Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

DER STREITBARE


Logo von National Geographic History
National Geographic History - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 09.09.2022
Artikelbild für den Artikel "DER STREITBARE" aus der Ausgabe 6/2022 von National Geographic History. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: National Geographic History, Ausgabe 6/2022

SCHICKSALSKAMPF Bei der Schlacht von Legnano 1176 unterlag Friedrich Barbarossas Heer den Truppen der im Lombardenbund zusammengeschlossenen Städte. Dieses Ereignis markierte eine bedeutende Wende in der Italienpolitik des Kaisers, hier dargestellt in einem Gemälde von Massimo d?Azeglio aus dem Jahr 1831.

Vielleicht erlitt Kaiser Friedrich I. Barbarossa in den ersten Wochen des Jahres 1176 bei Chiavenna nördlich des Comer Sees die tiefste Demütigung seines Lebens. Er stand kurz vor dem Kampf mit dem Lombardischen Städtebund (Lombardenbund) und bat Heinrich den Löwen, den welfischen Herzog von Bayern und Sachsen, eindringlich um Waffenhilfe. Heinrich aber lehnte ab und ließ sich nicht einmal umstimmen, als ihm der Kaiser zu Füßen fiel. Das war eine für die ranggeordnete Gesellschaft des Mittelalters ungeheuerliche Szene: Der Herrscher verzichtete mit dem Fußfall auf die Position der Überordnung, die ihm seinem hohen Rang gemäß zustand. Bitten des Kaisers hatten gemeinhin Befehlscharakter, und sie nicht zu erfüllen, war schon ein Affront an sich. Ihm die erbetene Hilfe dann aber trotz seiner Selbstdemütigung zu verweigern, war eine außerordentliche Missachtung durch den Herzog, der im Rang nicht nur ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von National Geographic History. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Ein Paukenschlag aus der Hölle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Paukenschlag aus der Hölle
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Die „ersten Briten“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die „ersten Briten“
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Immer der Nase nach. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Immer der Nase nach
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Kälte, Krisen und Kriege
Vorheriger Artikel
Kälte, Krisen und Kriege
NIMRUD
Nächster Artikel
NIMRUD
Mehr Lesetipps

... unter Friedrich Barbarossa stand, sondern auch noch sein Vetter war.

Wie sich die Szene genau zugetragen haben soll, ist unklar. Die überlieferten Berichte variieren nicht nur hinsichtlich des Ortes, sondern auch hinsichtlich Heinrichs Verhalten. Mal soll der Herzog, auch wenn er seine Haltung nicht änderte, dem Kaiser immerhin aufgeholfen haben; mal soll ein Vertrauter Heinrichs gespottet haben, die Krone des Reiches, die nun vor seine Füße gekommen sei, werde er bald auf seinem eigenen Kopf tragen. Aber der gemeinsame Kern aller Geschichten ist, dass Barbarossa eine Beleidigung unerhörten Ausmaßes erlitt – und in deren Folge eine schwere Niederlage. In der Schlacht von Legnano unterlag er dem Städtebund.

Dass Heinrich wenig später seine beiden Herzogtümer verlor und sich 1181 in Erfurt seinerseits vor Barbarossa zu Boden werfen musste, erschien lange nicht nur als logische Konsequenz der Szene von Chiavenna, sondern auch als Höhepunkt des Gegensatzes zwischen Staufern und Welfen. Heinrichs Sturz deutete man als Triumph des Staufers über seinen Konkurrenten um die Macht im Reich nördlich der Alpen. Aber mittlerweile bezweifelt die Forschung, dass der „staufisch-welfische Gegensatz“ die Politik des römisch-deutschen Königs und Kaisers im 12. Jahrhundert gelenkt habe. Sicher ist nicht einmal, ob es den „Fußfall von Chiavenna“ überhaupt gab. Der „Gegensatz“ zwischen Staufern und Welfen scheint sich in der Tatsache zu spiegeln, dass bei den Königswahlen von 1125 nach dem Tod Kaiser Heinrichs V. und 1138 nach dem Tod Kaiser Lothars III. die Interessen von einzelnen Staufern mit jenen einzelner Welfen konkurrierten. In der Person Friedrichs I. Barbarossa, den die Fürsten 1152 zum König wählten, schien dieser Gegensatz endlich zum Vorteil des Reiches aufgehoben zu sein. Seine Mutter Judith war Welfin, sein Vater, Herzog Friedrich II. von Schwaben, ein Staufer.

