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Der politische Standpunkt:Plädoyer für einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 27.09.2018

Unsere moderne Gesellschaft tendiert dazu, sich immer stärker zu fragmentieren. Gruppen und Milieus schließen sich voreinander ab, verweigern den Austausch mit breiteren Teilen der Gesellschaft und stehen diesen sogar unversöhnlich gegenüber. Der Umgang miteinander ist rauer geworden. Ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs scheint kaum mehr möglich. Es fehlt ein allgemeiner Grundkonsens darüber, wie unser Miteinander gelingen kann, im Interesse und zum Wohle aller Menschen in diesem Land. Dafür lohnt es sich zu streiten.


Im April 2017 habe ich Thesen für eine „Leitkultur für Deutschland“ formuliert. Ich habe darin versucht zu beschreiben, was für mich unsere Gesellschaft und unsere Kultur im Kern eigentlich ausmacht. Dabei ging es mir vor allem um die „typischen“ Werte, Normen und Verhaltensweisen in unserem Land, die zwar nirgendwo festgeschrieben sind, die wir aber trotzdem als gültig und selbstverständlich nehmen.

Dieser Beitrag hat eine kontroverse Debatte ausgelöst. Ich möchte sie hier nicht noch einmal aufgreifen. Aber ich möchte sie gern fortsetzen mit einem Gedanken, der mich schon länger beschäftigt und der aus meiner Sicht eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das „Gelingen“ von Leitkultur und – mehr noch – für das „Gelingen“ von Gesellschaft hat.

Und das ist für mich die Frage: Inwieweit können wir uns in einer hochkomplexen Gesellschaft wie der unsrigen überhaupt (noch) darauf verlassen, dass es solche ungeschriebenen Regeln von allgemeiner Wirkung und Gültigkeit gibt? Wie steht es in Zeiten der Digitalisierung und großer Zukunftssorgen eigentlich um diesen „Kanon des Unverhandelbaren“, also den gesellschaftlichen Grundkonsens in unserem Land?

Artikelbild für den Artikel "Der politische Standpunkt:Plädoyer für einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens" aus der Ausgabe 4/2018 von Die Mediation. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 4/2018

Die Fragmentierung der Gesellschaft

Diese Frage ist hochaktuell und berechtigt. Denn auf den ersten Blick scheint es damit nicht mehr weit her zu sein: Innerund außerhalb des Internets wird schamlos gepöbelt, gemobbt und gehetzt. Polizisten und Rettungskräfte werden behindert und sogar angegriffen. In Fußballstadien wird zügellos gedroht, randaliert und geprügelt. Politiker und Journalisten werden beschimpft und beleidigt.

Tatsächlich ist in unserer Gesellschaft etwas eingerissen – und zwar eben jener Grundkonsens darüber, was allgemein als akzeptiert und was als inakzeptabel gilt, was sich gehört und was nicht. Zwar dürften die Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft im Wesentlichen unstrittig sein – für den davon abgeleiteten Verhaltenskodex ist das aus meiner Sicht indes diskussionswürdig.

Das hat mit einer Entwicklung zu tun, die ich als „Fragmentierung“ unserer Gesellschaft bezeichnen möchte. Damit ist gemeint, dass sich die verschiedenen Gruppen und Milieus in unserer Gesellschaft zunehmend gegeneinander abschließen und so die Fähigkeit wie auch Gelegenheit zum Ausgleich und zur Vermittlung untereinander verlorengeht.

Zwar ist diese Entwicklung nicht neu. Dass der Mensch sich eher mit solchen Menschen umgibt, die ihm ähnlich sind, ist sogar ziemlich banal. Und dass umgekehrt Gruppen ein gewisses „Eigenbewusstsein“ entwickeln, das dann auch prägend und disziplinierend auf die einzelnen Gruppenmitglieder zurückwirkt, ist genauso wenig überraschend.

Der Bedeutungsverlust gesellschaftlicher Institutionen

Neu ist nach meiner Wahrnehmung aber die Diskrepanz zwischen dem, was in einer Gruppe als völlig normal, in einer anderen Gruppe hingegen als ganz und gar undenkbar gilt. Und das hat nach meiner Wahrnehmung damit zu tun, dass gesellschaftliche Institutionen und Orte, die verschiedene Gruppen zusammenführen und miteinander verbinden, immer mehr an Bedeutung einbüßen.

