsellerautorin Liv Strömquist einen Comic mit dem Titel „Im Spiegelsaal“, in dem sie die Kulturgeschichte der Schönheit unter die Lupe nimmt, die nun im Phänomen Instagram gipfele. Instagram, schreibt Strömquist, folge der „mimetischen Theorie“ des französischen Philosophen René Girard: Wir begehren automatisch, was andere begehren. Weil Instagram ständig zeige, was Schönheit sei, strebe man selbst, wahrscheinlich unbewusst, diesen vermeintlichen Idealzustand an. Die Katzenaugen, die hohen Wangenknochen, die spitzen Nasen. Dazu die schlanken Körper, aber mit kräftigem Po wie die Kardashian-Schwestern aus den USA. Als könnte man das eigene Ich mit einem Filter nach Art seiner Vorbilder modellieren. Und längst nicht mehr nur virtuell. Es gibt Schönheitschirurgen, die berichten: Zu ihnen kämen junge Frauen mit Fotos, die sie selbst mit solchen Filtern bearbeitet hätten, mit dem Wunsch, im wahren Leben so auszusehen wie auf Instagram.

Auch bei Anna wurde dieser Wunsch immer mächtiger. Irgendwann, im vergangenen Frühsommer, reichte ihr der viele Sport nicht mehr. Sie begann, sich Lebensmittel über Instagram zu bestellen: kalorienarme Bowls und Snacks aus dem Programm von Pamela Reif. Bei Instagram, so schien es ihr zumindest, hatten ihre Vorbilder kein Gramm Fett am Körper. Retusche oder Wahrheit? Anna dachte darüber nicht nach. Sie sah ständig die spärlich bekleideten Leiber, Bikini, Unterwäsche, gut sichtbare Bauchmuskeln.

Hannah Kerschbaumer erzählt in ihrer Wohnung davon, wie sie Instagram kurz vor der Bundestagswahl im vergangenen Herbst auf eine Probe stellte. Sie wollte wissen, ob mehr Menschen ihre Fotos zu sehen bekämen, wenn sie mehr nackte Haut zeigte. Also postete sie ein Foto, auf dem sie ein Plakat hielt: mit dem Datum der Bundestagswahl. Sie trug Unterwäsche, darüber nur eine Bluse. Das Foto, sagt Kerschbaumer, sei sehr viel mehr Menschen angezeigt worden, die ihr nicht folgten, als sonst üblich. Sie kann solche Statistiken auf ihrem Business-Konto auslesen.

Das ist kein Beweis, dass der Algorithmus Nacktheit belohnt. Doch es passt zu den Beobachtungen von Datenforschern, die dieser Frage systematisch nachgegangen sind. Zum Beispiel die der kleinen Nichtregierungsorganisation Algorithm- Watch, die in einem Berliner Altbau ihren Sitz hat. Einer der Forscher, Nicolas Kayser-Bril, erzählt: AlgorithmWatch habe 26 Freiwillige gebeten, Instagram- Konten aus verschiedenen Ländern zu folgen, so habe man 2400 Fotos gesammelt, deren Reichweite die Organisation untersucht habe. Das Ergebnis, sagt Kayser-Bril: „Die Posts waren viel höher im Newsfeed zu sehen, wenn die abgebildeten Frauen leicht bekleidet waren.“ Sie wurden den Probanden mit einer um 54 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit angezeigt als andere Posts. Bei Männern mit nacktem Oberkörper lag die Wahrscheinlichkeit um 28 Prozent höher.

Offiziell duldet der Mutterkonzern Meta keine Nacktheit auf den Seiten seiner Internetdienste. Nicht auf Facebook, nicht auf Instagram. Wer auf seinem Konto oder in Werbeanzeigen zum Beispiel Nippel zeigt, muss damit rechnen, dass die Fotos oder Filme automatisch gelöscht werden. Das gilt auch für Werbung für Nackt- und Pornodienste wie OnlyFans. Doch was Kerschbaumer und die Forscher von AlgorithmWatch berichten, deutet auf eine fragwürdige Doppelzüngigkeit von Zuckerbergs Kon-zern hin. Zu viel, zu offensichtliche Nacktheit ist verboten. Ein bisschen dagegen ist offenbar erwünscht, weil sie dem Geschäft dient.

