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DER TAG, DER MEIN LEBEN VERÄNDERTE


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

LAYLA BÜRK ENGAGIERT SICH GEGEN RASSISMUS

Artikelbild für den Artikel "DER TAG, DER MEIN LEBEN VERÄNDERTE" aus der Ausgabe 12/2022 von Cosmopolitan. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
AUS ANGST UND WUT WIRD MUT Layla Bürk hat nicht nur gelernt, sich für sich selbst starkzumachen. In Mentoring-Programmen und auf ihrem Insta- Kanal @layla.buerk ermuntert sie jetzt auch andere Menschen dazu

9 Min. Lesedauer

„Am 5. August 2019 STAND ICH ZUM ERSTEN MAL FÜR MICH EIN“

Der Zwei-Meter-Mann blickte sie mit hasserfüllten Augen an. „Ein rassistischer Angriff, schon wieder?“, schoss es ihr durch den Kopf. Layla Bürk arbeitete als Physiotherapeutin in einem Reha-Zentrum, der Patient hatte ihr ein Handtuch zurückgeben sollen. „Doch statt es mir zu reichen, schlug er es mir mit Wucht ins Gesicht.“ In diesem Moment verwandelte sich das wochenlang in ihr schwelende Unwohlsein in pure Angst. Für Layla Bürk, die als Tochter einer aus Ghana Geflüchteten und eines US-Amerikaners kurz nach ihrer Geburt von weißen Eltern adoptiert wurde, gehört Rassismus zum Alltag. Doch in ihrem Umfeld gab es niemanden, der sie wirklich verstehen konnte. Also machte sie vieles mit sich selbst aus. Und auch im Reha-Zentrum wurde ihr von Kolleg*innen und Patient*innen gezeigt: „Du ...

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... gehörst nicht dazu.“ Entfliehen konnte sie nicht, sie brauchte den Job. Bis zu jenem Tag, an dem ihr plötzlich klar wurde: „Ich kann mich nicht für immer verkriechen. Aber ich kann lernen, für mich selbst und für andere einzustehen.“

Zwei Wochen nach dem Angriff kündigte sie, fand einen Monat später einen neuen Job als Sportlehrerin an einer Grundschule. „Kurz darauf wurde ich wieder von einer Kollegin rassistisch beleidigt“, sagt sie. Doch dieses Mal gab Layla Bürk Kontra und beschwerte sich beim Schulamt. „Denn es hatte sich etwas verändert – in mir selbst“, sagt sie. Dadurch wurde sie zum Vorbild für ihre Schüler*innen, zur Vertrauensperson. Als ihr ein schwarzes Mädchen erzählte, eine Mitschülerin habe zu ihr gesagt: „Alle Schwarzen an der Schule sind dumm“, ging sie mit den Kindern zur Schulleiterin – und wurde daraufhin von den Eltern der Mitschülerin selbst angegriffen und verleumdet. Doch um den Kids zu zeigen, dass es sich lohnt, sich zu wehren, kämpfte sie weiter, wandte sich ans Kultusministerium, kam in Kontakt mit anderen Menschen, die sich gegen Rassismus engagierten. Seither leistet Layla Bürk Aufklärungsarbeit an Schulen und ist neben ihrer Arbeit als Sportlehrerin auch als Coach und Speaker gegen Rassismus aktiv. Und: Sie arbeitet gerade an einem Buch, das Pädagog*innen, dabei helfen soll, sich für ihre Schüler*innen einzusetzen.

LYDIA KRÜGER VERPLAPPERTE SICH FATAL

„Am 20. Januar 2010 LERNTE ICH FEHLER MACHEN ZU DÜRFEN“

Jener Mittwoch versprach schon im Voraus ein hektischer Tag zu werden. Die Krankenkasse, bei der Lydia Krüger als Kommunikationschefin arbeitete, sollte künftig einen Zusatzbeitrag von ihren Versicherten erheben. Wie einige andere Kassen auch. Damit niemand diese Hiobsbotschaft als Erste überbringen musste, organisierten die Versicherun- gen eine gemeinsame Pressekonferenz. „Nachdem wir die Einladung an jenem Tag rausgeschickt hatten, stand mein Telefon keine Sekunde still“, erinnert sie sich. „Aber natürlich durfte kein Wort über den Grund für die Konferenz an die Medien dringen.“ Abends rief dann ein Journalist einer großen Tageszeitung an: „Ich war völlig überdreht, weil ich den ganzen Tag nur geredet hatte.“ Und als der Journalist sie fragte, ob in dieser Konferenz die Einführung eines Zusatzbeitrags bekannt gegeben werden sollte, antwortete sie: „Ja.“