Ob die christlichen Kirchen, die Feuerwehren, Gewerkschaften, politischen Parteien oder viele andere mehr – alle diese gesellschaftlichen Institutionen, wo sich Jung und Alt, Arm und Reich, Rechts wie Links begegnen und austauschen, kämpfen seit Jahren mit einem Schwund von Mitgliedern und engagierten Mitstreitern. Und das wiederum führt dazu, dass sie sich gerade in ländlichen Regionen zunehmend aus der Fläche zurückziehen (müssen).

Je kleiner die Zahl und Kraft solcher gesellschaftlicher Institutionen aber wird, desto schwieriger wird es auch, für Ausgleich und Vermittlung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu sorgen.

Hinzu kommt, dass viele dieser Institutionen Konkurrenz durch die sozialen Medien bekommen haben. Gemeinschaft, Zugehörigkeit und die Verfolgung gemeinsamer Interessen lassen sich im Internet sehr viel schneller und bequemer ausleben als in der analogen Welt. Dass Chatgruppen bei Facebook aber enger und gleichförmiger sind als soziale Gruppen in der Gesellschaft, wird leicht vergessen.

Zudem funktionieren Gruppen in den sozialen Medien wie abgeschlossene Räume: Man bleibt mit den An- und Weltsichten in „seiner“ Gruppe unter sich. Austausch oder Diskurs mit anderen Gruppen gibt es kaum. Statt sich also mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, bestätigt man sich in den sozialen Medien gegenseitig nur in der eigenen Meinung. Auch das – man nennt es „Echokammer-Effekt“ – trägt zur Fragmentierung bei.

Vom Wert des gesellschaftlichen Grundkonsenses

Wenn einer Gesellschaft auf diesem Wege aber der Gemeinsinn abhandenkommt, wenn sie es nicht mehr vermag, zwischen all ihren Teilen ein einendes und von allen getragenes Band gemeinsamer Regeln – also einen gesellschaftlichen Grundkonsens – herzustellen, dann wird es gefährlich. Dann hat zwar jede Gruppe für sich einen eigenen Verhaltenskodex, der dort auch befolgt und eingehalten wird. Einen gemeinsamen, einen allgemeinen Verhaltenskodex aller Gruppen miteinander gibt es jedoch nicht.

Deshalb möchte ich dafür werben, wieder stärker und aktiver an einem solchen Grundkonsens zu arbeiten. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass er sich schon irgendwie einstellen wird. Wir alle müssen die Initiative ergreifen und diesen Grundkonsens immer wieder aufs Neue aushandeln und austarieren. Das tun wir, indem wir unsere gesellschaftlichen Institutionen stärken, indem wir (selbst-)kritisch mit den sozialen Medien umgehen und indem wir Grenzen ziehen.

Jeder, der Kinder hat, wird sich an Situationen erinnern, in denen er gesagt hat: „In diesem Ton sprechen wir nicht miteinander.“ Oder: „In einer solchen Weise gehen wir nicht miteinander um.“ Und genau das müssen wir manchmal auch zu unseren Mitmenschen sagen, wenn es nötig ist. Wir müssen Grenzen ziehen. Und das ist nötig, wenn gepöbelt, gemobbt und gehetzt wird; wenn gedroht, randaliert und geprügelt wird; und wenn beschimpft und beleidigt wird.

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 4/2018

Dr. Thomas de Maizière

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Jahrgang 1954, war bis März 2018 Bundesminister des Innern. Nach einem Jura-Studium wurde er zunächst Mitarbeiter in der Berliner Senatskanzlei. 1990 holt ihn sein Vetter Lothar de Maizière in den Stab der letzten DDR-Regierung. Im Anschluss arbeitete er in verschiedenen politischen Funktionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Von 2005 bis 2018 gehörte er der Bundesregierung an.


Bildquelle: fotolia.com/higyou

Bildquelle: fotolia.com/drubig-photo Porträt: Thomas de Maizière

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