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Der Puls der Erde


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 28.01.2022

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Am 19. September entstand auf der kanarischen Insel La Palma ein neuer Vulkan, der sich bereits Tage zuvor durch Erdbeben angekündigt hatte. Seit spätestens 2017 rechneten Wissenschaftler mit einem möglichen Ausbruch. Um 20.34 Uhr, fünf Stunden, nachdem sich am Cumbre Vieja die Erde aufgetan hatte, griff die Lava auf die ersten Häuser des Viertels El Paraíso in El Paso über.

50 JAHRE NACH DER LETZTEN ERUPTION IST AUF LA PALMA ERNEUT EIN VULKAN AUSGEBROCHEN. DER NOCH NAMENLOSE STEINSPUCKER AUF DEM RÜCKEN DES CUMBRE VIEJA VERWANDELT

die Kanareninsel in ein Labor. Forscher können hier den Herzschlag der Erde live beobachten. Alba Martín war eine der ersten Augenzeuginnen dieser Geburt. Auf der Suche nach Anzeichen der bereits Tage zuvor von den Wissenschaftlern registrierten Aktivität drehte die 29-jährige Geologin des Vulkanologischen Instituts der Kanarischen Inseln (Involcan) am Hang des Cumbre Vieja ein Video, als eine Rauchfahne aufstieg. „Ich hörte nichts. Da war nur Rauch, so als ob man ein Räucherstäbchen anzündet.“ Das Video, auf dem zu hören ist, wie sie ihre Kollegen nervös drängt, das Gebiet zu verlassen, sollte später viral gehen. „Sag Claudia Bescheid!“, ruft sie darin einem Teammitglied zu. Wenn sie sich daran erinnert, bekommt sie noch immer Gänsehaut. ...

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Es war der 19. September 2021. Seit der Vorwoche hatte es am Cumbre Vieja im Südwesten der Insel Hinweise auf aufsteigende Magmabewegungen gegeben. Gegen 15.10 Uhr kanarischer Zeit öffnete sich im als Cabeza de Vaca bekann - ten Gebiet ein Spalt, durch den Magma an der Oberfläche austreten konnte. Damit traf die Vorhersage, die die für die Vulkanüberwachung zuständigen Institutionen nach vierjähriger Beobachtung gemacht hatten, zeitlich und räumlich recht präzise ein. In den Tagen zuvor hatten die Wissenschaftler Schwarmbeben registriert, eine Häufung von Erschütterungen in immer geringerer Tiefe, die bald nur noch bis zwei Kilometer unter der Oberfläche lagen. Zusätzlich beobachteten sie eine allmähliche, am Ende bis zu 20 Zentimeter hohe Verformung des Bodens. Hohe Seismizität in geringer Tiefe, Bodendeformationen und der Austritt von Gasen sind untrügliche Anzeichen dafür, dass Magma im Erdinneren die Erdkruste durchbrechen möchte.

„Bereits im Jahr 2000 stellten wir fest, dass sich bei den Kanaren etwas tat“, berichtet Joan Martí Molist, Geologe und Direktor der Geowissenschaften der nationalen Forschungseinrichtung CSIC in Barcelona. „Der gesamte Archipel trat in eine aktivere Phase ein.“ Der Ausbruch vor El Hierro im Oktober 2011, der etwa fünf Monate dauerte und in dessen Folge sich ein Kegel bildete, der 312 Meter über dem Meeresboden und bis zu 89 Meter Höhe unter dem Meeresspiegel aufragte, war ein Beleg. 2017 registrierten Vulkanwächter Erdbeben in 20 bis 30 Kilometer Tiefe. Allein auf La Palma verzeichneten sie in den letzten vier Jahren bis zu zehn Schwarmbeben. Ein Ausbruch war nur eine Frage der Zeit. Ungewiss blieb, wann und wo er genau eintreten würde. Als Kandidat galt der Höhenzug des Cumbre Vieja, der sich über 21,5 Kilometer erstreckenden, geologisch aktivsten Zone auf La Palma. Während der Teide auf Teneriffa ein Schichtvulkan wie der Ätna oder Vesuv ist, gibt es auf der übrigen Inselgruppe vorwiegend monogenetische Vulkanfelder. Statt eines einzigen Kraters können sich dort überall Eruptionsspalten öffnen.

