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Der Schwede und die Wüste: Wettrennen mit dem Tod


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 29.11.2019

Beseelt von Pioniergeist und Abenteuerlust macht sich Sven Hedin auf den Weg nach Zentralasien, um als erster Europäer weiße Flecken auf der Landkarte zu tilgen. Doch seine Expedition durch die Taklamakan-Wüste droht dramatisch zu scheitern


Wie seine skandinavischen Urahnen, die Wikinger, hatte der junge Schwede Sven Hedin den großen Traum, durch glorreiche Taten in die Geschichte einzugehen: »Die Entdeckung neuer Gebirgsketten, Seen und Flüsse, die Auffindung von Spuren einer alten Kultur, das Identifizieren alter, jetzt verlassener Karawanenwege und schließlich die kartografische Aufnahme einer ...

Artikelbild für den Artikel "Der Schwede und die Wüste: Wettrennen mit dem Tod" aus der Ausgabe 4/2019 von G Geschichte Porträt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 4/2019

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... vollständig unbekannten Gegend « – das ist es, was ihn lockt.

Gut inszeniert Abenteuerlich gekleidet und mit Waffen zu den Füßen posiert Sven Hedin für die Kamera


Der Wüstenritt dauert viel länger als gedacht — das ist gefährlich

Die ersten Tage verliefen ohne nennenswerte Probleme, Hedin war völlig fasziniert: »Das Wüstenmeer erschien mir unbeschreiblich schön; das Schweigen und die Ruhe, die darin herrschten, wirkten in hohem Maße erhebend.« Doch der Weg durch die Sanddünen wurde immer beschwerlicher, zumal die Temperaturen tagsüber auf mehr als 60 Grad anstiegen und kein Baum oder Strauch Schatten spendete: »Wir haben die letzten Tamarisken, die noch dem heißen Atem der Wüste Trotz boten, hinter uns gelassen. Kein Grashalm, kein Blatt mehr zu sehen. Alles ist Sand, feiner gelber Sand.«

Nachdem es den Männern zunächst noch gelungen war, hin und wieder einen Brunnen zu graben und ihren Durst mit frischem, kühlem Wasser zu stillen, war das lebensspendende Nass bald endgültig versiegt. Inzwischen war die Karawane bereits seit 15 Tagen unterwegs, doch entgegen Hedins Berechnungen noch längst nicht am Ziel angekommen. Ausgerechnet jetzt musste er feststellen, dass die Wassertanks – vielleicht aus Bequemlichkeit seiner Diener – nur zur Hälfte aufgefüllt waren. So langsam wurde es kritisch: »Wir entschlossen uns, mit dem Wasser so sparsam umzugehen wie mit Gold. Die Kamele durften ihren Durst nicht mehr stillen.« Trotzdem war bereits am 29. April der letzte Tropfen verbraucht.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: »Ich sah, dass der Durst die Menschen halb verrückt machen kann«, erinnerte sich Hedin. In ihrer Verzweiflung beschlossen die Männer, ein Schaf und einen Hahn, die noch als letzter »lebender Proviant« mitgeführt wurden, zu schlachten – und deren Blut zu trinken: »In einem dicken rotbraunen Strahl strömte das Blut hinaus und wurde in einem Eimer aufgefangen, in dem es beinahe sofort gerann. Es schmeckte widerlich und verbreitete einen ekelhaften Geruch. « Den unerträglichen Durst konnte es freilich nicht stillen. Das Wettrennen mit dem Tod schien verloren. Die beiden Hunde und mehrere Kamele waren bereits verendet.

Ein Lager mitten in der Sandwüste während der zweiten zentralasiatischen Expedition


Hedin um 1900 Reitend auf einem Trampeltier und mit Sonnenbrille. Auf einem Auge sieht der Schwede nur noch wenig


Als Sven Hedin sah, dass seine Begleiter mit ihren Kräften völlig am Ende waren, apathisch im Sand lagen und bereits fantasierten, entschloss er sich schweren Herzens, die Männer ihrem Schicksal zu überlassen und den Weg nur in Begleitung des Dieners Kasim fortzusetzen, der sich auch nur mit Mühe auf den Beinen hielt. Hedins Lebenswille aber war ungebrochen. Er musste es schaffen, und er würde es schaffen! Tatsächlich: Am 6. Mai erblickte er in der Ferne die Silhouette eines Waldes, und seinen Karten zufolge musste es ganz in der Nähe einen Fluss geben. Sie waren gerettet! Als sich der völlig entkräftete Kasim weigerte, auch nur einen Schritt weiterzugehen, versprach ihm Hedin, mit genügend Wasser zurückzukommen, sobald er selbst den Fluss erreicht hatte. Dann brach er auf …Was nun geschah, hat Sven Hedin in seinen Erinnerungen »Durch Asiens Wüsten« zum Heldenepos stilisiert: Nachdem er in dem ausgetrockneten Flussbett endlich einen Tümpel entdeckt hatte und seinen Durst nach eigenen Angaben mit mehreren Litern Wasser löschen konnte, waren seine Lebensgeister allmählich zurückgekehrt. Doch nun stand er vor der Frage: Wie sollte er die nötige Menge zu Kasim bringen? Da kam die zündende Idee: »Natürlich, meine schwedischen wasserdichten Stiefel!« In diesen ungewöhnlichen Behältern transportierte Hedin das kostbare Nass zurück zu seinem Begleiter und rettete ihm vermutlich das Leben.

Von der Wüste Gobi bis zu den Quellen des Indus

Tatsächlich wurde Sven Hedin bei seiner Rückkehr nach Stockholm am 10. Mai 1897 gebührend gefeiert, ganz so, wie er es sich erträumt hatte. Doch seine Abenteuerlust war ungebrochen. 1899 kehrte er nach Zentralasienzurück, um weitere weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen. Er entdeckte unter anderem die Ruinen einer alten Oasenstadt, durchquerte die Wüste Gobi, den Transhimalaja, eine Gebirgskette im südlichen Tibet, die später nach ihm benannt wurde, und fand 1907 in 5165 Metern Höhe die Quellen des Indus. Stolz schrieb er in seinen Erinnerungen: »Hier stand ich und fragte mich, ob wohl der mazedonische Alexander, als er vor über 2200 Jahren über den Indus gegangen, geahnt hat, wo die Quelle liegt, und ich freue mich in dem Bewusstsein, dass außer den Tibetern kein anderer als ich bis an diesen Punkt vorgedrungen war.«

Doch dieses Helden-Image hat Sven Hedin später selbst zerstört – durch seine fatale Nähe zum Nationalsozialismus.

LESETIPP

Sven Hedin: »Durch Asiens Wüsten«.
Edition Erdmann 2018, € 24,–

VITA: Sven Hedin

► 1865
Geburt in Stockholm

1885/86
Erste Persienreise

► 1886
Geologiestudium in Schweden und Deutschland

► 1890/91
Zweite Persienreise

► 1893 — 1908
Drei Expeditionen nach Zentralasien bringen bedeutende archäologische und geologische Entdeckungen sowie zahllose Kartografien

► 1923
Autofahrt durch die Mongolei

► 1927 — 1935
Hedin leitet die Chinesisch-Schwedische Expedition, an der sich sechs Länder beteiligen

► 1935
Hedin lässt sich in Stockholm nieder

► 1952
Tod in Stockholm


BILDNACHWEIS: AKG/PICTURES FROM HISTORY