Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Der Tag am Strand Der


Logo von Reader´s Digest Deutschland
Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 26.09.2022
Artikelbild für den Artikel "Der Tag am Strand Der" aus der Ausgabe 10/2022 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Vor einer Weile geriet ich, wie das vielen von uns dann und wann so geht, in einen Zustand völliger Lustlosigkeit. Die Lebenskurve sank steil ab – auf einen Tiefstand, wo einem plötzlich alles schal und nichtig vorkommt und alle Tatkraft, aller Schwung erlahmt. Die Wirkung auf meine Arbeit war erschreckend. Jeden Morgen biss ich die Zähne zusammen und sagte mir: „Heute muss das anders werden, du musst dich wieder fangen! Du musst!“

Aber ein öder Tag nach dem anderen verging, und die Lähmung wurde nur immer schlimmer. Schließlich sah ich ein, dass ich Hilfe brauchte. Der Mann, an den ich mich wandte, war Arzt. Kein Psychoanalytiker, nur einfach Arzt. Er war älter als ich, und hinter seiner barschen Art verbargen sich große Lebensweisheit und Einfühlungsvermögen.

„Ich begreife nicht, was mit mir ist“, klagte ich, „aber ich habe das Gefühl, ich bin einfach in eine Sackgasse geraten. Können Sie mir ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reader´s Digest Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Dankbarkeit, Respekt und Engagement. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Dankbarkeit, Respekt und Engagement
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Sprung in die kalten Fluten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sprung in die kalten Fluten
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Aktive Hände beruhigen den Geist. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aktive Hände beruhigen den Geist
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
GRIFF ZUR MACHT
Vorheriger Artikel
GRIFF ZUR MACHT
Ein drängendes Problem
Nächster Artikel
Ein drängendes Problem
Mehr Lesetipps

... helfen?“

„Ich weiß nicht“, sagte er langsam. Er legte die Hände mit den Fingerspitzen aneinander und schaute mich eine ganze Weile nachdenklich an. Dann fragte er: „Wo waren Sie als Kind am glücklichsten?“

„Als Kind?“, wiederholte ich. „Ja ... an der See, am Strand doch wohl. Wir hatten dort ein Sommerhäuschen. Das liebten wir alle.“

Er sah zum Fenster hinaus und folgte mit dem Blick den Herbstblättern, wie sie eins ums andere herabsegelten. „Sind Sie imstande, einen einzigen Tag lang bestimmte Anweisungen zu befolgen?“

„Ich denke schon“, entgegnete ich, zu jedem Versuch entschlossen. „Schön. Also hören Sie.

“ Ich solle am nächsten Morgen an den Strand fahren, und zwar so, dass ich nicht später als um neun Uhr dort ankäme, erklärte er mir. Ich dürfe etwas zu essen mitnehmen, aber den ganzen Tag über weder lesen noch schreiben, nicht Radio hören und mit keinem Menschen reden.

„Außerdem“, sagte er, „verschreibe ich Ihnen etwas zum Einnehmen – alle drei Stunden.“ Er riss vier Rezeptformulare ab, schrieb ein paar Worte auf jedes, faltete sie zusammen, nummerierte sie und gab sie mir. „Befolgen Sie das jeweils um neun, zwölf, drei und sechs Uhr.“

„Meinen Sie das im Ernst?“, fragte ich ihn.

Er lachte auf. „Wenn Sie meine Rechnung kriegen, denken Sie nicht mehr, dass ich Spaß mache!“

Am nächsten Morgen fuhr ich, nicht sehr zuversichtlich, an den Strand. Es war ganz einsam. Ein Nordostwind wehte, die See sah grau und zornig aus. Ich saß im Auto, der ganze lange Tag lag vor mir, öd und leer. Dann zog ich den ersten der zusammengefalteten Zettel hervor.

„Horchen Sie recht genau auf alles“, stand da geschrieben. Ich starrte die Worte an. Mein Gott, dachte ich, der Mann ist ja wohl nicht ganz richtig im Kopf. Musik und Nachrichten und Unterhaltung mit Menschen hatte er untersagt. Was gab es sonst noch hier?