Dazu passt, dass Facebook die Arbeit von AlgorithmWatch offenbar nicht so gerne sieht. Zuletzt warf der Konzern der Organisation vor, ihre Untersuchungen hätten gegen Nutzungsbedingungen verstoßen. Facebook habe „formellere Schritte“ angedroht, würde die NGO das Problem nicht zu seinen Bedingungen lösen, so erzählt es Kayser- Bril. „Es war klar, dass das eine Drohung war.“ Die NGO ist überzeugt, dass ihr Projekt keineswegs gegen Regeln verstößt. Trotzdem beendete sie es. Das finanzielle Risiko, einen Prozess gegen einen Weltkonzern zu führen und zu verlieren, schien ihr zu groß.

Einer von Metas Sprechern sagt: „Wir haben nicht gedroht, sie zu verklagen.“ Sein Unternehmen habe Algorithm- Watch nur mehrfach kontaktiert, um „unsere Bedenken zu erläutern und ihnen dabei zu helfen, einen Weg zu finden, ihre Forschung durchzuführen“ – ohne die Nutzungsbedingungen von Facebook oder Instagram zu verletzen.

Der Münchner Psychologe Schnebel und sein Team, bei dem Anna in Behandlung ist, wollen herausfinden, was genau die Mädchen und manchmal auch Jungen krank macht, die zu ihnen kommen. Schnebel ist ein nachdenklicher Mann, er scheint Urteile nicht vorschnell zu fällen. „Die Macht von Bildern, von denen sich junge Menschen beeinflussen lassen, die gab es schon immer“, sagt er. Vor 20 Jahren, da seien im Katalog des Versandhändlers Otto Bilder von sehr dünnen Bikinimodels gezeigt worden, und Journalisten hätten ihn angerufen und gefragt: Kann so etwas Mädchen magersüchtig machen? Er habe erklärt, so einfach sei es nicht. Solche äußeren Einflüsse seien immer nur ein Faktor unter vielen.

Und doch, sagt Schnebel: Seit es Instagram gebe, habe sich spürbar etwas verschoben. Der stetige Strom der mit Filtern manipulierten Bilder, die nachdrückliche Ansprache der Influencerinnen, dazu die Schlankheitsprodukte, die vermeintlich perfekte Körper versprechen. „Das Problem ist die enorme Reichweite“, sagt Schnebel. „Was sich bei Instagram abspielt, sehen Millionen.“

Eine Medienforscherin, die mit Schnebels Verein zusammenarbeitet, kann diesen Mechanismus mit Zahlen belegen: Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Götz und ihr Team fanden durch die Analyse von Instagram-Profilen und Gespräche mit essgestörten jungen Frauen heraus: Fast zwei Dritteln aller Mädchen, die Influencerinnen folgen, sei es sehr wichtig, schlank zu sein. Unter anderen Mädchen liegt der Anteil bei gut einem Drittel. Und 64 Prozent der essgestörten jungen Frauen, die sie befragte, gaben an: Instagram habe großen Einfluss auf ihr soziales Leben.

Als Anna im vergangenen Sommer zu Schnebel in die Beratungsstelle kam, begleitet von ihren Eltern, wog sie noch 46 Kilo – bei mehr als 1,70 Metern Körpergröße. Sie saßen bei ihm, erzählt Schnebel, die Eltern sehr besorgt, die Tochter abwiegelnd: Sie habe nicht ganz gesehen, wo das Problem liege. Sie sei doch ihrem Ideal, Pamela Reif, recht nahegekommen.

WELT AM SONNTAG hätte gern auch mit Reif darüber gesprochen, wie sie mit der Verantwortung umgeht, die ihr Erfolg bedeutet. Doch sie hat auf die Bitte um ein Gespräch bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht reagiert.