„Exakt lässt sich nicht berechnen, wann und wo es bei solchen Vulkanen zum Ausbruch kommt, aber in den vergangenen Tagen war die deutliche Verformung ein wertvoller Hinweis“, sagt María José Blanco, Leiterin des Instituto Geográfico Nacional (IGN) der Kanaren.

Als am 19. September Waldwege und Erholungsgebiete gesperrt und erste Anwohner aus potenziell gefährdeten Dörfern evakuiert wurden, stand die Vulkanampel – das Warnsystem für die Information der Bevölkerung – noch auf Gelb. Mit dem Ausbruch begannen umfassendere Evakuierungen. Rund 5000 Einwohner der Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane, Las Manchas und Tazacorte mussten in kurzer Zeit ihr Hab und Gut zusammenpacken und ihre Häuser verlassen. Damit fand die jüngste Episode der geologischen Bewegungen, die bereits Jahre zuvor eingesetzt und das Augenmerk von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt nach La Palma gelenkt hatte, ihren vorläufigen Höhepunkt. An jenem Nachmittag konnten allerdings weder die Forscher noch die Anwohner, die ihre Häuser verließen, ahnen, dass sich das gerade einsetzende Rumoren des Vulkans anders entwickeln würde als frühere Ausbrüche, von denen jeder kürzer war als der vorherige. Es sollte der längste Ausbruch der letzten 300 Jahre und mit Blick auf die Schäden der folgenreichste in der Geschichte der Insel werden.

„Mit historischen Ausbrüchen sind Eruptionen gemeint, die sich in den letzten 500 Jahren, seit Ankunft der Europäer auf der Inselgruppe, ereignet haben“, erläutert Juan Carlos Carracedo, Geologe und Forschungsprofessor am CSIC. In den letzten fünf Jahrhunderten notierten Augenzeugen – Kleriker, Chronisten und später Medienleute – 17 Ausbrüche. Sie sind jedoch uralt und die Grundlage für die Entstehung und das Wachstum der Inseln im Verlauf von 20 Millionen Jahren. „Der Kanarische Archipel entstand durch einen im Erdmantel ortsfesten vertikalen Magmastrom in einer Tiefe von 2900 Kilometern. Bei wiederholten Eruptionen bildet ein solcher Plume nach und nach Strukturen, die an der Erdoberfläche austreten, eine Weile weiterwachsen und schließlich ihren Erosionsprozess beginnen, sobald sie durch die Bewegung der Lithosphärenplatte vom Magmastrom entfernt werden“, erläutert Carracedo die von William Jason Morgan 1971 entwickelte Hotspot-Theorie, die zwar die Entstehung von Inselketten wie Hawaii erklärt, im Fall der Ka - naren jedoch nicht ganz zutreffend ist. „Diese Hypothese weist einige Widersprüche auf und erklärt nicht, warum es sowohl auf den westlichsten Inseln als auch auf dem viel weiter östlich gelegenen Lanzarote noch immer Magmatismus gibt“, gibt Joan Martí Molist zu be - denken. „Neben der Hotspot- oder Mantel- Plume-Theorie gibt es eine zweite Theorie, die die Plattentektonik für den Vulkanismus auf den Kanaren verantwortlich macht. Aktuell wird ein Modell diskutiert, das die beiden Erklärungen vereint: Es gibt einen Hotspot, doch nur die tektonische Aktivität erzeugt den Magmatismus. Der Vulkanismus auf den Kanaren verläuft in Schüben und ist geologisch verbunden mit den tektonischen Bewegungen des Atlas in Afrika.“