LEBEN DES KAISERS

CHRONOLOGIE

1122

Barbarossa kommt um das Jahr 1122 als Sohn des Staufers Friedrich II. und der Welfin Judith zur Welt.

1152

Die Großen des Reiches wählen Friedrich I. am 4. März in Frankfurt am Main zum König.

1155

1154 zieht Friedrich I. erstmals mit seinem Heer nach Italien. Ein Jahr später krönt ihn Papst Hadrian IV. zum Kaiser.

1167

Gründung des Lombardenbunds. Daran beteiligt sind u.a. Cremona, Bergamo, Brescia und Piacenza.

1176

Das kaiserliche Heer Barbarossas verliert in der Schlacht von Legnano am 29. Mai gegen den Lombardenbund.

1179

Heinrich der Löwe erscheint nicht auf dem Hoftag von Worms und missachtet somit Kaiser und Gericht.

1180

Hoftag von Gelnhausen: Heinrich wird verurteilt und das Herzogtum Sachsen aufgeteilt.

1190

Barbarossa ertrinkt am 10. Juni während des Kreuzzugs im Fluss Saleph (im Süden der heutigenTürkei).

Eigeninteresse statt Dynastie

Die Namen „Staufer“ und „Welfen“ vermitteln zwar die Vorstellung, dass es Familienverbände gab, deren Angehörige so etwas wie eine gemeinsame „staufische“ oder „welfische“ Politik verfolgt hätten. Jedoch gab es noch kein solches dynastisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Stattdessen verfolgten die einzelnen Personen ihre jeweils eigenen, von denen ihrer Verwandten durchaus unterschiedlichen Ziele. So rivalisierte Heinrich der Löwe mit seinem Onkel Welf VI. um das Herzogtum Bayern, und Barbarossa war zwar ein Neffe Konrads III., hatte als Sohn des Herzogs von Schwaben aber nicht immer dieselben Interessen wie sein königlicher Onkel.

Friedrich I. hatte eigentlich keine Aussichten auf den Thron, doch ihm gelang es, die Großen des Reichs auf seine Seite zu ziehen.

Das zeigte sich nach dem Tod Konrads III. besonders deutlich. Die Termine für Wahl und Krönung von dessen Sohn Friedrich waren schon festgesetzt, denn der König plante, zur Kaiserkrönung nach Rom zu ziehen, und es war üblich, vor Antritt eines so gefährlichen Unternehmens auch die Nachfolge zu sichern. Jedoch starb Konrad überraschend im Februar 1152 in Bamberg. Barbarossa, der eigentlich keinerlei Aussichten auf den Thron hatte, sah seine Chance: Er sicherte sich umgehend die Unterstützung wichtiger Reichsfürsten für seine eigene Kandidatur – unter ihnen Bischof Eberhard von Bamberg, in dessen Dom der verstorbene König beigesetzt wurde. Entscheidend aber war die Parteinahme seiner welfischen Verwandten. Seinem Vetter Heinrich dem Löwen sicherte Barbarossa das Herzogtum Bayern zu, seinem Onkel Welf VI. garantierte er den Rang eines Herzogs, indem er ihm Ansprüche in Mittelitalien übertrug.

Somit wurde nicht Konrads Sohn am 4. März 1152 in Frankfurt zum König gewählt, und es war nicht sein Haupt, das fünf Tage später in Aachen die Krone zierte – seine Minderjährigkeit hatte man zu einem gewichtigen Argument gegen ihn gemacht. Gewählt und gekrönt wurde der Neffe des Königs: Friedrich Barbarossa. 