Facebooks beziehungsweise Metas Chef Mark Zuckerberg und seinen Spitzenmanagern ist es lange gelungen, die Verantwortung ihres Konzerns herunterzuspielen. Man tue doch, was man könne, sagten sie meist. Zudem arbeiteten sie daran, ein besser reguliertes Instagram eigens für Jugendliche zu entwickeln – einen geschützten Raum, in dem sie sich ausprobieren könnten.

Nun aber zeichnen die Enthüllungen der früheren Managerin Frances Haugen ein ganz anderes Bild. Denn die Unterlagen, die Haugen öffentlich machte, belegen erstmals, was Zuckerberg und seine Leute stets kleingeredet oder bestritten hatten: dass in ihrem Konzern längst bekannt ist, welch fatale Wirkung der Schönheitsdruck auf Instagram auf Jugendliche, auf ihre Entwicklung und Gesundheit, haben kann.

An einem Vormittag sitzt Haugen in der Lobby eines Berliner Hotels und erzählt davon, dass sie solche Probleme selbst kennengelernt hat. Als Teenagerin habe sie selbst mehrere Leute gekannt, die stark unter Essstörungen litten. Nachdem sie Facebook verlassen hatte, übergab Haugens Anwalt dem US-Kongress und der US-Börsenaufsicht SEC Auszüge der Daten, die Haugen gesichert hatte. Zuerst berichtete das „Wall Street Journal“. Später konnte auch ein Zusammenschluss von Medien, zu dem inzwischen auch WELT AM SONNTAG gehört, die teils geschwärzten Dokumente einsehen. Demnach führten Forscher des Konzerns immer wieder Umfragen unter Nutzern aus verschiedenen Ländern durch, um herauszufinden, welchen Einfluss Instagram auf die mentale Gesundheit hat.

So stellten sie in einer Befragung von 22.410 Nutzern fest, dass die Plattform bei einem von drei Mädchen im Teenageralter die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärkt. So steht es auf einer internen Präsentationsfolie aus dem Jahr 2019.

In einer Umfrage aus dem Dezember vorvergangenen Jahres unter mehr als 50.000 Nutzern und auch in Deutschland gaben 48 Prozent der Mädchen an, auf Instagram ihr Aussehen oft oder immer zu vergleichen. Jedes Dritte fühlte sich demnach unter Druck gesetzt, auf der Plattform perfekt aussehen zu müssen.

In der Präsentation einer anderen Umfrage steht, dass 13 Prozent der befragten britischen Teenager daran dachten, sich umzubringen – wegen Instagram. In den USA waren es sechs Prozent.

Wenn Mark Zuckerberg und seine Manager sich öffentlich äußerten, klang das ganz anders. Im Mai vergangenen Jahres noch sagte Zuckerberg vor dem amerikanischen Kongress, „die Forschung, die wir gesehen haben“ lege nahe, dass soziale Apps wie seine „positive Vorteile“ für die psychische Gesundheit haben könnten.

Nach Haugens Enthüllungen ist sein Unternehmen sehr bemüht, den vor aller Welt angerichteten Schaden irgendwie zu begrenzen. Wenn man um ein Interview bittet, wird man an den deutschen Public-Policy-Chef von Instagram, Alexander Kleist, verwiesen. Der 37-Jährige ist sozusagen der ranghöchste Lobbyist in Deutschland. Ja, sagt Kleist, man führe Studien dazu durch, wie Menschen die App nutzen und welche Auswirkungen dies habe. Aber: „Oft ist diese Forschung nicht repräsentativ“, es handele sich dann zum Beispiel um Umfragen unter wenigen Nutzern.

Mag sein, dass das manchmal so ist. Wahr ist allerdings auch, dass Facebook die vorteilhaften Ergebnisse aus eigenen Umfragen gewöhnlich nicht mit solchen Verkleinerungsformeln vorträgt. Und dass außerdem Zigtausende Nutzer mehr sind als ein paar wenige. Die Frage ist auch, warum Zuckerberg und sein Konzern eine eigene Forschergruppe für die junge Zielgruppe zusammenstellen, von deren Ergebnissen sie mitunter weitreichende Geschäftsentscheidungen abhängig machen – wenn sie den Ergebnissen angeblich nicht trauen?