Ich hob den Kopf und lauschte. Aber nichts war zu hören als das gleichmäßige Donnern der See, das Kreischen einer Möwe, das Dröhnen eines Flugzeugs hoch über mir – alles vertraute Geräusche.

Als ich aus dem Auto stieg, schlug ein Windstoß knallend die Tür zu. Sollen das die Geräusche sein, auf die ich horchen soll?, fragte ich mich. Ich kletterte auf eine Düne und blickte über den verlassenen Strand. Hier brüllte die See so, dass alle anderen Laute darin untergingen. Und trotzdem, dachte ich plötzlich, müssen da doch im Grunde welche vorhanden sein – das leise Schaben von Treibsand, das winzige Windgewisper im Dünengras – wenn der Lauscher ihnen nur nahe genug kommt.

Spontan hockte ich mich hin und steckte, nicht ohne mir ein bisschen lächerlich vorzukommen, meinen Kopf in ein Büschel Strandgras. Und da machte ich eine Entdeckung: Wenn man gespannt lauscht, folgt ein kurzer Moment, in dem alles innezuhalten und abzuwarten scheint. In diesem Moment der Stille kommen auch die jagenden Gedanken zu einem Stillstand. Man kann nicht wirklich aufmerksam nach „draußen“ lauschen, ohne für eine Weile die aufdringlichen inneren Stimmen auszuschalten. Man ruht innerlich aus.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

Wurde diesmal von Kerstin Juchem ausgewählt, Leitende Redakteurin unserer Schwesterzeitschrift daheim: „Was für ein kluger Arzt, der einen Tag am Meer als Therapie verordnet! Aufs Wasser schauen und horchen, das wirkt auch bei mir Wunder – egal ob es Meereswellen sind oder der Rheinfall. Und wenn ich dann noch in Salzwasser eintauche, fühlt sich das an wie ein Neustart.“

Ich ging zum Wagen zurück und setzte mich hinein. „Horchen Sie genau auf alles.“ Während ich wieder dem tiefen Grollen der See lauschte, kamen mir unwillkürlich Gedanken an ihre ungeheure Weite, ihr gewaltiges, staunenswertes An- und Abschwellen, ihren seidigen Glanz bei Mondlicht, die zähnebleckende Wut ihrer Stürme.

Ich dachte an all das, was die See uns als Kinder gelehrt hatte. Ein gewisses Maß an Geduld: Man kann die Gezeiten nicht beschleunigen. Ein gut Teil Respekt: Die See duldet keine Albernheiten. Ein Achten auf die weithin wirkende, geheimnisvolle gegenseitige Abhängigkeit der Erscheinungen: Wind und Ebbe und Flut und Strömung, Windstille und Bö und Orkan, alle miteinander bestimmend für die Wege der Vögel oben und der Fische unten. Und dann diese Sauberkeit: jeder Strand zweimal am Tag reingewischt vom großen Scheuerlappen der See.

ICH ARBEITE AN MEINEN ERINNERUNGEN WIE EIN MALER AN SEINEM BILD

Als ich so dasaß, wurde mir bewusst, dass meine Gedanken unversehens an Dinge geraten waren, die weit über mein eigenes kleines Ich hinausgingen – und darin lag etwas Entlastendes, Befreiendes.

Aber auch so verging der Vormittag nur langsam. Die Gewohnheit, mich jeden Morgen gleich in die Arbeit zu stürzen, war so stark, dass ich mir ohne ganz verloren vorkam. Als ich einmal nach dem Autoradio schielte, fiel mir ein Spruch des schottischen Dichters Thomas Carlyle ein: „Stille ist das Element, in dem große Dinge Gestalt annehmen ...“

Gegen Mittag hatte der Wind die Wolken weggeputzt, die See lag glatt und vergnügt funkelnd unter dem klaren Himmel. Ich entfaltete das zweite „Rezept“. Und wieder saß ich halb belustigt, halb ärgerlich da. „Versuchen Sie, sich zurückzuversetzen“, hieß es diesmal. Zurück, wohin? In meine Vergangenheit offenbar. Aber warum, wo doch alle meine Sorgen der Gegenwart und Zukunft galten?

Ich stieg wieder aus und stapfte nachdenklich die Dünen entlang. Der Doktor hatte mich an den Strand geschickt, weil ich glückliche Erinnerungen daran hatte. Vielleicht war es das, woran ich zurückdenken sollte: die Fülle von Glück, die halb vergessen hinter mir lag.