BARBAROSSA UND DER LOMBARDENBUND

DA MAILAND Barbarossas Gericht als parteiisch ablehnte, entzündete sich ein Konflikt zwischen dem König und den mit Mailand verbündeten Städten. Strittig war ebenfalls die Legitimierung der in den Kommunen frei gewählten Amtsträger, die die Stadtherrschaft ausübten. Gegen die Willkür kaiserlicher Verwaltung gründete sich 1167 der Lombardenbund, dem der Staufer dann 1176 in der Schlacht bei Legnano unterlag. Im Frieden von Konstanz erkannte der Kaiser sieben Jahre später die Rechtsgewohnheiten der Städte an – und diese wiederum die Oberherrschaft des Kaisers über ihre Verwaltung.

Wie sein Onkel war auch Barbarossa auf die Hilfe seiner Verwandten angewiesen – nur waren es nicht dieselben Personengruppen. Hatte Konrad III. vor allem die österreichischen Babenberger begünstigt, so entwickelten sich die Gegner des alten nun sofort zu Stützen des neuen Königs. Die beiden Welfen und auch die bayerischen Wittelsbacher, mit denen Konrad III. heftige Konflikte ausgefochten hatte, waren nun Barbarossas verlässlichste Parteigänger. Diese Gewichtsverlagerung im Kreise jener Großen, die am Hof einflussreich waren, zeigt am deutlichsten, dass Barbarossas Thronfolge nicht einfach „staufische Kontinuität“ war, sondern vielmehr eine markante Zäsur. Die mit diesem Thronwechsel verbundenen Konflikte wusste der Staufer durch Rücksichtnahme auf Rang und Ehre der beteiligten Fürsten beizulegen. So blieb dem Babenberger Heinrich II., der das Herzogtum Bayern an Heinrich den Löwen verlor, sein herzoglicher Rang erhalten, weil Barbarossa die Markgrafschaft Österreich von Bayern abtrennte und zu einem Herzogtum erhob.

Die Thronfolge Friedrichs I. war nicht einfach staufische Kontinuität, denn er verbündete sich mit Gegnern seines Vorgängers.

Im Sog des lombardischen Konflikts

In der Wahrung von Frieden und Recht hatte sich der neue König zu bewähren. Vor seinem Gericht trugen die Fürsten des Reiches ihre Streitfälle aus. Dabei geriet König Friedrich schon bald in den Strudel der unübersichtlichen Konflikte zwischen den lombardischen Kommunen, die ihn die nächsten Jahrzehnte begleiten sollten. Alles begann 1153, als die Stadt Lodi vor ihm Klage gegen Mailand erhob. Letztere hatte zuvor das benachbarte Lodi unterworfen. Kurze Zeit später stellten sich auch andere Städte, die mit Mailand verfeindet waren – allen voran Pavia und Cremona – auf die Seite des Königs und leisteten ihm Waffenhilfe. Dadurch verlor Barbarossa aber aus der Perspektive Mailands und der mit der Stadt verbündeten Orte – etwa Piacenza, Brescia und Bergamo – seine Unparteilichkeit.

Die Folge war, dass sie den König und sein Gericht als parteiisch ablehnten. Das war aber gleichbedeutend mit der Ablehnung des königlichen Herrschaftsanspruchs überhaupt. Aus diesem Gegensatz entwickelte sich ein langjähriger Konflikt, zunächst mit Mailand, dann auch mit dem Lombardenbund, zu dem sich die mit Barbarossas Politik in Oberitalien unzufriedenen Kommunen 1167 verbanden.

Auf fünf Italienfeldzügen kämpfte Barbarossa zwischen 1154 und 1178 mit wechselndem Erfolg, aber stets unter enormem Einsatz von Geld, Material und Menschen, um seinen Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Erst seine Niederlage bei Legnano 1176 zwang ihn zu Friedensverhandlungen. Heinrich der Löwe war in diesen Kriegen ein treuer Parteigänger seines Vetters. Schon auf dem ersten Italienzug 1154/55 unterstützte er Barbarossa bei der Belagerung der piemontesischen Stadt Tortona und kämpfte nach der Kaiserkrönung am 18. Juni 1155 gegen die aufständischen Römer. 1159 kam er dem Kaiser mit 1200 gepanzerten Reitern bei den langwierigen Kämpfen gegen Crema und Mailand zu Hilfe. Mehrfach fungierte der Welfe als Vermittler und Gesandter – bei Papst Hadrian IV., dem englischen und französischen König oder sogar beim Kaiser von Byzanz.

