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DER SOUND DER ACHTZIGER GEHT DURCH BETON


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 13.10.2021

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Skurrile, liebevoll gezeichnete Gestalten bevölkern Regeners Romane, die Nonsens-Dialoge ebenso beherrschen wie eloquente Sprachkunst. Am Berlin der Achtzigerjahre arbeiten sie ihre Hoffnungen und Wünsche ab. In „Glitterschnitter“ geht es um die gleichnamige Combo mit Karl Schmidt an der Bohrmaschine, Raimund am Schlagzeug und Ferdi am Synthesizer, die zur „Wall City Noise“ eingeladen werden will, welch hohe Kunst eine Musterwohnung von IKEA verbirgt und ob es eigentlich sinnvoll ist, Kaffee mit Milchschaum aus Müslischüsseln trinken zu wollen. Ein fulminantes Puzzlestück, chronologisch zwischen den Romanen „Wiener Straße“ und „Herr Lehmann“ angesiedelt. Wir trafen den Autor in den Räumen seines Berliner Verlags Galiani.

Das Buch schließt an „Wiener Straße“ an, aber es gibt mehr Perspektiven. Wer von den alten Bekannten ist dabei?

Da kommen einige zusammen. Frank Lehmann, Manfred Lehmann, Erwin ...

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... Kächele, Chrissie, H. R. Ledigt, Kerstin, Raimund, Helga, Wiemer, P. Immel, Kacki, Ferdi, Karl Schmidt … Es gibt aber auch neue Leute wie etwa Leo, die Clubmanagerin, Sigi, den Kunstkurator, den kettenrauchenden Polizisten usw.

Und alle haben scheinbar ein starkes Ego und sind interessiert, ihr Ding durchzuziehen. Warum ist das so?

In dieser Altersgruppe wollen die alle was erreichen. Das ist ja die Twilight Zone des Lebens, junge Menschen zwischen Baum und Borke. Sei es, nur irgendwo mit aufzutreten, mitzumachen. Alle sind unglaublich unsicher und machen viele Fehler, probieren viel aus, haben unterschiedliche Interessen, auch an ein und demselben Vorgang. Und wenn man abwechselnd aus ihren verschiedenen Perspektiven erzählt, scheinen die Figuren ein stärker entwickeltes Ego zu haben, als wenn man sie und die Handlung von außen als allwissender und drüberstehender Erzähler beschreibt.

Bei dieser großen Dynamik und den wechselnden Perspektiven: War das alles so geplant?

Es gab viele Überraschungen. Ich hatte die Handlung zuerst in Skizzen vorausgeplant, Ort, Handlung, ein bisschen Dialog, um das Kolorit zu finden, quasi eine Art Drehbuchfassung, eher vielleicht ein Treatment geschrieben und das im rollenden Verfahren, immer jeweils nur für den nächsten der insgesamt fünf Teile. Und diese Romane sind ja so was wie große Wimmelbilder, gerade auch „Glitterschnitter“, ständig wechselnde Perspektiven und Szenen, da will man beim Schreiben den Überblick behalten. Aber wenn man eine solche Skizze dann in ein literarisches Werk umsetzt, passieren viele Sachen, die nicht vorgesehen waren, das muss auch aus sich selbst heraus wachsen, wuchern, da darf man kein Kontrollfreak sein. Es kann auch passieren, dass einem fad wird, das ist ganz schlecht, dann tut man gut daran, kurz innezuhalten und das Ruder rumzureißen, statt ehrpusselig das abzuarbeiten, was man sich vorher überlegt hat. Was beim Schreiben schon langweilt, langweilt beim Lesen erst recht …

Es gibt ja auch eine Vielzahl verschiedener Sprachfärbungen und Ausdrucksweisen. Das ist großes Kino, wenn die Österreicher in diesen Shakespeare-Duktus verfallen. Erforderte das intensive Vorbereitung?

Wir haben mit „Element of Crime“ mal ein Jahr nichts gemacht, 1997 oder so. Da habe ich fast nichts anderes getan, als Civilization II zu spielen und Shakespeare zu lesen. Ich hatte mir antiquarisch eine Schlegel-Tieck-Gesamtausgabe gekauft. Das war ein gutes Jahr! Toll! Und dass die Österreicher in „Glitterschnitter“ nun als Teenager einen Shakespeare-Kampfverein gegründet haben, ist dann vielleicht seltsam und exzentrisch, aber auch gar nicht so unrealistisch. Von dem Alter, so mit 15, gibt es ein Bild, was Jugendliche tun und was nicht. Aber bei Jugendlichen ist das genau wie bei Erwachsenen, es gibt alle Sorten. Schachfreaks, Leute, die sich nur für Altertum interessierten oder welche, die Chemie studieren wollen und andere, die erst mal nur You- Tube gucken. Und da kann es auch zwei Freaks aus Ottakring geben, die Spaß daran finden, Shakespeare-artig zu reden. Ich kannte mal zwei Leute aus Bremen-Huchting, die waren als Jugendliche ganz große Arno-Schmidt-Fans. Dieses ganze Alter zwischen 14 und 18 ist total interessant, weil da so viel möglich ist.