SO UNVORHERSAGBAR ein solches Naturereignis auch scheinen mag, der derzeitige Ausbruch entspricht den Erwartungen. Es handelt sich um eine Spalteneruption, bei der Magma durch eine Verwerfung aufsteigt und eine Magmakammer bildet, die durch die Erdkruste bricht und eine Spalte mit mehreren Öffnungen entstehen lässt. Der strombolianische Charakter des Ausbruchs befördert bei den sich abwechselnden explosiven und effusiven Phasen Pyroklasten und flüssigere Lavaströme zutage, wie sie etwa auf Hawaii typisch sind. Trotz des spektakulären Schauspiels und der Schäden wird der Ausbruch derzeit in die Stufe zwei auf der von eins bis acht reichenden Skala des Vulkanexplosivitätsindexes (VEI) eingeordnet. Am 22. November stieg er auf drei wegen des Volumens des ausgestoßenen pyroklastischen Materials. Im Vergleich dazu erreichte der Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island im Jahr 2010, der zur Sperrung der Hälfte des Luftraums führte, die Stufe vier.

Gleichwohl bleiben die Bilder unvergesslich, wie die Lava den Ort Todoque verschlingt, der sieben Tage nach Beginn des Ausbruchs unter Tonnen glühenden Gesteins begraben wird, wie Bananenplantagen in Flammen aufgehen, wie Tausende Evakuierte mitansehen müssen, wie sie Hab und Gut verlieren. Bilder eines Ausbruchs, der sich zwar nicht groß von seinen beiden Vorgängern auf demselben Höhenzug, dem Ausbruch des San Juan 1949 und dem Ausbruch des Teneguía 1971, unterscheidet, aber aufgrund der heute dichteren Besiedlung des Gebiets für mehr Schäden und Erstaunen gesorgt hat.

„Auf den Kanaren vergeht zwischen den Ausbrüchen so viel Zeit, dass wir vergessen, dass wir in einer Gegend mit vulkanischer Aktivität leben“, sagt Pedro Hernández, Geochemiker und Spezialist für vulkanische Gase bei Involcan. Stavros Meletlidis, Vulkanologe beim IGN und Leiter des Warnnetzes auf La Palma, beschreibt es so: „In den 125 000 Jahren, in denen der Cumbre Vieja aktiv ist, ist die Gefahr stets gleich geblieben, aber man muss zwischen Gefahr und Risiken unterscheiden. Sobald eine Gesellschaft in vulkanisches Gebiet vordringt und dort Infrastruktur aufbaut, steigt das Risiko.“

"MEINE BERUFUNG SIND VULKANE, UND ICH WILL DEN MENSCHEN HELFEN. DIE WISSENSCHAFT MUSS IM DIENST DER GESELLSCHAFT STEHEN.“

—Stavros Meletlidis, Vulkanologe

Der Ausbruch am Cumbre Vieja zeigt diese Anfälligkeit in Echtzeit: unter Lava begrabene Landstraßen, umgestürzte Strommasten, vertriebene Familien, verschwundene Häuser und Lkw-Ladungen voller Hausrat. Den Wissenschaftlern fällt es nicht leicht, diese Eindrücke vom sachlichen Interesse zu trennen, das den Ausbruch zu einer Chance und die Insel zu einem Untersuchungsfeld für Geologen, Vulkanologen, Seismologen und Chemiker aus aller Welt macht. „Ein Vulkan zerstört, aber er er ­ schafft auch. Ohne ihn gäbe es die Insel, auf der wir stehen, nicht“, erklärt mir Hernández. La Palma ist ein riesiges vulkanisches Gebilde, das sich vor mehreren Jahrmillionen aus dem Meeresboden erhob und im Zuge aufeinanderfolgender Ausbrüche vor rund zwei Millionen Jahren bis über die Wasseroberfläche heranwuchs. Mehrere große Zentralvulkane bildeten den Norden der Insel, das Gebiet, das von Geologen als Taburiente-Domäne bezeichnet wird. Vor rund 400 000 Jahren endete dort die vulkanische Aktivität und verlagerte sich mit der Bildung einer eruptiven Spalte längs der Nord-Süd-Achse nach Süden. Die aus dieser Spalte austretende Lava bildete den Höhenzug Cumbre Vieja. Dieses „jüngste“ Gebiet der Insel ist heute ein Nationalpark, in dem man auf der „Route der Vulkane“ einen Blick in alte Krater werfen kann. Genau hier hat sich der jüngste Ausbruch ereignet.

