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Der revolutionäre Reaktionär


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 51/2018 vom 14.12.2018

Jubiläen Er wurde als Kriegsreporter verhaftet, schuf einige der stärksten Frauenfiguren der deutschen Literatur, war preußischer Staatsdichter und Oppositioneller. Sein Denken glich einer Kugel, sein Schreiben war Befreiung. Zum Beginn des Theodor-Fontane-Jahres.


Ich meine: Wer heißt schon Effi? Kann man so heißen? »Effi Briest« steht am Ende von Theodor Fontanes großem Roman auf der weißen Grabplatte, und der alte Hund Rollo liegt davor und frisst nicht mehr, weil er vergeht vor Traurigkeit. Sie habe zu lange in die Sterne geschaut, zu den »Himmelwundern «, so hat Theodor Fontane das vor mehr als 120 ...

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... Jahren geschrieben. Sie hatte glücklich geliebt, unglücklich geliebt, und dann war feuchte und kalte Luft vom See zu ihr heraufgezogen, sie war krank geworden, und schließlich kommt Wiesike, der Arzt, sieht sie an und sagt zu Effis Vater: »Wird nichts mehr.«

Fontane-Denkmal in Neuruppin: »Für das Neue sollen wir leben«


AKG-IMAGES

Fontane selbst war ein Werdender, ein Wachsender, sein Leben lang. Er hat sich das nicht ausgesucht. Er wollte eigentlich von klein an nichts anderes als freier Schriftsteller sein. Frei vor allem. Frei von Geldsorgen, Apothekerfron, Journalistenpflichten. Doch diese Freiheit war für ihn nicht vorgesehen. So kam es, dass er seine Romane erst im hohen Alter schrieb, ganz am Ende, in Blitzgeschwindigkeit: »Irrungen, Wirrungen«, »Effi Briest«, »Die Poggenpuhls « und schließlich den »Stechlin«.

Es hat auch Vorteile, wenn man sich die großen Wünsche in seinen jungen Jahren nicht erfüllen darf und kann. Wenn man ein Leben lang etwas in sich verborgen fühlt und sich ganz langsam erst zu der Freiheit emporkämpft, in der man sich selbst entdecken kann. Es hält wach und entschlossen, und man wird dann einfach sehr spät erst jung. Ein Glück für den kleinen Fontane also, dass der Vater bald das Vermögen verspielt hatte.

Als Theodor sieben war , ging es nach Swinemünde. Früh schon hat der Vater Louis Henri Fontane seinem Sohn vom Krieg erzählt, von seiner Bewunderung für Napoleon und von der Zeit, als er selbst, als 17-jähriger Freiwilliger, gegen Napoleons Grande Armée kämpfte. Er wurde von einer Kugel getroffen, die aber in seinem Tornister hängen blieb – angeblich in den Papieren der Brieftasche.

Der Vater, ein Held. Und dass es aus - gerechnet seine Brieftasche war, die dem Vater das Leben rettete, das hat jetzt Fontanes Biografin Regina Dieterle, die sein Leben auf vielen Hundert Seiten auf - geschrieben hat, als eine besonders trickreiche literarische Erfindung des Sohnes gedeutet. Der Vater, dem das Geld durch die Finger rann, gewinnt durch ein Loch in der Brieftasche sein Leben zurück. Die Biografin hat sicher recht: Das hat sich Theodor Fontane schön und schlüssig ausgedacht. Geld oder Leben – Louis Henri hat sich fürs Leben entschieden. Und dafür, es sich mit Geschichten schönzureden. Der Vater war ein Plauderkünstler, das sagten alle, die ihn kannten. Geschichten waren sein Leben. Und vor allem sein Sohn liebte es, ihm dabei zuzuhören.

Auch er ging zur Armee, machte seinen Dienst als Einjährigfreiwilliger beim preußischen Militär. Da war er aber schon mit dem modernen Demokratievirus infiziert, hatte in Leipzig, wo er in einer Apotheke arbeitete, zu einer burschenschaftlichen Verbindung, dem Herwegh-Klub, gehört, benannt nach dem revolutionären deutschen Dichter Georg Herwegh.

Damals begann er auch zu dichten. Und schon mit seinen ersten Gedichten wird klar, dass auf diesen Mann nicht fest zu bauen ist. Was war er denn nun? Ein Revolutionär? Ein staatsfreundlicher Preußendichter? Kann man denn beides sein? Fontane ist rund. Das zeigte sich im Lauf seines Lebens immer deutlicher. Seine Welt ist eine Kugel. Er liebte es, sie von unterschiedlichen Seiten zu betrachten. Und sie von unterschiedlichen Seiten zu bedichten.