Und bis in die Zwanziger hinein, wenn man die Freiheiten hat, die man als Achtzehnjähriger noch nicht hatte …

Und genau davon handelt dieses Buch. Von diesem Alter, wo man versuchen muss und will, einen Platz in einer Erwachsenenwelt zu bekommen, deren Regeln man nicht gemacht hat und die man auch nur zum Teil durchschaut. Wie man seinen Lebensunterhalt verdient, ohne dass es zu seltsam wird. Dieser ganze Quatsch mit dem Milchkaffee, da geht es ja eigentlich darum, dass Frank Lehmann Chrissie den Job in der Frühschicht sichern will. Sie sind die jüngsten, müssen gucken, wo sie bleiben, während die anderen versuchen, in diese Kunstwelt einzubrechen, sich einen Namen zu machen oder überhaupt irgendwie beachtet zu werden. Und sie probieren herauszufinden, was man denn machen muss, um auf ein Festival wie dieses „Wall City Noise“ zu kommen. Das hat viel von Versuch und Irrtum. Da hat man noch die Energie in dem Alter, alles Mögliche auszuprobieren.

Sie haben selbst Kinder in ähnlichem Alter. Hat sich das heute verändert?

Die sind ja ganz anders, aber was heißt das schon, jeder ist immer anders und es gibt sicher auch heute Freaks, die so drauf sind wie die in meinen Romanen. Der Unterschied ist, dass damals so viel Licht drauf schien. Die Zeitgeistausstellung, die große Wannseeausstellung, die jungen Wilden, Punk, Postpunk, die Neue Deutsche Welle, alle guckten nach Berlin. Nina Hagen, Spliff, Einstürzende Neubauten, ständig wurde davon berichtet. Und von den ganzen eher noch schrägeren Sachen dann eben auch. Performance, Konzeptkunst, Experimental- und Avantgarderock und was sonst noch, alle bekamen von dem Licht etwas ab. In den „Berliner Nächten“ im Ersten kamen alle drin vor und so einFernsehteam geistert auch durch „Wiener Straße“. Man hatte Aufmerksamkeit und nutzte sie. Das ist auch typisch für die Zeit: Alles gleich umsetzen, Streit riskieren und dann auch ausfechten, die verrücktesten Dinge ausprobieren, all das. Und für einen Roman heißt dass, dass Autor und Leser bei so einer Gemengelage immer im Alarmzustand sind. Das macht Spaß!

SVEN REGENERS LEHMANN-ROMAN-KOSMOS IN CHRONOLOGISCHER REIHENFOLGE ENTLANG DER LEBENSLÄUFE DER FIGUREN:

Bremen 1980 Neue Vahr Süd Goldmann TB (2006), 640 Seiten, 9,95 Euro

Berlin November 1980 Der kleine Bruder Goldmann (2010), 320 Seiten, 9,95 Euro

Berlin November 1980 Wiener Straße Kiwi TB (2019), 304 Seiten, 12 Euro

Berlin 1986 Glitterschnitter Galiani (2021), 480 Seiten, 24 Euro

Hörbuch Gelesen von Sven Regener tacheles! 629 Min./ 2MP3-CDs, 24 Euro

Berlin 1989 Herr Lehmann Goldmann (2003), 288 Seiten, 9,95 Euro

Mitte der 90er-Jahre Magical Mystery Kiwi TB (2014), 512 Seiten, 12 Euro

BÜCHERmagazin verlost je fünf Bücher und Hörbücher „Glitterschnitter“ (Galiani/tacheles!). Teilnahmebedingungen siehe S. 4. Viel Glück!

Aber es gibt auch ein Gespräch zwischen Frank und seinem Bruder, in dem es heißt „Du stellst dich dazu, dann bist du gleich dabei. Aber wenn du auf der Straße liegst, steigen erst mal vier Leute über dich rüber, bevor dir jemand aufhilft.“ Das war nicht alles nur Spaß und Juchhei.