DAS GROLLEN DES VULKANS ist schon in bewohnten Ortschaften wie Tajuya, El Paso oder Los Llanos de Aridane deutlich zu vernehmen, aber innerhalb der Sperrzone erinnert es an ein Ungeheuer. Das bedrohliche, ständig veränderliche Geräusch wirkt ebenso hypnotisierend wie der Anblick des Feuers, das aus den Eingeweiden der Erde hervorsprudelt. Ich begleite Wissenschaftsteams bei Messungen, die sie täglich an den Krisenstab melden. Unzählige Daten erheben sie: zur Seismizität, dem Ausstoß von Gasen, der Ausbreitung und Zusammensetzung der Lavaströme, dem Zustand des Grundwassers.

Es hat etwas Magisches, Ursprüngliches, über eine Schicht von Pyroklasten zu wandern, die bis zum Vortag noch geschmolzenes Gestein waren. Mit dem Auto durch die neu entstandene graue Wüste zu fahren, erinnert an eine Rallye. Wie kleiner, schwarzer Hagel prasseln Lapilli, kleine Lavabröckchen, auf meinen Helm. „Der Tank der Scheibenwaschanlage muss immer voll sein. Ihr dürft die Scheibenwischer niemals trocken anstellen“, werden wir gewarnt. „Parkt den Wagen immer in Richtung des Fluchtweges.“

Das Betreten des Sperrgebiets hat seine eigenen Regeln, ähnlich wie in einem Kriegsgebiet. Absperrungen mit Polizei- oder Militärposten, leere Ortschaften, Hühner, die durch verlassene Straßen irren, Häuser, die bis vor einer Woche noch bewohnt waren und nun verlassen sind. Lavazungen, die sich an manchen Stellen über 30 Meter hoch aufgetürmt haben und wie satte Monster zur Ruhe gekommen sind, nachdem sie Gebäude, Fahrzeuge und Lebensträume verschlungen haben.

Die Experten kontrollieren die Temperatur eines Lavastroms mit einer Wärmebildkamera. Außen ist er bereits erstarrt, in seinem Inneren pulsieren noch heiße 700 Grad. Vor meinen Augen gehen darin eingeschlossene Bäume in Flammen auf. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Faszination über die Macht der Natur und dem Gefühl der Trostlosigkeit, das sich über die Insel gelegt hat. Feuerwehrleute fotografieren die geschmolzene Scheibe eines Fahrzeugs. In ihren Gesichtern ist abzulesen, wie ihnen die Tragödie zusetzt. „Es ist schwer, jemandem zu sagen, dass er sein Haus verlassen und binnen einer Viertelstunde entscheiden muss, was er von seinem Leben retten will“, erzählt einer von ihnen mit feuchten Augen. „Es ist unvorstellbar, an welche Dinge sich manche Leute klammern. Ich rate ihnen, Andenken mitzunehmen. Nach einem Brand kann man in ein zerstörtes Haus zurück. Wer hier weggeht, weiß, dass er sein Haus vielleicht nie wieder betreten wird.“