An einem windgeschützten Platz legte ich mich auf den sonnenwarmen Sand. Als ich anfing, in den Brunnen der Vergangenheit zu spähen, waren die Erinnerungen, die an die Oberfläche kamen, wohl erfreulicher Art, aber nicht sehr klar, die Gesichter blass und fern.

Ich beschloss, mein Möglichstes zu versuchen und an diesen undeutlichen Bildern zu arbeiten wie ein Maler: die Farben aufzufrischen, die Umrisse zu verstärken. Ich nahm mir vor, dafür ganz bestimmte Vorgänge auszuwählen und mir jeweils so viele Einzelheiten wie nur möglich wieder zu vergegenwärtigen, mir die betreffenden Menschen von Kopf bis Fuß vorzustellen, samt ihrer Kleidung, ihren Bewegungen, und auf den Klang ihrer Stimmen, ihr Lachen zu horchen.

Die Flut war jetzt im Ablaufen, aber die Brandung donnerte noch immer gehörig. So kam mir in den Sinn, mir den Tag zurückzurufen, als ich vor 20 Jahren zum letzten Mal mit meinem jüngeren Bruder zum Fischen ging. (Er ist im Zweiten Weltkrieg gefallen und auf den Philippinen beerdigt.) Und wirklich, wenn ich die Augen schloss und mich ernstlich bemühte, sah ich ihn überraschend deutlich vor mir, selbst seinen eifrigen Blick an jenem längst vergangenen Morgen.

Ja, alles konnte ich sehen: den gelbweißen Halbmond des Strandes, wo wir angelten, verwischtes Morgenrot im Osthimmel, die majestätisch langsam heranrollenden großen Brecher mit ihren Kämmen und dem sahnegelben Schaum. Ich konnte den strudelnden Rücksog warm um meine Knie fühlen, konnte sehen, wie sich die Angelrute meines Bruders plötzlich vom Gewicht eines Fisches bog, konnte seinen hellen Triumphschrei hören. Stück um Stück fügte sich alles wieder zusammen, klar und unverändert unter dem durchsichtigen Firnis der Zeit. Dann war es weg.

Ich setzte mich langsam auf. „Versuchen Sie, sich zurückzuversetzen.“ Glückliche Menschen waren meist selbstsicher und zuversichtlich. Wenn man also bewusst ins Vergangene griff und an glückliche Zeiten rührte, konnte das nicht vielleicht winzige Energie quellen zugänglich machen?

Dieser zweite Abschnitt des Tages verging rascher. Während die Sonne auf ihre absteigende Bahn überging, wanderten meine Gedanken in der Vergangenheit umher, Vergessenes wiedererweckend, wiederbelebend. Zum Beispiel, als ich 13 Jahre alt war und mein Bruder zehn, hatte unser Vater versprochen, mit uns in den Zirkus zu gehen. Aber beim Mittagessen kam ein Anruf, eine dringende geschäftliche Angelegenheit erforderte seine Anwesenheit in der Stadt. Wir machten uns schon tapfer auf die Enttäuschung gefasst. Und dann hörten wir, wie er sagte: „Nein, ich kann nicht kommen. Die Sache muss warten.‘‘

ICH SCHREIBE MEINE SORGEN IN DEN SAND. UND DIE FLUT STEIGT WEITER

Als er an den Tisch zurückkehrte, lächelte Mutter und meinte: „Der Zirkus kommt doch wieder einmal.“

„Ich weiß“, sagte mein Vater, „aber die Kindheit nicht.‘‘

Über all die Jahre hinweg fiel mir das jetzt wieder ein und ich fühlte, dass keine noch so geringe Freundlichkeit und Güte vergeudet ist oder jemals völlig verloren geht.