Da sind auch viele Ängste und viel Traurigkeit in diesem Buch. Angstbeißerei auch, die oft als Rücksichtslosigkeit und Kälte erscheint. Alle zerren aneinander und klagen etwas ein, beackern ihr Leben in einem unglaublichen Aktivismus. Das ist eigentlich auch eine grauenhafte Stadt, Westberlin im Dezember, Anfang der Achtziger, alles war grau, furchtbares Wetter, furchtbare Luft. Ich erinnere mich daran wie an eine Schwarz-Weiß-Welt, in der es immer Nacht war. Man trinkt sich das schön und hat das Bedürfnis, es zu poetisieren, sich selbst in dem Elend von außen zu sehen und zu sagen: Es ist alles furchtbar, aber ich bin Teil von etwas Größerem. In „Magical Mystery“ gibt es einen inneren Monolog von Karl Schmidt, in dem er sagt „Wir lebten wie im Film, wir waren Götter und unsterblich.“

In der Rückschau würde ich sagen, die anderen waren die Götter, ich war ja nur dabei. Das geht dann doch auch den meisten anderen so, die Adoleszenz ist eher verunsichernd.

Das trifft vor allem auf Frank Lehmann zu. Er versucht, sich so dazwischenzuschieben, ohne groß aufzufallen, alles von hinten, durch die Brust, ins Auge zu regeln. Und das macht ihn zu einer interessanten Figur. Er und Chrissie sind die Einzigen, die echt keine Kunst-Agenda haben. Er will die Sache mit dem Milchkaffee zum Laufen kriegen, weil er glaubt, darin liege die Zukunft der Frühschicht im Café Einfall und dann kann er seinen Putzjob behalten, weil den dann die Chrissie nicht kriegt. Das ist eine interessante, defensive Art zu denken.

Aber auch pragmatisch. Ich habe gelesen, Lehmann habe am meisten mit Ihnen zu tun …

Ja, das denkt man vor allem, weil die ersten drei Romane nur ihm gefolgt sind. Bei dem Karl-Schmidt-Roman, „Magical Mystery“, habe ich dann gemerkt, dass alle diese Leute eine Art Spin-off von mir selber sind, jede und jeder auf eine andere Weise. Wenn mich jemand gefragt hat, wie sehr ich mit Frank Lehmann identisch bin, habe ich immer gesagt zu 37%, aber das gilt auch für alle anderen. Wenn ich über sie lache, lache ich auch über mich selbst. Das hilft mir. Und sie haben alle ein eigenes Leben, das ist so interessant an ihnen, sie handeln fast schon von alleine, ich muss es nur aufschreiben, darum arbeite ich so gerne mit Figuren, die ich schon geschaffen habe. Die überraschen einen dann immerwieder. Irgendwie wohl eine höhere Form von Persönlichkeitsspaltung, aber ohne volle Kontrolle. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass das Buch so endet, wie es endet, aber irgendwann hat sich das so ergeben und so war es dann auch richtig. Natürlich verschwinden manche Leute auch wieder, ganz wie im richtigen Leben.

Nun haben Sie nicht nur einen Roman, sondern einen ganzen Lehmann-Kosmos geschaffen. Da ist nie jemand weg?

Das denke ich auch. Und vielleicht kommt dann auch mal ein Roman, in dem etwa einer wie Martin Bosbach, der am Ende von „Der kleine Bruder“ zum Beispiel sang- und klanglos verschwindet, plötzlich wieder auftaucht. Oder auch nicht.

Ich habe mich gefragt, wie das beim Einlesen des Hörbuchs war. So viele Dialekte …

Ich spreche ja keine Dialekte nach, das ist kein Hörspiel. Es liegt eher an der Sprachwahl. Wenn jemand „Bettbrunzer“ sagt, dann ist das ein Österreicher, aber da muss ich nicht versuchen, in diesen Singsang zu verfallen. Das würde dann schnell schmierig-parodistisch, da muss man aufpassen.

Dialekte schreiben ist aber auch nicht einfach, oder?

Ich mache das nur, wenn ich auch weiß, wie es geht. Wenn man zum Beispiel den Fortsetzungscomic „Didi & Stulle“ von Fil kennt. Ich bin ein großer Fan, der ist ganz toll. Fil hat eine bestimmte Art, Berlinerisch zu schreiben. Zum Beispiel wird bei ihm „eigentlich“ als eintlé geschrieben, das ist natürlich klasse, da schneide ich mir gerne eine Scheibe von ab.

Sie haben mal gesagt, Berlinerisch funktioniere als Eskalationsdialekt, zum Aufbau von Aggression …

Ja, das hat so was von ausgefahrenen Krallen einer Katze. Jemand, der ins Berlinern wechselt, will damit dem anderen auch signalisieren: Ich gehöre zu einer Gruppe, zu der du nicht gehörst. Gerne gegenüber Nicht-Ur-Berlinern verwendet. Man vergewissert sich gleich eines Kollektivs: Ick bin n’ richtiger Berliner. Aber man macht sich auch lächerlich, wenn man es übertreibt, als Autor, aber auch als Sprechender. Permanentes Berlinern hält im Grunde keiner durch und auch keiner aus, es wird eher als Verstärker an bestimmten Stellen benutzt, wie eine andere Klangfarbe in einer Melodie, ein hinzukommendes Instrument.