Es gibt keine Möglichkeit, sich zu verabschieden. Das ist das Schlimmste. „Am Samstag, einen Tag vor dem Ausbruch, war ich bei einem Freund“, erzählt mir Stavros Meletlidis. „Am Sonntag war sein Haus nicht mehr da.“ Der 54-jährige, aus Thessaloniki stammende Grieche ist in seinem Element. Die Welt der Vulkane, über die er schon als Kind begeistert Reportagen in den Magazinen von NATIONAL GEOGRA- PHIC las, hat es ihm angetan. Vielleicht, so sagt er, befördert dieser Vulkan zusammen mit dem Magma aus vielen Kilometern Tiefe auch die eine oder andere verborgene Berufung zutage, so wie bei ihm. Er ist eine Woche vor dem Ausbruch auf die Insel gekommen, als sich abzeichnete, dass sich die Lage zuspitzen würde. Und wann immer er über die Menschen und nicht über Messungen oder technische Daten spricht, betont er, dass das Krisenmanagement ein Erfolg war. „Die Ausbruchsstelle liegt nur 400 Meter von den nächsten bewohnten Häusern entfernt, aber es gab keine Opfer zu beklagen“, betont er.

Hilfreich waren dabei die Satellitenbilder des Copernicus-Programms der Europäischen Kommission und der ESA, mit dem der Ausbruch aus dem Weltraum beobachtet wird, sowie die Drohnenüberwachung. Sie ermöglichten es, die Entwicklung der Lavaströme zu verfolgen, Evakuierungen zu planen und ein Augenmerk auf die Schattenseite des Ausbruchs zu richten – die materiellen Verluste, die sich täglich mehren. Manche Familien haben ihr Zuhause und ihre Arbeit verloren, andere mussten mitansehen, wie mit ihren Bananenplantagen die Mühen ihres Lebens und der wirtschaftliche Motor des Südens der Insel unter Gestein verschwanden. Und auch die teils meterdicken Ascheschichten, die 1200 Hektar der Inselfläche bedecken, darunter Häuser und Straßen, sind eine Last. Denn wo soll das viele Material hin?

DIE EINWOHNER VON LA PALMA sind von Natur aus zäh. Das lässt sich allerorten beobachten: bei den Hausfrauen, die jeden Morgen mit Taucherbrille und Maske die Asche von ihren Balkonen fegen, nur damit der Wind ihn in der nächsten Nacht wieder hinaufpusten kann. In den Gesprächen der Evakuierten, die noch immer jeden Morgen auf einen Kaffee im El Chiringuito bei der Gemeinde El Paso einkehren, dem womöglich einzigen Straßencafé Spaniens mit Blick auf einen Vulkan. In den Umarmungen, so eng umschlungen wie vor der Pandemie. Im Gruß der Menschen, die ihr Zuhause binnen weniger Stunden verschwinden sahen: „Wie geht’s?“ „Gut, wie allen.“

Nach meiner Rückkehr aus der Sperrzone, wo ich gesehen habe, wie sich keine zwei Kilometer von hier der nördliche Lavastrom voranwalzt, überrascht es mich, dass man noch lachen kann. Das Leben geht weiter. Vertraute Gewohnheiten sind für die Menschen im Alltag ein Anker. Die Kinder gehen zur Schule, sofern die Luftqualität keine Ausgangssperre erzwingt. Anwohner dürfen zu festgelegten Zeiten ins Sperrgebiet, um ihr Hab und Gut aus den Häusern zu bergen, die Felder zu bewässern oder ihre Tiere zu versorgen. Sofern sie sie finden. Die Explosion des Vulkans hat Katzen und Hunde in die Flucht geschlagen, Ziegen verschreckt und Hühner verscheucht. Tiere, die ihre Besitzer nicht mitnehmen konnten, werden auf den Sportplätzen rund um die Sporthalle in Los Llanos de Aridane von Tierschützern versorgt. Andere kehren zurück und irrten durch eine Landschaft, die sie nicht wiedererkennen. Wissenschaftler, die Guardia Civil und die örtliche Polizei versorgten sie mit Wasser und Fressen.