Um 15 Uhr war Ebbe, das Geräusch der Wellen war nur noch wie das gleichmäßige Atmen eines Riesen. Ich blieb in meinem Sandnest liegen, entspannt und zufrieden. Auch ein wenig selbstzufrieden. Die Medi kamente, die der Doktor da ver schreibt, sind ja leicht zu nehmen, dachte ich. Aber ich war nicht auf das nächste Rezept gefasst. Diesmal war es kein freundlicher Rat, sondern es klang mehr wie ein Befehl: „Über prüfen Sie Ihre Beweggründe.“

Meine erste Reaktion war Abwehr. An meinen Beweggründen ist nichts auszusetzen, sagte ich mir. Ich strebe nach Erfolg – wer nicht? Ich strebe nach einem gewissen Maß an Anerkennung – das tut jeder. Ich strebe nach mehr Sicherheit – warum nicht?

Vielleicht, wendete eine leise Stimme in meinem Innern ein, sind diese Motive nicht gut genug. Vielleicht ist das der Grund, dass das Räderwerk sich nicht mehr richtig dreht.

Ich nahm eine Handvoll Sand auf und ließ ihn durch die Finger rinnen. Früher hatte meine Arbeit, wenn sie gut ging, immer etwas Spontanes, Improvisiertes, Freies gehabt. In letzter Zeit war alles berechnet gewesen, einwandfrei – und dabei ohne Leben. Und warum? Weil ich über die Arbeit hinweg auf den Ertrag schaute, den ich mir davon erhoffte. Ich hatte die Arbeit nicht mehr um ihrer selbst willen getan, sondern nur, um Geld zu verdienen. Der Sinn für selbstloses Geben und selbstloses Helfen war in der fieberhaften Jagd nach Sicherheit abhanden gekommen.

Mit einem Schlag erkannte ich, dass ein Ziel nicht richtig sein kann, wenn die Beweggründe falsch sind. Es spielt keine Rolle, ob man Briefträger, Friseur, Versicherungsagent, oder Hausfrau ist. Solange man seine Arbeit mit dem Gefühl tut, anderen damit nützlich zu sein, tut man sie gut. Wenn man dabei nur an den eigenen Nutzen denkt, tut man sie weniger gut. Das ist ein Gesetz, so unumstößlich wie das Gesetz der Schwerkraft.

Lange saß ich dort. Ich hörte, wie sich das leise Brandungsrauschen bei einsetzender Flut in ein hohles Dröhnen verwandelte. Meine Zeit am Strand war fast um, ich konnte mich einer gewissen Bewunderung für den Doktor und seine „Rezepte“ nicht erwehren. Ich erkannte jetzt die Methode, erkannte, dass sie ein Heilverfahren enthielten, das vielleicht jedem in meiner Lage dienlich sein konnte.

Genau auf alles horchen: Um das aufgeregte Gemüt zu beschwichtigen, muss man den Schwerpunkt von den inneren Problemen auf die äußeren Dinge verschieben.

Sich zurückversetzen: Der Mensch kann immer nur eine Vorstellung auf einmal fassen, und so löscht man gegenwärtigen Kummer aus, wenn man an vergangenes Glück denkt.

Die eigenen Beweggründe überprüfen: Das war das Wichtigste und Schwierigste, die Aufgabe, die eigenen Beweggründe zu revidieren, sie in Einklang zu bringen mit seinen Fähigkeiten und seinem Gewissen. Aber dazu muss der Kopf klar und empfänglich sein, deshalb die sechs Stunden Ruhe zur Vorbereitung.

DER WESTHIMMEL stand schon in Glut, als ich den letzten Zettel hervorzog. Wieder nur wenige Worte. Ich ging langsam auf den Strand hinaus. Ein paar Meter unterhalb der Flutgrenze blieb ich stehen und las die Worte noch einmal: „Schreiben Sie Ihre Sorgen in den Sand.“

Ich ließ den Zettel wegfliegen, bückte mich und hob das Bruchstück einer Muschel auf. Unter dem Himmelsgewölbe kniend, schrieb ich mehrere Wörter untereinander in den Sand. Dann ging ich weg und schaute nicht mehr zurück. Ich hatte meine Sorgen in den Sand geschrieben. Und die Flut stieg weiter.

Verwandt Das Meer ist salzig wie die Träne, die Träne ist salzig wie das Meer. Das Meer und die Träne sind sich durch die Einsamkeit verwandt – das Meer hat sie schon, die Träne sucht sie.

KARL GUTZKOW, DT. SCHRIFTSTELLER (1811–1878)