Dichtete er noch 1842 auf der Titelseite der »Eisenbahn« unter der Überschrift »Die Faust in der Tasche«: »Sieh, es geht der Krug zu Wasser / Nur so lange, bis er bricht, / Und sogar gesalbte Prasser / Prassen binnen kurzem nicht; / in mir glüht der Himmelsfunken / All mein Sein ist liberal, / Und dem Prunken der Hallunken / Mach’ ein End’ ich bald einmal.«

Da dichtete doch einer den kommenden Aufstand herbei! Aber dann gibt es auch das Preußenlied vom »alten Zieten«: »Joachim Hans von Zieten, / Husarengeneral, / Dem Feind die Stirne bieten, / Er tat’s wohl hundertmal; / Sie haben’s all’ erfahren, / Wie er die Pelze wusch, / Mit seinen Leibhusaren / Der Zieten aus dem Busch.«

Das hätte er wohl noch eine Weile so treiben können, so humorvoll schwankend zwischen altem Preußen und neuer Demokratie, wenn nicht der 18. März 1848 gekommen wäre, die deutsche Revolution, die scheitert. In seinen Lebenserinnerungen hat er sich später etwas verwundert gezeigt, dass die Menschen um ihn herum, selbst die besten Freunde, nicht wussten, wo er stand: »Man ging davon aus, ich könnte ein verkappter Revolutionär oder auch ein verkappter Spion sein, und das eine war gerade so gefürchtet wie das andere.«

Fontane war dabei, als Arbeiter durch die Straßen Berlins liefen, als am Alexanderplatz Barrikaden gebaut wurden und es zu Kämpfen kam und 183 Menschen starben. Doch während um ihn herum geschossen wurde, suchte er Schießpulver für ein Gewehr, das er gefunden hatte, ging nach Hause, dann doch wieder auf die Straße – und beobachtete seine Stadt. Ein Wanderer durch die Revolution.

Theodor Fontane hatte in der Folge seine Zeit als liberaler Demokrat, veröffentlichte journalistische Texte in der radikaldemokratischen »Dresdner Zeitung« und in der Berliner »Zeitungshalle«. Er schrieb flammende Appelle an »Das Preußische Volk und seine Vertreter«: »Was ist es, was Euch fehlt? Wohl fehlen die Geister, aber die Begeisterten noch mehr: es fehlen die Herzen fürs Volk.« Nun war er aber schon seit fünf Jahren mit seiner Liebe aus Kindertagen, Emilie Rouanet-Kummer, verlobt, er war 30 Jahre alt, wollte heiraten, eine Familie gründen, und er wollte kein Apotheker mehr sein. Tja, schwierig. Doch Fontane ist eine Kugel. Die Revolution war gescheitert, die Reaktion regierte in Preußen, und Fontane brauchte Geld, eine feste Anstellung. Was sollte er machen?

Er bewarb sich beim »Literarischen Cabinet «, das die regierungsamtliche Presse organisierte und kontrollierte. Er bat einen alten Freund um Hilfe bei dieser Neupositionierung: »Ich gelte für einen roten Republikaner und bin jetzt eigentlich ein Reaktionär vom reinsten Wasser.«

Es klappte. Er war in unterschiedlichen Funktionen für die preußische Regierung tätig. Als Journalist in London und Berlin, Leiter einer »Deutsch-englischen Korrespondenz « in London, er schrieb regierungsfreundlich und treu. Manches ist so enorm patriotisch, dass Fontane-Forscher und seine Biografin Dieterle bei einigen Texten einfach nicht wissen, welche Passagen wohl später von der Redaktion hinzugefügt wurden. Fontane war da offenbar nicht sehr empfindlich oder konnte sich keine Empfindlichkeiten leisten. Geld - sorgen hatte die wachsende Familie immer.


War er ein Spion? Ein Revolutionär? Verräter? Zuschauer? Er war alles zugleich: ein Dichter.


Wann immer sich in dieser Zeit eine Gelegenheit ergab, wanderte Fontane. Vor allem eine lange Schottlandwanderung wurde zu einem Erweckungserlebnis. Hier entwickelte er seine Wander- und Schreibkunst. Er war stets perfekt vorbereitet, bevor er sich ans Gehen machte. Kannte die Landschaft schon als literarische, geschichtliche, bevor er losging, und sah sie und beschrieb sie nun als belebte Natur, in die sich die Geschichte der Menschheit, Kriegsgeschichte, Literaturgeschichte hineingeschrieben und sie geformt haben. Die Natur und unseren Blick auf sie.

