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Der Platzwart sollte als Pfosten fungieren


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 39/2022 vom 28.09.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 39/2022

Sekunden, die Geschichte schrieben: Gladbachs Stürmer Herbert Laumen (r.) hat sich im Netz verfangen, als das Tor in sich zusammenfällt

60 Jahre Bundesliga Unglaubliche Geschichten

TEIL 13

Für Herbert Laumen (79) ist der 3. April 1971 schon beim Aufstehen anders als alle anderen Tage. Da ist der Groll gegen die Verantwortlichen von Gladbach. Da ist die Unterschrift, die er bereits unter seinen Vertrag in Bremen gesetzt hat. Und an diesem Samstag spielt der Stürmer ausgerechnet gegen Werder, seinen zukünftigen Verein. Gladbach ist vor diesem 27. Spieltag Tabellenzweiter, Bremen befindet sich im gesicherten Mittelfeld. Schieße ich meinen künftigen Arbeitgeber zur Niederlage? Diese Frage dürfte sich Laumen spätestens beim Frühstück gestellt haben.

Die Antwort gibt ihm Trainer Hennes Weisweiler (gestorben am 5. 7. 83 mit 63): Nein! So zumindest der Plan. Weil die Borussia wütend auf Laumen ist, dass er sich für Bremen und gegen Gladbach entschieden hat, verweist ihn Weisweiler auf die Bank. Bis zur 35. Minute, als Peter Dietrich ...

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... (heute 78) ausgewechselt werden muss und Weisweiler kaum eine andere Wahl bleibt, als Laumen ins Spiel zu bringen, seinen besten Torjäger.

Laumen kann die damaligen Bosse seines Herzensvereins bis heute nicht verstehen: „Ich war damals 27 Jahre und brauchte Planungssicherheit. Ich wollte unbedingt einen Vierjahresvertrag bekommen und wollte Gladbach auch eigentlich nie verlassen. Doch der damalige Manager Helmut Grashoff sagte mir: ‚Du bist zu alt!‘ Ich war geschockt. Ich war schon vier Jahre zuvor jeweils der beste Torschütze unserer Mannschaft gewesen – und dann das. So schwer es mir fiel: Als Bremen mir einen Vierjahresvertrag angeboten hat, habe ich dort unterschrieben.“

Als der gebürtige Mönchengladbacher an diesem Karsamstag eingewechselt wird, steht es 1:1. Horst Köppel (74) hatte für die Borussia getroffen, Heinz-Dieter Hasebrink (81) für Werder. In der 87. Minute steht es noch immer 1:1. Bis Gladbach einen Freistoß zugesprochen bekommt und Günter Netzer (78) den Ball in den Strafraum schlägt. Laumen will mit dem Kopf an den Ball kommen, doch Bremens Schlussmann Günter Bernard (82) fischt ihn vor ihm weg. Laumen kann seinen Schwung nicht bremsen – und fällt ins Tornetz. Dann ein Knacken, ein Brechen. Der Pfostenbruch vom Bökelberg!

„WIR HÄTTEN DAS GEBROCHENE TOR JA ERST EINMAL KOMPLETT AUSBUDDELN MÜSSEN, DAFÜR HÄTTE DIE ZEIT NICHT GEREICHT“

„Herbert lag im Netz und konnte sich zunächst nicht bewegen, dann knallte die Latte nach unten. Bei Ditmar Jakobs hat man gesehen, was in so einer Situation passieren kann. Wir waren einfach froh, dass unserem Mitspieler nichts passiert ist“, sagt Rainer Bonhof (70), Gladbachs heutiger Vize-Präsident. Jakobs, damaliger HSV-Spieler, rutschte am 20. September 1989 – ebenfalls gegen Bremen – nach einer akrobatischen Rettungstat ungebremst ins eigene Tor, ein Karabinerhaken bohrte sich in seinen Rücken, das Teil musste ihm aus dem Fleisch geschnitten werden und Jakobs seine Karriere beenden.

Laumen hat Glück, der Holzbalken verfehlt ihn. Die Gladbacher Nordkurve johlt, unwis- send, was folgen sollte. Die Fans stehen bis zum Spielfeldrand.

Was dann passiert, ist Comedy. Damals hätte man wohl eher Klamauk gesagt. Die Gladbacher, im direkten Titelrennen mit dem FC Bayern, sind mit dem Resultat total unzufrieden. Werder – damals brachte ein Sieg lediglich zwei Zähler – kann mit dem Punktgewinn bestens leben. „Wir waren fest davon überzeugt, dass es zu einem Wiederholungsspiel kommen würde. Und dass wir das dann gewinnen“, sagt Bonhof. „Deshalb waren wir nur bedingt daran interessiert, dass das Spiel fortgesetzt wurde.“ Anders die Bremer. „Die kamen auf die wildesten Ideen“, sagt Laumen. „Sie schlugen etwa vor, dass die Ersatzspieler den Pfosten halten.“ Sogar der Vorschlag wird laut, dass Gladbachs Platzwart Willi Evers als Pfosten fungieren könnte.

Und die Borussia? „Günter Netzer redete auf den Schiedsrichter ein, dass eine Fortsetzung keinen Sinn habe“, sagt Bonhof. Die Bremer Spieler versuchten derweil, das Tor eigenständig wieder aufzustellen. „Einige von uns haben es wieder umgeworfen“, erinnert sich Netzer. Platzwart Evers zeigt zumindest etwas Einsatz – und holt ein paar Nägel und einen Hammer. Die natürlich wenig ausrichten können.