Auf einer Finca nördlich eines Lavastroms sitzt ein Mann am Rand eines Wasserspeichers und betrachtet die vorrückende Lava. „Ich wollte sehen, wann sie meine Bananenstauden verschluckt“, sagt er resigniert, aber ohne Groll. Sein Blick schweift über die Gesteinsmassen, die sich in Richtung Meer schieben. „Sehen Sie nur, wie die Lava alles einebnet“, sagt er und klingt fast hoffnungsvoll. „Wenn es vorbei ist, muss man nur noch Erde aufschütten und neu säen.“

Der Name der Gemeinde ist bezeichnend. „Los Llanos de Aridane ist so flach, weil bei Eruptionen vor 6000 Jahren Vertiefungen aufgefüllt und Unebenheiten begradigt wurden. So entstand hier der ideale Mutterboden für die Pflanzungen, die nun von der Lava begraben wurden“, erklärt Juan Carlos Carracedo. Fuencaliente, Caños de fuego, Llano negro. Diese Namen erzählen ebenso von früheren Ausbrüchen wie der von Tacande, der dem Vulkan nächstgelegenen Siedlung. Ihr Name geht auf das Wort tacandey in Amazigh zurück, der altkanarischen Sprache, die vor der kastilischen Eroberung auf der Insel gesprochen wurde. Es bedeutet „verbrannter Stein“.

"DIE WUT DES FEUERS WAR SO GROSS, DASS NOCH IN EINER HALBEN MEILE AUF OFFENER SEE DIE FISCHE IN DEM HEISSEN WASSER GEKOCHT WURDEN.“

— Fray Alonso de Espinosa, Chronist, über den Ausbruch des Tehuya 1585

Vielleicht trotzen die Einwohner von La Palma der Situation trotz aller Trauer und Ungewissheit mit dem für die Insel so typischen Stoizismus, weil sich Vulkane ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. „Auf Teneriffa liegt der letzte Ausbruch mehr als 100 Jahre zurück“, sagt Carmen Romero, Geografin an der Universität von La Laguna und eine der Verantwortlichen für den Aktionsplan des Krisenstabs. „Doch auf La Palma haben die über 70-Jährigen bereits drei Ausbrüche erlebt. Was sie ihren Kindern und Enkeln erzählt haben, ist als mündliche Überlieferung noch immer präsent.“

NACH DEM AUSBRUCH DES TENEGUÍA im Jahr 1971, der letzten subaerischen Eruption auf den Kanaren, erhielt die Inselgruppe bis zum Oktober 2011 eine Atempause. Beim Ausbruch vor El Hierro waren die Vorzeichen dieselben: Auch hier gab es Schwarmbeben und Oberflächendeformationen, die bei der submarinen Eruption allerdings schwieriger zu messen waren. „Wir haben auf Hierro einiges gelernt“, erklärt María José Blanco, „vor allem in Sachen Krisenmanagement.“ Während der aktiven Phase des Vulkans wurde die nahe gelegene Ortschaft La Restinga mehrmals evakuiert.

Auch Romero war vor zehn Jahren dort und hielt den Ausbruch für den Höhepunkt ihres Berufslebens, bis sie der Cumbre Vieja kurz vor ihrem Ruhestand überraschte. „Für mich war es wie ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Ich finde in diesem Ausbruch alles wieder, was ich in 40 Jahren über historische Vulkanausbrüche auf den Inseln erfahren habe. Ich erkenne die typischen Eigenschaften, den Spaltenvulkanismus und die Art der Verwerfungen bei verschiedenen Kratern. Früher standen uns für die Erforschung eines Vulkans nur Fotos zur Verfügung, nun können wir jeden Schritt im Detail nachvollziehen.“ Das Aufgebot an Wissenschaftlern und die direkte Übertragung von Daten und Bildern ermöglichen es auf La Palma, den Vulkan in Echtzeit von allen Seiten zu überwachen, eine Neuheit auf diesem Gebiet. „2011 gab es diese Mittel auf El Hierro nicht“, fügt sie hinzu. „In einem Vulkanausbruch ein messbares und beherrschbares Ereignis zu sehen, ist noch recht neu. 1824 kam es auf Lanzarote zur ersten behördlich angeordneten Evakuierung. Bis dahin gehörten Vulkane in den Bereich des Unkontrollierbaren, ja des Religiösen.“