Ein verhängnisvoller Fehler. „Ich ging heim, ohne zu merken, dass ich mich verplappert hatte“, weiß sie noch. Zu Hause blinkte plötzlich ihr Blackberry. Ein Artikel, eine Schlagzeile, ein Zitat von ihr. Lydia Krüger kamen die Tränen. Sie versank in Scham, in Wut und leerte an diesem Abend eine ganze Flasche Wodka, obwohl sie sonst kaum etwas trank. Am nächsten Tag hatten 400 Medien die Meldung aufgegriffen. Empörte Kund*innen, Kündigungen, finanzielle Schäden fürs Unternehmen. Ihren Job verlor Lydia Krüger nicht, doch die Erfahrung des Scheiterns veränderte etwas in ihr: „Ich habe lange mit meinem Fehler gehadert“, sagt sie. Sie, die Perfektionistin, die Überfliegerin, die sich Fehler nie hatte verzeihen müssen, weil sie keine machte. Bis zu jenem Tag. Noch heute fühlt sie die Scham, die Wut von damals, wenn sie sich daran erinnert. Doch sie erkannte auch: Fehler passieren und das Leben geht weiter, selbst wenn nicht alles nach Plan läuft.

Mit dieser Erkenntnis lebt Lydia Krüger heute freier und entspannter. 2018 fasste sie sogar den Mut, das Erlebte mit 1500 fremden Menschen zu teilen. Ihr Auftritt bei einer Fuck-up- Night wurde zu einer „therapeutischen Erfahrung“, sagt sie. Sicher, über ihr Scheitern zu sprechen, habe sie Mut gekostet. „Doch heute weiß ich: Fehler zu machen, ist die einzige Möglichkeit, etwas zu lernen.“

AYLEEN HOLZ ZEIGTE ZIVILCOURAGE

„Am 3. September 2021 RISKIERTE ICH MEIN LEBEN, UM ZU HELFEN“

Es war ein Freitagabend, als Ayleen Holz am Bahnhof in Verden auf ihren Zug wartete. Sie telefonierte mit ihrer Schwester, als ihr Blick auf einen Mann fiel, der auf den Gleisen lag. „Ich muss helfen!“, rief sie ins Handy, dann sprang sie schon hinunter. „Ich versuchte, ihn hochzuziehen… und dabei hat’s mich erwischt“, erzählt sie. Sie sah noch das Licht eines Güterzugs, da wurde sie schon in die Luft geschleudert. Als sie landete, spürte sie ihre Beine nicht mehr. „Ich bat immer wieder darum, dass jemand meine Schwester anrufen soll“, erinnert sie sich, „hatte Schuldgefühle, ihr diese Sorgen zu bereiten.“ Auch an den Mann, den sie hatte retten wollen, dachte sie. Später erfuhr sie, dass er nicht überlebt hatte. Ein offener Bruch, ein zerstörtes Becken, eine Lungenembolie. Und eine Wunde am linken Bein, die sich zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung entzündete. Nach einer von vielen Operationen sagte ihr die Ärztin: „Wir konnten Ihr Bein nicht retten.“

Insgesamt ist sie vier Monate lang im Krankenhaus, drei Monate in Reha: Ein harter Weg. „Es gab ständig Rückschläge“, sagt Ayleen Holz über die Zeit. „Zugleich hatte ich weiter mit Schuldgefühlen zu kämpfen, was ich meiner Familie da antue.“ Typisch für sie: sich Gedanken um die Ängste ihrer Liebsten zu machen, nicht um die eigenen. Mit ihren Gefühlen nach der Amputation wollte sie niemanden belasten. „Es dauerte lange, bis ich meinen Stumpf anschauen konnte.“ Und es dauerte, bis sie ihren Lebensmut wiederfand.