Was soziale Medien mit dem Gehirn machen

Der Mensch isst, trinkt, pflanzt sich fort, weil es das Lustzentrum im Gehirn stimuliert: den Nucleus accumbens. Diese Struktur aus Nervenzellen im Vorderhirn ist ein wichtiger Teil des

Belohnungssystems. Es wird von Zellen im Mittelhirn mit dem Botenstoff Dopamin stimuliert. Wenn der an die Rezeptoren des Lustzentrums andockt, sendet es Erregungspotenziale an andere Teile des Gehirns, die

Zufriedenheit auslösen. Alkohol oder Drogen, Glücksspiel oder Dienste wie Instagram tun genau das – sie wirken nur viel stärker als etwa Nahrung

,,INSTAGRAM WIRKT WIE EINE DROGE. DIE GLÜCKSMOMENTE PRÄGEN SICH IN DIE NEURONALEN BAHNEN EIN

NISHA SYED NASSER, Neurologin

DIE MEISTEN KUNDEN SIND AUF DER SUCHE NACH DEM PERFEKTEN FOTO. FÜR INSTAGRAM

FRANK KARCH, Museumsinhaber ,,

Kleist antwortet darauf sehr allgemein und wolkig. Dass man versuche, „eine große Schnittmenge an Nutzern weltweit“ auszuwählen – aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen –, um die Plattform weiter zu verbessern. Er sagt: „Im Juli hat sich Facebook, heute Meta, freiwillig dazu entschieden, weltweit das Microtargeting bei Minderjährigen einzuschränken.“ Microtargeting meint gezielte Werbung, für die ein möglichst gläserner Nutzer wichtig ist.

Es ist eines der grundsätzlicheren Probleme, die Kritiker seit Jahren benennen. Es ist daher einer der Gründe, warum Meta vor allem mit seinen Netzwerken Facebook und Instagram in den USA und Europa, zwei seiner wichtigsten Märkte, unter Druck steht wie vermutlich nie zuvor.

Die US-Regierung plant, die mächtigen Tech-Plattformen mit Gesetzen strenger zu regulieren. Auch die EU arbeitet an zwei großen Gesetzesvorhaben, die dieses Ziel haben. Die deutsche Abgeordnete Alexandra Geese, Grüne im EU-Parlament, ist eine der Verhandlerinnen. „Das eigentliche Problem ist das Geschäftsmodell von Plattformen wie Instagram“, sagt sie. Sie meint das Werbegeschäft, vor allem das Microtargeting, eine der wichtigsten Einnahmequellen von Meta. Es funktioniert so, dass die Anbieter von Apps wie Instagram möglichst viele private Daten ihrer Nutzer sammeln, auswerten und sie zielgerichtet einsetzen. Es führt dazu, dass Facebook und Instagram auf diese Weise auch problematische Inhalte auf die Handys Jugendlicher spülen können. Werbung etwa, die zur politischen Radikalisierung aufrief oder Anzeigen, in denen Homosexualität verteufelt wurde. Auch deshalb sagt Geese, das Verbot sei nötig, um die Demokratie zu schützen. Und Kinder und Jugendliche.

In München ist Anna mittlerweile auf dem Weg der Besserung. Sie hat wieder ein gesundes Gewicht erreicht. Und was sie bei Instagram sieht, sagt Psychologe Schnebel, sehe sie inzwischen mit kritischer Distanz. Sie sei dort nach wie vor angemeldet. Schnebel sagt, es bringe nichts, den Jugendlichen die Plattform auszureden oder gar zu verbieten. Erfolgversprechender sei es seiner Erfahrung nach, „auf eigene Einsicht zu setzen“. Den Mädchen nahezubringen, dass sie den schönen Schein mit Vorsicht genießen sollen.

In Köln hat sich die alte Halle mit den Bonbonfarben gefüllt. In einem stilisierten American Diner schlürfen Teenagerinnen zum Schein Milchshakes. Und im Bällebad hüpfen Heranwachsende, die ihre Bäuche einziehen. Für den perfekten Schuss.

Mitarbeit: Mandoline Rutkowski