BIS ZWEIEINHALB MONATE NACHDEM sich die Erde am Cumbre Vieja aufgetan hatte, hatte der Ausbruch elf Lavaströme und 22 Emissionspunkte hervorgebracht. „Die oberen Schlote entgasen das System, die unteren stoßen große Mengen Lava aus“, erläutert Carracedo. Auf ihrem Weg hangabwärts in Richtung Meer fließen manche Lavawalzen in Lavahöhlen, die bei früheren Ausbrüchen im Zuge der Passage von sehr flüssigen Lavaströmen entstanden sind. Dies erschwert präzise Vorhersagen über ihre Fortbewegung und Geschwindigkeit. Einige Ströme werden langsamer, andere bleiben stehen, die übrigen verschlingen alles, was ihnen in den Weg kommt. Erst der Atlantik lässt sie erstarren und eröffnet neue Forschungsfelder über ihren Einfluss auf die Meeresökologie.

Das Forschungsschiff Ramon Margalef des Instituto Español de Oceanografía war am 29. September zur Stelle, als sich der erste Lavastrom nach seinem zehn Kilometer langen Weg bei Playa Nueva ins Meer ergoss. Dieses Ereignis wurde von den Medien mit Spannung erwartet und bescherte den Bewohnern von Tazacorte aufgrund der absehbaren Wolke toxischer Gase eine präventive Ausgangssperre. Am 13. November rückte eine zweite Lavazunge zum Strand von Los Guirres vor. Später erreichten zwei weitere den Atlantik. Die Schifffahrt im Umkreis wurde eingestellt und ein Sperrgebiet eingerichtet, denn dieses Lavadelta oder Fajana, wie es die Einwohner nennen, verändert die Küstenlandschaft von La Palma und macht eine Neuvermessung erforderlich. Gut 50 Hektar neues Land sind unmittelbar neben einem Areal entstanden, das auf den Ausbruch von 1949 zurückgeht. Die Insel wächst vor unseren Augen.

Angehörige der Katastrophenschutzeinheit des spanischen Militärs (UME) in Sicherheitsanzügen unterstützen die Wissenschaftler an den Lavaströmen bei der Entnahme von Proben. Mit ihrer 233 Mann starken, über die Insel verteilten Truppe ist die UME in der Sperrzone permanent im Einsatz, um Anwohnern zu helfen, das Vordringen der Lava zu überwachen und die sichere Durchführung von Tests zu garantieren.

An den Lavaströmen bemühen sich Techniker und Wissenschaftler, mit den Heugabeln, die auf Bananenplantagen als Stützen dienen, Proben aus der vorübergleitenden Lava zu „fischen“. Es ist eine Aufgabe, die alle Sinne fordert: durch das Grollen der Eruptionen, den bebenden Boden, das rauchende Gestein. Und durch die Hitze. Sie trocknet die Lippen aus und brennt in den Augen, als wäre die Tür eines riesigen Ofens aufgestoßen worden. Als die Geologin Alba Martín die frisch gewonnene Lavaprobe in einem Eimer mit Wasser abschreckt, zischt und dampft diese, bevor die Glut verlöscht. Nun ist sie nur noch ein Stein, der Petrologen wertvolle Informationen über die Zusammensetzung des Magmas liefern wird. Als wir wegfahren, wälzt sich die Lava in unserem Rücken unbeirrt weiter.

