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Der Tag, der die Welt verändert


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.08.2021

BLICKPUNKT

New York, 11. September 2001

Artikelbild für den Artikel "Der Tag, der die Welt verändert" aus der Ausgabe 9/2021 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 9/2021

Bild des Grauens Um 9:59 Uhr stürzt der Südturm des World Trade Centers ein. Millionen Menschen weltweit verfolgen die dramatischen Ereignisse live am Fernseher

»Wir werden keinen Unterschied machen zwischen denen, die diese Attacken ausgeführt haben, und denen, die ihnen Schutz bieten«

US-Präsident George W. Bush in einer TV-Ansprache am Tag des Anschlags

Um 8:14 Uhr meldet sich ein Fluglotse über Funk bei den Piloten einer Boeing 767, die eine Viertelstunde zuvor in Boston abgehoben hat: »American 11, steigen Sie auf Flughöhe Drei Fünf Null.« Doch im Cockpit reagiert niemand. Was ist nur mit den Piloten los? Immer wieder versucht »Boston Center« das Flugzeug zu erreichen. Um 8:24 Uhr hört der Lotse endlich etwas. Ein Mann redet, er spricht aber nicht zu den Lotsen, sondern zu den Passagieren an Bord. »Wir haben ein paar Flugzeuge«, sagt der Mann auf Englisch mit schwerem Akzent. »Verhalten Sie sich ruhig, und es wird Ihnen nichts geschehen.«

Vermutlich spricht Mohammed Atta, ein Ägypter, der in Hamburg studiert und ...

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... sich dort radikalisiert hat. Das Terrornetzwerk al-Qaida hat ihn und vier weitere Männer losgeschickt, um eine Passagiermaschine zu entführen und als Waffe einzusetzen. Und sie sind nicht die einzige Terrorcrew, die an diesem Morgen des 11. September 2001 aufgebrochen ist, um den »Großen Satan« anzugreifen, wie sie die Vereinigten Staaten von Amerika nennen.

Die Entführer steuern die Maschine nach New York City – ihr Ziel sollte eigentlich Los Angeles sein. Atta, der Anführer, ist 33 Jahre alt, er hat eine Flugschule in den USA besucht und an Flugsimulatoren geübt, eine Boeing zu steuern. Ihn begleiten vier Saudi. Sie sind kurz nach dem Start in das Cockpit gestürmt und haben dort wohl die zwei Piloten getötet. Sie schüchtern die Passagiere mit Teppichmessern ein, die sie an Bord geschmuggelt haben. Damit haben sie zwei Stewardessen schwer verwundet und einen Passagier ermordet.

Die Terroristen benutzen Flugzeuge als Marschflugkörper – ein Novum

Tausende Kilometer entfernt verfolgen die Hintermänner der Flugzeugentführung die Ereignisse in Amerika. Sie verstecken sich am Hindukusch vor westlichen Geheimdiensten. Nicht alle Planer gehören zu al-Qaida, »der Basis«, ein Netzwerk, das verschiedene islamistische Terrororganisationen verbindet. Aber alle unterstehen dem Kommando von Osama bin Laden. Der Milliardärssohn aus Saudi-Arabien hat Ende der 1980er-Jahre al-Qaida gegründet. Er kam 1957 zur Welt. Sein Vater, der aus dem Jemen stammte, war der größte Bauunternehmer Saudi-Arabiens, mit engem Kontakt zum Königshaus. Als Mohammed bin Laden starb, erbten seine Söhne jeweils 80 Millionen Dollar. Osama bin Laden studierte in Dschidda. In den Baukonzern der Familie, den ältere Brüder leiteten, trat er nicht ein. Ihn zog es 1980 nach Pakistan und Afghanistan. Dort unterstützte er die Mudschaheddin in ihrem Kampf gegen die sowjetischen Invasoren.

Nach dem Abzug der Roten Armee vom Hindukusch kehrte Osama bin Laden nur kurz nach Saudi-Arabien zurück. Er hatte einen neuen Feind gefunden, die letzte verbliebene Supermacht: die Vereinigten Staaten. Erst im Sudan, dann in Afghanistan baute er seine Basis auf. 1998 erklärte er Amerika den Krieg. Seine Sympathisanten folgten dem Aufruf.

Im selben Jahr verübten seine Anhänger Anschläge auf US-Botschaften in Nairobi und Daressalam. Damit begann eine beispiellose Serie von Attacken auf die westliche Welt. Selbstmord attentäter griffen zwei Jahre später das Kriegsschiff USS Cole im Hafen von Aden an. Bin Laden kam auf die FBI-Liste der meistgesuchten Männer. Der Auslandsgeheimdienst CIA und die NSA, die weltweit tätige Überwachungsbehörde, nahmen ihn ins Visier.

Es gibt im Sommer 2001 Terrorwarnungen. Bin Laden scheint die nächste große Aktion zu planen. Aber was er und seine Gefolgsleute sich für diesen Dienstag überlegt haben, sprengt die Vorstellungskraft der Sicherheitsbehörden.

