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Der Seeadler


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 04.02.2022

KÖNIG DER LÜFTE

Artikelbild für den Artikel "Der Seeadler" aus der Ausgabe 3/2022 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 3/2022

Er steht sinnbildlich für Freiheit und Herrschaft, für Stolz und Macht. Aber auch für das Böse. Der Adler fasziniert die Menschen schon immer: Seine Größe, sein majestätischer Flug, sein scharfer Schnabel und sein stechender Blick weckten stets Bewunderung bis hin zur mystischen Überhöhung. Doch auch Gier und Bosheit lastete man dem Vogel an. Vor allem wohl die Tatsache, dass sich die vor allem in Norddeutschland vorkommenden Seeadler an Fischen und Landtieren bedienten, führte etwa ab dem 17. Jahrhundert in ganz Europa zu einer massiven Bejagung der Greife. Denn die Nahrung hätten die Menschen lieber für sich allein gehabt. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wetteiferte man sogar darum, wer die meisten Greifvögel – nicht nur Adler, sondern alle Vögel mit scharfem Schnabel – erlegen konnte. Die gnadenlose Jagd blieb nicht ohne Folgen: In Deutschland lebten um das Jahr 1900 nur noch ...

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... etwa 15 Seeadlerpaare, die Art war damit fast ausgerottet.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Tiere so selten, dass Menschen, die einen der raren Brutplätze kannten, dies tunlichst für sich behielten.

Scharfer Blick und spitzer Schnabel

Neben dem weißen Schwanz und dem helleren Kopf ist der große, gelbe Schnabel ein markantes Merkmal des ausgewachsenen Seeadlers. Spätestens mit fünf Jahren hat er sein braunes Federkleid abgelegt, der vormals schwarze Schwanz wird weiß und der dunkelgraue Schnabel hat sich gelb gefärbt. Mit diesem Schnabel, scharf und recht groß, vermag der Vogel die Haut selbst größerer Beutetiere wie Rehe zu öffnen, um an das Fleisch zu kommen. Seeadler sind Opportunisten, sie fressen fast alles, was sie erbeuten können. Gern mögen sie Fisch: Vom Ansitz, einem hoch gelegenen Platz, oder aus der Luft während des Suchflugs kann der Adler mit seinen legendären „Adleraugen“ einzelne Fische im Wasser ausmachen. Hat er einen ausgewählt, stürzt er hinab, taucht blitzschnell ins Wasser und greift sich den Fisch mit seinen kräftigen Füßen, den „Fängen“. Doch auch Gänse, Blässhühner und andere Vögel in der Nähe von Gewässern werden von den Greifen nicht verschmäht. Seeadler jagen außerdem Kaninchen, Feldhasen und Mäuse und bedienen sich als Waldbewohner an Aas oder an dem von Jägern liegen gelassenen Aufbruch, den ausgeweideten Innereien von Wildschweinen, Rehen und Hirschen. Beim Auffinden von an Altersschwäche oder Krankheit gestorbenen Tieren helfen den Adlern übrigens oft Kolkraben und andere Rabenvögel: Sie zeigen den Seeadlern die Stelle, an der das tote Tier liegt und die öffnen im Gegenzug mit ihren scharfen Schnäbeln die kräftige Haut von Hirschen oder Wildschweinen. Nachdem der Adler sich dann sattgefressen hat, überlässt er die Reste den Raben oder Füchsen. Eine klassische Win-win-Situation.

Gejagt und vergiftet

Bis zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts galt die Greifvogeljagd als absolut begründet – schließlich konkurrierte man mit den als „Raubvögel“ betrachteten Tieren um Nahrung. Es wurden sogar Abschussprämien gezahlt, und selbst der als Tierfreund bekannte Alfred Brehm rief im Jahr 1858 dazu auf, „schädliche Tiere“ wie Adler zu vernichten. So reduzierte der Mensch die Zahl der Seeadler auf wenige Handvoll; erst in den 1930er-Jahren wurden die Greife unter Schutz gestellt und durften fortan nicht mehr bejagt werden. Viele Förster lernten dazu und schützten fortan die Vögel und ihre Brutplätze. In den folgenden 20 Jahren nahm der Seeadlerbestand hierzulande wieder zu, erholte sich aber noch nicht maßgeblich.

