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Der Strandmaler


Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 19.03.2020

Die Jahre nach der Wende haben Lebensläufe geknickt. In seinem Roman »Im Neuland« zeichnet EULENSPIEGEL-Herausgeber Jürgen Nowak die Lebenswege zweier höchst unterschiedlicher Brüder nach. Kuriose Partnerschaften entstehen, u.a. mit dem Strandmaler Paul, einem Mann mit zweifelhafter Vergangenheit.


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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 4/2020

Die Leute drehen sich nach ihm um. Sollen sie wohl auch, sonst hätte er sich nicht so auffällig an gezogen. Hose und Schuhe aus weißem Leinen, das Hemd im maritimen Kolorit blau-weiß gestreift, um den Hals ein knallrotes Piratentuch. Markant vor allem der breitkrempige, helle Strohhut, der seinem zerfurchten ...

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... Gesicht Schatten verschafft.

Wolfgang Wolter kennt ihn, hat ihn oft in der Nähe der Seebrücke gesehen. Dort passt er hin: hockt auf einem klapprigen Stühlchen vor der Staffelei und kleckst seine Farben auf die Leinwand, ein Strandmaler, wie er im Buche steht.

Dutzende Urlauber schauen dem Maler über die Schulter. Hängen ihm vor allem am Mund. Unablässig quasselt er vor sich hin, meditiert über unbeständiges Geld und − im Gegensatz dazu − über krisenfeste Kunst. Die habe er zu bieten. Er sei offen für alle Wünsche, sagt er.

Ich kann Sie in das Gemälde mit den hohen Wellen reinmalen«, sagt er und zeigt auf ein paar Fotos von Musterbildern, die er auf einer Decke ausgelegt hat. »Wenn ich Sie vor die Sonne stelle, bekommen Sie eine Aura wie Jesus bei der Himmelfahrt.

Einige schmunzeln. Offensichtlich fühlen sich die Neugierigen mehr von seinen lockeren Sprüchen angezogen als von seiner Pinselführung. Vor ihm posiert eine füllige Urlauberin in knielangen Shorts. Pauls Lob für sie ist vor allem für die Ohren der Umstehenden gedacht: »Sie machen es völlig richtig, Madame! Wenn eine Inflation heraufzieht, muss man sein Geld in Sicherheit bringen, Wertsachen kaufen, was Beständiges. Bei mir kriegen Sie ein echtes Ölgemälde für siebzig Mark! Eine Geld anlage erster Güte! Haben Sie doch bestimmt gehört, welche Unsummen für Gemälde geboten werden. Die werden von Jahr zu Jahr wertvoller. Je töter der Künstler, desto teurer. Wenn ich in die Grube fahre, meine Dame, machen Sie den großen Reibach.

Die Umstehenden amüsieren sich. Wolter staunt, wie er das hinkriegt: malen und quatschen zugleich. Sein Mundwerk steht nicht still.

Wenn Sie wüssten, wie man mich schon genannt hat! Ostsee-Gauguin! Der Breughel von den Dünen! Ja, es gibt eben Leute, die was von Kunst verstehen. Nur einmal musste ich Widerspruch anmelden. Da sagte einer, ich wäre ein vorpommerscher Picasso für Arme. Für Arme! Nee, für die Schlauen!, sage ich immer. Große Kunst für billiges Geld, hab ich Ihnen ja erklärt. Außerdem Picasso! Meine Kunden wollen doch nicht, dass sie kubistisch verfratzt werden, das Gesicht entstellt, ein Auge irgendwo im Himmel, der Körper zerhackt in eckige Stücke.

Er wendet sich wieder seiner Kundin zu: »Sie wollen schön aussehen auf dem Bild, stimmt's, Verehrteste? Wie im richtigen Leben.

Wolter fällt auf, dass er die Frau keineswegs groß in den Vordergrund des Bildes, sondern weit nach hinten gerückt hat. Anscheinend ist Porträtähnlichkeit nicht Pauls Stärke. Ein Gesicht zu zeichnen, das dem Original nahekommt, gelingt ihm wohl selten. Meist versucht er es erst gar nicht, mit Vorliebe malt er die Leute von hinten. Um seine zahlenden Kunden zufriedenzustellen, unterstützt er die Wiedererkennung durch schwung voll hingeworfene Titel: »Sonnenuntergang am Meer mit Gerda und Günter« oder »Klaus-Dieter in Betrachtung der Brandung«.

Entschuldigung, wegen des Titels muss ich noch mal nachfragen: Wie war gleich Ihr Vorname? - Mareike, wunderbar, wäre ich nicht drauf gekommen. Ich hätte auf Mona oder Lisa getippt.

Er taucht den Pinsel in ein Glas, klappt die Palette zu. »Fertig«, sagt er, »jetzt nur noch ein bisschen Schreibarbeit.« Wie ein Schulkind stottert er sich durch die Silben, die er auf den unteren Rand des Bildes kritzelt: »Ma-rei-ke bei auf-lan-di-gem Wind. So. Und nun der Künstler: Pau-lo Pik-As-so pi-xit.

Die stramme Mareike versteht so wenig wie andere, was er brabbelt. Verklärten Blickes schaut sie auf ihr Ebenbild, zahlt die geforderte Summe und zieht beglückt von dannen. »Vorsicht, es ist noch frisch!«, ruft Pinsel-Paul ihr hinterher.

Als sie über die Düne Richtung Bier gehen, erklärt er Wolter, was es mit seiner Signatur auf sich hat: »Ich zeichne meine Bilder nie mit meinem Namen, nur der Paul ist immer dabei, manchmal auch als Pablo, Pawel oder Paolo, dahinter kommt der verdrehte Name eines berühmten Malers. Wie vorhin: Pik-Asso pixit.

Pixit?

Hat es gemalt. Ist lateinisch.

Du hast Malerei studiert?

Studiert wäre zu viel gesagt. Ich habe von einem studierten Maler gelernt. Der hat unseren Mal- und Zeichenzirkel im Betrieb geleitet, damals, als ich noch einen anständigen Beruf hatte.

Jürgen Nowak: Im Neuland

Roman, Enno Verlag, 288 S., 19,90 Euro ISBN 978-3-9819104-1-4