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»Der Schulenstreit ist längst überholt«


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 08.04.2022

PSYCHOTHERAPIE

Herr Professor Strauß, was macht die psychodynamischen Verfahren – also die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie – aus?

Strauß: Die analytische Psychotherapie entspricht noch stärker der klassischen Psychoanalyse, die Sigmund Freud entwickelt hat. Der Patient oder die Patientin liegt dabei auf der Couch – und das zwei-bis viermal pro Woche über mehrere Jahre. Die Idee dahinter ist, dass man dadurch einen intensiven Prozess anstößt, bei dem der Patient seine Selbstkontrolle ein Stück weit aufgibt und frei assoziiert. Damit will man unbewusste Konflikte und Mechanismen aufdecken, die die Ursache für aktuelle psychische Probleme darstellen.

Das klingt aufwändig.

Die Gehirn&Geist-Serie »Wie Psychotherapie wirkt« im Überblick:

Teil 1: Was wirklich hilft (Gehirn&Geist 4/2022)

Teil 2: »Der Schulenstreit

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ist längst überholt« (diese Ausgabe)

Teil 3: Nebenwirkungen der Behandlung (Gehirn&Geist 6/2022)

Strauß: Aus ökonomischen Gründen wird die analytische Psychotherapie vergleichsweise selten eingesetzt. Stattdessen praktizieren viele psychodynamisch orientierte Therapeutinnen und Therapeuten die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie geht ebenfalls davon aus, dass unbewusste Konflikte eine wichtige Rolle bei der Entstehung psychischer Störungen spielen, ist jedoch etwas praktikabler. Therapeut und Patient treffen sich einmal die Woche über einen kürzeren Zeitraum. Sie sitzen sich dabei gegenüber. Anders als oft angenommen, geht es bei den psychodynamischen Verfahren aber nicht nur um die Bearbeitung unbewusster Konflikte, sondern auch um den Aufbau von »Strukturen«: Psychische Symptome treten unter anderem auf, weil sich bestimmte psychische Funktionen in der Kindheit nicht richtig entwickeln konnten, etwa die Fähigkeit, andere Menschen einzuschätzen oder die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Diese Defizite versucht man aufzuholen.

Stimmt das Klischee, dass es dabei viel um die Mutter geht?

Strauß: Dass die Mutter – oder der Vater – an allem schuld ist, ist sicher ein Mythos. Frühe Beziehungserfahrungen spielen aber bei der Entwicklung der Psyche zweifellos eine wichtige Rolle. Innere Konflikte und Defizite zeigen sich häufig im Zwischenmenschlichen, daher schaut man sich die sozialen Beziehungen genau an – auch die zwischen Behandler und Patient. Wir gehen nämlich davon aus, dass sich problematische Beziehungsmuster dort reinszenieren. Dadurch kann der Therapeut ein Gefühl dafür bekommen, wo das Problem liegen könnte. Wir sprechen dann von Übertragung und Gegenübertragung.

BERNHARD STRAUSS

leitet das Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena und ist aktuell Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats für Psychotherapie. Er ist Psychoanalytiker und Therapeut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

WOLFGANG LUTZ

leitet die Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie und den Weiterbildungsstudiengang Psychologische Psychotherapie an der Universität Trier. Er ist Psychotherapieforscher und Verhaltenstherapeut sowie ab Sommer 2022 Präsident der Society for Psychotherapy Research.

Herr Professor Lutz, was unterscheidet die Verhaltenstherapie von den psychodynamischen Verfahren?

Lutz: Bei den psychodynamischen Verfahren geht es mehr um die motivationale Klärung – also darum, dass Patienten ein Bewusstsein für die frühen Ursprünge und Hintergründe ihrer Probleme entwickeln. Die Verhaltenstherapie setzt den Fokus hingegen stärker auf die Bewältigung von Schwierigkeiten im Hier und Jetzt. Die Kernidee ist, dass psychische Probleme sowie Denkund Verhaltensmuster erlernt sind und wieder verlernt werden können. Der Grundstein für die Verhaltenstherapie wurde gelegt, als man begann, psychologische Lernmechanismen zu verstehen, etwa die klassische Konditionierung. Viele kennen wahrscheinlich die Experimente mit dem pawlowschen Hund. Ging es anfangs noch hauptsächlich um das reine Verhalten, integrierte man in den 1970er Jahren die Bedeutung von Gedanken und problematischen Denkmustern und deren Einflüssen auf Gefühle und das Verhalten: Die kognitive Verhaltenstherapie entstand. In den letzten 15 Jahren sind unter dem Stichwort »dritte Welle der Verhaltenstherapie« neue Verfahren hinzugekommen, zum Beispiel achtsamkeitsbasierte Therapie oder Schematherapie. Auch Motive und Ressourcen des Patienten werden zunehmend berücksichtigt.