DER VULKAN AM CUMBRE VIEJO ist noch namenlos. Das ist kaum verwunderlich, dauerte es doch fünf Jahre, bis der submarine Vulkan vor El Hierro auf den Namen Tagoro getauft wurde. Auch die emotionale Betroffenheit ist wenig förderlich. Die Einwohner von La Palma haben für den Vulkan nur Ressentiments übrig. Trotz seiner unbestrittenen Schönheit, die immer mehr Schaulustige auf den Mirador del Time oder den Kirchturm von Tajuya lockt, tragen ihm die Einwohner La Palmas die Schäden und Zerstörungen nach wie einem schlecht erzogenen Welpen. Manche nennen ihn „das Ungeheuer“. Andere „das Biest“. In Anlehnung an die Tradition, altkanarische Bezeichnungen zu wählen, hat das Instituto Volcanológico de Canarias „Tajogayte“ als Namen für die Stelle aufgebracht, an der sich der Spalt auftat und der Austritt der Lava begann. Es ist das Amazigh-Wort für „rissiger Berg“.

„Nach einer Weile werden wir dem Vulkan vielleicht dankbar sein“, prophezeit Stavros Meletlidis. „Wir werden das Monitoring verbessern können. Das wird helfen, Leben zu retten. Auch die emotionalen Wunden werden irgendwann heilen.“ Carracedo stimmt ihm zu: „Die Fruchtbarkeit des Bodens wird steigen und die Landwirtschaft begünstigen. Und der Vulkan wird Touristen anlocken. Aber bis es so weit ist, dauert es seine Zeit.“ Vorerst bleibt nur, ihn eingehend zu studieren. „In besiedeltem vulkanischem Gebiet sind Investitionen in die Vulkanforschung und -überwachung ein Muss“, betont Romero. „Ein geologisches Phänomen lässt sich nicht aufhalten, aber es kann Informationen liefern, die uns helfen, Antworten zu finden.“ Mit ihren Beobachtungen, Messdaten und Notizen füttern die Wissenschaftler eine Datenbank, um künftige Vulkanausbrüche vorhersagen zu können – die sich vielleicht wieder auf La Palma ereignen werden oder auf Teneriffa.

Seit Weihnachten ist Ruhe eingetreten. Gut drei Monate nach der Geburt des Vulkans am Cumbre Vieja erklärten die Behörden seinen Ausbruch für beendet. „Die Eruption dauerte 85 Tage und 18 Stunden“, gab ein Vertreter pflichtschuldig zu Protokoll. Der offiziellen Statistik zufolge wurde zwar niemand verletzt, doch mussten 7000 der gut 85 000 Einwohner ihre Häuser verlassen. Insgesamt zerstörte die Lava 1345 Häuser, Schulen, Kirchen, Gesundheitszentren oder landwirtschaftliche Bewässerungsanlagen. Knapp 1200 Hektar Inselfläche wurden mit einer teils meterdicken Ascheschicht bedeckt. Im Meer erstarrte Lava hat die Oberfläche des Eilands um 49 Hektar erweitert.

Andere Zahlen berichten indes nicht nur von den Schäden, sie beziffern auch eine Welle der Solidarität. Der Inselrat von La Palma hat allein private Spendengelder in Höhe von mehr als 8,5 Millionen Euro erhalten. Und mittlerweile durften sogar erste Bewohner in ihre Häuser zu - rückkehren und mit dem Aufräumen beginnen.

Ob der neue Vulkan seinen letzten Atemzug getan hat? Niemand weiß das. Das Herz des Cumbre Vieja jedenfalls wird seinen geologischen Gesetzen folgend weiterschlagen und uns zeigen, dass die Kanarischen Inseln leben. j Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen

Emma Lira, regelmäßige Mitarbeiterin von NATIONAL GEOGRAPHIC, veröffentlichte im Juni-Heft 2021 einen Artikel über die Mumien der Guanchen. Für die Fotografen Arturo Rodríguez und Saúl Santos, beide aus La Palma, ist dies die erste Zusammenarbeit mit dem Magazin.