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Der Schleier lüftet sich


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segeln - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 19.10.2022

IMOCA segeln

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Im ?The Ocean Race? werden die IMOCA mit Crew und nicht einhand gesegelt

Nebel wabert um die U-Boot-Bunker von Lorient. Ein düsteres Szenario, aber der Schein trügt. So wie in die hässlichen Nazi-Hüllen immer mehr nautischer Unterhaltungsindustrie Einzug hält, schafft es die schwere, feuchte Luft nicht, auf die Stimmung zu drücken.

Kinderlachen klingt durch den Hafen. Schulklassen drängen auf die breiten Schwimmstege, an denen die mit bunten Sponsor-Stickern überzogenen Yachten liegen, suchen und finden ihre Helden. Die IMO-CA-Skipper, denen sie bei der Vendée Globe gefolgt sind, bereiten mit ihren Teams ihren Yachten vor.

Es geht um den ersten Showdown des neuen VG-Zyklus. Die ersten Neubauten der nächsten IMOCA-Generation müssen sich gegen die alten 60-Fußer beweisen. Die Teams, Skipper und besonders die Geldgeber wollen sehen, wie gut ihre Investitionen angelegt sind. Wer hat die Pause nach der spektakulären Welt-Regatta am besten genutzt?

Boris Herrmann ...

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... radelt die Mole entlang, steigt ab, begrüßt den Reporter aus der Heimat. Er will sich noch mal kurz die brandneue “V and B” von Maxime Sorel ansehen. Eine Kinder-Traube steht schon davor. Das Branding mit dem großen, grauen Drachen hat es ihnen angetan. Mit großen Augen erkennen einige den Deutschen. Er grüßt lächelnd, klatscht einen Preparateur coronakonform mit der Faust-Unterseite ab, schlendert weiter. Er steht vor dem Boot des Konkurrenten, neigt ein wenig den Kopf. “Sieht gut aus”, sagt er höflich, scheint aber nichts zu entdecken, was ihm auf den ersten Blick Sorgen bereiten könnte.

Das Boot ist eigentlich bis auf sein aggressives Drachen-Branding, das besonders bei den Kids gut ankommt, nicht so spektakulär. Es entstand in der Form der alten Apivia. Die ist zwar aktuell das Maß der Dinge, aber von Neubauten der nächsten Genration, wie dem von Boris Herrmann, wird mehr erwartet.

Herrmann dreht mit seinem Rad wieder ab. Nun muss er zu seinem Schiff. Der erste Vergleich auf dem Wasser wird heute zeigen, was Jérémie Beyou mit seiner neuen Charal wirklich kann.

Ein paar Meter weiter am Ende des Stegs liegt Guyot, der neue, alte Racer vom Offshore Team Germany, dessen Meldung bei The Ocean Race jetzt offiziell nach dem Joint Venture mit Benjamin Dutreux Guyot Environment – Team Europe heißt. Jens Kuphal, der OTG-Gründer, strahlt über beide Backen. Als könne er es immer noch nicht glauben, dass man hier nun wirklich mittendrin ist. Als Deutscher unter den ganzen Franko-Salzbuckeln. Als Teil der Offshore-Elite.

Die legendäre Rennmaschine von Alex Thomson

Robert Stanjek begrüßt den deutschen Reporter herzlich an Bord. Für den Speedrun sind ausdrücklich Gäste eingeladen. Dafür ist dieses Showrennen gedacht. Es geht aber eben auch um erste Ergebnisse, den ersten echten Vergleich. Vor der Route du Rhum, der wichtigsten Einhand-Regatta nach der Vendée Globe, aber insbesondere auch vor The Ocean Race, das für Stanjek und Co Priorität hat. Es gilt, der Szene und der Öffentlichkeit, zu zeigen, wie viel PS in den IMOCA-Boliden steckt.

Vom wackeligen breiten Fender aus, der insbesondere das weit ausladende Steuerbord-Foil vom Steg fernhalten muss, gelingt etwas ungelenk der Aufstieg an Bord der grünschwarzen Rennmaschine. Das ist er also der legendäre IMOCA von Alex Thomson, mit dem der Brite eigentlich die Vendée Globe 2015/16 so gut wie gewonnen hatte. Er lag schon gut 120 Meilen vorne, als sein Steuerbord-Flügel bei einer Treibgut-Kollision abbrach, er aber immer noch auf Platz zwei ins Ziel kam. Das ist also die berühmte “Hugo Boss”, auf der Thomson 2018 kurz vor dem Ziel der Route du Rhum einschlief und bei Guade-loupe auf Land krachte, sich mit Motorkraft befreien musste und so das Rennen verlor.

Das Schiff trägt noch das alte Muster der grauen Zellen auf schwarzem Deck und ist nur dezent an die grüne Farbe des neuen Sponsors angepasst. Als wolle man nicht zu viel verändern, die Seele noch im Rumpf behalten, der schon so viel auf den Weltmeeren erlebt hat.