Lange konkurrierten die beiden großen Therapieschulen miteinander. Jeder hielt seine für die bessere Form der Psychotherapie. Tobt der Schulenstreit immer noch?

Strauß: Ja, dieser Streit existiert weiterhin. Es ist einfach so, dass wir in der Psychotherapie ganz unterschiedliche Ideengeschichten haben: übrigens nicht nur die verhaltenstherapeutische und die psychodynamische, sondern auch noch andere wie die systemische und die humanistische Tradition, die sich über die letzten Jahrhunderte entwickelt haben. Einer dieser Welten fühlt man sich als Psychotherapeut, der ein bestimmtes Verfahren erlernt hat, zugehörig. Mit der Identifikation mit einer Gruppe geht nun mal häufig eine Abgrenzung gegenüber den anderen einher. Zudem spielt der Zugang zu Ressourcen mit hinein – die Verteilung von Geldern für Forschung und Therapie.

Blickt man auf die Universitäten, könnte man meinen, der Kampf sei längst entschieden: zu Gunsten der Verhaltenstherapie. Kaum ein Lehrstuhl für klinische Psychologie ist noch mit einer Psychoanalytikerin oder einem Tiefenpsychologen besetzt. Sind psychodynamische Verfahren weniger wissenschaftlich fundiert?

Strauß: Zumindest hat die Psychoanalyse eine andere Forschungstradition als die Verhaltenstherapie oder die Psychologie im Allgemeinen. In der Verhaltenstherapie ging es von Anfang an darum, Effekte zu messen und Fragen anhand wissenschaftlicher Experimente zu beantworten. Die Anhänger der Psychoanalyse haben sich hingegen lange mit der Überprüfung der Wirkung schwergetan – auch weil man das, was in einer Psychoanalyse passiert, für kaum durchschaubar und ihren Erfolg für schwer quantifizierbar hielt: Geht es rein um die Abnahme eines Symptoms oder um eine grundlegende Veränderung der Persönlichkeitsstruktur? In den 1980er Jahren wurde jedoch die Kritik an der unzureichenden Evidenz lauter. Dazu hat unter anderem der Psychotherapieforscher Klaus Grawe beigetragen. Seither hat die Zahl der Wirksamkeitsstudien dramatisch zugenommen, sie ist aber immer noch nicht vergleichbar mit jener der Verhaltenstherapie. Das wird man nie aufholen können. Ein Kollege aus Schweden, Peter Lilliengren, sammelt in einer Datenbank die klinischen Studien zu psychodynamischen Psychotherapien. Dort finden sich über 300 qualitativ hochwertige, randomisiert-kontrollierte Untersuchungen. Es gibt inzwischen also genügend Befunde, die zeigen, dass die psychodynamischen Therapien zu Recht als wissenschaftlich fundierte und evidenzbasierte Verfahren gelten.

»Freud hat zwar ein paar Grundideen in die psychoanalytische Theorie implantiert, die man heute noch wertschätzen muss. Aber vieles, was wir heute wissen, wusste er damals eben noch nicht«

Bernhard Strauß

Lutz: Die psychodynamische Tradition war immer stärker in der psychosomatischen Medizin verankert als in der Psychologie. An den Universitätskliniken sieht die Verteilung anders aus. Dort finden Sie mehr Vertreter der Psychodynamik als an Lehrstühlen für klinische Psychologie. Ich finde es allerdings nicht unbedingt sinnvoll, Lehrstühle nach Therapieschulen zu besetzen. Es gibt auch noch andere wissenschaftlich anerkannte Ansätze, zum Beispiel achtsamkeitsbasierte oder schulenübergreifende. Ich selbst habe die Zusatzqualifikation systemische Therapie sowie psychodynamische Ausbildungselemente absolviert. Ich sehe mich mehr als Psychotherapieforscher als einer Therapieschule zugehörig. Mich interessiert, wie eine Veränderung durch Psychotherapie funktioniert und welche Interventionen und Strategien zum Erfolg führen – unabhängig von der Therapieschule. Wir brauchen statt Schubladendenken eine Lehre, die verschiedene therapeutische Methoden vermittelt.