Und als er beseelt aus Schottland zurückkam, nach Berlin, fiel ihm auf: Das kann, das muss ich doch ebenso mit meiner eigentlichen Heimat machen. Mit der Mark. Er recherchierte, las und wanderte. Und veröffentlichte schließlich 1861 den ersten Band der »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«.

Die »Wanderungen« wurden ein kleiner Erfolg, aber es war nicht daran zu denken, dass die Familie davon leben könnte. Er blieb im journalistischen Dienst, bei der preußischen »Kreuzzeitung«, die einst Bismarck mitgegründet hatte. Der Sohn des Soldaten mit der durchschossenen Brieftasche von Großgörschen reiste durch Europa, gern auf den Spuren militärischer Schlachten. Und als es dann gegen Frankreich ging, das Land seiner Vorfahren, folgte er auch hier den Truppen. Mit weißer Armbinde und rotem Kreuz darauf, aber nicht als Arzt oder Apotheker, sondern um auch hier eifrig mitzuschreiben, zu dokumentieren oder der Wirklichkeit etwas nachzuhelfen, indem er sie besang.

Notizbücher der »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«, Ruppiner See
Schließlich haben die konservativen alten Herren hier noch alles gewonnen


MICHAEL RUETZ / AGENTUR FOCUS

MARTIN KIRCHNER / LAIF

Äußerlich war die Kugel Fontane gerade mal wieder ins Rollen gekommen, er hatte einen neuen Arbeitgeber. Nach vielen Jahren hatte er bei der reaktionären »Kreuzzeitung « endlich gekündigt – er wurde bei der großen liberalen »Vossischen Zeitung« Theaterkritiker.

Und der Theaterkritiker in ihm war es auch, der ihn zu seiner ersten Kriegs - station als Reporter im deutsch-franzö - sischen Krieg trieb. Er war ja immer auf irgendwelchen Spuren unterwegs, und diesmal war es Schillers »Jungfrau von Or leans«. Also auf nach Domrémy, dem Geburtsort von Jeanne d’Arc. Als er die Statue der Heldin untersuchte und mit seinem Spazierstock, seinem »spanischen Rohr«, etwas auf der Statue herumklopfte, wurde er von einer Gruppe Franzosen umstellt, die nach seinen Papieren fragten. Tatsächlich war das Rohr ein franzö - sischer Dolch, und außerdem hatte der Mann mit dem roten Kreuz am Arm einen Revolver dabei. Es wurde eng für Fontane. Ob er Arzt sei? »Nein.« Warum dann das rote Kreuz? »Als Legitimation«, erklärte Fontane rätselhaft.

Er wurde festgenommen und als vermutlich preußischer Spion auf die Atlantikinsel Oléron verbracht, als Luxusgefangener mit Zeitungen, Büchern, Landkarten und einem Burschen, der ihn bediente. Ein Deniz Yücel seiner Zeit – denn in Deutschland brach eine Art #FreeTheo-Kampagne los. Fontane musste befreit werden. Sogar Bismarck schaltete sich ein.

Fontane kam nach ein paar Wochen frei, kehrte wohlbehalten nach Berlin zurück – und schon kurze Zeit später erschien sein großer, tagebuchartiger Gesamtbericht der Gefangenschaft in der »Vossischen«. Hundert Taler Vorschuss plus das folgende Buchhonorar. Endlich lief es auch finanziell. Aber vor allem schrieb er sich frei. Der autobiografische Bericht »Kriegs - gefangen« war in jeder Hinsicht eine Befreiung. Fontane entdeckte hier das radikal autobiografische Schreiben als eine Heilung, eine öffentliche Selbstvergewisserung. Er hatte den idealen Gegenstand des Schreibens entdeckt: sich selbst. #Free - Theo. Befreit zu sich selbst.

Und jetzt ist er endlich jung. Jetzt kommt die Zeit des wahren Fontane heran. Der große europäische Romancier. Der romantische Realist, der revolutionäre Reaktionär, der patriarchalische Frauen - befreier, der demokratische Königsfreund, der weltgereiste Heimatdichter. Der Werdende. Der Mann, der so viele Gegensätze in sich vereint. Jetzt schreibt er. Wandert. Konzipiert. 1878 erscheint sein vierbändiger Kriegsroman »Vor dem Sturm«, daran hat er viele, viele Jahre gesessen. 1881 der vierte Band der »Wanderungen«. 1885 »Unterm Birnbaum« und 1888, da ist er schon beinahe 70, endlich »Irrungen, Wirrungen «. Damit fängt die Sensation an, die Jugend und die Ewigkeit.