Was ihn aber sonst noch trotzt der sieben Jahre auf dem Buckel so wertvoll macht: Seit August 2019 befand sich der Racer im Besitz von 11th Hour Racing und wurde massiv optimiert, um Erfahrungen für den Neubau des US-Teams zu sammeln. Bei der Transat Jacques Vabre 2019 segelte Alaka’i mit Charlie Enright und Pascal Bidégorry auf Rang vier, zwei Jahre später brach den Team-Kollegen Justine Mettraux und Damian Foxall bei der TJV vor Finisterre der Mast.

Was für eine dunkle Höhle unter Deck. Mit der Handy-Taschenlampe suche ich zwischen den massiven Bodenwrangen einen Platz für mein Handgepäck. Man kann sich nur geduckt bewegen. Die Durchggangsluken zwischen den Abteilungen erinnern an U-Boot-Öffnungen. Man muss sich hindurchschwingen oder krabbeln. Der Motor ist ohrenbetäubend laut. Wie muss dieser Resonanzkörper beim Wellen-Trommelfeuer auf dem Atlantik wirken?

Der Traum

Stanjek erzählt von der kurzen Vorbereitungszeit auf dem Schiff. Es unterscheidet sich deutlich von dem Nicht-Foiler, den das Team rechtzeitig an die Kanadier verkaufen konnte. Was für ein Dreh des Schicksals, das Alex Thomson sich jetzt mit dem alten OTG-Schiff beschäftigt und die deutsche Abteilung auf seiner berühmten ex Hugo Boss sitzt.

Man müsse noch viel lernen über das Schiff, schreit der Starboot-Weltmeister gegen den Lärm der Maschine. Aber Ben (Dutreux) und besonders Neuankömmling Sebastien Simon können viel helfen.

Der hat schon eine halbe Vendée Globe als Mitfavorit auf einem Foiler bestritten, bevor er ausschied und ist nun höchst motiviert Meilen und Reputation zu sammeln, um für 2024 eine erneute Vendée-Globe-Finanzierung zu stemmen. Die Verbindung zu Arkea-Paprec endete unschön. Wegen des “Fehlens einer gemeinsamen Vision” wie es der Sponsor audrückt, einer Formulierung, ober die sich Simon sehr ärgert. Für den kleinen, drahtigen Einhand-Spezialisten, der sich gerade bei einem halben Ironman (70.3) gestählt hat, ist The Ocean Race ein mögliches Sprungbrett für die nächste Vendée Globe.

Simon weiß, wie man einen solchen Foiler in Fahrt bringt. Auch wenn sich die Tragflächen der neuesten Generation deutlich weiterentwickelt haben. Guyot verfügt nun über einen Satz, der auch bei zwei der neuesten Konstruktionen verbaut wurde. Mit konzentriertem Blick springt er durch das Cockpit, hat Elektronik und Navigationsbildschirm im Blick.

Die bestimmten, ruhigen Ansagen kommen von Annie Lush. Sie ist alles andere als eine Quoten-Frau, auch wenn bei The Ocean Race verpflichtend eine weibliche Mitseglerin zur Crew gehören muss. Aber die 42-jährige Britin ist wohl das beste Beispiel dafür, dass diese Quote, die erstmals für das Volvo Ocean Race 2014–15 angewendet wurde, hilfreich war, um Frauen eine Tür zum professionellen Hochseesegeln zu öffnen.

Aber wenn jemand wie Lush hindurchgegangen ist, wird klar, dass sie wohl eigentlich keine solche Hilfestellung benötigt hätte, wenn Chancengleichheit herrschen würde. Nun weist keiner von den hochdekorierten Männern an Bord ihren Erfahrungsschatz auf. Sie war schon dreimal Match-Race-Weltmeisterin, hat an den Olympischen Spielen 2012 teilgenommen und ist zweimal mit dem Volvo Ocean Race um die Welt gesegelt – zuletzt mit dem siegambitionierten Team Brunel von Bouwe Bekking, das schließlich auf Platz drei segelte. Robert Stanjek glaubt, dass keines der konkurrierenden Teams die Position der Frau in der Crew mit einer solchen Qualität besetzen kann.

Lush kümmert sich um die Winschen-Belegung im schmalen Cockpit, kennt die Farben-Codes der Trimmleinen in der Schaltzentrale, dreht rechtzeitig potenzielle Kinken aus den Tampen, koordiniert mit klaren Worten das nächste Manöver – weist den doofen Besucher vorsichtig darauf hin, die Hand vom Traveller zu nehmen, wenn ihm sein Finger lieb ist.

Langsam lichtet sich der Schleier des Nebels über der Szenerie. Der Wind frischt auf, 28 IMOCA, jede Menge Coach- und Besucher-Boote wühlen das Wasser vor Lorient auf. Auch der riesige Ultime-Trimaran Banque Populaire ist für einige Trainingsrunden vor dem anstehenden Saison-Höhepunkt Route du Rhum ausgelaufen. Erst treibt er noch flügellahm in Luv des Renngebiets herum, dann kommt der Wind. Er hebt er sich auf seine Schwingen. Es scheint unter seinen Foils zu dampfen. In kürzester Zeit ist er verschwunden. Foto: Carsten Kemmling Positionierung vor dem ersten Testlauf. Hektische Betriebsamkeit an Bord von Guyot. Erst steuert Philipp Kasüske, ehemals bester deutscher Finn-Dinghy-Segler, Junioren Weltmeister 2016 und Olympia-Hoffnung, der sich jetzt dem Offshore-Segeln verschrieben hat, durch das Gewühl der Zuschauer-Boote und es wird zeitweise haarig knapp. So kann man auch mal ein Foil verlieren. Aber er meistert die Situation mit dem unaufmerksamen Cruiser-Kapitän entspannt und souverän.