Gegner betrachten die psychodynamischen Verfahren, insbesondere die Psychoanalyse, als angestaubt und veraltet. Was ist dran an diesem Vorurteil?

Strauß: Viele Kollegen, die eher aus der Verhaltenstherapie kommen, wissen überhaupt nicht, was es in der Psychoanalyse für vielfältige Entwicklungen gab. Ich habe selbst erlebt, wie ein Kollege auf einem großen Psychiatriekongress ein Zitat von Sigmund Freud von 1912 gebracht hat und das für die aktuelle Lehrmeinung bei uns Psychoanalytikern hielt. Das ist natürlich absurd. Freud hat zwar ein paar Grundideen in die psychoanalytische Theorie implantiert, die man heute noch wertschätzen muss. Allein die Annahme, dass es so etwas wie ein Unbewusstes gibt, ist völlig unstrittig. Aber vieles, was wir heute wissen, wusste Freud damals eben noch nicht. Denken Sie nur einmal daran, was wir in den letzten Jahrzehnten über die Neurobiologie und die Entwicklungspsychologie erfahren haben. Das ist alles in die psychoanalytische Theoriebildung eingeflossen – und in die Praxis. Was sich aus der frühen Psychoana-lyse mit der Zeit als Fehleinschätzung entpuppt hat, wurde über Bord geworfen.

»Der Streit um das beste Verfahren lenkt von wichtigeren Forschungsfragen ab«

Wolfgang Lutz

Zum Beispiel? Strauß: Beispielsweise hielt Freud Babys für sehr inkompetente, triebbestimmte Bündel, was so einfach nicht stimmt. Wir wissen heute aus der Säuglingsforschung, dass kleine Kinder schon sehr viel wahrnehmen und sich aktiv an der sozialen Interaktion beteiligen. Da hat sich die Sicht also revolutionär geändert.

Herr Professor Lutz, gegenüber der Verhaltenstherapie halten sich ebenfalls Vorurteile. Es heißt dann, Verhaltenstherapeuten behandelten stur ein Symptom, ohne wirklich zur Wurzel des Problems vorzudringen. Das führe dazu, dass das Verfahren nur kurzfristig helfe oder das eigentliche Problem sich bald in einem anderen Symptom Bahn breche.

Lutz: In der Verhaltenstherapie gab es von Anfang an die Tradition, die Wirkung wissenschaftlich zu überprüfen. Es existieren daher eine Menge Langzeitstudien, die das Vorurteil widerlegen, dass Verhaltenstherapie nur kurzfristige Effekte habe. 2019 erschien zum Beispiel eine Untersuchung von Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum. Er hat sich die Entwicklung von Patienten mit verschiedenen Störungen, etwa Depression, Angst-und Essstörungen, über im Schnitt acht Jahre angeschaut (siehe Teil 1 der Serie »Wie Psychotherapie wirkt« in der vorherigen Ausgabe; Anm. d. Red.). Wem es nach Abschluss der kognitiven Verhaltenstherapie besser ging, der konnte das Niveau über Jahre halten oder verbesserte sich sogar noch weiter. Vergleichbar nachhaltige Erfolge fanden wir für unsere Trierer Ambulanz. Die klassische Diskussion über eine Symptomverschiebung, weil Verhaltenstherapeuten es angeblich versäumen, den Patienten von Grund auf zu verändern, ist meiner Meinung nach überholt. Natürlich betrachtet die Verhaltenstherapie auch Aspekte der Biografie, um daraus typische Denkmuster abzuleiten, die im Hier und Jetzt wirken. Mittlerweile umfasst sie eine ganze Reihe von Strategien zur Aufarbeitung von Motiven, Emotionen sowie Denk-und Beziehungsmustern, um die Ursachen bestimmter Störungen besser zu analysieren und dauerhafte Veränderungen zu erreichen.