Die Idee, Flugzeuge wie Marschflugkörper zu verwenden, hatte Khalid Scheich Mohammed. Er war bereits 1993 in den ersten Anschlag auf das World Trade Center verwickelt gewesen. Damals zündeten Islamisten 540 Kilogramm Sprengstoff, den sie in einem Kleinlaster deponiert hatten, der in der Tiefgarage unter dem Hochhauskomplex stand. Es starben sechs Menschen, mehr als Tausend wurden verletzt, die Türme blieben stehen. Khalid Scheich Mohammed musste danach stetig seine Verstecke wechseln. Er schloss sich keiner Gruppe fest an, arbeitet nun aber mit bin Laden eng zusammen.

Atta lenkt um 8:46 Uhr sein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers an der Südspitze Manhattans. »American 11« schlägt zwischen dem 93. und dem 99. Stock ein, das Kerosin in den Tragflächen explodiert. Das Feuer brennt mit mehr als 1000 Grad Celsius. Die Stützpfeiler önnen dieser Höllenhitze nicht standhalten. Dichter, schwarzer Qualm steigt über der Insel auf. Im World Trade Center halten sich bis zu 19 000 Menschen auf, verteilt auf jeweils 110 Etagen.

Noch denken viele, dass der Flugzeugeinsturz ein tragisches Unglück war. Um 9:03 Uhr aber trifft eine weitere Maschine das World Trade Center. Die Welt sieht live im Fernsehen zu, als die Maschine den Südturm rammt und in einem Feuerball verglüht. Dutzende Kameras filmen alles, seitdem der Nordturm von Rauch verhüllt ist. Nun brennen beide Türme, und es ist klar, dass es sich nicht um einen Unfall handelt, sondern um einen schweren, noch nie dagewesenen Anschlag.

Als das zweite Flugzeug einschlägt, wird klar: Das ist kein Unfall US-Präsident George W. Bush wird bei seinem Besuch in der »Booker Elementary School« in Sarasota an Floridas Küste über den Terrorakt informiert. Er spricht noch kurz mit den Kindern, dann tritt er vor TV-Kameras. Bush verspricht, dass er »die Kerle zur Strecke bringen« werde, »die das getan haben«. Schon am 11. September gehen die Geheimdienste und die Bundespolizei FBI davon aus, dass al-Qaida hinter dem Angriff steckt. Ihre Experten teilen dem Kongress mit, es gebe »gute Indizien« dafür, dass bin Laden der Drahtzieher sei. Und für Amerika ist der Tag des Schreckens nicht vorbei.

Zwei weitere Flugzeuge sind von Terroristen entführt worden. Eines schlägt in das Pentagon bei Washington ein. Die vierte Maschine stürzt ab, nachdem Passagiere an Bord versucht haben, die Flugzeugentführer zu überwältigen. Mehr als 3000 Menschen sterben am 11. September 2001 durch die Anschläge. Darunter sind 19 Terroristen, 15 von ihnen stammen aus Saudi-Arabien. Aus Afghanistan kommt keiner der Täter, und doch steht das Land sofort im Fokus. Denn dort, so wissen die Amerikaner, unterhält al-Qaida zahlreiche Trainingscamps.

1 7:59 Uhr: Der American-Airlines-Flug 11 startet von Boston

Richtung Los Angeles

2 8:14 Uhr: Der United-Airlines-Flug 175 verlässt ebenso Boston mit demselben Ziel

3 8:20 Uhr: Der American-Airlines-Flug 77 startet von Washington D.C. nach Los Angeles

4 8:42 Uhr: Der United Airlines-Flug 93 verlässt Newark in

Richtung San Francisco

5 8:46 Uhr: Der American-Airlines-Flug 11 trifft den Nordturm des World Trade Centers

6 9:03 Uhr: Der United-Airlines-Flug 175 kracht in den Südturm

7 9:37 Uhr: Der American-Airlines-Flug 77 rast in das Pentagon

8 9:59 Uhr: Der Südturm stürzt ein

9 10:03 Uhr: Nach einer Revolte der Passagiere stürzt United- Airlines-Flug 93 ab

10 10:28 Uhr: Der Nordturm kollabiert

Über weite Teile des Landes herrschen die Taliban, selbst ernannte Gotteskrieger, die Mädchen den Schulbesuch verbieten, Konzerte untersagen, Frauen unter die Burka zwingen und das brutale Rechtssystem der Scharia einführen. Bin Laden ist ihr Gast.