Schließlich: Ist dafür nicht der Roman erfunden worden? Für solche Widerspruchskünstler, Chamäleons des Geistes, Kugeldenker? »Alle Menschen sind Wetterfahnen «, lässt er den alten Dubslav von Stechlin am Ende seines Lebens sagen, »ein bisschen mehr, ein bisschen weniger. Und wir selber machen’s auch so. Schwapp, sind wir auf der anderen Seite.« Und schwapp, wer so beweglich im Geiste ist und die eine Position so bedenkenswert findet wie die andere, alle aus tiefstem Herzen kennt – der kann sie auch überzeugend in Figuren verwandeln, Menschen mit Herz, Seele, Lebensklugheit, Stärke.

Das macht Fontane jetzt. Durch das Schreiben über sich selbst zu sich selbst und zur Welt gefunden, schenkt er der deutschen Literatur drei große Romane und vor allem drei große, unsterbliche Frauen. Lene in »Irrungen, Wirrungen«. Melusine in »Der Stechlin«. Und Effi. Jede für sich so viel klüger, tiefer blickend, stärker als alle Männer, die ihnen zur Seite gestellt werden. So viel stärker auch als die herrschende Gesellschaft, die herrschende Moral. Hier, in diesen drei späten Romanen, findet schließlich auch der Gesellschaftsrevolutionär Theodor Fontane politisch zu sich selbst. In den Frauen, die er beschreibt. Die so viel stärker sind als die bigotte Männermoral, die das Leben zweier von ihnen zerstört. Nach #FreeTheo ist der späte Fontane auch noch ein geschlechtersolidarischer #HeToo-Visionär.

Dichter Fontane um 1885, sein Geburtshaus in Neuruppin: »Er war recht eigentlich frei«


HULTON DEUTSCH COLL. / GETTY IMAGES

VOLKMAR THIE / PICTURE ALLIANCE / DPA

»Irrungen, Wirrungen« dreht sich um Lene, das Mädchen aus dem Volk, und Baron Botho von Rienäcker, ja, bitte, über die Namen müssen Sie halt mal hinweg - sehen. Sie lieben sich über Standesgrenzen hinweg – unmöglich von Beginn an. Bo - tho, der weichherzige Standesmann, lügt sich selbst und Lene eine Weile vor, dass er ihr ja treu bleiben könnte. Lene weiß alles von Beginn an, wie es enden wird, warum es nicht dauern kann. Sie vereint in sich aufs Selbstverständlichste die Fontane-Pole kühle Sachlichkeit und totale offenherzige, romantische Liebe. So redet sie zu diesem Botho, der sie ja auch liebt, aber seinem schwachen Herzen und den Eltern und dem Geld und der Gesellschaftsmoral nachgibt, als alles zu Ende geht: »Ich hab’ es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muss. Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergisst sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.« So die weise Lene. Darauf Botho, der Weiche: »Glaubst du’s? Und wenn nicht, was dann?« – »Dann lebt man ohne Glück.«

Einer der schönsten und traurigsten Dialoge der Literatur. Alles steckt in ihrer resignativen, lebenstraurigen Replik. Ihr Protest gegen den Mann, die Gesellschaft, die Gesetze des Lebens und das Wissen darum, dass für sie jeder Kampf gegen diese übermächtigen Gegner sinnlos und vergebens ist. »Dann lebt man ohne Glück.« Und sie lebt also, versucht, ein Glück zu simulieren. »Hilfskonstruktionen« wird Fontane das in »Effi Briest« nennen. Ausgedachtes, vor uns selbst Behauptetes, das wir brauchen, um weiterzuleben, am Leben zu bleiben. Irgendwann geht auch Fontanes starken Frauen die Kraft aus, und sie lassen los.