Menschen, die ihr zum Vorbild wurden, halfen ihr dabei: ihr Orthopädietechniker, der selbst amputiert ist, ihre Sporttherapeutin, die querschnittsgelähmt ist. Heute kommt Ayleen Holz gut mit ihrer Prothese zurecht. Und es gelingt ihr endlich, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, auch mal an sich zu denken. Und sich auch nicht mehr schuldig zu fühlen, weil sie sich in Gefahr gebracht hat. „Wenn ich jemanden in Not sehe, muss ich helfen, so bin ich einfach“, sagt sie. Das zu akzeptieren – mehr noch, zu erkennen, wie mutig sie eigentlich war: Auch das hat Ayleen Holz heute gelernt. Sie will bald wieder als medizinische Fachangestellte arbeiten, reisen, Dinge unternehmen. „Ich will etwas aus meinem Leben machen“, sagt sie, „weil ich erfahren habe, wie schnell es vorbei sein kann.“

„Ich will etwas a us meinem Leben machen, weil ich erfahren habe, wie s chnelles vorbei sein kann.“

AYLEEN HOLZ

TAGE WIE DIESE

Tim Pröse protokolliert in seinem Buch „Der Tag, der mein Leben veränderte“ weitere 14 Menschen und ihre bewegendinspirierenden Schicksalsschläge (Heine, 20 €)

HAMOUDI MUSSTE AUS SYRIEN FLIEHEN

„Am 20. August 2015 WAR ICH ENDLICH IN SICHERHEIT“

Der Tag, an dem er in Hamburg ankam, war für Hamoudi (er verwendet nur seinen Vornamen) der erste Tag seines neuen Lebens – im Guten wie im Schlechten. Endlich in Sicherheit, endlich Frieden. Aber: ohne Familie, ohne Arbeit, ohne Sprachkenntnisse. Er erinnert sich, wie er auf der Brüstung am Hamburger Hauptbahnhof stand, von oben die einfahrenden Züge beobachtete. Wie erleichtert er war, erschöpft und gleichzeitig verunsichert. Und welche Angst er hatte, dass jemand kommen und ihn zurückschicken könnte. Jenem Tag ging eine wochenlange Flucht voraus, über die Türkei, das Mittelmeer, Griechenland bis nach Ungarn und schließlich Deutschland. Hamoudi musste vor dem IS aus seiner syrischen Heimat fliehen. Er und seine Freund*innen, seine Familie hatten sich lautstark und auf Demos für Frieden eingesetzt. Bis plötzlich Menschen in seinem direkten Umfeld verletzt, vermisst oder verschleppt wurden. Er spürte, er musste fliehen.

In seiner Anfangszeit in Hamburg fühlte er sich oft einsam und überfordert. „Es ist bis heute schwierig für mich, meine Heimat nicht allzu sehr zu vermissen“, sagt er. „Der August ist immer ein emotionaler Monat für mich – es ist jetzt sieben Jahre her, dass ich hier ankam.“ Doch er lernte nicht nur, sein eigenes Glück in die Hand zu nehmen, sondern auch, dass es ihn glücklich macht, anderen durch seine Erfahrungen zu helfen. „Ich hatte bald Kontakt zum Verein Hanseatic Help“, erzählt er. Als er selbst keine Hilfe mehr brauchte, begann er, sich im Verein zu engagieren. „Ich merke, dass die Geflüchteten, die hierherkommen, mit denselben Emotionen zu kämpfen haben wie ich damals“, erklärt er. Er kann ihnen erzählen, wie es ihm gelang, sich ein neues Leben aufzubauen, Freund*innen zu finden, die ihm so nah sind, dass er sie als Familie bezeichnet, einen Job zu finden, eine Ausbildung im Hotel Grand Elysée in Hamburg abzuschließen, in dem er noch arbeitet. Und wenn er anderen Mut machen kann, gibt ihm das selbst neuen Mut, nach vorne statt zurück zu schauen.