Es wird ernst

Die Crew sucht eine freie Spur, die passenden Segel werden gesetzt, der perfekte Winkel gesucht, dann kommt Leben in den 60-Fußer. Er hebt sichauf seine Flügel. Die Beschleunigung erstaunt. Jede Welle ist auf dem Deck zu spüren. Die Steifheit des Rumpfes macht sich bemerkbar. Dabei herrscht nach der morgendlichen Flaute wahrlich kaum Seegang. Wie hackig müssen die Bewegungen bei Starkwind sein.

Dann wird es ernst. Die beiden Reporter an Bord werden auf die Kante beordert. Von wegen Showrennen. Beine außenbords und hängen. Benjamin Dutreux sitzt am Steuer und versucht den Start der Speed-Strecke mit Vollgas zu erwischen. Wenn er die Linie passiert, beginnt die Uhr zu laufen. Eine Meile ist zu bewältigen. Es gibt zwei Versuche. “Noch drei Grad tiefer”. Dutreux sucht den optimalen Winkel. Er stellt den Autopilot darauf ein. Kann das wirklich schneller sein?

Vielleicht liegt es daran, dass der erste Lauf noch nicht perfekt gelingt. Irgendwas mit einem 17 Knoten-Schnitt. Es mag aber auch an den Besuchern liegen. Sie werden ausgetauscht. Danach klappt es besser. Stanjek übernimmt das Steuer. Er nimmt die typische nach hinten gekippte Jollen-Haltung ein, versucht das Schiff zu erspüren, schafft die Qualifikation für das Finale der besten 12 von 28 IMOCAs mit über 20 Knoten.

Das Motorboot versucht mit Mühe, Schritt zu halten. Hier bekommt man ein Gefühl für die Geschwindigkeit. Wer sich nicht festhält, fliegt über Bord.

Das Zeitfenster für den entscheidenden Lauf öffnet sich. Per Funk muss man sich anmelden. Von Lee aus drängelt sich Thomas Ruyant mit seiner LinkedOut vor. Das war so eigentlich nicht gedacht. Verursacht er schon Abwinde?

In Lee nutzt Boris Herrmann die Gunst der Stunde für einen direkten Speed-Vergleich. Ein wenig frech, denn Malizia hat das Finale verpasst. Aber irgendwie auch professionell. Gerade mit einem neuen Boot gilt es, jede Möglichkeit für einen Vergleich zu nutzen.

Guyot schlägt sich achtbar gegen die bestens optimierte LinkedOut, die neben Apivia zu den schnellsten aktuellen IMOCAs gehört. Am Ende rast Ruyant nur zehn Sekunden schneller über den Meilen-Parcours, überläuft auch Malizia in Lee und liefert die viertschnellste Zeit ab. Nur Apivia liegt mal wieder vorne, hauchdünn vor der neuen Charal.

Die Crew der deutschfranzösischen – und ein wenig britischen – Freundschaft segelt auf Platz sechs – ein Achtungserfolg. Die Runs Bretagne 2022 mögen ein Showrennen sein, aber immer, wenn es eine offizielle Ergebnisliste gibt, wollen Profi-Segler oben stehen. Es geht um ihre Reputation, ihren Marktwert. Sie stärken die Position bei Sponsor-Verhandlungen. Und diesmal geht es dieser Anfangsphase des neuen Vendée Globe Zyklus um nicht weniger als eine neue Hackordnung. Die Teams müssen zeigen, ob sie auf dem richtigen Weg sind.

Der Schleier lüftet sich an diesem Tag mit dem aufsteigenden Nebel. Das Ergebnis der Speedrennen bestätigt sich im anschließenden Rennen Défi Azimut. Stanjek, Kasüske und Kuphal können froh sein, auf einer echten Maschine zu sitzen. Man merkt ihnen die Vorfreude an. Bei The Ocean Race befinden sie sich in Schlagweite zu den vier Neubauten. Vielleicht so nahe, dass den Gegnern mit einem funktionierenden, hart und konzentriert arbeitenden Team beizukommen ist. Sie haben sich schon einmal als vermeintlicher Underdog beim Ocean Race Europe im Mittelmeer mit einem Nicht-Foiler durchgesetzt. Beim TOR wird mehr geflogen werden, aber dieses Schiff ist dazu in der Lage. Wie gut es das kann, darf Benjamin Dutreux schon bei der Route du Rhum im Einhand-Modus zeigen. Der Rest der Crew nutzt dann die Rückreise über den Atlantik für einen letzten intensiven Test vor der großen Runde um die Welt.

Jetzt die Reportage online mit zahlreichen Videos von Bord erleben.