Denn schon bald folgte der nächste Tiefschlag: In der Nachkriegszeit setzte sich das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT, in der Landwirtschaft durch. Und über die Nahrungskette landete das Gift in den Greifen. Diese legten fortan nur noch Eier mit dünner, brüchiger Schale, die beim Brüten zerbrachen. Erst als in den 1970er-Jahren das Mittel in Europa endlich verboten wurde, wuchsen die Seeadlerbestände langsam wieder. Heute zeigen sich die majestätischen Tiere in Nord- und Ostdeutschland wieder öfter. Vor allem Unterschutzstellungen und Horstschutzzonen besonders in ostdeutschen Wäldern, die im Umkreis mehrerer Hundert Meter um einen Adlerhorst von März bis August keine Forstarbeiten erlauben, haben maßgeblich zum Anwachsen der Population beigetragen. Der Einsatz bleihaltiger Jagdmunition war lange Zeit ebenfalls ein Problem. Heute ist die giftige Munition glücklicherweise weitgehend verboten. Zuvor fraßen die Adler dieses Schwermetall mit den Innereien des geschossenen Wilds, vergifteten sich und verendeten elend.

Kinderstube in Baumwipfeln

Erst mit vier oder fünf Jahren sind Seeadler geschlechtsreif. Dann beginnen sie erstmals vom Spätherbst bis in den Februar hinein zu balzen, begleitet von typischen krickkrick-krick-Rufen. Haben sich ein Adlerweibchen und -männchen gefunden, leben sie den Rest ihres Lebens monogam in sogenannter Dauerehe. Für die jährlich gelegten ein oder zwei, selten auch mal drei oder vier Eier bauen sie kunstvolle, sehr stabile Horste aus Zweigen, die oft an die zwei Meter groß sind. Sie bevorzugen Kiefern und Buchen, Fichten und Eschen in störungsarmer Umgebung für ihre oft mehrere Jahre lang genutzte Kinderstube. Dort brüten die Eltern die Eier im Wechsel binnen 38 Tagen aus, nachdem sie den Horst mit Gras ausgepolstert haben. Überaus wachsam, vertreiben sie dann Störer wie Krähen, Gänse, Habichte oder Bussarde vehement aus dem Revier. Sind die Küken schließlich geschlüpft, bleiben sie noch rund zweieinhalb Monate im Nest, gefüttert und umsorgt von beiden Elternvögeln. Der Seeadlernachwuchs hat lange Zeit noch den typischen schwarzen Jungvogel-Schnabel und einen dunklen Kopf. In den kommenden fünf Jahren, bis die Kleinen geschlechtsreif sind, ändert sich das Aussehen von Gefieder und Schnabel mehrmals. Erst danach sind der markant weiße Schwanz und der gelbe Schnabel ausgebildet.

Mythos Adler

Er symbolisiert Stärke und Intelligenz, Mut und Unsterblichkeit: Neben dem Löwen zieren Adler besonders häufig Wappen. Lautlos und erhaben gleiten See- und andere Adler durch ihr Revier, haben mit ihren scharfen Augen auch aus großer Höhe alles im Blick. Der „König der Lüfte“ steht wohl auch deshalb für Unbesiegbarkeit, weil er selbst keine Fressfeinde hat. Im Mittelhochdeutschen zeigt sich im Wortstamm Edel-Aar für Adler das Attribut des Edlen. Die Vögel sind „frei wie der Wind“ und greifen sich mit ihren kräftigen Fängen scheinbar alles, was sie wollen – für viele Menschen begehrenswerte Eigenschaften. Und das schon sehr lange: In Altägypten wurden Adler als Symbol des Göttlichen und der Herrschaft verehrt. Auch bei den Griechen saß ein Adler neben dem höchsten Gott Zeus und verkörperte dessen Macht. Und die Römer waren offenbar so beeindruckt von des Adlers Stärke, dass sie ihn als Symbol für ihren Staat erkoren und als Feldzeichen der römischen Legionen nutzten. Der große Greifvogel hat seitdem als Ausdruck der Macht unzählige Wappen und Münzen geziert und als Standbild Herrschaft, Kraft und Heldentum verkörpert. Hierzulande findet der Adler sich bis heute als Bundesadler im Staatswappen – wie auch in den USA, Mexiko, Österreich oder Polen, die ganz unterschiedliche Darstellungen von Adlern auf ihren Landeswappen haben.