Da höre ich auch den Musiker, Melodie, Rhythmus in der Sprache …

Ja, aber was ist denn Dialekt anderes als Änderung des Klangs? Weeßte, statt weißt du. Sprache hat auch immer musikalische Aspekte, in der Prosa weniger als in der Lyrik. Der Klang ist wichtig, das ist Teil des literarischen Stils, auch der Rhythmus. Ich spreche mir das auch selber vor. Und ich muss sagen, dass dieses Buch, glaube ich, rhythmisch etwas sperriger ist. Das ist mir beim Einlesen des Hörbuchs aufgefallen. Bei einer Erzählung aus nur einer Perspektive gibt es über die Länge dann auch viele Wiederholungen, die auch ein wichtiges musikalisches Element sind und die Sache ins Rollen bringen können. Hier ist es so, dass sich durch dieganzen Perspektivwechsel der Klang der Erzählung zwangsläufig ändern muss.

Ist „Glitterschnitter“ eine Band, die man sich anhören wollen würde?

Vielleicht, wer weiß. Zunächst denkt man: eher nicht. Allerdings läuft das auch im Café Einfall auf Kassette und scheint da irgendwie okay zu sein. Man darf nicht vergessen, dass Ferdi und Raimund später als Technolabel-Menschen in „Magical Mystery“ stinkreich sind. Und da sagt Ferdi: „Raimund ist einfach ein Genie, der hat von Anfang an nur Bumm, Bumm, Bumm gemacht.“ Es ging damals, in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre in Westberlin, nicht in erster Linie darum, zu gefallen. Es war toll, einfach rauszugehen, etwas aufzuführen und die Leute zu irgendeiner Reaktion zu provozieren. Zu sagen: Wenn ihr schon nicht klatschen könnt, könnt ihr wenigstens Bierdosen werfen, ihr Penner! Und dann gab es Buh-Rufe, Konzertabbrüche und so weiter. Tolle Sache.

Wird es schwieriger, sich zurückzuerinnern, je größer der Abstand zu dieser Zeit wird?

Ich denke, der Abstand ist gerade gut. Weil man erstens rücksichtsloser sein kann, und gleichzeitig fließen aus dem Unterbewusstsein, aus völlig verschiedenen Gegenden und Zeiten, Gedanken ein. Man erfüllt sich ja auch eine Menge Wünsche, wenn man so einen Roman schreibt. Weil man von bestimmten Dingen erzählen und das auf eine Weise tun kann, bei der niemand einem auf die Schliche kommt. Das geschieht wohl meistens aber unbewusst.

Was ist denn einfacher: Romane oder Liedtexte?

Wir haben eigentlich zuerst immer die musikalische Idee in der Band. Und dann muss ich dazu einen Text machen, damit ich was zu singen habe. Beim Songtexten spielt der Klang natürlich eine wahnsinnig große Rolle. Es gibt überhaupt keine Entschuldigung für einen schlecht klingenden Songtext. Und Musik ist da sehr inspirierend, es ist, als seien die Worte schon da, und man müsse sie nur finden. Da kommt irgendwann das erste Wort um die Ecke „Schwere See“ oder so und dann baut man Sätze, und plötzlich kommt es von allen Seiten. Nur kann das sehr, sehr lange dauern. Es gibt auch in einem Song nichts Beiläufiges. Musik hämmert so stark ins Gefühl, durch die Musik bekommt alles wahnsinnig viel Gewicht und damit muss man umgehen. Da sind ein paar Parameter mehr als beim Prosaschreiben. Wenn man alle meine rund 140 Liedtexte zusammennehmen würde, wären die von der Wortmenge nicht einmal so viel wie mein dünnstes Buch. Und die Songs sind in 35 Jahren entstanden. Da sieht man den Unterschied.

Sven Regener und Meike Dannenberg sind beide in Bremen geboren, teilen auch ein wenig Dialekt. Während des Interviews konnte unsere Autorin nicht umhin zu schmunzeln, wenn ein allseits bekanntes Zitat plötzlich zu einem Unikat wird:

Ist das grüner Tee? Ich habe um Tee gebeten und grünen Tee bekommen? Das hat sicher was zu bedeuten, oder? Was ist mit dem richtigen Tee, den habt ihr gar nicht?!