Nähern die Therapieschulen sich immer weiter an?

Lutz: In gewisser Weise, ja. Die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen. Ich bin kein Anhänger eines Denkens in groben Therapieschulen. Man muss immer aufpassen, wenn man von der Verhaltenstherapie und der psychodynamischen Therapie spricht, schließlich umfassen diese Kategorien jeweils ein breites Spektrum von unterschiedlichen Interventionen mit verschiedenen Herangehensweisen und Methoden. Gerade die neueren Entwicklungen in der Verhaltenstherapie sind im Grunde gar nicht mehr rein verhaltenstherapeutisch. Da bewegen wir uns in der Tat von diesem Schubladendenken weg. Überhaupt erscheinen die in Deutschland gebräuchlichen Begriffe Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie wie Relikte aus den 70er Jahren.

Strauß: Genau, die Labels Verhaltenstherapie und psychodynamische Therapie sind inzwischen teils sogar irreführend, wenn man sich neuere Verfahren anschaut. Die bedienen sich nämlich häufig bei verschiedenen Schulen: etwa die Schematherapie, die mentalisierungsbasierte Therapie oder das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy, kurz CBASP, ein Verfahren, das behaviorale, kognitive, psychodynamische und andere Strategien vermischt. Im Grunde sind all das integrative Verfahren, die Ideen und Methoden aus Verhaltenstherapie und Psychodynamik zusammenführen.

Ist der Schulenstreit damit obsolet?

Lutz: Der Schulenstreit spielt sich zurzeit am stärksten auf der Ebene der Verbände und der Ausbildung angehender Psychotherapeuten ab, die sich für eine Richtung entscheiden müssen. Unser Versorgungssystem zementiert so merkwürdigerweise das Schulendenken. In der Psychotherapieforschung, wo wir die Behandlung aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachten, ist der Streit längst überholt. Das gilt häufig auch für die Praxis.

Die Therapien wirken also gleich gut?

Lutz: Wie gesagt ist es teilweise gar nicht mehr sinnvoll, bestimmte Verfahren einer übergeordneten Therapieschule zuzuordnen, so dass man sagen könnte, die Verhaltenstherapie wirkt so, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie so. Man begeht dabei auch einen Fehlschluss. Nur weil Studien zeigen, dass eine Intervention wirkt, wissen wir nicht automatisch, was genau daran wirkt und warum. Oft wird einfach angenommen, dass die Prozesse wirken, die die verhaltenstherapeutische oder die psychodynamische Theorie postulieren. Was man aber sagen kann: Wenn Unterschiede gefunden werden, sind sie nicht riesig.

Welche sind das?

Lutz: Bei der Behandlung der Depression schneiden die anerkannten Verfahren etwa gleich gut ab. Bei Angst- störungen, Zwangsstörungen und der Posttraumatischen Belastungsstörung sind die Befunde gemischter. Da liegt die Verhaltenstherapie vorn.

»Es bringt nicht viel, ein neues Verfahren zu entwickeln, das im Durchschnitt genauso effektiv ist wie die alten. Wir brauchen eine Psychotherapie, die stärker auf den Patienten zugeschnitten ist und Fortschritte überprüft«

Wolfgang Lutz

Strauß: Das ist richtig, allerdings muss man bedenken, dass in der Verhaltenstherapie schon viel länger Forschung betrieben wird. Und je mehr man forscht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man positive Ergebnisse vorzuweisen hat.

Ist es am Ende egal, was man mit den Patienten macht, solange es sich um ein wissenschaftlich fundiertes Therapieverfahren handelt?

Strauß: Bei der Depression mag das vielleicht so sein. Dennoch gibt es psychische Erkrankungen, die eine spezifische Behandlung verlangen, zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen. Da ist sowohl die dialektisch-behaviorale Therapie indiziert, die der Verhaltenstherapie zugerechnet wird, als auch die mentalisierungsbasierte oder die übertragungsbasierte Psychotherapie, die eher Produkte der Psychodynamik sind.

Man kann also meist gar nicht mehr sagen, Verhaltenstherapie oder Psychodynamik wirkt besser?

Strauß: Nein, die Zeiten sind vorbei.

Kommt es vielleicht sogar stärker auf den Therapeuten an als auf das Therapieverfahren?