Der Schiedsrichter Gert Meuser († 84) gibt der Borussia 15 Minuten Zeit, für ein neues Gehäuse zu sorgen. Laumen: „Damals war ein Ersatztor noch keine Pflicht, wir hatten deshalb keines. Was hätten wir tun sollen? Wir hätten das gebrochene Tor ja erst einmal komplett ausbuddeln müssen, dafür hätte die Zeit schon nicht gereicht.“

Das Spiel wird abgebrochen, die Gladbacher fahren zufrieden nach Hause. Weil sich das Stadion am Bökelberg in städtischer Hand befindet, wird das morsche Tor mit einem Flatterband abgesperrt, um auf eine Gefahrenstelle hinzuweisen.

DIE BREMER WÄREN MIT EINEM WIEDERHOLUNGS-SPIEL EINVERSTANDEN GEWESEN – WENN SIE MITKASSIERT HÄTTEN

Rund drei Wochen später dann der Hammer – den der damalige Vorsitzende des DFB-Sportgerichts fallen lässt: Das Spiel wird wegen „schuldhaften Herbeiführens eines Spielabbruchs“ 2:0 für Bremen gewertet. Zudem werden 1500 Mark Geldstrafe gegen die Borussia verhängt. Ins Gewicht fällt bei der Entscheidung auch der Eintrag von Schiedsrichter Meuser im Spielbericht. Darin schreibt er: „Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass die Borussia alles Notwendige unternahm, um Ersatz für den zerbrochenen Pfosten herbeizuschaffen.“ Die Borussia ist empört, kann es nicht glauben. Legt Widerspruch ein – vergeblich.

Was kaum einer weiß: Laumen sprach vor der Verhandlung mit den Werder-Bossen um Hans Wolff († 69), die er wegen seiner Vertragsverhandlungen gut kannte. Er fragte sie, was aus Bremer Sicht ein guter Kompromiss sei. Ihre Antwort: Sie wären mit einem Wiederholungsspiel einverstanden – sofern sie an den Einnahmen des Gladbacher Heimspiels partizipieren würden. Diese Bremer Einschätzung erreichte den DFB allerdings nie – zumindest nicht auf offiziellem Wege. Somit fiel das Urteil unter dem Aktenzeichen 162/70/71 gegen die Borussia aus.

Bonhof sagt: „Ich weiß noch: Wir saßen in der Kabine, nachdem das Urteil gesprochen wurde. Da haben wir uns geschworen: Jetzt werden wir erst recht Meister!“ Es klappt. Weil Gladbach am letzten Spieltag 4:1 in Frankfurt gewinnt und die Bayern in Duisburg patzen (0:2). Die Borussia zieht vorbei. Die zweite Meisterschaft in Folge. Doch die Wut auf den DFB ist noch immer nicht verflogen. Bonhof: „Bei der Ehrung durch den Oberbürgermeister sagte er uns: ‚Das ist ein guter Tag für den Fußball. Und eine schwere Niederlage für die Funktionäre!‘ Alle haben ihm jubelnd zugestimmt.“

Die Moral von der Geschicht: Es ist schlecht, wenn dir der Pfosten bricht. Darum empfiehlt der DFB nach der Saison 1970/71 den Vereinen, auf Tore aus Holz zu verzichten. Aluminium ist nun angesagt. Bis heute.

Bei der Borussia gehört der Pfostenbruch zur Vereinsgeschichte. Im klubeigenen Museum sind Teile des Gebälks ausgestellt. Vor einigen Jahren drehte der Klub ein Weihnachtsvideo. Herbert Laumen hängte darin eine Weihnachtskugel an einen Tannenbaum – der kurz darauf umfiel. Patrick Herrmann (31), noch immer für die Borussia aktiv, rief daraufhin: „Heerbeeert, nicht schon wieder!“

Nächste Woche Thomas Helmer und das Phantomtor

Holztore sind immer noch erlaubt

Wäre ein solcher Pfostenbruch auch heute noch möglich? Theoretisch ja! Zwei Regeln sind unmissverständlich im Regelwerk des DFB festgehalten: Tore müssen 7,32 Meter breit und 2,44 hoch sein. Und: Das Gebälk muss weiß sein. Was das Material angeht, lässt der Verband den Vereinen jedoch Spielraum: „Die Torpfosten und die Querlatte müssen aus einem zugelassenen Material und ungefährlich sein.“ Dann verweist der DFB noch auf die Fifa-Richtlinien. Der Weltverband schreibt: „Es wird dringend empfohlen, keine Holztore zu verwenden, da die strukturelle Integrität des Tores sehr anfällig für Umwelteinflüsse ist.“ Verboten ist es allerdings nicht.

Dennoch werden – vor allem im Profifußball – hauptsächlich Tore aus Aluminium verwendet. Die Vorteile: Es ist leichter als Holz – und kann nicht schimmeln bzw. rosten. Auch heute würde ein Spiel abgebrochen werden, sofern das Tor defekt ist und nicht repariert werden kann. Die DFB-Regel: „Wenn die Querlatte nicht repariert werden kann, muss das Spiel abgebrochen werden. Die Querlatte darf nicht durch ein Seil oder ein flexibles oder gefährliches Material ersetzt werden.“