Die Taliban weigern sich, Osama bin Laden auszuliefern. Die USA antworten mit Krieg

Im Winter 1994 hatten die Taliban erstmals Aufmerksamkeit erregt. Sie eroberten Kandahar, zogen dann nordwärts und nahmen knapp zwei Jahre später Kabul ein. Viele ihrer Kämpfer kamen aus Flüchtlingslagern in Pakistan und wurden dort in Moscheeschulen, den Madrassen, mit radikalem Gedankengut geprägt. Taliban bedeutet »Schüler des Islams«. Sie sehen sich als Erben der Mudschaheddin. Die Taliban unter ihrem Anführer Mullah Omar wollen den Bürgerkrieg beenden, der mehr als zwei Jahrzehnte lang das Land erschüttert, und ein islamisches Regime errichten. Dazu müssen sie die Nordallianz schlagen, ein Bündnis verschiedener Kriegsherren, die sich den Taliban zäh widersetzen. Um den Widerstand der Gegner zu erschüttern, töten zwei Selbstmordattentäter den Anführer der Nordallianz, Ahmed Schah Masud – zwei Tage vor den Anschlägen in Amerika. Die Attentäter gehören zu al-Qaida. Osama bin Laden hat seinen Gastgebern einen besonderen Gefallen getan und einen ihrer gefährlichsten Feinde beseitigt. Der Chef von al-Qaida weiß wohl nur zu gut, dass er in wenigen Tagen auf das Wohlwollen der Taliban-Anführer angewiesen ist.

Tatsächlich weigert sich Mullah Omar nach dem 11. September, seinen Gast Osama bin Laden an die Amerikaner auszuliefern. Nun stehen er und seine Männer einer Supermacht gegenüber, die alles unternehmen will, um bin Laden festzusetzen – auch einen Krieg gegen die Taliban. Zwar zögern die USA zunächst, eigene Bodentruppen nach Afghanistan zu schicken. Sie setzen auf Sonderkommandos, die mit der Nordallianz zusammenarbeiten, und auf Luftschläge.

Schon bald jagen Spezialkommandos der amerikanischen Armee und der CIA bin Laden und seine Anhänger in Afghanistan und Pakistan. Die NATO erklärt erstmals in ihrer Geschichte den Verteidigungsfall. Am 7. Oktober eröffnen die Vereinigten Staaten die »Operation Enduring Freedom«, der Krieg in Afghanistan beginnt und damit der verlustreichste Militäreinsatz in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Zahlreiche Länder kämpfen erst in Afghanistan und später auch im Irak an der Seite der USA im »War on Terror«. Auch Deutschland gehört zu dieser Allianz.

Osama bin Laden

Er ist der Gründer und Anführer der islamistischen Terror-Organisation al-Qaida. 19 Terroristen der Gruppe haben die Anschläge vom 11. September verübt. Fast zehn Jahre später, am 2. Mai 2011, tötet eine US-Spezialeinheit auf Befehl von Präsident Barack Obama den langjährigen al-Qaida-Chef in Pakistan, wo er versteckt lebte.

Am 9. November 2001 erobern Kämpfer der Nordallianz Masar-i-Sharif zurück, eine wichtige Provinzhauptstadt und die viertgrößte Stadt in Afghanistan. Dort schlägt die Bundeswehr ihr wichtigstes Lager außerhalb Kabuls auf, nachdem zwei Jahre später der Einsatz der westlichen Truppen von der Hauptstadt aus auf die Fläche ausgeweitet wird. Für den Norden ist künftig die Bundeswehr zuständig. Die Taliban scheinen geschlagen zu sein – ein Irrtum. Sie und ihre Verbündeten beginnen einen skrupellosen Guerilla-Krieg gegen die westlichen Truppen, in dem bis Mitte Juli 2021 insgesamt rund 3600 Militärangehörige der westlichen Allianz ums Leben kommen. 59 deutsche Soldaten sterben während der Missionen am Hindukusch, die USA beklagen mehr als 2200 tote Männer und Frauen in Uniform.

Nach 20 Jahren ziehen die westlichen Truppen ihre Soldaten aus Afghanistan ab

2020 beginnen die USA schließlich Friedensverhandlungen mit den Taliban, die den Abzug der internationalen Truppen ermöglichen sollen. Auch wenn die Gespräche kein konkretes Ergebnis bringen, das beide Seiten akzeptieren, soll der Kriegseinsatz der westlichen Truppen am Hindukusch 2021 enden.

20 Jahre nach den Anschlägen von 9/11 läuft der Abzug aller westlichen Truppen. Die Bundeswehr hat ihre Soldaten im Juni nach Hause geholt. Washington hatte zunächst angekündigt, die Mission in Afghanistan bis zum 11. September zu beenden, dem Jahrestag der Anschläge. Nun soll noch früher Schluss sein.

LESETIPP

Ahmed Rashid: »Taliban. Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch«. C. H. Beck 2011, € 14,95

Über den Autor

Als am 11. September 2001 die Twin Towers in Manhattan einstürzten, war der Autor dieses Textes, Hauke Friederichs, in der Türkei. Im Hotelzimmer sah er dann die unglaublichen Bilder. Später recherchierte Friederichs mehrfach in Afghanistan, besuchte Bundeswehrsoldaten und Entwicklungshelfer am Hindukusch (Bild links), traf lokale Polizisten und Dorfälteste. Manche Region, die er besuchte, kontrollieren heute wieder die Taliban.