Lutz: Das ist eine der heftigsten aktuellen Debatten in der Psychotherapieforschung: Ist der Unterschied zwischen verschiedenen Therapeuten möglicherweise größer als der zwischen den Therapieverfahren? Bisher kann man zumindest sagen, dass die Person des Behandlers eine sehr große Rolle spielt. Interessanterweise ist ihr Einfluss auf Scheitern und Erfolg der Therapie umso größer, je schlechter es dem Patienten oder der Patientin anfangs geht. Zum Therapeuteneffekt gibt es zahlreiche Studien, unter anderem vom britischen Forscher Michael Barkham oder von meiner eigenen

Arbeitsgruppe. Manche Therapeuten haben sehr hohe Erfolgsquoten, sie werden mitunter als »Super Shrinks« bezeichnet. Andere erzielen in recht kurzer Zeit zwar gute Ergebnisse, doch bei ihnen brechen viele Patienten die Therapie vorzeitig ab.

Es entstehen immer mehr neue Verfahren wie etwa achtsamkeitsbasierte Ansätze. Gleichzeitig zeigen Studien, dass sich die Wirksamkeit von Psychotherapie in den letzten Jahren durch sie nicht verbessert hat. Hat diese Vielfalt überhaupt einen Mehrwert?

Strauß: Man könnte sogar provokativ sagen, wenn die Psychotherapie mittlerweile auf alte spirituelle Praktiken aus Fernost zurückgreifen muss, war ihre Weiterentwicklung wohl nicht sonderlich erfolgreich.

Lutz: Tatsächlich bringt es nicht viel, ein neues Verfahren zu entwickeln, das im Durchschnitt genauso effektiv ist wie die alten. Was wir stattdessen brauchen, ist eine personalisierte Psychotherapie. Also eine, die stärker auf den einzelnen Patienten zugeschnitten ist und die Fortschritte genau dokumentiert.

Für diejenigen, die bislang durch das Raster fallen?

Lutz: Genau. Dafür müsste man regelmäßig erheben, ob der Patient Fortschritte macht – und zwar unabhängig und objektiv. Die Therapeuten selbst haben da manchmal eine verzerrte Sicht. Daher ist eine Rückmeldung, wenn sich de facto nichts tut, wichtig, damit sie die Strategie gegebenenfalls anpassen oder wechseln können. Gerade in die Patientengruppe, die bisher nicht profitiert, muss mehr Forschung investiert werden, statt einfach immer mehr und mehr Verfahren zu entwickeln.

Und hier kann das strenge Denken in Therapieschulen schaden?

Strauß: Schon. Personalisierung muss auch heißen, dass ich als Therapeut flexibel bleibe und wenn nötig Techniken einsetze, die ursprünglich nicht im Werkzeugkasten eines bestimmten Therapieverfahrens enthalten sind.

Wie soll das gehen? Schließlich sind die meisten Therapeutinnen und Therapeuten nur in einem Verfahren geschult.

Lutz: Die Ausbildung angehender Psychotherapeuten müsste dafür tatsächlich breiter ausfallen. Hier in Trier versuchen wir das schon. Wir vermitteln einen breiten theoretischen Rahmen, der sich an der aktuellen Psychotherapieforschung orientiert. Und wir legen Wert auf eine standardisierte Fortschrittskontrolle, durch die der Therapeut nach jeder Sitzung den Verlauf der Behandlung überprüfen und dementsprechend reagieren kann. Wer in Ausbildung ist, bekommt automatisch Vorschläge, welche Techniken jetzt in Frage kommen, und bespricht auf Grundlage der Daten mit dem Super- visor, welches weitere Vorgehen bei diesem Patienten sinnvoll wäre.

Bedeutet eine personalisierte Therapie auch, dass die Behandlung nicht mehr so stark von der Diagnose abhängt, die der Patient erhalten hat?

Lutz: Durchaus. Natürlich gehört eine saubere kategoriale Diagnostik weiterhin dazu. Doch in der Praxis unterscheiden sich Menschen mit der gleichen Diagnose – etwa einer Depression – zum Teil immens. Wichtig wäre wieder, fortlaufend den Therapieerfolg zu überprüfen. Geht es dem Patienten oder der Patientin nicht besser, muss ich genauer hinschauen: Liegt es an der Motivation? Sind die Therapieziele nicht klar definiert? Gibt es Ereignisse im Leben der Person, die den Therapiefortschritt behindern? Erhält sie soziale Unterstützung? Stimmt etwas in der Beziehung zum Therapeuten nicht? Wie sieht es mit der Emotionsregulation aus?