Im Gegenzug deckte Barbarossa konsequent den Machtausbau seines Vetters, namentlich im Herzogtum Sachsen. Schon 1154 hatte er ihm erlaubt, nördlich der Elbe Bistümer zu gründen, und ihm für die Bistümer Oldenburg, Mecklenburg und Ratzeburg sogar das eigentlich königliche Vorrecht übertragen, die Bischöfe in ihr Amt einzusetzen. Als sich sächsische Adlige 1166 zum Widerstand gegen den Herzog verschworen, da sie mit dessen wenig auf Konsens bedachter Herrschaftsausübung unzufrieden waren, schlichtete der Kaiser erst durch Abgesandte aus Italien, dann auf einer ganzen Reihe von Hoftagen unter seinem persönlichen Vorsitz den Konflikt. „Alles aber“, so resümierte ein Zeitgenosse, „ging nach dem Wunsch des Herzogs, der aus der Umklammerung durch die Fürsten ohne jede eigene Einbuße befreit wurde.“ Furcht vor dem Kaiser habe den Fürsten die Hände gebunden.

KYFFHÄUSER-LEGENDE

BARBAROSSA starb während des Dritten Kreuzzugs 1190. Das Wissen um den Ort der Beisetzung seiner Gebeine im heutigen Syrien ist schon im 13. Jahrhundert verloren gegangen. Das war die Voraussetzung dafür, dass sich die Sage vom Kaiser, der in einem Berg schläft, an seine Person heften konnte. In Thüringen gab es den Volksglauben, Barbarossa halte sich in einer Höhle des Kyffhäuserbergs verborgen. Die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts machte die Geschichte vom schlafenden Kaiser, der eines Tages erwachen und die Herrlichkeit des Reiches zurückbringen werde, zu einem Symbol ihrer Hoffnung auf nationale Einheit. So avancierte Barbarossa zum deutschen Nationalmythos.

Der Löwe fiel in Ungnade

Solange die Interessen des Kaisers mit denen des Herzogs nicht direkt kollidierten, funktionierte diese wechselseitige, von Leistung und Gegenleistung geprägte Kooperation zwischen den Vettern reibungslos. Vielleicht warf schon die Rivalität um das Erbe Welfs VI. nach 1171 einen Schatten auf das bislang ungetrübte Verhältnis. Entscheidend aber war, dass Erzbischof Philipp von Köln dem Herzog die Rolle des zuverlässigsten Helfers streitig machte. Während Heinrich beim fünften Italienzug Barbarossas (1174–1176) in Sachsen blieb, unterstützte Philipp den Kaiser mit gewaltigem Aufwand. Zur Heerfolge rechtlich verpflichtet war keiner von beiden, aber persönliche Anwesenheit am Hof und treue Dienste waren die Voraussetzung dafür, erreichten Einfluss zu festigen. Der Welfe hatte schon viel geleistet und glaubte wohl, vom Kapital seiner erwiesenen Treue zehren zu können. Als Philipp nach der Rückkehr aus Italien 1178 gegen den Welfen vor Barbarossa Klage erhob, kam schließlich eine Entwicklung in Gang, die mit dem Sturz des Löwen endete.

Barbarossa stand unter Druck, er musste als Herrscher seine Autorität unter Beweis stellen und gegen Heinrich vorgehen.

Barbarossa war den beiden mächtigsten Fürsten seines Reiches gleichermaßen verpflichtet, Heinrich aus früheren Jahren, Philipp wegen jüngst geleisteter Dienste. Als sich Heinrich mehrfach weigerte, den Ladungen vor das Königsgericht Folge zu leisten, geriet Barbarossa unter Handlungsdruck: Die Anerkennung seines Gerichts durchsetzen zu können, war für jeden Herrscher eine zentrale Herausforderung. Wie im Falle Mailands führte auch Heinrichs Ungehorsam in den bewaffneten Konflikt. Nun rächte sich, dass der Herzog in Sachsen zu selbstherrlich agiert hatte. Die alte Koalition seiner Gegner lieh den kaiserlichen Forderungen ihren bewaffneten Arm. Heinrich verlor seine Herzogtümer. Im Frühjahr 1180 wurde auf dem Hoftag von Gelnhausen Sachsen geteilt. Den westlichen Teil, Westfalen, erhielt Philipp von Köln, den östlichen Graf Bernhard von Anhalt. Bayern übertrug der Kaiser im September 1180 den Wittelsbachern als Lohn für ihre treuen Dienste. Im November 1181 musste sich der Löwe in Erfurt unterwerfen und seinem kaiserlichen Vetter zu Füßen fallen.