Ja, es war ein Angriff auf die Moral. Wissend und voller Vertrauen darauf, dass die Frauen das ohnehin bald in die Hand nehmen werden. Den gesellschaftlichen Wandel. Die Befreiung. Theodor Fontane hatte das Innere und Äußere seiner späten Romankunst bei seinen Eltern gelernt. Das Plaudern vom Vater, mit dem er unablässig parlieren und die immer gleichen alten und jede Menge neue Geschichten wieder und wieder durchsprechen konnte. Und das Plaudern, das ist der Modus seiner großen Bücher. Die Geschichte und die Klugheit entstehen im Gerede der Menschen. Es sind im Grunde große Theaterstücke. Die Leichtigkeit entsteht durch den Plaudermodus. Und von der Mutter: Ja, von der hatte er das Weggehen gelernt. Das selbstbewusste Stellen des eigenen Lebens über Gesetz, Religion und Moral. Sie hatte irgendwann genug von ihrem Plaudergatten mit der zerschossenen Brieftasche, der das Geld verspielte und die Familie zu immer kleiner werdenden Apotheken schleppte. Sie ließ sich 1847 scheiden.


Effi Briest. Man geht nicht ungestraft mit offen liegendem Herzen durch die Welt.


»Es gibt so viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind«, sagt der jämmerliche Baron von Innstetten, der Effi Briest in sein Standesunglück hineingerissen hat. Und sie schließlich noch tiefer in den Abgrund stößt. Aus kalter Moral und Dummheit und im Namen einer lächerlichen, verkommenen Ehre. Er selbst nennt es ein »uns tyrannisierendes Gesellschafts-Etwas«, das ihn antreibt. Aber er ist zu schwach und zu traditionsverhaftet, um sich dagegen zu wehren.

Die Geschichte von Effi geht ja so: Sie ist 17 und ehrgeizig und mit dem offensten, arglosesten Herzen der Welt, sie macht sich die großartigsten Vorstellungen vom Leben und von dem Mann, der ihr Leben einst ins gesellschaftlich Fantastischste emporsteigern wird. Leider kommt dieser Innstetten. Der scheint standesgemäß genug, und er nimmt sie mit, in ein kaltes Kaff an der Ostsee. Nichts für Effi mit der Lebenslust. Die so gern lacht.

Effi. Man geht nicht ungestraft mit offen liegendem Herzen durch die Welt. Es folgt – eine Liebelei, Verschweigen, irgendwann die Entdeckung durch den moralvertrockneten Innstetten, Duell, Schande, Leben ohne Zukunft, ohne Tochter, ohne Glück. Und sie nimmt auch alles hin, wie jene Lene. Weil sie sich zwar innerlich diesem ganzen Moralunfug überlegen weiß, aber eben auch gewiss ist, dass hier kein Kampf zu gewinnen ist, nicht für sie, nicht jetzt.

Dass diese Welt untergehen wird und muss, das ist dem Autor wie jedem Leser klar. Preußen, Junker, Adel, Männer - moral, alte Welt – vorbei. Und er, der weise, junge alte Mann, hat dieser Welt und sich selbst dann noch dieses grandiose Abschiedsbuch geschrieben. Den »Stechlin«, Roman eines Sees, eines Ortes, eines Schlosses, eines alten Mannes und einer Frau, Melusine, die die Männer dort am See zu neuen Erkenntnissen inspiriert und herausfordert.

Der alte Dubslav von Stechlin ist ja eigentlich ein Vertreter jener alten Zeit, ja der Vertreter schlechthin. Als es zu Wahlen kommt, wird er wie selbstverständlich für die Konservativen, die Vertreter der alten Welt, als Kandidat aufgestellt. Er will es im Grunde nicht. Moderner Kram. Wahlen. Unfug. Aber gut. Und schließlich haben hier am See noch immer die konservativen alten Herren alles gewonnen. War immer so. Wird immer so sein. Doch diese neue, aufstrebende, unaufhaltsame, moderne Macht, die Sozialdemokraten, sind nicht zu stoppen. Das Ungeheuerliche geschieht: Stechlin verliert. Wie nimmt er es auf, er und seine Freunde? »Dubslav nahm es ganz von der heiteren Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich jeder dachte: ›Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.‹«

Auf dem Rehrücken in eine neue Zeit. Es liegt so eine menschenfreundliche Weisheit über dieser Stechlin-Welt. Alles hängt mit allem zusammen, und wer zu sehen versteht und zu hören, auf die Natur, auf die Menschen, der kann fast alles wissen.

Fontane hat sich seine eigene Abschieds - predigt in den »Stechlin« geschrieben: »Er war recht eigentlich frei. Wusst’ es auch, wenn er’s auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten, war nicht seine Sache. Daher kam es auch, dass er vor dem, was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selbst keines Menschen Feind war.« Um schließlich so zu enden: »Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnung und wird da die Himmelsruhe haben, die der Segen aller Segen ist.«

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