Und all das geht verloren, wenn man nur die Diagnosen betrachtet?

Strauß: Viele Aspekte stecken zwar latent in der Diagnose drin, aber sie sind nun mal entscheidend für das, was wir letztendlich in der Therapie tun sollten. Wir behandeln schließlich nicht einfach Störung XY, sondern arbeiten an den Mechanismen, die zum Beispiel hinter einer Angststörung liegen. Und die können von Mensch zu Mensch extrem unterschiedlich sein. Für diesen Ansatz gibt es jetzt das Modewort »transdiagnostische Therapie«. Da muss ich ehrlich sagen, das klingt für jemanden, der psychodynamisch sozialisiert ist, etwas seltsam. Denn wir haben schon immer transdiagnostisch gearbeitet.

Inwiefern?

Strauß: Über die reinen Diagnosen hinaus ermittelt man in der tiefenpsychologisch fundierten und der analytischen Psychotherapie beispielsweise das so genannte Strukturniveau des Patienten: Wie differenziert nimmt er seine Innen-und die Außenwelt wahr? Wie gut kann er soziale Bindungen eingehen und lösen? Kann er Empathie für andere empfinden? Schafft er es, sich selbst zu beruhigen, oder wird er regelmäßig von seinen Emotionen übermannt? Daran orientiert sich dann die Behandlung.

»Wir haben immer noch das große Problem, dass die wirksamen Verfahren gar nicht bei den Menschen ankommen«

Bernhard Strauß

Mehr über bewährte Verfahren und neue Ansätze der Therapieforschung erfahren Sie im Gehirn&Geist­ Dossier »Psychotherapie«:

www.spektrum.de/shop

Herr Professor Lutz, können Verhaltenstherapeuten da etwas von Psychoanalytikern und Tiefenpsychologen lernen?

Lutz: Die Idee einer umfangreichen und multidimensionalen Diagnostik gibt es in der Psychologie schon lange. Sie findet sich ebenfalls in der Tradition der Verhaltenstherapie, etwa in der Problem-und Verhaltensanalyse. Diese analysiert neben dem problematischen Verhalten auch kognitive, emotionale und motivationale Muster sowie die Ressourcen. Wenn ich sage, wir brauchen in Zukunft eine stärkere Personalisierung der Psychotherapie, meine ich aber etwas anderes. Entscheidend ist, dass die aktuelle Psychotherapieforschung in die Praxis einfließt. Dass man nicht einfach nur intuitiv entscheidet, wie man therapeutisch vorgeht, sondern wissenschaftlich: mit einem engmaschigen Monitoring, einer klaren Dokumentation der Fortschritte und einer gut begründeten Wahl für eine Strategie oder gegebenenfalls für einen Wechsel. Wir sollten uns deshalb von den Therapieschulen weg und stattdessen hin zu einer Patienten-und Ergebnisorientierung entwickeln.

Und mit einem personalisierten Ansatz könnte Psychotherapie besser wirken?

Strauß: Ja. Aber neben einer personalisierten Psychotherapie muss das Versorgungssystem individueller auf Menschen eingehen. Wir haben immer noch das große Problem, dass die wirksamen Verfahren, die wir haben, gar nicht bei den Leuten ankommen. Viele begeben sich nicht in Behandlung, obwohl sie einen großen Leidensdruck haben – auf Grund sozialer Barrieren und anderer Hürden.

Lutz: In Zukunft auch diejenigen zu erreichen, die bisher keinen Zugang zu Psychotherapie haben – gerade weltweit –, ist viel wichtiger, als immer neue Modelle und Therapieverfahren zu entwickeln. Der Streit um das beste Verfahren lenkt von wichtigeren Forschungsfragen ab. H

Die Fragen stellte Corinna Hartmann, Psychologin und Wissenschaftsjournalistin in Saarbrücken.

Dieses Interview im Internet: www.spektrum.de/artikel/1995190