DER HOF DES STAUFERS

ZUR ZEIT BARBAROSSAS war Königs- im Wesentlichen Reiseherrschaft. Es gab noch keine feste Residenz, an der die politischen und administrativen Kräfte gebündelt waren. Der Hof war daher auch kein fester Ort, sondern vielmehr dort, wo sich der König gerade aufhielt. Der Begriff „Hof“ hat neben einer geografischen Bedeutung auch eine soziale, denn er bezeichnet den Kreis von Personen, der den Herrscher an seinem Aufenthaltsort umgab: Das waren die Bediensteten, die seinen Alltag organisierten, aber auch die Besucher, die aus unterschiedlichen Gründen vor ihm erschienen. Auf ihrem Reiseweg standen den Königen und ihrem Hof sogenannte Pfalzen als feste Wohnstützpunkte zur Verfügung.

Barbarossa soll ihm aufgeholfen und ihn „nicht ohne Tränen“ geküsst haben. Man kann diese Nachricht Arnolds von Lübeck als Ausdruck der Trauer Barbarossas deuten. Denn als Heinrichs Vetter konnte er nicht mehr der Verwandtensolidarität treu bleiben, die ihr Verhältnis lange Jahre geprägt hatte. Auch konnte er als Kaiser nicht mehr die Grenzen der Entmachtung des Herzogs bestimmen, denn die Fürsten hatten ihm die Zusage abgerungen, dass er Heinrichs Restitution von ihrer Erlaubnis abhängig machen musste. Offenbar fürchteten sie, er werde seinen Vetter nach dessen Unterwerfung wieder in seine frühere Machtposition einsetzen und die gegenseitige Meistbegünstigung der früheren Jahre fortsetzen. Nun aber blieben ihm nur Braunschweig und Lüneburg, und er hatte sieben Jahre ins Exil zu gehen.

Eine allzu einprägsame Geschichte

Der Fall des Löwen war für den Hof eine ambivalente Angelegenheit. Zwar war dem kaiserlichen Herrschaftsanspruch gegenüber dem ungehorsamen Herzog Genüge getan. Aber dessen Sturz ins Bodenlose vertrug sich schlecht mit dem Prinzip, dass treue Dienste für den Kaiser von diesem auch belohnt werden mussten. Der Treueid begründete nämlich ein Verhältnis wechselseitiger Unterstützung. Zudem hatten die Fürsten dem Kaiser die Grenzen seines Handlungsspielraums aufgezeigt. War der Sturz seines treuen Verwandten nicht erklärungsbedürftig?

Genau diesen Zweck könnte die einleitend erwähnte Geschichte über die Begegnung der beiden Vettern gehabt haben. Zeitgenössische Quellen berichten nur von Heinrichs Ungehorsam gegenüber der Ladung vor das kaiserliche Gericht. Die Geschichten um den „Fußfall von Chiavenna“ und Barbarossas vergebliche Bitte um Waffenhilfe entstanden erst später. Sie bewältigten sozusagen den Sturz des getreuen Verwandten, indem sie die komplizierte Wirklichkeit auf eine eingängige Pointe reduzierten: Nicht die schwierige Gemengelage von Loyalitätskonflikten und rechtlichen Argumenten überlebte in der Erinnerung, sondern die einprägsame Geschichte von Beleidigung und Rache, von Hochmut und Fall des mächtigen Herzogs.

Mehr erfahren

BUCH

Friedrich Barbarossa. Eine Biographie

Knut Görich, 782 Seiten mit 50 Abbildungen und 11 Karten, Hardcover, C. H. Beck 2011