Steckbrief Seeadler

Weißschwänziger Meeradler lautet die Übersetzung von Haliaeetus albicilla – und beschreibt so Aussehen wie Lebensraum des Seeadlers kurz und knapp. Der Vogel lebt bei uns vor allem in Norddeutschland, Brutpaare wurden aber auch schon in Sachsen und Sachsen-Anhalt gesehen.

Seeadler sind heute (wieder) in ganz Europa zwischen Griechenland und Norwegen heimisch, leben in Tundra, Wäldern und Steppen – Hauptsache, Flüsse, Seen oder eine Meeresküste sind in der Nähe. Im Flug ist der Greifvogel an seiner großen Flügelspannweite, seinem langsamen und schwerfälligen Flügelschlag und den brettartigen Flügeln zu erkennen. Es gibt weltweit neun weitere Adler-Arten, darunter der Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA, oder der kleine, seltene Madagaskarseeadler, der nur im Nordwesten der Insel Madagaskar vorkommt. In Deutschland findet sich das größte Seeadler-Brutgebiet an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern; insgesamt zählte man hierzulande in der aktuellen Brutsaison wieder rund 1000 Paare. Weltweit wird der Bestand auf mehr als 12 000 Brutpaare geschätzt. Als größte Greifvögel Mitteleuropas – Seeadler werden sogar noch etwas größer als ihre Verwandten in den Alpen, die Steinadler – haben ausgewachsene Seeadler-Weibchen eine beeindruckende Flügelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern. Die Männchen sind etwas kleiner. Die Vögel wiegen zwischen drei und sieben Kilo und sind 70 Zentimeter bis knapp einen Meter groß. Sie werden 20 bis 30, in Ausnahmefällen auch bis zu 40 Jahre alt. Seeadler sind übrigens sehr reinliche Vögel: Sie baden täglich, um ihre Federn sauber zu halten.

Buchtipp

Mehr Seeadler-Fotos von Willi Rolfes gibt es zu sehen im Bildband:

Tobias Böckermann, Willi Rolfes Seeadler Begegnungen in der Natur Tecklenborg Verlag, 136 Seiten, 28,50 €

ISBN 978-3-944327-92-1

Willkommen zurück

Was für ein schrecklicher Leichtsinn: Das harmlos als Pflanzenschutzmittel titulierte Gift DDT hat bis ins Jahr 1972 zahlreiche Tiere und Pflanzen nachhaltig geschädigt oder sogar ausgerottet. Die wenigen verbliebenen Seeadler-Brutpaare lebten in Nord- und Ostdeutschland, als man endlich die Brisanz des Themas erkannte: Mehrere große Naturschutzverbände gründeten im Jahr 1968 im Rahmen des WWF-Projektes „Greifvogelschutzprogramm in Schleswig-Holstein“ die „Projektgruppe Seeadlerschutz“. Mit Erfolg. Die Population der Greife wuchs wieder, abwandernde Brutpaare ließen sich schon wenig später im benachbarten Dänemark, in Niedersachsen und auch in den Niederlanden nieder, zogen später sogar weiter bis nach Frankreich. Man übernahm den Seeadlerschutz als internationales Projektmodell alsbald auch in den nordeuropäischen Ländern Schweden, Norwegen und Finnland. Vor allem im seenreichen Mecklenburg-Vorpommern, schon zu DDR-Zeiten ein Refugium für die letzten Seeadler und andere Wasservögel, sorgte die Unterschutzstellung großer Gebiete nach der Wiedervereinigung dafür, dass sich die Seeadlerpopulation zusehends vergrößerte. Und so ist es heute kein ganz so seltenes Himmelsschauspiel mehr, einen Seeadler weit oben kreisen zu sehen. Aber noch immer ein sehr faszinierendes.

Text: Anke Benstem